Unendlichkeit

wisst ihr, ich lese gerade ein Buch, das alles auf Papier gebracht hat, woran ich glaube und was ich fühle. Zumindest 90 % davon. Alles, was da drinnen steht, hätte genauso gut von mir sein können, vermutlich – nein, höchstwahrscheinlich – bloß mit anderen Worten (die Art, wie dieser Mann schreibt ist mehr als grandios).

Es heißt

Das Ende ist nur der Anfang

Wisst ihr, was ich ganz besonders erschreckend finde? Ich habe mich nie zuvor mit diesem Thema intensiv beschäftigt, ich war nie religiös oder besonders gläubig. Alles, woran ich glaube oder was ich spüre, das war plötzlich einfach da. Weil ich sie in meinen Träumen in der Nacht oder in den Träumen am Tag sehe, weil ich in Welten spaziere, die es „hier draußen“ nicht gibt und Dinge verstehe, die einfach plötzlich da sind. Es ist also nicht so, dass ich erst dieses Buch oder andere Bücher oder Filme oder Personen gelesen, gesehen oder gesprochen habe. Sie waren einfach da – das schwöre ich bei allem, was mir etwas bedeutet und für das ich lebe!

Diese Tatsache, diese 1000%-ige Sicherheit, dass da noch mehr ist, als bloß diese irdische Welt. Ich weiß es einfach. Wir meinen, vieles sei perfekt. Ein Gebäude, das nach Vorstellungen errichtet wurde? Ein Computer (ich sage bloß Alexa), das man an Perfektion kaum überbieten kann? Pah!

Meine Überlegung war, schon vor einigen Jahren – ich habe es sogar noch in irgendeinem meiner zigtausend Tagebücher stehen -, dass wenn wir wirklich meinen, eine perfekte Welt schaffen zu können oder vielleicht sogar schon einige perfekte Konstruktionen errichtet zu haben… was wäre dann das passende Wort für das, was in unserem Kopf entstand? Es war doch unsere Fantasie, die ein Haus, einen Schreibtisch, einen Becher, ein Flugzeug entwickelte. Es war also ein Ursprung unseres Geistes. Ohne Geist wäre so etwas nie entstanden. Und was kann perfekter sein als etwas, das in seiner Vollkommenheit entstand? Der Verstand aber muss diese Fantasien auf das Mögliche reduzieren. Denn perfekt wäre ein Flugzeug, das der Umwelt nicht schadet, das geräuschlos startet, das schwerelos und leicht ist. Der Kern der Entstehung der Fantasie eines Flugzeuges war ja immerhin das Fliegen. Wie absurd, dass ausgerechnet dieses Transportmittel, das für Leichtigkeit, Schwerelosigkeit und Freiheit stehen soll – wenn man es nicht lediglich als Transportmittel sieht – SO massiv  ist. Nicht?

Na ja, zumindest dachte ich immer so. Der Geist ist etwas Unendliches. Wir können in ihm so unerdenklich Vieles entstehen lassen, wieder verwerfen, neu konstruieren, in den unvorstellbarsten Farben und Formen und Dimensionen.

Ich war mir immer so sicher, dass das, was wir sehen, wenn wir träumen – egal, ob bei Tag oder Nacht – die eigentliche Wirklichkeit ist. Weil sie viel tiefer geht, viel wichtiger ist – viel GE(!)wichtiger. Diese Welt, in der wir leben, in der all unser Ideenreichtum, die Fantasie, die Perfektion… auf etwas Irdisches reduziert wird… ist meiner Meinung nach die größte Illusion, die es gibt. Die Größte. Gefährlichste und Herausfordendste.

Ich dachte so eine lange Zeit, ich sei die Einzige, die das so sieht. Doch dann lerne ich Menschen kennen wie Jella, Carmen, Natasha…  – oder lese dieses Buch von einem mir völlig fremden Mann und denke mir: Das ist unmöglich. Das gibt’s einfach nicht! Das. Kann. Nicht. Sein.

Und doch ist es so.

Jedes einzelne Wort würde ich so unterstreichen, was dort in diesem Buch steht. Und das nicht, weil mir die Geschichte gefällt und ich ihn als hervorragenden Autoren bezeichne, sondern weil ich ALLES, was er schreibt schon Jahre vorher genauso gesehen oder gefühlt oder gedacht habe.

Es gibt nur ein einziges Diskussionsthema in diesem Buch. Meinerseits. Eines, das ein schweres Gewicht in dieser Geschichte hat.

Und das ist der Selbstmord.

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Zu viel vom „Gehen“ in letzter Zeit.

Es ist eine andere Welt, die ich gerade versuche zu sehen. So, wie ich sie schon vorher gesehen habe, aber irgendwie machen es mir die Umstände sehr schwer. Kaum habe ich mich für den Weg entschieden, der mich aus dem Loch ziehen soll, klettere ich nach oben und irgendwas schubst mich wieder zurück.

In diesem Jahr sind ein Haufen Wesen in meinem Leben gestorben. Gestern das Vierte.

Ich habe mich nicht schlecht gefühlt. Ich war betrübt, habe sie aber alle gehen lassen. Meine Katze Polly, die ich vor 12 Jahren von meiner verstorbenen Tante geschenkt bekommen habe, die hat mir unglaublich viel bedeutet. Sie hat meine Tante quasi verkörpert. Sie war.. das Gefühl, das ich gebraucht habe. Ich dachte immer, solange sie lebt, ist meine Tante gar nicht wirklich tot. Und sie ist schon 2008 gestorben. Es ist also neun Jahre her, in denen ich es immer noch nicht glauben kann und glauben will und der erste und letzte Tod, der mich seelisch mitgerissen hat. Ziemlich tief.

Und ich weiß, dass das Quatsch ist. Natürlich lebt meine Tante nicht in der Katze weiter. Aber zumindest hatte ich eine Energie bei mir, die mich an sie erinnerte und mich mit einem Gefühl von ihr verband.

Als ich Polly das letzte Mal sah, das war im Januar, hatte ich schon im Gefühl, dass ich sie nicht mehr sehen werde. Dabei war klar, dass ich in einer Woche wieder meine Eltern besuchen gehe. Und ich wollte es nicht glauben. Ich wollte nicht daran glauben, dass sie es nicht schafft. Sie lag unter dem Tisch, als ich sie das letzte Mal sah. Ich sagte leise zu ihr: „Wir sehen uns nächste Woche. Bitte halte solange durch.“

Vier Tage später sagte mir meine Mutter, dass Polly schon einen Tag nachdem ich gegangen war gestorben sei. Und ich hatte mich nicht verabschiedet. Obwohl ich in der Tür stand und überlegt habe, nochmal zu ihr zu gehen, sie zu küssen und mich sicherheitshalber DOCH zu verabschieden… habe ich es nicht getan. Weil ich stur war. Und diese Sturheit ist mir zu meinem eigenen emotionalen Verhängnis geworden. Ich habe geweint, aber nur ein paar Minuten. Ich habe sie gehen lassen. Ich konnte sie gehen lassen. Ich hatte irgendwie so ein Gefühl das mir sagte: Es ist okay.

Vor einer Woche musste ich meine Ratte Buffy einschläfern lassen. Wir haben sehr um sie gekämpft. Es sind mittlerweile hunderte von Euros auf sie gegangen. Ich hätte auch noch viel mehr für sie gegeben. Ich wollte bloß, dass es ihr gut geht. Aber es wurde immer schlimmer. Und als ich das erste Mal zum TA ging, um sie einschläfern zu lassen, ist mir das Herz schon in Stücke zersprungen, weil ich es nicht ertrage über das Leben eines anderen Wesens zu bestimmen. Zumal sie noch so wirkte, als würde sie kämpfen, als würde sie leben WOLLEN. Der TA riet mir dann Gott sei Dank auch davon ab und meinte, er würde noch eine Woche behandeln, aber wenn es schlechter wird…

Und es wurde schlechter. Und meine Freundin hat sie für mich einschläfern lassen, denn ich war im Ausland (Arbeit) Und ich wollte sie keinen Tag länger leiden lassen. Ich habe meiner Freundin gesagt, dass ich ihr vertraue und wenn sie auch sagt, dass es ihr immer schlechter geht..

Buffy war also Nummer Zwei.

Und gestern musste Charlie gehen. Wir haben Charlie erst vor fünf Monaten aus schlechter Haltung zu uns geholt. Er war in einen Käfig gesperrt und bekam nur Körnerfutter. Da er nicht kastriert war, konnten wir ihn auch erst nicht mit unseren Kaninchen zusammensetzen (im Endeffekt ist ja dann eines ausgebrochen, das ja dann die Babys bekommen hat)… also musste er erst kastriert werden und alleine von den anderen getrennt bleiben. Nächste Woche wäre es so weit gewesen, ihn endlich vergesellschaften lassen zu können….

Aber das sollte er nicht mehr erleben… Charlie hieß eigentlich „Hasi“ aber er hatte immer so einen tieftraurigen Blick… Also nannten wir ihn Charlie, wegen dem Lied „Charlie, du siehst traurig aus“. Und vermutlich war er das auch. Die ganze Zeit, in der er bei uns war, habe ich mit ihm mit gelitten. Weil er einfach so einsam war…

Und… vor zwei Tagen fing es an ihm unendlich schlecht zu gehen. Erst waren wir beim Tierarzt, und gestern Abend dann in der Tierklinik. Er hatte Verstopfung und wir haben es zu spät bemerkt… sie wollten ihn noch stationär dabehalten, wie haben sie gebeten, alles zu tun, was sie können, Hauptsache es ginge ihm wieder gut………. er hat mich so…. entsetzlich… traurig angesehen. Aber diesmal… so richtig traurig… als sie ihn weggebracht haben… und es war das letzte Mal das wir ihn gesehen haben.

Denn wir fuhren Heim… Und nur zwei Stunden später kam ein Anruf von der Tierklinik, dass er es nicht geschafft hat.

Ich konnte gar nicht glauben, was sie da gesagt hat und diese Nachricht hat so furchtbar wehgetan. Weil natürlich als erstes die Gedanken kamen: „Wenn ich es früher gesehen hätte, dann….“ Und ich mache mir Vorwürfe und Vorwürfe und Vorwürfe…. und komme nicht aus der Trauer heraus und das finde ich so seltsam, denn Buffy und Polly konnte ich so leicht gehen lassen. Obwohl Charlie erst seit wenigen Monaten bei uns war.

Aber vielleicht… tut es mir deshalb so weh, weil ich weiß, dass er kein besonders schönes Leben hatte. Und… oh Gott, ich muss schon wieder weinen, weil es mir so leid tut. Ich habe mich schon so sehr auf die Zeit gefreut, in der er endlich zu unserer Gruppe kann und nicht mehr so isoliert von den anderen … aber er durfte es nicht erleben. Er kannte das Leben vermutlich bloß… als Schmerzen und Trauer… keine Ahnung. Aber irgendwie…. tut mir das so weh und ich komme nicht los. Ich kann einfach nicht loslassen, weil ich … ihm so gerne gezeigt hätte, wie schön das Leben sein kann…… und jetzt ist er auch noch gestorben, nachdem er so gelitten hat… ich … fühle mich richtig schlecht…. Und ich komme einfach aus dieser verdammten Trauer nicht raus.

Ich möchte ihn in Liebe gehen lassen, und hoffen dass er jetzt als irgendwas anderes wiedergeboren wird, wo er das Schöne im Leben kennen lernt…….. aber für mich selbst… kann ich nicht abschließen…. in mir ist so ein großer Schmerz…. weil ich das alles einfach so unfair finde……….

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Sonnenmenschen

Es schließt sich eine Tür, und es öffnet sich eine andere. Alles ist in Bewegung und egal wie sehr man sich etwas wünscht, wenn nicht die Zeit dafür ist, dann wird es nicht geschehen. Vieles nehme ich viel schwerer als es ist, mache mir Angst, Gedanken, Sorgen. Und dann treten sie in mein Leben, stehen an dieser anderen Tür, halten sie mir auf, heißen mich willkommen – ihre Augen, ihr Lächeln, ihre Herzen. Sie sind Lichter in den dunkelsten Zeiten. Begleiter, Begleiterinnen, Freunde, Freundinnen. Sie sind Augen, die mich ansehen und mich mit einer Liebe überfluten, die ich kaum aushalte, die mich so tief, und so stark und so intensiv trifft, dass mir das Herz wächst und wächst, bis es sich anfühlt, als wäre es zu groß für meinen Körper.

Und dann steht unter all diesen Lichtern, all diesen Lächeln, Augen und Herzen und Begleitern, Freunden – Sie. Da steht sie, mit ihrem tiefblauen Ozean und ich spüre sie und habe das Gefühl zu fliegen, wenn ich sie spüre.

Ich mache gerade eine seltsame Zeit durch. Als würde meine Welt auf dem Kopf stehen. Es geht alles schief, was schief gehen kann. Voll mit Unsicherheit, Sorge und Risiko. Und ich weiß, ich spüre, dass das alles durch mich hindurch läuft, dass ich der Kanal bin, durch das diese ganze Situation ausgelöst wird, aber ich kann nicht erkennen, wodurch es ausgelöst wird. Was ich ändern muss.

Ich sperrte mich ein, mich selbst. Sperrte andere weg. Alle. Und ich musste wieder lernen zu atmen, zu schlafen, zu träumen, zu lachen und mich zu bewegen. Es war in Eis gefroren, fest und unerbittlich. Und ich wusste immer, dass es da  ist, dass es irgendwo in mir ist, dass dieses Zeug im Eis  ICH bin, dass diese kleinen Teilchen, die mir aus den Händen flogen, meine Persönlichkeit waren, die ich irgendwie nicht mehr erkennen konnte.

Und dann am ein Arschtritt. Meinerseits. Ich ging wieder zu ihnen, zu meinen Lichtern, meinen Herzmenschen… Sonnenmenschen. Und mein Herz ist wieder aufgegangen, wie die Sonne nach einer erstickten Nacht.

Ich denke, ich verändere mich gerade. Ich weiß noch nicht in welche Richtung, aber es passiert.

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Ein Cappuccino – 7,5 Menschen

Nummer 1:

Er kennt die Bäckerin A. Mein ehemaliger Berufsschulen Klassenkamerad, der ehemalige gute Freund des Sohnes der Bäckerin A., er will auf die BOS. Gescheiter Kerl.

Nummer 2,5:

Ich sehe sie durch das Fenster. Ich kenne sie (Nr. 2). Sie und ihren Sohn (2,5 – denn er ist ja ein Kurzer). Sie stehen am Laden „Photographie Nicoletti“. Sie schauen sich Urlaubskarten an. Dem Sohn gefällt eine Karte. Ihre Söhne sehen aus wie ihr Vater. Er arbeitet bei uns im Rechtsreferat. Er ist Anwalt. Sie kauft ihm die Karte.

Nummer 3,5:

Sie arbeitet in der IT. Sie ist eine unauffällige Frau mit vielen Schatten, die man ihr ansieht aber keiner kennt, weil sie ein ruhiges, scheinbar gutes Leben führt. Ich glaube ihr das scheinbar gute Leben. Das glaubt mir auch jeder.

Nummer 4,5:

Die Frau in der rosa Bluse. Sie saß vorne auf der Bühne, während wir unsere Abschlussprüfung schrieben. Sie hat eine strenge aber vernünftige und angenehme Ausstrahlung. Ich sehe sie seitdem jeden Tag. Ich kenne sie nicht. Und irgendwie doch.

Nummer 5,5:

„Ciao, Antonio!“
„Ciao Bella!“
„Come stai?“
„Bene, bene. Bene, bene!“
„Piacere, Antonio!!!“

Er ist mein Nachbar. Ich sehe ihn jedes Mal beim Bäcker. Er ist mein Nachbar, aber ich kenne ihn nicht als mein Nachbar. Er hat einen Rollator und ist ein alter Herr mit starkem italienischen Akzent. Er passt gut zu diesem Ort mit den roten Pflastersteinen. Er sitzt draußen und ich drinnen. Ich klopfe ihm durch die Scheibe durch, mein Gesicht erscheint als Lächeln in seinem Blickfeld. Sein Gesicht erstrahlt. Er schenkt mir einen Fliege-Kuss. Ich schenke ihm einen zurück. Er kommt herein und betitelt mich mit einer offenen Handbewegung als Katastrophe. Für ihn ist alles eine Katastrophe. Seine Ehefrau die Schlimmste. In meinen Augen aber seine Zigaretten.

Nummer 6,5:

Sie ist die Gärtnerin in unserer Einrichtung. Sie erinnert mich an Totoro. Ich kenne sie nicht, aber ich mag sie, weil ich Totoro mag.

Nummer 7,5:

Er wurde überfallen. Der Taxifahrer mit der spitzen Nase und dem Akzent. Der mich an meinen ehemaligen schwulen besten und heute nurnoch-Freund erinnert. Einmal in 6 Jahren. Sein Auge musste genäht werden. Es ist grausam. Er kommt aus England und ich habe unwissentlich mit seiner Stieftochter zusammen gearbeitet. „Klein ist die Welt“ sagt er. „Klein ist die Welt“, sage ich.

Ich mag sie.

Die kleine Welt

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der Mann, der einfach umkippte

Mittwoch um 12 Uhr war die Abschlussprüfung vorbei. Ich kann nichts dazu sagen. Es wäre nämlich peinlich, wenn ich sagen würde, es war sau einfach, und im Nachhinein dann doch durchfalle.

Heute waren wir noch mit der Klasse beim Lager von K & L Ruppert. War interessant und langweilig. Beides irgendwie. Zumindest habe ich mir im Lager gedacht, dass man hier echt verdammt gute Krimis oder Horrorgeschichten schreiben bzw. drehen könnte.

Der Mann der uns führte, war ein Wackelmann. Er wackelte die ganze Zeit. Wenn er die Hand in der Hosentasche hatte, wackelte sein Bein und seine Schulter. Wenn er mit der Hand den Stoff der Klamotten berührte, wackelten die Klamotten in seiner Hand. Er wackelte ständig. Ist nichts Neues für mich, so kleine Ticks, wenn man bedenkt, wo ich seit 5 Jahren arbeite.

Aber heute ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie anstrengend es ist, diese Menschen anzusehen, wenn sie reden. Er machte mich völlig unruhig. Deswegen stand ich irgendwann immer ganz hinten in der Gruppe.

Danach waren wir Essen. Zumindest die anderen. Ich hatte nicht mal Geld für ein kleines Tafelwasser. Meine Lehrerin wollte mir etwas ausgeben, aber ich wollte nicht. Ich hasse es, wenn andere mir Geld geben. Aber das ist ne andere Geschichte.

Als wir nach Hause gehen durften, lief ich nichts ahnend die Hauptstraße entlang, während ich mit Bay telefonierte und da traf mich plötzlich der Schock. Ich sah gerade noch so, wie ein älterer Mann, wie ein Baum, nach hinten die Straße entlang umkippte und mit dem Hinterkopf gegen das Heck eines Autos knallte, das gerade noch bremste.

Ich schlug mir die Hand vor den Mund und noch während ich Bay in die Warteschleife setzte, sagte ich ihr nur, dass ich kurz auflegen muss und rief die 112.

Irgendwie kam es mir ewig vor, bis die ganzen Leute reagierten. Ich war die Einzige, die loslief, während der Notruf wählte und erst als ich die ca. 10 Meter bis zu dem „toten“ Mann vorgelaufen war, fingen an die Leute aus den Autos zu springen. Ich zitterte am ganzen Körper und mir fiel in dem Moment noch nicht einmal diese verdammte stabile Seitenlage ein. Gott sei Dank griffen die Menschen gleich ein, während ich dem Notarzt erklärte was passiert war.
Der Typ atmete zwar, reagierte aber auf nichts, als sei er tot. Ich war so unter Schock, dass ich für nen Moment vergessen hatte, wo ich bin.

Ich sagte den Menschen, dass ich den Notarzt gerufen hatte und fragte, ob ich weitergehen dürfte oder ob mich der Notarzt brauchen würde. Die bedankten sich alle nur und meinte, ich könne ruhig gehen.

Ich ging ziemlich eilig weiter, während ich Bay aus der Warteschleife holte. Erst als ich ihr erzählte, was gerade passiert war, prasselte der Schock durch meinen Körper, weil ich erst jetzt spürte, wie mein Herz im Bauch klopfte und sogar meine Stimme zitterte.

Ich bin weiter gegangen, weil ich gesehen habe, dass sich ca. 6 Leute um den Mann gekümmert haben. Sonst wäre ich natürlich geblieben. Aber ich habe echt noch gute 20 Minuten gebraucht, um mich von dem Schock zu erholen.

Spätestens als ich am Zug war und ein einjähriger Knirps auf mich zugelaufen kam und mir zuwinkte, war der Schock vergessen.

 

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Wiedersehens-Lächeln vom Reh-Kind

Als ich vor zwei Wochen auf dem Weg von der Arbeit nach Hause im Bus saß, döste ich wieder vor mich hin. Ich liebe diese 15 Minuten Busfahrt, in denen ich einfach nur dasitzen und entspannen und meinen eigenen Gedanken nachgehen kann. Alleine zu sein, mich nicht auf irgendeine zwischenmenschliche Kommunikation konzentrieren, sondern einfach nur FÜR MICH sein zu dürfen. In diesen 15 Minuten ziehe ich mir auch ein kleines Mäuerchen um mich herum.

Oft wollen mich Leute im Bus ansprechen – das ist so typisch für hier. Die Leute steigen in einen Bus ein, kennen dich nicht, setzen sich in deine Nähe und fangen an mit dir zu plaudern.

Bis vor einigen Wochen habe ich nichts lieber getan als das – mit den Menschen im Bus gequatscht, ihnen zugehört oder auch bloß beobachtet.

Aber seit ich kaum noch Zeit für mich (und gefühlt auch kaum noch Zeit zum Atmen) habe, will ich einfach nur meine Ruhe, was nichts gegen die Menschen persönlich ist, sondern einfach um mich vor irgendeiner Eskalation zu schützen.

Denn so fühlte ich mich in den letzten Wochen ziemlich oft: Am Rande einer Eskalation. Ich hatte kaum noch Zeit mit irgendwelchen Menschen zu reden, wenn ich sie zufällig in der Stadt getroffen habe – „Es ist so schön, dich zu sehen, aber ich habe leider wirklich keine Zeit, ich muss dringend dies und jenes“, sagte ich dann mit nem leisen Stich im Herzen, weil ich die Menschen hier doch so gern habe und mich so unheimlich gerne mit ihnen unterhalte. Aber mein Stressfaktor war so hoch, dass ich nicht einmal für ein fünfminütiges Pläuschchen Zeit hatte. Mein Alltag bestand aus Arbeit, Terminen, Haushalt, Kochen, Geld, Lernen, (Scheißprüfungsängsten), Schlafen, Arbeit, Terminen… ach, und die ganzen Fahrten eben. Das ist vielleicht der einzige Nachteil an dieser Stadt. Hier fahren die Busse nicht besonders regelmäßig – an Wochenenden gar nicht. Allerdings muss ich da gleich wieder dagegen sprechen, dass man hier von überall aus innerhalb von einer (höchstens zwei) Stunde(n) überall hinkommt.

Ich hatte wirklich für nichts mehr Zeit. Keine Besuche bei meiner Familie, kein Treffen mit meinem Rudel (wow, ich fühle mich so auf Entzug!), kaum Zeit zum Schreiben (diese Beiträge schrieb/schreibe ich meistens in meinen kleinen Pausen in der Arbeit) – na ja, eigentlich hatte ich wirklich für nichts Zeit. Gar nichts.

Ich war in den letzten Wochen mehrmals am Rande meiner Kräfte. Es fehlte nur noch, dass ich an einigen Tagen nur noch am Boden kroch vor Erschöpfung. Zu viele Erwartungen. Zu viel: „Du bist ein kluges Mädchen, du bist so fleißig, so verantwortungsvoll, so präzise und zuverlässig etc. pp.“

Und ich dachte mir jedes Mal: Herrje, WO seht ihr das alle in mir? Die Menschen um mich herum schafften mir ein Maß (das sie aber wohl schon lange in mir sahen), von dem ich selbst nicht einmal glauben kann, dass er existiert… Und trotzdem versuchte ich es für alle Recht zu machen. Pünktlich hier und dort zu sein, das und jenes bis dahin korrekt und fehlerfrei fertig zu haben, mit 100 % bei diesem und jenen Gespräch dabei zu sein, ich versuchte eine gute Freundin, eine gute Angestellte, eine gute Kollegin und eine gute Tochter zu sein… und ich hatte trotz allen meinen Bemühungen und trotz jedem Dankeschön und Lob und Tralala das Gefühl überall jeden maßlos zu enttäuschen und vor allem in jeder Hinsicht zu scheitern.

Aber wie kann das sein, frage ich mich ständig. Wie kann es sein, dass diese ganzen Menschen um mich herum DAS in mir sehen? Bin ich wirklich so ein extremes Lügengebilde? Bin ich ’ne Geschichte oder eine Zeichentrickfigur, die seit jeher ein und denselben Charakter hat – so einen, den man sich einprägt und unwiderruflich scheint? Wie die böse Hexe in Schneewittchen oder Klopfer aus Bambi. Scheine ich für die Menschen wirklich so ein Optimum zu sein? Ein Alleskönner? Ein kluges Köpfchen? Oh Gott, wenn die bloß alle wüssten, was für ein Maßstab sie mir setzen.

Ich kann mir nicht erklären, warum sie das alle so sehen. In der Schule habe ich die letzten Male nur 4er und 6er geschrieben – Himmel, und das in ENGLISCH, wo ich doch sonst immer auf einer Eins stand! In Rewe habe ich die glatte 6 rausgeschlagen, das ist aber nichts Neues für mich. In dem Fach schwankte ich schon immer zwischen 5 und 6. So viel zum „klugen Köpfchen“. In allen anderen Fächer bin ich auf einem glatten Dreier. Nichts Besonderes. Da gibt es in meiner Klasse weitaus Bessere als mich.

Mal abgesehen von der Schule habe ich sowieso das Gefühl die verstreuteste Person der Weltgeschichte zu sein. Ich habe eine Orientierung wie ein Goldfisch und ein Gedächtnis wie ein Sieb. Nur so unnötige Daten, wie 1924, als Hitler sein Redeverbot durch die bayerische Regierung erteilt bekam und staatenlos war, oder 1927, als das wieder aufgehoben wurde. Zum Beispiel. Vielerlei solcher unnötigen Daten hängen in meinem Kopf. Aber was lebenspraktische, wichtige Informationen angeht, sowas vergesse ich in dem Moment, in dem ich an sie gedacht habe. Würde ich mir meine Termine (die momentan eh überquillen) nicht ins Handy eintragen oder mir für den Tag eine To-Do Liste schreiben, wäre das reinste Chaos los.

Oh man, und dann denke ich mir: Sowas wie ich arbeitet als Kauffrau für BüroMANAGEMENT. Das ich nicht lache! Aber ist das nicht Paradox? Es wählen doch viele Menschen irgendwie den Beruf, der charakterlich meistens am wenigsten zu einem passt. Vielleicht ist das ja eine Art Charakterförderung? Ein Ausgleich zu meinem chaotischen Alltag? Keine Ahnung, Mensch. Ich habe eigentlich von nichts eine Ahnung und es stresst mich manchmal tierisch, dass die Menschen um mich herum das All in One Paket sehen……. Ich meine, klar, ich sollte vielleicht dankbar und geschmeichelt sein, aber das bin ich nicht… Ganz und gar nicht.

Nun, und dann waren diese 15 oder 20 Minuten im Bus einfach sowas wie Urlaub für mich. Ich liebe es. Ich liebe momentan nichts mehr als alleine Bus oder Zug zu fahren.

Und als wir plötzlich um die Ecke in die Straße der Pizzeria einbogen, da sah ich sie: Das Reh-Mädchen.

Ich weiß, wie ich meine Augen aufschlug, als wäre ich gerade aus einem Traum erwacht und wie mein Herz einen kleinen Freudenhüpfer machte. Sie sah mich genau im selben Moment, wie ich sie. Ilona war mit einem anderen braunhaarigen Mädchen unterwegs. Sie lachte. Sie sah nicht mehr so scheu und verunsichert und verängstigt aus, wie ich sie in Erinnerungen hatte, und diese Erkenntnis machte mich in dem Moment so glücklich, dass ich alle meine Sorgen und den Stress vergaß.

Sie lächelte mich strahlend an, als sie mich im Fenster sah. Als der Bus um die Ecke bog, sah sie noch einmal zurück, ohne dass ihre Freundin das merkte, und winkte mir. Ich winkte zurück.

 

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