…Ups! & Melodie-Trigger, 23. Jan. 2015

SO VIELE LESER AUF DIESEM BLOG? … Ich sah heute, als ich nochmal die Kommentare durchlas, dass es hier ja auch Statistiken gibt. Rein aus Neugier klickte ich da mal drauf und mich traf beinahe der Schlag: Rund 400 Leser in den letzten vier Tagen! …………….. nun gut, Online-Blog ist Online-Blog. No Discussion.
Aber damit hätte ich trotzdem nicht gerechnet. Ich fing diesen Blog ja eigentlich „nur mal so“ an…. Momentan passieren einfach so viele Dinge auf einmal, dass ich fast non-stop das Bedürfniss habe zu schreiben. Mein „echtes“ Tagebuch liegt also schon lange, lange nur noch unberührt auf dem Tisch, weil meine Gedanken auf diese (nicht mehr vielen) DIN A5 Seiten einfach nicht mehr draufpassen. Außerdem tippe ich schneller, als wie ich schreibe, und so kann ich meinen schnellen Gedanken-(oder Seelen-)gängen besser folgen. Natürlich war mir bewusst, dass hin und wieder mal der ein oder andere Besucher auf diese Seite stoßt, aber in vier Tagen auf 400 Besucher? … Nun, ………..ja. Ups. Mehr fällt mir dazu gar nicht ein.

Trotz allem: ich lasse mich davon nicht beirren. Ich meine, ich schätze, ich bin (noch) anonym genug… keiner weiß wer ich bin, woher ich komme, wie ich heiße, wie ich aussehe. Also von daher…. Habe ich eigentlich keine großen Probleme damit…

Außerdem habe ich keine Geheimnisse….

Nun…. eigentlich wollte ich ja über Trigger reden…. Ich hasse Trigger. Ich bin eigentlich niemand, der großartig triggeranfällig ist. Also jedenfalls nicht bei Gesprächen – das wirklich gar nicht. Ich kann über alles reden, ohne in eine Triggergefahrenzone zu gelangen. Was mich triggert sind: Orte, Gerüche und ganz extrem: Musik/Melodien. Ja, die sind wirklich heftig. Wenn ich eine Musik höre, die mich von der Melodie an ein anderes Lied erinnert, welches ich zu einem bestimmten Zeitpunkt hörte (selbst wenn ich es nicht bewusst wahrnahm), überkommt mich sofort ein total bestürzendes, beklemmendes Gefühl.
Am schlimmsten war es z. B., als mein Hund letztes Jahr Ende August in meinem Heimatland bleiben musste (1200km) (will nicht genauer darüber schreiben – fällt mir bis jetzt noch schwer). Ich weiß, wie ich in dem leeren Auto saß, wo er eigentlich hinten im Kofferraum gewesen wäre… es lief natürlich die ganze Zeit Musik. Als wir gerade aus dem Dorf fuhren und ich dachte, seelisch komplett zu zerbrechen vor Schmerz, liefen zwei Lieder. Zwei Lieder, die ich in dem Moment nicht bewusst hörte.
Da ich nach der Trennung meines Hundes sowieso allem aus dem Weg ging (vor allem Musik), hörte ich nach ca einem Monat zwei Lieder im Radio. „Stay with me“ und „Budapest“. Diese Lieder, als ich sie hörte, lösten in mir so einen üblen Schmerz aus, dass ich dachte, gleich kotzen zu müssen. Kennt ihr das? Wenn ihr z. B. nichtsahnend irgenwdas erfahrt oder mitbekommt oder euch was passiert, mit dem ihr GAR nicht rechnet und der Schmerz so heftig in euren Magen einschlägt, dass ihr glaubt, er dreht sich euch in jedem Moment um? (Wie bei Fröschen, die ihren Magen ausspucken, umdrehen und wieder essen – urgh!) Genauso fühlte ich mich und obwohl ich vor einem Monat im Auto wirklich NICHT wusste, welche Lieder liefen (ich bekam nicht mal mit, dass überhaupt Lieder liefen – geschweige denn wie wir zu Hause angekommen waren. Ich war in einem völligen Nebelzustand zu dem Zeitpunkt – hoch lebe der weite Horizont des Schutzmechanismus‘). Trotzdem wusste ich SOFORT, warum mir diese Lieder Schmerzen bereiteten. Ich kann mich gut an Gefühle erinnern. Das ist das Komische. Ich glaube, das habe ich sogar irgendwo mal nebenbei erwähnt vor ein paar Monaten (in meiner Geschichte oder so). Ich vergesse Bilder sehr schnell und oft. Bestimtme Situationen. Erst sind sie nur noch wie ein Traum. Sehr blass und verschwommen… und dann verschwinden sie ganz. Zum Beispiel als ich vergewaltigt wurde. Wenn ich erzählen würde, wie er mich dazu zwang, ihn oral zu befriedigen… ich habe zwar ein Bild dazu im Kopf, aber viel eher wie als Zuschauer in einem Film und auch nur ganz, ganz schwach. So durchsichtig, verschwommen irgendwie. Ich könnte mir locker einbilden, dass ich das nur mal irgendwo gesehen oder gehört, aber niemals selbst erlebt habe. Aber die Gefühle, die ich mit dieser schwachen Erinnerung verbinde, die zeigen mir, dass es wirklich passiert ist.

Schwer zu beschreiben. Zum Beispiel… also, durch eine Unterhaltung mit einem Mädchen, die ich damals in der Psychiatrie kennen lernte kam sowas zustande:
Sie: „Interessant. Ich meine… wie geht das? Außer Wut, Trauer, Angst usw. Ich kann wütend auf meine Mutter sein oder auf meine Freundin. Aber ich erinnere mich an das Gefühl, weil ich mich an das Gesicht oder an die Situation erinnere.“
Ich: „Ja schau. Bei mir ist das halt genau anders herum.“>
Sie: „Verstehe ich nicht. Also du erinnerst dich an eine Situation, weil du dich an ein Gefühl erinnerst?“
Gut, ist immer noch irgendwie ein bisschen unverständlich. Ich versuche das mal so zu erklären: Ihr kennt das vielleicht so, dass ihr einen „Bilderspeicherplatz“ in eurem Kopf habt. Viele Menschen erinnern sich an Bilder. Sehen z. B. den Moment, wie die Mutter ins Zimmer kommt und mit trostloser Traurigkeit in den Augen verkündet, dass die Tante gestorben sei. Aber an sowas erinnere ich mich nicht. Ich habe keine Ahnung, wie meine Mama aussah, als sie in mein Zimmer kam und sagte, dass Elisabeth, meine Tante, gerade gestorben ist (10.10.2008) Ich erinnere mich wieder wie in einem Traum oder einem Film, den ich vor vielen Jahren vielleicht mal gesehen habe, wie als Zuschauer, wie ich die Tür zugemacht habe, weil ich meine Mama nicht sehen wollte – STOP! Hier fängts schon an. Die Gefühlserinnerung. Ich erinnere mich an dieses Fall-Gefühl. Der Boden unter mir war plötzlich weg. Es breitete sich ein Loch gefüttert mit Ungläubigkeit und Schock in mir aus. Und ich weiß, ich vergaß für einen Moment das Atmen. Ich war zu entsetzt, um weinen zu können. Meine Gedanken waren einfach auf (II) Pause…  Und ich wollte niemanden sehen. Einfach alleine sein. Und deshalb erinnere ich mich an den „Szenenabschnitt“, wie ich die Tür vor der Nase meiner Mama zugedrückt habe, mich in der Ecke (also wenn die Tür offen wäre, hinter der Tür) an die Wand gelehnt habe, weil ich weiß, wie mir dieses Loch alle Orientation genommen hat. Und dann sehe ich nur noch ein einziges Bild, wie  ich vor dem Fenster stehe und rausschaue. Da habe ich angefangen zu weinen. An den Rest dieses Momentes erinnere ich mich bildmäßig nicht mehr. Nur die Gefühle. Die Gefühle, die ich wieder hervorrufen kann, erinnern mich daran, dass meine Tante tot ist. Ich weiß nicht mal, ob ich es vielleicht vergessen hätte, oder einfach nicht wüsste, dass sie gestorben ist, wenn ich diesen Gefühlsspeicher nicht hätte. Keine Ahnung.
Und so ist das bei jedem Gefühl.
Ich könnte noch ein Gefühl heraussuchen.
…. ohja, ich weiß eins! Da war ich noch ganz, ganz klein. Vielleicht vier oder fünf. Das war auch bei meiner Tante (die gestorben ist) im Heimatland. Sie hatten ein Haus. Ein wunderschönes Haus. Ich habe es geliebt. Und ich liebe es immer noch, obwohl ich da seit sieben Jahren nicht mehr war und mich auch nur noch ganz verschwommen daran erinnern kann….


Es war ein zweites zu Hause für mic. Aber dann starb meine Tante, und wir waren dort nie wieder. Ich kann mich kaum noch daran erinnern. Ich weiß noch, dass sie immer ganz viele Hasen unten in so einem eingezaunten ‚Garten‘ hatten. Es war wie das Paradies auf Erden für mich, auch wenn es ein ganz altes, seltsames Haus mit Garten war. Ich habe so gerne da hinten gespielt, wo es zu den Hasen ging, obwohl es mir immer alle verboten haben, weil es so steil runter ging und ich mich hätte schwer verletzen können. Da standen auch Ziegen und ich habe meiner Tante immer beim Melken von oben zugesehen. Danach haben wir die warme Ziegenmilch getrunken. Dieses Ding, wo die Hasen und Ziegen waren, war sowas wie ein großer, sehr großer, offener Stall. Also dieser „Zaun“ war eigentlich wie eine Burgmauer, mindestens 5 Meter im Boden (wo man runter gehen musste, um zur grünen, schweren Metalltür zu kommen, durch die man den offenen Stall betreten konnte. Und da, wo es so steil runter ging (da waren nur läppische Steinplatten in die Erde ge’baut‘ – wohl eher nur gedrückt -, damit man nicht ausrutscht, wenn es nass war… oder waren es Holzplatten? … ich erinnere mich nicht mehr). Und genau da wo es runter ging, stand nur zwei Meter eine sehr, sehr hohe, alte Holzleiter (auf die ich auch nie drauf durfte!), an die Wand des Hauses gelehnt, um auf den Dachboden zu kommen. Da waren jedes Jahr Katzenbabys von meiner Tante ihrer Katze Dämon (so hieß sie). Und unsere Polly haben wir auch noch von ihr und sie sieht genauso aus wie Dämon… die einzige lebende Erinnerung an meine Tante. Ich würde da so gerne wieder hin… aber jetzt wohnen da andere Menschen, denn nachdem meine Tante starb, zog mein Onkel weg (auch zu ihm verlor ich den Kontakt und das tut so furchtbar weh! Ich habe ihn so geliebt!) Einfach mal hinfahren kann ich nicht…. ich habe keine Ahnung wo das war… mein Papa ist immer dahin gefahren und er will nicht mehr hin – wozu auch? Es ist so ein extrem abgelegenes Dorf. Ich weiß nicht mal, ob man es bei Google-Maps finden würde. Ich glaube, das hat nicht mal 500 Einwohner. Wir sind immer durch einen Wald gefahren (MITTEN durch den Wald – ich drufte sogar immer auf den Schoß von meinem Papa und lenken!) und wenn man da raus kam, waren da viele Gartenhäuser. Sehr alt, aber sehr schön. Die Straße war aus Sand und direkt neben und hinter dem Haus meiner Tante war eine Lichtung, die weiter hinten in einen dichten Wald führte.


Ich muss das unbedingt mal googeln… ich glaube, ich brech‘ zusammen, wenn ich das Haus meiner Tante auf der Karte sehe! ………………………………….

(Edit: 14:14 Uhr) ich glaube irgendwo da muss es sein… aber ich bin mir nicht sicher!!! Ich muss unbedingt mal meine Mama oder meinen Papa fragen, ob die sich daran erinnern…

Unbenannt
Nun… jedenfalls,… das Gefühl… auf dieser Lichtung wuchs das Gras bis in den Horizont. Es war SO hoch. Und ich erinnere mich an diese riesigen Heuschrecken, die so groß waren wie meine Hand. Eine Freundin und ich (ich glaube, sie hieß Laura). Sie hatte rote Locken und Sommersprossen… wir liefen halbnackt nur in Unterhose herum, spielten im Matsch des Straßensandes (wo in der Woche vielleicht mal 3 Autos vorbeifuhren) und hüpften im Gras der Lichtung neben dem Haus meiner Tante, um Grashüpfer zu fangen. Und da ist dieses Gefühl. Dieses Gefühl von Freiheit. Von Schwerelosigkeit. Ich habe mich noch nie leichter und echter und glücklicher gefühlt, als wie wenn wir durch die Gräser und über die Straßen hüpften. Und nur dank diesem einzigartigen, sehr fein definierten und detaillierten Gefühl  (denn ich hatte schon oft dieses Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit und grenzenlosem Glück erleben dürfen, aber jedesmal eben irgendwie anders), habe ich noch die Bilder in meinem Kopf, die ich damit verbinden kann.

Ob das der Grund ist, dass mich Gespräche weniger triggern als Musik oder Melodien? Melodie ist ja immateriell. (Gut Gespräche ja eigentlich auch, aber ich finde Gespräche lösen eher Bilder im Kopf aus, als wie Musik Gefühle – versteht ihr?) ….. Ach… wirrwarr…

EDIT (19.02.15)

Ich habe das Haus meiner Tante gefunden! Mein Herz lacht vor Glück und gleichzeitig könnte ich weinen. Das gelb Markierte hinter dem Haus ist die Lichtung, auf der ich immer spielte, mit Laura zusammen. Und das gelb Markierte gegenüber vom Haus ist das Feld, wo wir die Grashüpfer immer gejagt haben.
Das orange-markierte war so ein Feld mit ganz, ganz vielen steilen, klleinen Hügelchen, wo meine Eltern und meine Tante mich nie hinlassen wollten, weil es so gefährlich für Sturzflächlächen war, und ganz am Ende dieser Lichtung wo der Wald anfing, da habe ich imemr Rehe gesehen.
Ich liebe es. Immer noch.

Unbenannt

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3 thoughts on “…Ups! & Melodie-Trigger, 23. Jan. 2015

  1. Liebste Abeo,
    das hört sich alles so furchtbar traurig an, mit deiner Tante. Dass sie starb, der Kontakt zu deinem Onkel abbrach und du nicht mehr dorthin kannst, wo du dich wie zu Hause gefühlt hast!!!! Ich kann GANZ genau nachvollziehen, was du da für Empfindungen mit verbindest. Denn fast genau dieselbe Situation habe ich auch durchgemacht…

    Ich wünsche dir alles Gute & eine dicke Umarmung,
    Anni

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  2. Sehr schön, wie du das Haus deiner Tante und deine Erinnerungen beschreibst!
    Da träumt man sich direkt mit dorthin. Und es tut mir sehr leid für dich, dass dir so ein wichtiger Mensch gegangen ist. Man liest heraus, dass sie dir viel bedeutet hat.

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  3. So furchtbar schön geschrieben…. unglaublich berührend. Und ich schließe mich C. an. Es tut mir so leid, dass du so einen wichtigen Menschen verloren hast. Ich glaube die Tatsache, dass dadurch auch ein Stück Heimat und der Kontakt zu deinem lieben Onkel verloren ging, macht die ganze Sache noch viel trauriger…

    Umarmung aus der Ferne,
    Sue

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