…Herzensheimat, 30. März 2015

Das Essen steht bei mir mal wieder auf Punkt 1 meiner Liste der Dinge die mich am meisten beschäftigen. Klar, es läuft nur nebenbei, aber dafür ist es ja eben umso schlimmer. Das erste was ich am Tag mache, ist auf die Toilette zu laufen, um mich gleich danach zu wiegen. Ich verstehe nicht, warum mich dieses Ungeheuer wieder so im Griff hat. Es geschieht einfach. Und es ist wie damals: wenn ich mich mal nicht wiegen kann / vergesse (ja, zum Glück vergesse ich es auch mal!) dann bin ich völlig fertig mit den Nerven. Es ist, als würde mir mein aktuelles Gewicht sagen, was ich am Tag essen darf und was nicht. Heute habe ich es zum Beispiel schon wieder vergessen. Und demnach habe ich keine Ahnung, was ich essen soll. Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich zwar, dass ich keinen Bauch habe… natürlich sehe ich das. Aber wenn ich jetzt sitze und schreibe, habe ich das Gefühl, ich quill über. Ich frage mich nur: woher, gottverdammt, kommt das?
Nun… ich versuche mich nicht zu sehr darauf zu versteifen.
Ich habe gestern mit gefrühstückt. Zwei von diesen kleinen Fitnessbrötchen (ich habe die Kalorien nicht mitgezählt, auch wenn ich oft kurz davor war). Es waren wirklich nur zwei davon aber ich hatte auf einmal den Rest des Tages das Gefühl kotzen zu müssen, wenn ich nur an Brot / Semmeln insg. alles mit Mehl gedacht habe.

Heute habe ich vergessen, Essen mit in die Arbeit zu nehmen. Mein Geld nehme ich schon extra nicht mit, weil ich das nicht unnötig für Essen ausgeben möchte. Jetzt bin ich bis fünf in der Arbeit und habe nichts zu essen.
Aber mal ganz abgesehen davon, habe ich noch keinen Hunger (was auch nicht gerade positiv ist). Mein Hungergefühl ist auch wieder total seltsam. Bis vor zwei Wochen, als ich noch (für meine Verhältnisse) normal gegessen habe, hatte ich innerhalb von 3-5 Stunden wieder Hunger. Nach der Betreuer-Aktion á la „Ihr seid zu spät zum Abendessen gekommen also könnt ihr schauen, wo ihr euer Essen her bekommt“, wo ich 21 Stunden ohne Essen ausgekommen bin, habe ich einfach kein Hungergefühl mehr. Oder jedenfalls ein sehr gestörtes.
Ich weiß, es ist nicht gut. Aber ich kann nichts dagegen tun. Ich muss so anfangen wie damals. Mich mit Gemüse und Obst satt essen, damit ich so auf gesundem weg (ohne dass ich ein zu schlechtes Gewissen habe oder mir schlecht wird) wieder zu meinem Hunger-Rhythmus zurück finde.

Aber Thema beiseite. Das wird schon wieder (hoffe ich).

Ich habe gerade festgestellt, dass es nur noch 5 Monate sind, bis ich wieder in Ungarn bin. Einerseits freue ich mich so sehr, dass mein Herz lacht. Andererseits aber habe ich Angst. Ich habe Angst davor, Lychee zu sehen. Keine Angst davor, dass er mich nicht wiedererkennt (das wird er zu 1000%). Aber Angst davor, dass der Schmerz, ihn dann nach 2 Wochen wieder zurück lassen zu müssen ….. wieder so unbeschreiblich groß ist. Ich habe es einfach nicht ertragen und das war das erste Mal nach langer Zeit, dass ich fast (!!!) schon wieder dem Tod nachsehnte. Ich dachte, ich würde das nicht überleben: und davor habe ich Angst. Ich habe auch angst dort fast jeden erdenklichen Tag zu weinen. MEINEN Hund zu sehen, ihn zu lieben, aber mir jedes Mal aufs Neue klarmachen zu müssen: Wach auf, Das. Ist. Nicht. Mehr. Dein. Hund!
Manchmal, so furchtbar das auch klingt, wünschte ich, er wäre einfach an Altersschwäche gestorben (was mit 5 Jahren sehr unwahrscheinlich ist). Aber dann wüsste ich wenigstens, dass es keine Möglichkeit gibt, ihn bei mir zu haben, dass er tot ist und dass… ja, er eben WIRKLICH weg ist… und nicht nur bei einer anderen Familie, 1200 km von mir entfernt. Es reißt mir das Herz aus der Brust.
Eigentlich will ich ihn nicht wieder sehen. Die Angst davor ist zu groß. Wie viel einfacher wäre es, ihn einfach zu vergessen, wie so vieles, was ich vergesse. Das würde alles so viel angenehmer machen. Aber ich kann auch nicht darauf verzichten. Ungarn ist mein Zuhause. Ich bin da groß geworden. Dort lebt meine Familie, die Umgebung, das Dorf, der Fluss… das alles sind Dinge, die ich herzlich liebe. Ich meine vollkommen. Es erinnert mich an … Vollkommenheit. Und obwohl nichts mehr so ist wie früher (weil so viele Menschen gestorben sind und wegen Dingen, die ich nun mitkriege, die man mir als Kind verschwieg – Nachbarschaftsstreit z.B.), liebe ich es immer noch dort zu sein.
Es ist einfach mein Leben.
Nicht die Großstadt. Nicht die Partys, die jedes Wochenende stattfinden. Klar, macht es hin und wieder Spaß und ist eine Abwechslung. Aber es ist einfach nicht dasselbe.
Egal wie sehr ich mich an meine Lebensumstände anpassen kann, mein Herz wird ewig für das Land, das Grün, die frische Luft (oder auch mal dem Güllegestank), die Tiere und die alten Gartenhäuschen schlagen.
Ich kann mich nur an Orten wohlfühlen, wo ich sehe, dass sich auch Tiere wohlfühlen.
Städte sind keine Plätze für Tiere.
Da sehe ich auch keine Ausnahmen.

Ich freue mich unendlich auf die warmen Tage unter dem Haselnussbaum in unserem Garten. Die Abende, wenn die ganze Familie bei uns im Garten sitzt (wir leben quasi den ganzen Tag im Garten. Wir sind nur unterm Dach, wenn es stark regnet / stürmt oder schlafen), mit leise Musik, die an alte Zeiten erinnert (Ich tanzte als Kind immer auf den Armen meiner verstorbenen Tante und meinem Onkel bis in die Nacht, wir saßen da, brieten Speck über Lagerfeuer und ließen das Fett auf Brot tropfen, welches wir mit Gemüse – ich habe es vorzüglich mit roten Zwiebeln geliebt! (heute hasse ich Zwiebeln!) – aßen, die Erwachsenen lachten, tranken, redeten, wir Familienkinder spielen auf der leeren, langen, breiten Straße, fuhren Fahrrad (bis zum Haus der Schwägerin meiner Oma und wieder zurück), setzten uns auf ein kaputtes Skateboard und schubsten uns an, wir sprangen über die Gräben, fingen Frösche und erschreckten die Frau vom Cousin meiner Mama, weil Rita furchtbare Angst vor Fröschen hat.)
Ja, das alles sind Erinnerung, die mir das Herz erhellen.
Heute ist nichts mehr so wie früher. Es sitzen nicht mehr so viele Leute bei uns im Garten, aber trotzdem ist immer jemand da. Wir tanzen nicht mehr ausgiebig, genauso wenig, wie wir schallend lachen und wir „Kinder“ singen. Aber wir sitzen da, unterhalten uns, frühstücken gemeinsam, machen gemeinsam Abendessen und genießen das Beisammensein. Und auch wenn nichts mehr so leicht und sorglos ist wie es mir früher immer schien… trotzdem ist es noch der schönste und geborgenste Ort, den ich kenne – und der wird er auch immer bleiben!

…ein Herz gefasst & Eins werden 20. März 2015

…ich habe Paye angeschrieben. Gestern.
Ich weiß nicht, ob es richtig war, aber darüber mache ich mir keine Gedanken, denn es fühlte sich nicht falsch an.

Ich wollte endlich dieses dumme Gefühl loshaben. Ich bin nun mal harmoniebedürftig. Ich hasse es wenn Ungereimtheiten entstehen und etwas eigentlich Schönes so traurig auseinander geht. Das auch noch in so einer drükenden Kontaktleere, zumal das niemals so vorausgesehen war.

Jetzt, da ich Paye angeschrieben habe, um endlich (meinerseits) abzuschließen, was dieses hin & her und Ungewisse angeht, geht es mir echt gut. Auf einmal ist es richtig angenehm mit ihr zu schreiben. Anders wie damals, so voller Ungeduld, Nervosität; der Ungewissheit, was sie denkt.

Inzwischen (er)warte ich nicht einmal auf ihre Reaktion. Es stört mich nicht, wenn sie sich nicht meldet und ich habe sie nicht mehr permanent im Hinterkopf.

Ich hatte ja vor kurzem einen Traum, in dem Paye und Kora beinahe miteinader schliefen, nachdem Paye mich geküsst hat und Kora dazu kam…. als die zwei aber anfingen rumzumachen, musste ich in meinem Traum aufs Klo, um das zu verarbeiten, was ich sah… Kora kann Paye ja nicht leiden…Ich kam zurück, setzte mich wieder und dann fingen beide an mich zu befummeln, bis mich ein Kind von draußen rief, und ich aufwachte.

Darauf schrieb jemand:

Dein Unterbewusstsein arbeitet das im Traum auf. Du sagts im Traum, Du müsstest auf Klo, um das zu verarbeiten und ich denke, das genau das richtig ist. Das Klo im Traum ist ein Ort der spirituellen Reinigung und von Deinen starken Gefühlen für Paye hast Du dich noch nicht ganz befreien können, egal was der Verstand über die Liebe sagen mag. Im traum wünscht Du, die beiden würden sich vereinigen, nicht nur sexuell, sondern unbewusst der Wunsch: Wären sie nur eine Person.

Im Traume ruft das innere Kind: Wach auf! Genau. Das mit Paye ist ein Traum und wird nie sein. Darf nie sein, wer über das widerstehen können nachdenken muss, der würde ohne Distanz vielleicht – nur kurz nachdnken, mit welchem Ergebnis auch immer.

Und ein anderer:

Also ist diese P. immer noch präsent in deinen Gedanken und Gefühlen, auch wenn du das gut bedeckt unter der Oberfläche halten willst.
Im Traum gibt es solche Zensur nicht, da passiert das, was du tatsächlich fühlst, was du tatsächlich und immer noch willst. Sie kommt zu dir auf die Matratze und macht genau das, was du dir wahrscheinlich schon oft vorgestellt hast…
Dazu kommt natürlich auch deine neue Freundin, denn die ist ja in deinen Gedanken und Gefühlen genau so präsent. Und sie macht das, was sie auch in der Realität macht, ohne dass euch beiden das bewusst ist.
Ihr habt schon die ganze Zeit einen Dreier, denn du bist ja nach wie vor verliebt in die P. und gleichzeitig auch in die K. Also habt ihr eine Dreier-Beziehung, auch wenn die P. nur in deinem Gefühl und nicht körperlich bei dir ist.
Wenn du intim wirst mit K. dann ist gut versteckt im Hintergrund deiner Gefühle immer diese P. dabei.

Ich fand das interessant zu lesen und machte mir darüber Gedanken…. Allerdings nahm ich Kontakt zu Paye auf, BEVOR ich meine Traumdeutung kannte…

Und das mit der sprirituellen Reinigung als Symbol des Klos? Das finde ich irgendwie amüsant. Ich habe quasi IN meinem Traum schon meinen Traum gedeutet, denn ich sagte ja zu Paye und Kora: „Ich muss mal aufs Klo“. Und in Gedanken hörte ich mich IM Traum glasklar sagen: „Das muss ich erstmal verdauen…“

Ich finde das Unterbewusstsein faszinierend.

Nun, Kora weiß, dass ich Paye kontaktiert habe, ich wollte ihr sowas nicht verheimlichen. Ich finde das ist wichtig.
Und jetzt bin ich gespannt, wie es weiter geht. Ich hoffe, dass ich endlich mit Paye ohne so einem ekelhaften Unbehagen koexistieren kann. Ich will keine Freundschaft, weder das, noch irgendeinen engeren, näheren Kontakt. Aber ich will ihr wieder über den Weg laufen können, sie anlächeln können, wie Koras Freunde z.B. Ich will vielleicht auch mal kurz zu ihr rüber, fragen wie es ihr geht, wie das Leben bei ihr läuft. Das wars. Aber ich will nicht mehr dieses Gefühl haben, wenn ich sie sehe: „Oh nein, jetzt ist sie schon wieder da“, und seufzend zwanghaft versuchen sie zu ignorieren. Das will ich nicht. Ich will einen lockeren, angenehmen Kontakt halten.

Und ich habe das Gefühl, mit dieser Kontaktaufnahme nach 1-2 Monaten könnte das ein guter Anfang sein.

Kora hat momentan damit kein Problem. Aber sollte ich merken, dass in ihr Druck oder Unsicherheit wächst, würde ich diesen Kontakt zu Paye sofort wieder abbrechen…

Es wäre schade, aber ich würde es tun.

Ansonsten… die Sonnenfinsternis war ja witzlos.

…ich war mal anders, 18. März 2015

….ja, war ich wirklich.

Es ist echt irre, wie schnell Menschen unangenehme Sachen verdrängen.

Ich habe schon fast wieder vergessen, dass ich am Donnerstag letzte Woche meine Psychologin besucht habe, die mich zwei Jahre begleitet hat. Ich wollte sie wieder sehen.

Der erste Satz, den sie mit einem freudigem Lächeln zu mir sagte war: „Hey, du bist ja wirklich eine treue Seele!“
Sie meinte, sie hätte nicht damit gerechnet, dass ich tatsächlich den Kontakt halten werde. Tja, so bin ich eben. Menschen, die es mir wirklich wert sind, zu denen komme ich immer wieder zurück. Und das sehr, sehr gerne sogar. Egal was die Vergangenheit war. Es ist de Prägung, die es ausmacht.

Es war herrlich mit ihr zu quatschen. Ich habe sie auf den neusten Stand gebracht, der Besuch bei Sevin in Karlsruhe vor einem Jahr und wie ich mich daraufhin komplett verändert habe – als hätte sich ein Schalter umgelegt, mein erster Alkohol-Rausch und die darauf fast Vergewaltigung (ich bin ja so ein Glückskind, wirklich!), der Verlust meines Hundes, als ich dachte vor Schmerzen vor Trauer zu ersticken, zu zerbrechen, wie zeitgleich mein liebstes Pferd, Winora (eine unglaublich charakterstarke Araberstute) weg gebracht wurde und meine Oma in Ungarn starb, wie ich meine ganze Familie auf der Beerdigung kennen lernte und feststellte, wie toll sie alle sind. Dass ich das erste mal in Budapest war, obwohl mein Vater dort geboren ist. Zeitgleich erzählte ich ihr aber auch von der unvergesslichen Zeit in Ungarn (wie jedes Jahr), im Dorfe meiner Mutter und Großmutter (mütterlicherseits). Wie ich mir dafür Mogli, meinen wunderbaren, treuen Bommelpo geholt habe, nachdem mein Hund in Ungarn bleiben musste, wie sie mir erst weg genommen wurde und ich einen Zusammenbruch mitten auf der Straße erlitt .. wie ich sie mir wieder zurück erkämpfte und sie nun mit einem zweiten Kaninchen bei mir zu Hause lebt, Ich erzählte ihr von Paye, von Kora und nun schließlich von dem jetzigen Stand.

Es war großartig zusammengefasst alles zu erzählen ohne groß darhin herum zu popeln. Irgendwann allerdings kamen wir auf das Thema meiner ersten und entscheidenden Vergewaltigung mit 10 Jahren, die ich niemals als Vergewaltigung hatte betrachten wollen, bei dem ich mich bis vor wenigen Wochen erst nicht einmal im Traum daran gedacht habe, dieses Wort in den Mund zu nehmen. Ich fand das Wort Missbrauch schon nicht passend, weil ich mir ja immer sagte: ich hätte doch Nein sagen können. Er kann doch nichts dafür.

Nun.. ich schrieb hier ja auch, dass ich das irgendwie nicht als gefühlsverbunden wahrehme. Als wäre es kein Teil von mir, als wäre es mir nie passiert. Dass ich darüber erzählen kann, wie über ein Märchen in einem Bilderbuch.

Sie schüttelte in dem Moment den Kopf und meinte „Wie bitte?“, und lachte beinahe, „Als würdest Du von einem Bilderbuch sprechen, wirktest Du mir damals aber nicht.“

Ich, völlig entsetzt: „Nein? Ich könnte schwören, es wäre mir sehr leicht gefallen.“

„Leicht? Nein, Jessi. Du hast ja förmlich gebadet in deinem Schweiß und gezittert, als Du mir davon erzählt hast.“

Puh, ich war so perplex von dieser Aussage, dass ich erst mal nur fassungslos glotzen konnte. Ich habe tatsächlich ALL die Gespräche nicht mehr in Erinnerungen. Weg. Wie ausgelöscht. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, dass sie von der zweiten Vergewaltigung und den weiteren vier FAST-Missbräuchen wusste…. ich erinnere mich nicht einmal, wenn ich mich anstrenge.

Ich glaube, ich bin wirklich eine Meisterin im Verdrängen unangenehmer Dinge.

Aber rückblickend…. stimmt…. das ist glaube ich wirklich so.
Von allen meinen Erlebnissen, nehme ich irgendwie nur das positive mit … alles schlechte, was passierte, vergesse ich einfach…. als hätte es nie existiert. Komisch. So ist mir das noch nie bewusst aufgefallen.
Ich könnte sogar schwören, dass ich nach spätestens 4 Monaten nicht einmal mehr weiß, weshalb ich keinen Kontakt mehr zu Paye wollte etc.

Aber eigentlich ist das doch eine gute Eigenschaft, oder? Also ich meine, wenn man nur positive Erinnerungen mitnimmt.

Der Typ, der mir das mit 10 Jahren angetan hat…. ich bin letzte Woche erst auf ihn zu gerannt, als ich ihn in unseren Hof kommen sah (ich war ja zu Hause, wegen dieser dummen Grippewelle – und er wohnt ja immer noch im Block nebenan)…. Und ich habe ihn gefragt, wie es ihm geht, habe mich irgendwie gefreut, ihn zu sehen. Ich sagte sogar: „Hey, wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen! Wie geht es dir? Wir läuft es in deiner Arbeit?“

Okay, objektiv gelesen hört sich das schon echt fast krank an.

Welcher Mensch geht auf seinen damaligen Vergewaltiger zu, freut sich, empfängt ihn quasi mit offenen Armen? Bei mir muss ja irgendwas kaputt sein.

Aber das ist es halt… ich sehe ihn nicht mehr als Vergewaltiger, sondern als den 17-jährigen, sturzbetrunken Jungen, der einem Igel seine Kopfhörer aufsetzte und ihm unter Tränen gestand, wie sehr er in meine beste Freundin verknallt sei. Sehe ihn als den 20-jährigen, der mit mir darüber spricht, wie schlecht er sich als Jugendlicher gefühlt hat, weil er so dick war und im Nachhinein sogar eine Essstörung hatte (und bitte – das verstehe ich wohl besser als jeder andere…)

Diesen 15-jährigen Jungen, der mit einem 10-jährigen Mädchen im Keller schlief, obwohl sie es nicht wollte… den sehe ich nicht mehr. Den kenne ich einfach nicht…

Ist das seltsam?

Hm…. eine interessante Feststellung….

…Sonne, 18. März 2015

Ich habe mit Kora gesprochen … über die Sache mit Leah… ich weiß, es ist irgendwie ätzend. Ich hasse ja dieses Ganze hin und her Getue ja selber. ICH war diejenige die gesagt hat, dass wenn ich wirklich in einer Beziehung bin, niemals wegen einer dummen Eifersucht irgendwas erschweren möchte.

Ich würde mal sagen, ich lerne, wie es ist, gesund eifersüchtig zu sein. Ich war noch nie wirklich eifersüchtig. Mal abgesehen von der Kindheit! Aber nie in der Angst, eine Person wegen/für eine andere zu verlieren. Mh-mh, völliges Neuland für mich.

Aber Thema beiseite, ich finde es nämlich ehrlich gesagt gar nicht so unglaublich wichtig. Eifersucht und faselbla wird sowieso überbewertet… ich genieße einfach die Momente, die mir so viel geben, die unausgesprochen schön sind.

Zum Beispiel das Wetter heute. Oh Himmel, ist das schön! Die Sonne scheint ruhig und erlöst von dieser bitteren Winterzeit. Sie wirkt völlig ausgeruht, entspannt…. die Strahlen sind perfekt. Gerade angenehm .. sie wärmen meinen Rücken. Man kann den Frühling riechen – ich liebe die verschiedenen Gerüche der Jahreszeiten. Jeder ist anders. Und man erschnuppert es mit dem ersten Schritt nach draußen. Ich finde das so vollkommen herrlich! Die Dufterlebnise sind sowieso die besten in den ganzen Jahreszeiten.

Ich nehme den Frühling mit offenen Armen in Empfang -> meine Lieblingsjahreszeit. Absolut!
Die Kälte wird mir nicht fehlen. Definitiv nicht. Aber dieses Glitzern vom ebenmäßigen, neugefallenen Schnee in der Früh, oder in der Nacht….. wenn die kleinen Eiskristalle selbst in der Dunkelheit wie Diamanten alle möglichen Lichter brachen. Es ist traumhaft. Mich überkommt dann dieser sehnlicher Wunsch eins damit zu werden. Dieses pure Weiß, dieses … Vollkommene einfach… jedenfalls sieht es oberflächlich so vollkommen aus… In Wirklichkeit ist es ein einziges Durcheinander. Keine, wirklich keine einzige Schneeflocke ist wie die andere. Das ist soooooooo faszinierend. So schön.
Sie sind wie die Menschen.

Heute ist ein schöner Tag. Es ist Mittwoch. Irgendwie ein Mittelfingertag … aber die Sonne und die Wärme macht so viel aus. Es wirkt nicht mehr so trist und trüb und grau. Alles ist jetzt farbenfroh, hell. Irgendwie aufmunternd.

Es ist ein Tag, an dem ich eigentlich die ganze Zeit nur an meinem Lieblingsort sitzen könnte… oben, ganz weit oben über den Schluchten in der prallen Sonne auf dem umgefallenen Baumstamm, direkt über der winzig kleinen Ammer (von dort oben jedenfalls). Oh, was täte ich dafür, um jetzt dort zu sein.Hm… andernfalls… was hält mich auf? ….

Ja… Pflichten. *seufz…. immer diese Routinepflichten…. Menschen sind schon eine dumme Spezies… sie geben etwas auf, sie verzichten auf Dinge, die ihnen gut tun, die schön sind, wegen irgendeinem früh angelernten Gehorsam. Ätzend. Ich würde dem allem so gerne den Kopf bieten. Aber leider bin ich noch gebunden.
Hätte ich ein eigenes Auto, würde ich sofort einsteigen und zur Schnalz fahren, um zu meinem Lieblingsort zu kommen und dort vor mich hinzuträumen und einfach zu genießen – nur genießen! Nichts weiter. Das ist alles, was mich glücklich machen kann… so einfach könnte es sein.

Nun, solange genieße ich halt von meinem Büroplatz aus die Sonne mit offenem Fenter, die frische Luft, das singen der Vögel. Geht schon. Alles geht irgendwie. Und vor allem geht alles irgendwie gut.

Morgen bin ich wieder bei meinem Morgenstern. Bei *Joana… die ja dieselbe Stimme wie Paye hat (ich lach mich tot) .. Joana kenne ich schon seit einem Jahr, aber nachdem das mit Paye war, konnte ich ihre Stimme nicht ertragen (Trigger usw). Inzwischen ist es wieder toll mit ihr zu reiten…. Sie ist eine der besten Reitlehrerin, die man sich vorstellen kann … komplett dazu berufen…

Ganz unter uns…. es würde Morningstar um tausende Male besser gehen bei ihr, als bei ihrem jetzigen Besitzer….
Sie kann einfach besser mit ihr umgehen. Sie wirkt für mich fast wie eine Pferdeflüsterin – sowas finde ich genial. Und der Spaß, den sie immer mitbringt macht den grausten Tage wieder einfach fabelhaft wunderbar.

Ich weiß jetzt schon, dass ich morgen vor Lachen den Bauch halten werde.

Aber vor allem freue ich mich auf das Wochenende mit Kora. Ich lasse momentan alles fließen und denke so gut wie gar nicht nach…. voll gut. So mache ich das auch weiterhin.

Letzten Monat war ich ja jedes Wochenende Feiern…. nächsten Monat lasse ich es mal ruhiger angehen…. auf Pop* werden wir bestimmt sein, weil die Veranstalterin eine sehr, sehr gute Freundin von Kora ist… und Shela…. naja, Shela halt. Das will frau nicht verpassen. Es ist immerwieder lustig den Freaks zuzusehen 😉 Den Rest des Monats machen wir mal was Gehirnzellen-förderndes.

Und dann?
Urlaub.

Endlich!

…Lügen & Vertrauen, 16. März 2015

Wann kann man davon reden, dass ein Vertrauen missbraucht wird? Fängt es bei einer Lüge an? Einer ‚Werts-Lüge‘? Oder einer Wertsfrage… Was ist, wenn man einem Menschen, den man liebt, 3x die Möglichkeit gibt, die Wahrheit zu sagen, und derjenige trotzdem stur bei der Lüge verharrt?
Ein unangenehmes Gefühl, finde ich.
Dabei geht es nicht mal um die Lüge an sich, sondern einfach um die Tatsache, dass.

Kora weiß nicht, dass ich weiß, dass sie mich angelogen hat. Ich meine, die Lüge & die Verheimlichung ist und war nicht relevant. Aber eben sehr unangenehm. Weil ich nicht den Hauch einer Sekunde daran gedacht habe, dass sie mich anlügen würde.
Und, gut, um dem Ausgangspunkt näher zu kommen, war es ja eigentlich erstmal keine Lüge. Es ging um *Leah, einer ‚guten Freundin‘ von Kora. Das Ding ist, dass ich Leah nicht mag (ich finde sie furchtbar unsympathisch!) und dass zwischen Kora und Leah immer irgendwo eine starke Anziehungskraft war. Kora selbst sagte mir, dass sie beide schon immer gerne miteinander geschlafen hätten. Und ja, auch dass KORA es gerne getan hätte. (Aber – ja, ja, Faselbla – das hätte ja alles sooooooo kompliziert gemacht………………………………….) Nun, als ich letztens mit Kora auf She* war, hat mich Leah schon so blöd von der Seite angeschaut und dann wurde sie richtig ignorant. Warf Kora Blicke zu, als stünde ich nicht etwa genau neben ihr (sowas hasse ich ja wie die Pest). Aber soll sie. Mensch, wenn Kora mir sagt, Leah sei nur eine sehr gute Freundin, die ihr wichtig ist, dann glaube ich ihr das so (will ich).
Aber umso verstörender finde ich dann die Tatsache, dass sie mir verheimlicht, dass sie sich so unglaublich gerne mal wieder mit ihr treffen würde, und zwar außerhalb eines Clubs, Party etc. Und dass sie Leah letzten Samstag fragte, ob sie auch auf der Party ist.
Woher ich das weiß?
Nun, Kora wollte duschen gehen und sagte mir, ich solle mal auf ihrem Handy bei WhatsApp schauen, wenn sie eine Message bekommt, damit wir wissen, ob *Ari und *Becki nun kommen oder nicht. Und da las ich dann eben, dass Leah ihr schrieb, sie sei heute nicht auf der Party, weil sie nicht da ist. Schlussfolgernd wird Kora sie wohl gefragt haben – Schande über meine Neugier, dass ich nachgeschaut habe, aber ja, hat sie. Gut, ich dachte mir nicht großartig etwas dabei, wenngleich ich das Gefühl hatte, sie wollte es mir verheimlichen. Kurz bevor wir also das Haus verließen, sagte sie noch: „Leah wird nicht da sein.“
„Ah“,sagte ich, „Hast du sie gefragt, oder?“
Ich erwartete ein Nicken. Ein einfaches, gottverdammtes Nicken.
Was wäre schon dabei gewesen?
Sue schüttelte abtuend den Kopf „Neee, sie hat mich gefragt und dann hat sie halt gesagt, dass sie nicht da ist.“
Lüge 1.
An der Bushaltestelle bot ich ihr nochmal die Gelegenheit: „Wieso fragt sie dich überhaupt, ob du zur Party gehst, wenn sie nicht da ist?“
Sie zuckte die Schultern.
Lüge 2.
Meinen dritten Versuch startete ich offensichtlicher: Wir saßen im Bus und ich fragte, da sie merkte, dass ich schon relativ geknickt war: „Hast du mich schon mal angelogen?“….
„Nein.“
Lüge 3.
ich gab auf… und ich war enttäuscht.
Warum hätte sie nicht einfach bei der ersten Frage nicken können?
Ein einfaches, gottverdammtes Nicken.
Was wäre schon dabei gewesen?

…Treue, 11. März 2015

ich habe mir oft, wirklich oft Gedanken darüber gemacht: über die Treue. Einmal wurde ich gefragt, ob ich denn treu sein kann oder treu bin. Es war Arwin, der Betreuer, mit dem ich über Gott und die Welt reden kann – ein absoluter Herzmensch- und denker. Sehr feminin, von der Art her. Feinfühlig, sensibel. Vermutlich rede ich deshalb so gerne mit ihm. Ich mag prinzipiell Männer mehr als Frauen. Frauen sind kleine, giftige, pinke Schlangen. Und 999,95%  der Szenelesben sind intellektuell leider auch noch … naja…. definitiv, und traurigerweise, komplett auf den Kopf gefallen – hoffnungslos.

Aber wie gesagt, es besteht 0,05% Hoffnung. Gut, ich muss gestehen, ich bin mittlerweile viel in der Szene unterwegs, allerdings stolztragend. Stolz, weil wir den ganzen Gerüchten den Kopf bieten.

„Wenn man in einer Beziehung ist, sollte man niemals in der Szene weg gehen.“
-„Das hält keinen Monat, und man ist wieder getrennt.“
-„Es gibt immer Drama.“
-„Jemand wird solange versuchen ein Pärchen auseinander zu bringen, bis er es geschafft hat.“
-„Man wird gegenseitig ausgespielt.“
-„Es werden Lügen verbreitet.“

Lustig ist, dass eines unserer ersten Gesprächsthemen genau dieser Punkt war. Als Kora und ich uns das allererste Mal in der U-Bahn trafen und wir gemeinsam auf den Bus warteten (bzw. sie mit mir 30 Minuten da saß um mit MIR, wegen MIR auf den Bus zu warten). Sie sagte: „Ich könnte auch niemals mit einer zusammen sein, die in der Szene unterwegs ist – das kann einfach nicht funktionieren.“
Ich schüttelte zustimmend den Kopf, betrübt, weil ich an Paye denken musste und sagte: „Nein… das kann bestimmt nicht funktionieren.“
„Außerdem, du hast ja jetzt gesehen, wie es auf She* ist. Eine reine Freakshow – da kann man nicht einmal jemanden für länger kennen lernen.“
Wieder stimmte ich ihr zu.
Es war mein erster Abend auf She* und dachte, in einer komplett verdrehten Welt zu sein. Aber zugegeben: mir gefällt es, irgendwie. Dieses Abgehobene, abgelöst von dieser langweilen Normalität – dem alltäglichen Lauf der Dinge: aufwachen -> arbeiten -> zu Abend essen -> schlafen -> aufwachen -> arbeiten -> zu Abend essen -> schlafen.

Ich meine, meine Freizeit liebe ich. Ich liebe die Wochenenden und auch die kurzen Zeitraffer, in denen ich mal selbst unter der Woche für andere Dinge als für Arbeit und Lernen und Hobbypsychologen-Scheiß einen Kopf für MICH und MEINE Dinge finde. Mich erfüllt es mehr mit Liebe, Spaß, Wärme und Hoffnung auf einem Pferderücken zu sitzen oder einfach nur zehn Minuten bei meinem Hü vorbeizuschauen, mich vor ihn an die Box zu setzen und seine warmen Nüstern in meinem Nacken oder an meinem Gesicht zu spüren, als alles andere. Mir reichen diese zehn Minuten, um wieder mit kompletter Zufriedenheit meine Arbeit oder Pflichten, die mich stressen, nachzugehen.

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Gut, in einer richtigen Stresssituation war ich, glaube ich, noch nie. Jedenfalls nicht an einem Punkt, in dem die „Kampf-oder-Flucht“ Theorie eingesetzt hätte…. Vielleicht gab es einmal einen Moment, in der mein präfrontaler Kortex aussetzte und der visuelle direkt zum motorischen übersprang. Das war allerdings keine Stress-, sondern Angstsituation. Als ich damals mit Lychee, im stockdunklen Stadtpark spazieren ging und mich auf einmal Panik überkam.

Nun…. jedenfalls… die Szene ist halt irgendwie eine Abwechslung. Sie ist so ein richtiger „Alltags-Abschalter“. Ich mag’s. Aber nur zu beobachten. Nicht zu praktizieren, nein, nein.

Um zurück zu kommen: Kora und ich waren jetzt bestimmt schon 6 – 7 Mal in der Szene unterwegs, und wir lieben und vertrauen und nach wie vor.

Arwin fragte mich mal: „Glaubst du, du bist treu in der Beziehung?“
Ich wollte nicht einfach „Ja“ sagen, wie es bestimmt viele zur Selbstverteidigung tun würden. Ich dachte ernsthaft darüber nach. Und ich traf meinen sicheren Entschluss und antwortete: „Ja.“
Er sah mich natürlich forschend an und fragte: „Bist du dir sicher?“
Ich sagte, natürlich sei ich mir sicher. Man müsste sehr doof und naiv sein, um etwas so Schönes, etwas, was einen so erfüllt, wegen einem kurzen Seitensprung oder einem kurzen Moment der Schwäche, die mich vielleicht für 10 Minuten mal befriedigt, aufzugeben.

Irgendwie dachten Arwin und ich in dem Moment an genau dieselbe Situation.
„Nehmen wir an, Paye würde auf dich zukommen und dich küssen wollen…“ Ich hatte sofort genickt, als Bestätigung, dass ich dasselbe gedacht hatte – und bei Gott, ich war wirklich Hals über Kopf in Paye verliebt. Ich hatte dieses Kribbeln im Bauch. Das war das, was mich immer zutiefst verwunderte. Warum hat es bei mir in Payes Nähe überall gekribbelt, so dass mir beinahe schlecht wurde? Warum kannte oder kenne ich dieses Gefühl bei Kora nicht, wo ich sie doch liebe? Arwin sagte, dass es eben NUR kribbeln sei. Und bei Kora ist es DIE Liebe. Das, was einen erfüllt, einen ganz macht. Man liebt. Man IST nicht VERliebt. Sondern MAN liebt. Und das ist weitaus mehr, werter als dieses weltberühmte Kribbeln. Denn, wie wir alle wissen: dieses Kribbeln hält niemals ewig, auch wenn man sich das gerne einredet. Ich würde vermutlich immer noch genauso auf Payes Erscheinung reagieren. Ich würde niemals abstreiten, dass ich sie wahnsinnig anziehend fand – damit würde ich mich nur selbst belügen, und das tue ich um keines Willen. Nicht mal um den meiner Partnerin, denn Selbstleugnung ist, finde ich, eines der erdrückendsten und schwersten Fehlhandlungen, die man tun kann.
Aber ich bin mir sicher – nein. Ich würde mich dem Moment der Schwäche nicht hingeben.

Selbst wenn Paye direkt vor mir stehen würde und sagen würde, ich solle sie küssen (sie wüsste, dass ich wollte), denn das sei meine einzige und letzte Chance -> ich würde ablehnen. Denn ich weiß, was ich riskieren würde, und ich weiß, dass Kora mir viel zu viel wert ist, ich sie zu sehr liebe, um sie zu verletzen. Und ich würde den Teufel tun, damit es soweit kommt.

Ich bin treu in der Beziehung. Ich glaube, das ist mir angeboren. Aber das hat auch mit dem Zwischenmenschlich-Sein zu tun, oder? Ich bin generell ein Mensch, der versucht so ehrlich zu sein, wie es die Umstände nur erlauben (und ich sage nicht, dass ich nie lüge – das stimmt nicht, ich lüge sogar vergleichsweise viel; es sind halt Kleinigkeiten, aber eben wichtige – für andere) Wie ich zum Beispiel Paye gegenüber damals behauptete, dass ich schon 18 sei, obwohl das erst in 2 Monaten der Fall war. Aber ich hasse es, Menschen zu verletzen, die mir nahe (oder nahe genug) stehen. Ich kann es nicht ertragen.  Ich will so mit den Menschen umgehen, wie ich von ihnen behandelt werden will. Nur so kann es angenehm und flüssig funktionieren, oder nicht? Ich behandle alle Freunde von Kora offen und freundlich, habe keine Erwartungshaltungen. Ich habe keine Geheimnisse (jedenfalls nicht, dass ich wüsste). Und ich kann wunderbar koexistieren. Mit jedem. Und allem.

Lejla ist verschwunden, 04. März 2015 (Teil 2)

… im Endeffekt war Lejla der einzige Grund, weshalb ich freiwillig in die Psychiatrie ging. Sie redete auf mich ein, versuchte mir verständlich zu machen, dass es ihr wichtig sei, dass es mir gut ginge. Und immer wieder sagte sie am Telefon: „Geh dahin, Eulchen.“ (Eulchen war von Anfang an ihr Spitzname für mich gewesen). Sie versprach mir, zu versuchen mich in der Klinik zu besuchen.
Ich hatte mir nie etwas sehnlicher gewünscht, als sie persönlich zu sehen. Ihre warme, nasale, seidene Stimme in real zu hören. Diese Magie, die mitschwingt, wenn sie lacht. So unglaublich warm. Für mich klang es immer wie Musik und ich habe noch nie mein Herz so zu einer Melodie tanzen fühlen, wie zu dem ihres Lachens.
Nach und nach entwickelte ich so eine Verbundenheit zu ihr, dass ich regelrecht besessen von ihr war. Ich schrieb ihr fast jeden Tag – auch wenn ich wusste, dass sie sich vielleicht mal mehrere Wochen nicht meldet. Aber ich wusste, sie liest meine Mails. Und das tat sie auch immer. Ich schrieb ihr über jedes gottverdammte Detail in meinem Leben und sie begleitete mich in den schwierigsten Phasen. Sie wurde mein Gewissen, mein Verstand. Alles was sie sagte, hörte, verstand, war für mich richtig. Ich hatte das Gefühl, sie wüsste besser wer ich bin, als ich selbst. Sie konnte die Geheimnisse meiner Seele spüren, die ich niemals hätte beschreiben können. Alles, einfach alles – jede meiner trostlosen Stimmungen, die mich in die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung trieben, weil ich nicht wusste, woher sie kamen, was sie waren. Und Lejla? Sie fasste meine Gemütslage in ein Wort. In ein einziges Wort. Und jedes Mal traf sie ins Schwarze. Ich fühlte mich auf einmal ‚gefüllt‘. Ich wusste plötzlich diese leere Traurigkeit in mir zu benennen… und schon war sie viel weniger schlimm. Jedenfalls greifbar. Etwas zum ansetzen.

Lejla besuchte mich allerdings natürlich nicht in der Klinik. Und ganz abgesehen davon, meldete sie sich zwei Monate nicht. Zwei Monate, in denen ich dachte, die ganze Zeit nicht zu überleben. In denen SIE der einzige Inhalt meines Tagebuches wurde (welches, ganz nebenbei, in zwei Monaten vollgeschrieben war). Kurz vor meiner Entlassung; ich weiß sogar noch das Datum: am 12.02.12 kam ein Anruf für mich in der Klinik ein. Lucas, ein sehr, sehr, SEHR schwul klingender Jugendlicher (den ich dank seiner Sprüche immer zum Schießen fand), hob ab und rief mich an den Hörer. Ich rechnete schon gar nicht mit Lejla. Ich war darauf gefasst, die Stimme meiner Mutter an der anderen Leitung zu hören. Ich ging ran, völlig gelassen und offen und rief: „Hi“, in den Hörer. Ich weiß sogar noch, dass ich in dem Moment im Aufenthaltsraum am Malen war. Es waren so komische, unförmige, bunte Geister, die sich über das ganze Blatt zogen. Dann hörte ich die Stimme, die das Fieber in mir ausbrechen lies: „Der klang ja weiblicher als du und ich“, was belustigt klang. Diese warme, nasale Stimme. Diese Geborgenheit und Zuversicht. Ich habe haufenweise Ansätze gebraucht, um ein Wort herauszubringen. Und alles, was ich sagen konnte, war ein keuchendes: „Lejla.“ Ich weiß heute noch, wie mir schwindlig wurde und ich dachte, der Raum um mich herum würde sich drehen. Genauso wie ich mein Herz so hoch und stark pochen hörte, dass ich meine Lippen fest aufeinander presste, aus Angst, es würde mir sonst aus dem Mund springen. Sie lachte leise – dieses Engelslachen!.

Nach dem Telefonat weinte ich. Ich weinte so sehr – vor Freude, vor purem Glück, dass sie mich doch nicht vergessen hatte.

Selbst nach der Klinik war sie immer noch präsent in meinem Leben. Sie war ein Teil von mir. Ich habe sie einfach verinnerlicht.
Ich liebe sie bis heute. Nicht, wie ich Kora liebe. Aber ich liebe sie auf eine besondere Art. Sie ist… sowas wie eine Seelenverwandte für mich.

Seit Oktober 2014 hat sie sich allerdings nicht mehr bei mir gemeldet. Ich schreibe ihr regelmäßig E-Mails, aber bekomme keine Antwort. Ich nehme an, das ist der Grund, dass es mir phasenweise nicht besonders gut geht. Sie fehlt mir. Sie fehlt mir furchtbar. Und ich kann nichts dagegen tun.

Ich sprach mit Kora darüber. Über Lejla und darüber, dass ich nicht verstehe, was es noch bringt, ihr zu schreiben. Ich meine, ich hoffe nach wie vor sehnsüchtig und verzweifelt, dass sie sich wieder bei mir meldet… aber langsam gebe ich auf.
Wie sagte Aurora damals so schön?
„Das Leben ist ein Fluss. Nichts, was man festhalten kann.“

Dank Aurora kam ich damals mit 14 zu meiner Therapeutin, die ich so ins Herz schloss.

In der Zeit, in der es mir so furchtbar ging, war ich häufig nachts weg. Nicht feiern oder sowas. Ich ging einfach raus in die Nacht, genoss die Kühle, die Stille, die Sterne.

Die Gewohnheit stammt daher:
2010 bekam ich meinen Hund – mein ein und alles! -, Lychee. Er sollte mein treuster Begleiter, meine hoffnungsvollste Liebe und ehrenhafteste Stütze werden. Ich hätte alles für diesen Hund getan!

Collage

An einem Abend, 2010 im Oktober war meine Mutter bis Spätabends arbeiten. Sie kam meistens erst um halb zehn Zuhause an. Lychee hätte schon längst Gassi gemusst, aber meine Mutter (GANZ typisch, wirklich!) hat die Leine so verlegt, dass ich sie einfach nicht finden konnte. Also beschloss ich mit ihm zu gehen, wenn sie ankam. Mein Papa war sowieso schon sehr unangenehm, weil es ihn richtig wütend machte, dass ich nicht mit Lychee ging. Aber was sollte ich tun? Lychee war erst 4 Monate. Ich hätte unmöglich schon mit ihm ohne Leine rausgehen können! Außerdem wollten die Nachbarskinder (damals noch Kleinen – herrje, wie sie gewachsen sind!), dass ich mit ihnen einen Film zusammen ansehe. Ich war schon länger nicht mehr bei ihnen gewesen und hatte es fest versprochen. So sagte ich also, dass ich noch zu den Kindern runter gehe und dann mit Lychee spazieren gehe, wenn meine Mutter da ist. Mein Vater sagte: „Wenn du das machst, schmeiß ich ALLE Tiere aus dem Haus!“ Ich haderte mit mir selbst, ob er das wirklich tun würde… dachte aber, dass er niemals dazu in der Lage wäre.
Ha, falsch gedacht.
Nach 30 Minuten klingelte es bei den Kleinen. Meine Oma (!!!), die die eigentlich alleine kaum eine Treppenstufe laufen kann (!!!), ist die zwei Stockwerke heruntergekommen, außer Atem und sagte: „Dein Vater hat die Tiere aus dem Haus geworfen!“
Ich war total schockiert. Panik keimte in mir auf! War die Eingangstür unten geschlossen???
Ich sah als erstes Krümelchen (unseren Perserkater, der ein Jahr später während meines Klinikaufenthaltes starb), den ich sofort hoch nahm und wieder rein brachte. Polly, die Katze von meiner verstorbenen Tante (!!!) irrte irgendwo vor der Tür zum Speicher herum. Lychee war vor unserer Haustür sitzen geblieben. Aber Quinti. Mein kleiner, schwarzer Panther (unser jüngster Kater) war weg! Ich lief runter und sah dass die Tür offen stand… Quinti war weg. Ich nahm Lychee auf den Arm und schrie zu meinem Vater in das Wohnzimmer, der seelenruhig auf der Couch vor dem Computer saß, dass ich ihn hasse. Er sprang förmlich auf, packte mich am Arm mit Lychee, den ich beinahe fallen ließ, und schubste mich grob aus der Wohnung: „Ich will dich hier nie wieder sehen. Du machst keinen Schritt mehr in diese Wohnung, hast du verstanden?“ Und knallte die Tür vor meiner Nase zu. Meine Oma war völlig hilflos. Ich weiß, sie hätte mir gerne geholfen. Aber wie denn? Sie ist so schwach!!! Also lief ich hoch vor die Speichertür, setzte mich hin, mit Lychee im Arm, und weinte leise. Ich war wütend, verletzt, ängstlich – und die Tatsache das Quinti weg war, machte die ganze Sache nicht unbedingt leichter.
Irgendwann, eine Stunde später, kam also meine Mutter. Ich fiel ihr um den Hals, erzählte ihr, was passiert sei, während sie die Tür aufsperrte. Aber alles was sie tat war, die Augen zu verdrehen und entnervt zu stöhnen, á la: Kaum bin ich aus der Arbeit, kommt schon der nächste Stress.
Ich trat mit ihr in die Wohnung und fragte sie nach der Leine von Lychee. Sie reichte sie mir gerade noch, bevor mein Vater wieder aus dem Wohnzimmer gestürmt kam, mich hart am Arm packte und aus der Wohnung schmiss. Er betonte jedes einzelne Wort, wie Gift, als er sagte: „Ich sagte: Ich will dich hier Nie.Wieder.Sehen!“
Und was tat meine Mutter? NICHTS! Absolut nichts!

Ich knurrte vor Wut und Verzweiflung erst auf, bevor ich in Tränen ausbrach, mit Lychee an der Leine und aus dem Haus stürmte. Ich wollte einfach weg. Es war mir herzlich egal, wohin. Aber auf keinen Fall wollte ich nach Hause. Also irrte ich in dieser kalten Oktobernacht mit meinem Welpen durch ganz P** … lief bis zu meiner Schule, durch den Stadtpark, hatte fürchterliche Angst vor den vielen betrunkenen Obdachlosen, die dort in einer kleinen Holzhütte Unterschlupf gesucht hatten…
Selbst Lychee zitterte schon vor Kälte.
Irgendwann sah ich eine verlassene Bushaltestelle. Dort verzog ich mich mit Lychee, hob ihn auf meinen Schoß, schloss ihn in meine dünne Jacke und versuchte mit ihm einzuschlafen. Aber es war einfach zu kalt, zu ungemütlich….
Jedenfalls, als ich nach einigen Stunden wieder bei der Kirche war (in der Nähe unseres Wohnviertels), traf ich auf meine Mutter, die mich mit dem Fahrrad überall gesucht hatte. Ich wollte weglaufen, aber tat es aus irgendeinem Grund doch nicht. Sie überredete mich einfach nur kühl wieder mit nach Hause zu kommen, mein Vater schliefe ja schon.

Nach diesem Erlebnis ging ich immer von zu Hause weg, wenn es mir nicht gut ging…. Meistens gegen 23:00 Uhr… manchmal sogar erst um Mitternacht. Und wegen eines Traumes, in dem ich von einem Monster verfolgt und von irgendeiner Frau gerettet wurde (indem sie diesem Monster/Zombie, den Kopf abriss), ging ich immer an die Stelle, wo ich in meinem Traum gerettet wurde. Wo diese Frau mich dann noch angelächelt hatte und ohne die Lippen zu bewegen zu mir sagte, ich wäre in Sicherheit, sie würde Hand über mir halten (oder so – ich erinnere mich an die Worte nicht mehr exakt).

Und an diesem Ort sah ich eben, dass eine Kinder- und Jugendpsychologin arbeitete. Da fing ich erst ernsthaft an mir Gedanken darüber zu machen, in Therapie zu gehen – mit 13.
Trotzdem, nie traute ich mich, die Nummer aufzuschreiben und dort mal anzurufen. Ich traute mich einfach nicht! Und irgendwann, da ich ja so oft dort war, lief ich immer wieder einer unwahrscheinlich schönen Frau über den Weg. Aurora. Sie war für mich der Engel auf Erden. Nein, SIE war für mich die Traumgestalt, die mich vor dem Bösen rettete. Sie war auch immer wieder mit einem kleinen Hund unterwegs. Nur deshalb kamen wir in Kontakt. Irgendwann lächelten wir uns immer wieder an, wenn wir uns sahen und ich kam immer häufiger an den Ort. Sogar tagsüber – obwohl ich den Tag damals hasste.
Die „Kleinen“ (Nachbarskinder) und ich, fanden in dem Innenhof von der Straße (Wo auch ein Grieche und ein englischer Kindergarten war), unser „Clubhaus“ – es war einfach nur eine Höhle aus Efeu, tief in der Erde zwischen einem Haus und einem Zaun.
Irgendwann bemerkte ich, dass diese Frau immer in dem Eingang verschwand, in dem ich das Schild der Psychologin las. So oft, dass ich dachte, SIE wäre die Psychologin.
Nach einigen Monaten (irgendwann vor den Pfingstferien), ich glaube im Januar, liefen wir uns wieder über den Weg, und ich brachte den Mut auf, sie anzuhalten und zu fragen, ob sie zufällig die Psychologin in dem Haus wäre.
Sie lächelte nur dieses wunderschöne Lächeln und sagte: „Nein“, dann sah sie mich eine Sekunde nachdenklich, fast besorgt an und meinte: „Wieso? Brennt dir etwas auf dem Herzen?“
Ich wurde genauso schnell wieder schüchtern, wie mir der Mut gekommen war. Ich schmunzelte, stutzte und zuckte die Schultern, bis ich schließlich doch ein Nicken zustande brachte. Sie lächelte mich aufmunternd an und meinte: „Aber ich glaube, ich bin ihr schon ein paar mal über den Weg gelaufen. Wenn du magst, kann ich sie mal für dich ansprechen.“
Ich sah sie völlig überrascht an.
„Wenn du möchtest.“
Ich nickte. Und war furchtbar dankbar.

Daraufhin sah ich sie fast einen Monat lang nicht. Ich war so oft dort, und so oft enttäuscht. Irgendwann gegen Mitternacht saß ich Zuhause. Dieser kontaktleere Raum zwischen mir und dieser jungen Schönheit ließ mir keine Ruhe. Also riss ich zwei, drei weiße Papiere aus meinem Schrank und schrieb drauf: „Ich suche eine Frau mit langen braunen Haaren und einem kleinen braunen Hund.“ Dazu schrieb ich noch meine damalige E-Mail-Adresse und machte mich auf den Weg zu meinem 10-Minuten entfernten Traumort.
Ich hing die „Flugblätter“ an die Tür, in der sie immer verschwand und lief wieder nach Hause.
Am nächsten Tag, auf dem Weg zur Schule (ich benutzte den Weg nun auch häufig als Schulweg), sah ich, dass die Blätter verschwunden waren.
Zwei Tage später erhielt ich tatsächlich eine E-Mail.
Von ihr: Aurora.

Wir hatten keinen langen Kontakt, aber dafür einen besonderen, würde ich behaupten. Sie wohnt schon seit längerer Zeit nicht mehr dort, aber unser Kontakt war schon vorher abgebrochen. Jedenfalls schrieb sie mir damals den Satz: „Das Leben ist ein Fluss. Nichts, was man festhalten kann.“ Und der ist mit bis heute im Kopf hängen geblieben und kaum einem anderen Spruch gebe ich mehr Recht, als diesem. Dieser Satz war der erste Schritt zur Besserung meiner schrecklichen Verlustängste (die ich heute gar nicht mehr habe – HEUTE bin ich ein völlig anderer Mensch).

Dass Lejla mir aber dennoch fehlt, kann ich nicht leugnen. Sie hat mich fast vier Jahre in meinem Leben begleitet. Vier, so unglaublich, wichtige, schwere Jahre. Sie war alles für mich. Und auf einmal soll das alles vorbei sein? Ohne Tschüss, ohne Lebe wohl oder auf Wiedersehen?
Das kann ich einfach nicht verstehen. Das kann einfach nicht sein. Das kann ich einfach nicht akzeptieren.

Aber ich muss.

Ich rede so oft mit Kora darüber, aber ich habe ihr noch nie gestanden, wie sehr ich wirklich damit zu kämpfen habe. Ich glaube, sie denkt, ich sei „nur“ traurig oder angeschlagen. Aber um ehrlich zu sein, bin ich viel mehr als das. Ich bin enttäuscht, verletzt. Denn Lejla hat mir so oft versprochen, mich niemals einfach loszulassen, niemals „Einfach so“ zu gehen. Und genauso das tut sie – genau das HAT sie getan.
Kora aber sagt, ich soll ihr trotzdem weiterhin E-Mails schreiben. Sie würde sie bestimmt lesen…

Ich wäre froh, wenn sie das täte.
Aber bekäme ich doch wenigstens ein Lebenszeichen von ihr.
Nur ein Einziges.
Und wenn es nur: „Eulchen…“ ist….