…Treue, 11. März 2015

ich habe mir oft, wirklich oft Gedanken darüber gemacht: über die Treue. Einmal wurde ich gefragt, ob ich denn treu sein kann oder treu bin. Es war Arwin, der Betreuer, mit dem ich über Gott und die Welt reden kann – ein absoluter Herzmensch- und denker. Sehr feminin, von der Art her. Feinfühlig, sensibel. Vermutlich rede ich deshalb so gerne mit ihm. Ich mag prinzipiell Männer mehr als Frauen. Frauen sind kleine, giftige, pinke Schlangen. Und 999,95%  der Szenelesben sind intellektuell leider auch noch … naja…. definitiv, und traurigerweise, komplett auf den Kopf gefallen – hoffnungslos.

Aber wie gesagt, es besteht 0,05% Hoffnung. Gut, ich muss gestehen, ich bin mittlerweile viel in der Szene unterwegs, allerdings stolztragend. Stolz, weil wir den ganzen Gerüchten den Kopf bieten.

„Wenn man in einer Beziehung ist, sollte man niemals in der Szene weg gehen.“
-„Das hält keinen Monat, und man ist wieder getrennt.“
-„Es gibt immer Drama.“
-„Jemand wird solange versuchen ein Pärchen auseinander zu bringen, bis er es geschafft hat.“
-„Man wird gegenseitig ausgespielt.“
-„Es werden Lügen verbreitet.“

Lustig ist, dass eines unserer ersten Gesprächsthemen genau dieser Punkt war. Als Kora und ich uns das allererste Mal in der U-Bahn trafen und wir gemeinsam auf den Bus warteten (bzw. sie mit mir 30 Minuten da saß um mit MIR, wegen MIR auf den Bus zu warten). Sie sagte: „Ich könnte auch niemals mit einer zusammen sein, die in der Szene unterwegs ist – das kann einfach nicht funktionieren.“
Ich schüttelte zustimmend den Kopf, betrübt, weil ich an Paye denken musste und sagte: „Nein… das kann bestimmt nicht funktionieren.“
„Außerdem, du hast ja jetzt gesehen, wie es auf She* ist. Eine reine Freakshow – da kann man nicht einmal jemanden für länger kennen lernen.“
Wieder stimmte ich ihr zu.
Es war mein erster Abend auf She* und dachte, in einer komplett verdrehten Welt zu sein. Aber zugegeben: mir gefällt es, irgendwie. Dieses Abgehobene, abgelöst von dieser langweilen Normalität – dem alltäglichen Lauf der Dinge: aufwachen -> arbeiten -> zu Abend essen -> schlafen -> aufwachen -> arbeiten -> zu Abend essen -> schlafen.

Ich meine, meine Freizeit liebe ich. Ich liebe die Wochenenden und auch die kurzen Zeitraffer, in denen ich mal selbst unter der Woche für andere Dinge als für Arbeit und Lernen und Hobbypsychologen-Scheiß einen Kopf für MICH und MEINE Dinge finde. Mich erfüllt es mehr mit Liebe, Spaß, Wärme und Hoffnung auf einem Pferderücken zu sitzen oder einfach nur zehn Minuten bei meinem Hü vorbeizuschauen, mich vor ihn an die Box zu setzen und seine warmen Nüstern in meinem Nacken oder an meinem Gesicht zu spüren, als alles andere. Mir reichen diese zehn Minuten, um wieder mit kompletter Zufriedenheit meine Arbeit oder Pflichten, die mich stressen, nachzugehen.

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Gut, in einer richtigen Stresssituation war ich, glaube ich, noch nie. Jedenfalls nicht an einem Punkt, in dem die „Kampf-oder-Flucht“ Theorie eingesetzt hätte…. Vielleicht gab es einmal einen Moment, in der mein präfrontaler Kortex aussetzte und der visuelle direkt zum motorischen übersprang. Das war allerdings keine Stress-, sondern Angstsituation. Als ich damals mit Lychee, im stockdunklen Stadtpark spazieren ging und mich auf einmal Panik überkam.

Nun…. jedenfalls… die Szene ist halt irgendwie eine Abwechslung. Sie ist so ein richtiger „Alltags-Abschalter“. Ich mag’s. Aber nur zu beobachten. Nicht zu praktizieren, nein, nein.

Um zurück zu kommen: Kora und ich waren jetzt bestimmt schon 6 – 7 Mal in der Szene unterwegs, und wir lieben und vertrauen und nach wie vor.

Arwin fragte mich mal: „Glaubst du, du bist treu in der Beziehung?“
Ich wollte nicht einfach „Ja“ sagen, wie es bestimmt viele zur Selbstverteidigung tun würden. Ich dachte ernsthaft darüber nach. Und ich traf meinen sicheren Entschluss und antwortete: „Ja.“
Er sah mich natürlich forschend an und fragte: „Bist du dir sicher?“
Ich sagte, natürlich sei ich mir sicher. Man müsste sehr doof und naiv sein, um etwas so Schönes, etwas, was einen so erfüllt, wegen einem kurzen Seitensprung oder einem kurzen Moment der Schwäche, die mich vielleicht für 10 Minuten mal befriedigt, aufzugeben.

Irgendwie dachten Arwin und ich in dem Moment an genau dieselbe Situation.
„Nehmen wir an, Paye würde auf dich zukommen und dich küssen wollen…“ Ich hatte sofort genickt, als Bestätigung, dass ich dasselbe gedacht hatte – und bei Gott, ich war wirklich Hals über Kopf in Paye verliebt. Ich hatte dieses Kribbeln im Bauch. Das war das, was mich immer zutiefst verwunderte. Warum hat es bei mir in Payes Nähe überall gekribbelt, so dass mir beinahe schlecht wurde? Warum kannte oder kenne ich dieses Gefühl bei Kora nicht, wo ich sie doch liebe? Arwin sagte, dass es eben NUR kribbeln sei. Und bei Kora ist es DIE Liebe. Das, was einen erfüllt, einen ganz macht. Man liebt. Man IST nicht VERliebt. Sondern MAN liebt. Und das ist weitaus mehr, werter als dieses weltberühmte Kribbeln. Denn, wie wir alle wissen: dieses Kribbeln hält niemals ewig, auch wenn man sich das gerne einredet. Ich würde vermutlich immer noch genauso auf Payes Erscheinung reagieren. Ich würde niemals abstreiten, dass ich sie wahnsinnig anziehend fand – damit würde ich mich nur selbst belügen, und das tue ich um keines Willen. Nicht mal um den meiner Partnerin, denn Selbstleugnung ist, finde ich, eines der erdrückendsten und schwersten Fehlhandlungen, die man tun kann.
Aber ich bin mir sicher – nein. Ich würde mich dem Moment der Schwäche nicht hingeben.

Selbst wenn Paye direkt vor mir stehen würde und sagen würde, ich solle sie küssen (sie wüsste, dass ich wollte), denn das sei meine einzige und letzte Chance -> ich würde ablehnen. Denn ich weiß, was ich riskieren würde, und ich weiß, dass Kora mir viel zu viel wert ist, ich sie zu sehr liebe, um sie zu verletzen. Und ich würde den Teufel tun, damit es soweit kommt.

Ich bin treu in der Beziehung. Ich glaube, das ist mir angeboren. Aber das hat auch mit dem Zwischenmenschlich-Sein zu tun, oder? Ich bin generell ein Mensch, der versucht so ehrlich zu sein, wie es die Umstände nur erlauben (und ich sage nicht, dass ich nie lüge – das stimmt nicht, ich lüge sogar vergleichsweise viel; es sind halt Kleinigkeiten, aber eben wichtige – für andere) Wie ich zum Beispiel Paye gegenüber damals behauptete, dass ich schon 18 sei, obwohl das erst in 2 Monaten der Fall war. Aber ich hasse es, Menschen zu verletzen, die mir nahe (oder nahe genug) stehen. Ich kann es nicht ertragen.  Ich will so mit den Menschen umgehen, wie ich von ihnen behandelt werden will. Nur so kann es angenehm und flüssig funktionieren, oder nicht? Ich behandle alle Freunde von Kora offen und freundlich, habe keine Erwartungshaltungen. Ich habe keine Geheimnisse (jedenfalls nicht, dass ich wüsste). Und ich kann wunderbar koexistieren. Mit jedem. Und allem.

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One thought on “…Treue, 11. März 2015

  1. Sehr schön geschrieben (und wundervolle, verträumte Fotos!!! Tolles Pferd, tolles Mädchen). Du hast eine großartige Einstellung Kora gegenüber. Treue ich sehr wichtig in der Beziehung, ich selbst, und ich bin bereits 42 (also nicht so ein junger Hüpfer, wie du ;-)) habe mir in den 18 Jahren Ehe noch kein einziges Mal einen Fehltritt erlaubt, und ich gebe zu – ich war dennoch ein, zwei Mal kurz davor. Aber ich bin stolz, diesem kurzen, dummen Wunsch nicht nachgegeben zu haben und das hat mir gezeigt, wie wichtig mir mein Ehemann, wie besonders unser gemeinsames Sein ist. Und seitdem, so scheint es mir jedenfalls, ist unsere Liebe noch viel stärker geworden.

    Auch in dem Punkt des Liebens und Verliebt-seins gebe ich dir recht. Es sind zwei komplett unterschiedliche Dinge. Das Verliebt-sein kann von einer Sekunde auf die andere auftreten und es ist stark, sehnsüchtig, unglaublich intensiv! Aber sie verschwindet mit der Zeit. Sie wird immer blasser, bis sie letztendlich ganz verschwindet.
    Anders wie mit der Liebe: sie fängt klein an und wird immer größer, sie wächst. Auch ich habe in all den Jahren nie dieses bekannte „Kribbeln“, (die Schmetterlinge im Bauch) verspürt. Aber ich vermisse es auch nicht, denn – so wie du sagst – ich fühle mich mit ihm komplett. Das ist das Entscheidende und ich weiß, dass unsere (meine) Liebe jeden Tag, jede Woche wächst. Langsam, aber über die Jahre definitiv spürbar. Es ist alles andere als einfach, die Liebe (an) zu erkennen. Aber sie ist da. Man liest sie aus jedem Wort deiner Sätze.

    Und:

    „Ich würde niemals abstreiten, dass ich sie wahnsinnig anziehend fand – damit würde ich mich nur selbst belügen, und das tue ich um keines Willen. Nicht mal um den meiner Partnerin, denn Selbstleugnung ist, finde ich, eines der erdrückendsten und schwersten Fehlhandlungen, die man tun kann.“

    Touché, touché 😉

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