…ich war mal anders, 18. März 2015

….ja, war ich wirklich.

Es ist echt irre, wie schnell Menschen unangenehme Sachen verdrängen.

Ich habe schon fast wieder vergessen, dass ich am Donnerstag letzte Woche meine Psychologin besucht habe, die mich zwei Jahre begleitet hat. Ich wollte sie wieder sehen.

Der erste Satz, den sie mit einem freudigem Lächeln zu mir sagte war: „Hey, du bist ja wirklich eine treue Seele!“
Sie meinte, sie hätte nicht damit gerechnet, dass ich tatsächlich den Kontakt halten werde. Tja, so bin ich eben. Menschen, die es mir wirklich wert sind, zu denen komme ich immer wieder zurück. Und das sehr, sehr gerne sogar. Egal was die Vergangenheit war. Es ist de Prägung, die es ausmacht.

Es war herrlich mit ihr zu quatschen. Ich habe sie auf den neusten Stand gebracht, der Besuch bei Sevin in Karlsruhe vor einem Jahr und wie ich mich daraufhin komplett verändert habe – als hätte sich ein Schalter umgelegt, mein erster Alkohol-Rausch und die darauf fast Vergewaltigung (ich bin ja so ein Glückskind, wirklich!), der Verlust meines Hundes, als ich dachte vor Schmerzen vor Trauer zu ersticken, zu zerbrechen, wie zeitgleich mein liebstes Pferd, Winora (eine unglaublich charakterstarke Araberstute) weg gebracht wurde und meine Oma in Ungarn starb, wie ich meine ganze Familie auf der Beerdigung kennen lernte und feststellte, wie toll sie alle sind. Dass ich das erste mal in Budapest war, obwohl mein Vater dort geboren ist. Zeitgleich erzählte ich ihr aber auch von der unvergesslichen Zeit in Ungarn (wie jedes Jahr), im Dorfe meiner Mutter und Großmutter (mütterlicherseits). Wie ich mir dafür Mogli, meinen wunderbaren, treuen Bommelpo geholt habe, nachdem mein Hund in Ungarn bleiben musste, wie sie mir erst weg genommen wurde und ich einen Zusammenbruch mitten auf der Straße erlitt .. wie ich sie mir wieder zurück erkämpfte und sie nun mit einem zweiten Kaninchen bei mir zu Hause lebt, Ich erzählte ihr von Paye, von Kora und nun schließlich von dem jetzigen Stand.

Es war großartig zusammengefasst alles zu erzählen ohne groß darhin herum zu popeln. Irgendwann allerdings kamen wir auf das Thema meiner ersten und entscheidenden Vergewaltigung mit 10 Jahren, die ich niemals als Vergewaltigung hatte betrachten wollen, bei dem ich mich bis vor wenigen Wochen erst nicht einmal im Traum daran gedacht habe, dieses Wort in den Mund zu nehmen. Ich fand das Wort Missbrauch schon nicht passend, weil ich mir ja immer sagte: ich hätte doch Nein sagen können. Er kann doch nichts dafür.

Nun.. ich schrieb hier ja auch, dass ich das irgendwie nicht als gefühlsverbunden wahrehme. Als wäre es kein Teil von mir, als wäre es mir nie passiert. Dass ich darüber erzählen kann, wie über ein Märchen in einem Bilderbuch.

Sie schüttelte in dem Moment den Kopf und meinte „Wie bitte?“, und lachte beinahe, „Als würdest Du von einem Bilderbuch sprechen, wirktest Du mir damals aber nicht.“

Ich, völlig entsetzt: „Nein? Ich könnte schwören, es wäre mir sehr leicht gefallen.“

„Leicht? Nein, Jessi. Du hast ja förmlich gebadet in deinem Schweiß und gezittert, als Du mir davon erzählt hast.“

Puh, ich war so perplex von dieser Aussage, dass ich erst mal nur fassungslos glotzen konnte. Ich habe tatsächlich ALL die Gespräche nicht mehr in Erinnerungen. Weg. Wie ausgelöscht. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, dass sie von der zweiten Vergewaltigung und den weiteren vier FAST-Missbräuchen wusste…. ich erinnere mich nicht einmal, wenn ich mich anstrenge.

Ich glaube, ich bin wirklich eine Meisterin im Verdrängen unangenehmer Dinge.

Aber rückblickend…. stimmt…. das ist glaube ich wirklich so.
Von allen meinen Erlebnissen, nehme ich irgendwie nur das positive mit … alles schlechte, was passierte, vergesse ich einfach…. als hätte es nie existiert. Komisch. So ist mir das noch nie bewusst aufgefallen.
Ich könnte sogar schwören, dass ich nach spätestens 4 Monaten nicht einmal mehr weiß, weshalb ich keinen Kontakt mehr zu Paye wollte etc.

Aber eigentlich ist das doch eine gute Eigenschaft, oder? Also ich meine, wenn man nur positive Erinnerungen mitnimmt.

Der Typ, der mir das mit 10 Jahren angetan hat…. ich bin letzte Woche erst auf ihn zu gerannt, als ich ihn in unseren Hof kommen sah (ich war ja zu Hause, wegen dieser dummen Grippewelle – und er wohnt ja immer noch im Block nebenan)…. Und ich habe ihn gefragt, wie es ihm geht, habe mich irgendwie gefreut, ihn zu sehen. Ich sagte sogar: „Hey, wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen! Wie geht es dir? Wir läuft es in deiner Arbeit?“

Okay, objektiv gelesen hört sich das schon echt fast krank an.

Welcher Mensch geht auf seinen damaligen Vergewaltiger zu, freut sich, empfängt ihn quasi mit offenen Armen? Bei mir muss ja irgendwas kaputt sein.

Aber das ist es halt… ich sehe ihn nicht mehr als Vergewaltiger, sondern als den 17-jährigen, sturzbetrunken Jungen, der einem Igel seine Kopfhörer aufsetzte und ihm unter Tränen gestand, wie sehr er in meine beste Freundin verknallt sei. Sehe ihn als den 20-jährigen, der mit mir darüber spricht, wie schlecht er sich als Jugendlicher gefühlt hat, weil er so dick war und im Nachhinein sogar eine Essstörung hatte (und bitte – das verstehe ich wohl besser als jeder andere…)

Diesen 15-jährigen Jungen, der mit einem 10-jährigen Mädchen im Keller schlief, obwohl sie es nicht wollte… den sehe ich nicht mehr. Den kenne ich einfach nicht…

Ist das seltsam?

Hm…. eine interessante Feststellung….

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2 thoughts on “…ich war mal anders, 18. März 2015

  1. Wow…. also erstens: Jamaica spricht mir aus der Seele.

    Es ist krass, wirklich krass! Das so zu lesen. Ich dachte nach, wie das wäre, wenn MIR das passiert wäre…. ich weiß nicht, ob ich jemals in meinem ganzen Leben damit abschließen könnte, aber du ..
    Das klingt jetzt vllt wirklich krank, aber manchmal, wenn ich deine Einträge lese, will ich einfach deinen Kopf aufschneiden, sehen, was du da für Bilder siehst, was du hörst oder denkst oder WIE du das machst mit dem… dass es so wäre, als wäre dieser Typ z.B ein alter Freund von dir. Das ist irre. Ich kenne keinen Fall (und ich kenne viele Frauen die Opfer eines Missbrauchs oder Vergewaltigung wurden), die das jemals so verarbeitet hätten.

    Eine Bekannte von mir las mal ein Buch über eine Frau, die nach ihrer Vergewaltigung auf einem kahlen, kalten Boden schlief, ohne Decke, weil sie sich nicht mehr als wert für so einen Luxus wie Bett o.ä. empfand.
    Krass, oder?

    Gefällt mir

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