…Herzensheimat, 30. März 2015

Das Essen steht bei mir mal wieder auf Punkt 1 meiner Liste der Dinge die mich am meisten beschäftigen. Klar, es läuft nur nebenbei, aber dafür ist es ja eben umso schlimmer. Das erste was ich am Tag mache, ist auf die Toilette zu laufen, um mich gleich danach zu wiegen. Ich verstehe nicht, warum mich dieses Ungeheuer wieder so im Griff hat. Es geschieht einfach. Und es ist wie damals: wenn ich mich mal nicht wiegen kann / vergesse (ja, zum Glück vergesse ich es auch mal!) dann bin ich völlig fertig mit den Nerven. Es ist, als würde mir mein aktuelles Gewicht sagen, was ich am Tag essen darf und was nicht. Heute habe ich es zum Beispiel schon wieder vergessen. Und demnach habe ich keine Ahnung, was ich essen soll. Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich zwar, dass ich keinen Bauch habe… natürlich sehe ich das. Aber wenn ich jetzt sitze und schreibe, habe ich das Gefühl, ich quill über. Ich frage mich nur: woher, gottverdammt, kommt das?
Nun… ich versuche mich nicht zu sehr darauf zu versteifen.
Ich habe gestern mit gefrühstückt. Zwei von diesen kleinen Fitnessbrötchen (ich habe die Kalorien nicht mitgezählt, auch wenn ich oft kurz davor war). Es waren wirklich nur zwei davon aber ich hatte auf einmal den Rest des Tages das Gefühl kotzen zu müssen, wenn ich nur an Brot / Semmeln insg. alles mit Mehl gedacht habe.

Heute habe ich vergessen, Essen mit in die Arbeit zu nehmen. Mein Geld nehme ich schon extra nicht mit, weil ich das nicht unnötig für Essen ausgeben möchte. Jetzt bin ich bis fünf in der Arbeit und habe nichts zu essen.
Aber mal ganz abgesehen davon, habe ich noch keinen Hunger (was auch nicht gerade positiv ist). Mein Hungergefühl ist auch wieder total seltsam. Bis vor zwei Wochen, als ich noch (für meine Verhältnisse) normal gegessen habe, hatte ich innerhalb von 3-5 Stunden wieder Hunger. Nach der Betreuer-Aktion á la „Ihr seid zu spät zum Abendessen gekommen also könnt ihr schauen, wo ihr euer Essen her bekommt“, wo ich 21 Stunden ohne Essen ausgekommen bin, habe ich einfach kein Hungergefühl mehr. Oder jedenfalls ein sehr gestörtes.
Ich weiß, es ist nicht gut. Aber ich kann nichts dagegen tun. Ich muss so anfangen wie damals. Mich mit Gemüse und Obst satt essen, damit ich so auf gesundem weg (ohne dass ich ein zu schlechtes Gewissen habe oder mir schlecht wird) wieder zu meinem Hunger-Rhythmus zurück finde.

Aber Thema beiseite. Das wird schon wieder (hoffe ich).

Ich habe gerade festgestellt, dass es nur noch 5 Monate sind, bis ich wieder in Ungarn bin. Einerseits freue ich mich so sehr, dass mein Herz lacht. Andererseits aber habe ich Angst. Ich habe Angst davor, Lychee zu sehen. Keine Angst davor, dass er mich nicht wiedererkennt (das wird er zu 1000%). Aber Angst davor, dass der Schmerz, ihn dann nach 2 Wochen wieder zurück lassen zu müssen ….. wieder so unbeschreiblich groß ist. Ich habe es einfach nicht ertragen und das war das erste Mal nach langer Zeit, dass ich fast (!!!) schon wieder dem Tod nachsehnte. Ich dachte, ich würde das nicht überleben: und davor habe ich Angst. Ich habe auch angst dort fast jeden erdenklichen Tag zu weinen. MEINEN Hund zu sehen, ihn zu lieben, aber mir jedes Mal aufs Neue klarmachen zu müssen: Wach auf, Das. Ist. Nicht. Mehr. Dein. Hund!
Manchmal, so furchtbar das auch klingt, wünschte ich, er wäre einfach an Altersschwäche gestorben (was mit 5 Jahren sehr unwahrscheinlich ist). Aber dann wüsste ich wenigstens, dass es keine Möglichkeit gibt, ihn bei mir zu haben, dass er tot ist und dass… ja, er eben WIRKLICH weg ist… und nicht nur bei einer anderen Familie, 1200 km von mir entfernt. Es reißt mir das Herz aus der Brust.
Eigentlich will ich ihn nicht wieder sehen. Die Angst davor ist zu groß. Wie viel einfacher wäre es, ihn einfach zu vergessen, wie so vieles, was ich vergesse. Das würde alles so viel angenehmer machen. Aber ich kann auch nicht darauf verzichten. Ungarn ist mein Zuhause. Ich bin da groß geworden. Dort lebt meine Familie, die Umgebung, das Dorf, der Fluss… das alles sind Dinge, die ich herzlich liebe. Ich meine vollkommen. Es erinnert mich an … Vollkommenheit. Und obwohl nichts mehr so ist wie früher (weil so viele Menschen gestorben sind und wegen Dingen, die ich nun mitkriege, die man mir als Kind verschwieg – Nachbarschaftsstreit z.B.), liebe ich es immer noch dort zu sein.
Es ist einfach mein Leben.
Nicht die Großstadt. Nicht die Partys, die jedes Wochenende stattfinden. Klar, macht es hin und wieder Spaß und ist eine Abwechslung. Aber es ist einfach nicht dasselbe.
Egal wie sehr ich mich an meine Lebensumstände anpassen kann, mein Herz wird ewig für das Land, das Grün, die frische Luft (oder auch mal dem Güllegestank), die Tiere und die alten Gartenhäuschen schlagen.
Ich kann mich nur an Orten wohlfühlen, wo ich sehe, dass sich auch Tiere wohlfühlen.
Städte sind keine Plätze für Tiere.
Da sehe ich auch keine Ausnahmen.

Ich freue mich unendlich auf die warmen Tage unter dem Haselnussbaum in unserem Garten. Die Abende, wenn die ganze Familie bei uns im Garten sitzt (wir leben quasi den ganzen Tag im Garten. Wir sind nur unterm Dach, wenn es stark regnet / stürmt oder schlafen), mit leise Musik, die an alte Zeiten erinnert (Ich tanzte als Kind immer auf den Armen meiner verstorbenen Tante und meinem Onkel bis in die Nacht, wir saßen da, brieten Speck über Lagerfeuer und ließen das Fett auf Brot tropfen, welches wir mit Gemüse – ich habe es vorzüglich mit roten Zwiebeln geliebt! (heute hasse ich Zwiebeln!) – aßen, die Erwachsenen lachten, tranken, redeten, wir Familienkinder spielen auf der leeren, langen, breiten Straße, fuhren Fahrrad (bis zum Haus der Schwägerin meiner Oma und wieder zurück), setzten uns auf ein kaputtes Skateboard und schubsten uns an, wir sprangen über die Gräben, fingen Frösche und erschreckten die Frau vom Cousin meiner Mama, weil Rita furchtbare Angst vor Fröschen hat.)
Ja, das alles sind Erinnerung, die mir das Herz erhellen.
Heute ist nichts mehr so wie früher. Es sitzen nicht mehr so viele Leute bei uns im Garten, aber trotzdem ist immer jemand da. Wir tanzen nicht mehr ausgiebig, genauso wenig, wie wir schallend lachen und wir „Kinder“ singen. Aber wir sitzen da, unterhalten uns, frühstücken gemeinsam, machen gemeinsam Abendessen und genießen das Beisammensein. Und auch wenn nichts mehr so leicht und sorglos ist wie es mir früher immer schien… trotzdem ist es noch der schönste und geborgenste Ort, den ich kenne – und der wird er auch immer bleiben!

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3 thoughts on “…Herzensheimat, 30. März 2015

  1. Ich denke nicht, dass Du solch eine große Angst vor dem Wiedersehen mit deinem Hund haben solltest. Viele Dinge kann man erst wirklich abschließen, wenn man sich mit ihnen konsequent auseinander setzt. Du schriebst irgendwo mal, dass Du Dich damals nicht von Deinem Hund verabschieden konntest/wolltest. Das ist verständlich und nachvollziehbar.
    Allerdings solltest Du Dir die Zeit geben, Dich bis Dato zu sammeln und den Urlaub in Ungarn auch als Schritt eines ausgiebigen Abschiedes zu sehen. Verbringe Zeit mit Deinem Hund, habe Spaß, liebe ihn, und weine, wenn Du weinen musst. Das wird Deine Seele ein Stückchen befreien.

    Hab keine Angst vor Trennung und Verlust. Lychee geht es (nach Deinen eigenen Aussagen!) sehr gut in diesen neuen Händen. Hoffentlich wirst Du das selber sehen und Dich überzeugen können Vielelicht macht diese (sichtliche!) Tatsache alles etwas einfacher.

    Ansonsten: es ist wohl noch zu früh, um Dir eine schöne Zeit zu wünschen. Aber dennoch möchte ich Dir sagen, dass Du sie nutzen solltest. Es ist DEIN Urlaub, es ist DEINE Zeit.

    Auch So Dauer-Denker wie Du brauchen mal Zeit zum Abschalten ;o)

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