…Ort der Vergangenheit, 09. April 2015

Am Sonntag war ich mit Kora bei ihrer Familie. Ich liebe diese Menschen. Ich weiß nicht warum. Aber ich fühle mich akzeptiert und aufgenommen von ihnen. Ihre Schwester ist komplett straight. Sie sagt was sie denkt – ohne Umschweife.
Ihr Bruder ist still und beobachtet. Er ist der jüngste der Familie, wenngleich neun Jahre älter als ich. Ich mag ihn. Wegen seiner Ruhe.

Die Mama sitzt meistens am Esstisch in diesem riesigen, freien Raum und raucht ihre Zigarette oder steht in der Küche, kocht oder macht Kaffee. Ich habe das Gefühl, sie beobachtet und sagt nur das Nötigste. Oder ab und zu ein kleiner Scherz am Rande. Der Vater .. ich weiß nicht genau, ihn zu beschreiben oder warum ich ihn gerne mag. Er ist vielleicht ein Vater, den ich mir so oft gewünscht hatte. Ein Vater, der häufig den Charakter des Vaters meiner Hauptrolle in meinen Geschichten bekommt. Er ist ruhig, klug und wachsam. Er redet wenig, ist aber permanent bei Gesprächen dabei, selbst wenn man ihn nicht hört, man weiß, er nimmt teil. Und er würde einfach alles für seine Familie tun.

Ich glaube, ihre Familie kann mich ganz gut leiden. Jedenfalls behauptet Kora das. Und ich bin ja jetzt auch kein Empathie-Tölpel. Jedenfalls würde ich mal behaupten, dass ihre Einstellung mir gegenüber sehr loyal und willkommen scheint.

Sie sind freundlich zu mir, und ich habe bisher von niemandem eine unangenehme Botschaft einstecken müssen.

An diesem Ostersonntag, an dem wir zum Brunch eingeladen waren, wollte Kora zum Friedhof ihre Großmutter besuchen. Auf dem Weg dahin fragte ich in die Stille hinein: „Ist der See in der Nähe?“ Wir hielten gerade in der Altstadt an einer Ampel. Sie sah kurz nachdenklich aus dem Fenster. Als würde sie sich gerade an die Fahrt von damals erinnern. Sie nickte und als wir an der Ampel links bogen, deutete sie zur Straße geradeaus, die die Altstadt verließ. Ich war überrascht, dass mir mein Bauchgefühl so recht gegeben hatte. „Ungefähr zehn Minuten“, hatte sie noch gesagt.

Es war nicht abgemacht, dass wir den Ort besuchen. Nicht nach zwanzig Jahren, nicht das erste Mal seit dem Verbrechen, das dort geschah. Und doch landeten wir dort. Es war ein Kieswerk. Dort etwas abseits ein See. Verborgen von hohem Schilf. Es war ruhig, leer. Irgendwie total harmlos und unschuldig. Ich fragte sie, wo genau es passiert war. Wo dieser Bastard sie festgehalten hatte.

Es war auf öffentlicher Straße. Links, rechts und hinter uns Schilf. Der Boden aus Sand und Kies. Es waren nur noch wenige Kieshügel zu sehen. Sie sah sich um und ich spürte, wie verwirrt sie war. Als ich fragte, was los sei, sagte sie: „Es sieht ganz anders aus.“ Sie sprach leise, als könnte man uns hören. Sie drehte sich ein paar mal um ihre eigene Achse. Machte ein paar Schritte vor, ein paar Schritte zurück. Ich glaube, ich stand in ihrem Kopf gar nicht mehr neben ihr. Sie drehte sich wieder ein paar Mal „Hier“, sagte sie und tippte mit dem Fuß auf den Boden.

Ich ging die fünf Schritte, die sie noch gelaufen war, auf sie zu und sah mich um. Es war ein kalter Ort. Ich erinnerte mich an ihre Geschichte, die sie mir erst vor kurzem wirklich detailliert (für mich war es detailliert genug!) erzählt hatte. Als wäre es gerade passiert, starrte ich auf den Boden und suchte nach dem Blut des damals zehnjährigen Mädchens. Aber es war Schwachsinn. Dieses zehnjährige Mädchen stand neben mir. Und sie war dreißig. „Wo hat sich *Vallerie versteckt?“, fragte ich sie, nach langem, betretenen Schweigen. Wieder drehte sich Kora mehrmals um ihre eigene Achse, machte fünf Schritte zurück, drei Schritte vor, drehte sich wieder. Ich folgte ihrem Finger. Sie zeigte in Schilf „Da.“ Sie runzelte die Stirn und sah sich nochmal um. Zeigte einen halben Meter weiter „Irgendwo dort.“

„Und von wo ist er gekommen?“, fragte ich.
Sie ging wieder zur Stelle des Grauens. Sie deutete zwischen zwei niedrige, aber große (von der Breite und Fülle her!) Kieshügel. Ich runzelte die Stirn und sah zum See, das verlassen, wirklich in Sichtweite links vor uns lag. „Und dort waren die Leute schwimmen?“ Kora nickte.
„Aber da sieht man doch locker hierher.“
Sie schüttelte den Kopf. Mehrmals. „Nein… nein, es ist anders. Der Hügel war viel höher.“ Sie deutete ungefähr die Höhe eines Hauses, „Und das Schilf“, sie machte eine Handbewegung, als würde sie auf einer Schallplatte herumdrehen, „Es war überall. Und mehr.“ Ich sah mich um und sah links vom niedrigen Kieshügel, welches in meinem Kopf jetzt aber hoch war wie ein Haus, ein wenig Schilf aus dem feuchten Sandboden wachsen. Auch das sah ich in meinem Kopf nun hoch und dicht. Es wäre unmöglich gewesen, vor zwanzig Jahren, an diese Stelle zu blicken.
„Ist der Ort hier immer so verlassen?“
Kora schüttelte den Kopf. Über ihre Lippen wich ein bitteres Grinsen. Es machte mir beinahe angst. „Auf diesem Kieshügel waren immer viele Menschen. Sie sonnten sich dort.“
Mir wurde wirklich schlecht bei dem Gedanken. Von dort oben hätte man alles gesehen.
„Kinder oder Erwachsene?“
„Eher Erwachsene“, erinnerte sich Kora. Mir drehte sich der Magen um.
„Haben sie dich gesehen?“
Sie schwieg kurz und sagte dann: „Ich weiß es nicht.“
Aber sie hätte mir sagen können, was sie wollte. Diese Menschen, die auf dem Kieshügel saßen und sich sonnten, hatten gesehen, wie ein zehnjähriges Mädchen von einem krankhaften, pädophilen Mistkerl vergewaltigt wird. Und sie haben nichts gemacht. Gottverdammt, NICHTS. Sie haben weggesehen. So wie sie alle weggesehen hätten, als der Typ mich am Bahnhof vor einem halbe Jahr beinahe so weit hatte. Selbst als ich ihn von mir schubste und laut genug schrie, er solle die Finger von mir lassen. Haben die Menschen auch nur den Kopf in meinem Richtung bewegt? Nein. Sie hatten gekonnt weg gehört. Und damit sind sie kein Stück besser als all die anderen pädophilen Schweine, die es auf dieser Welt gibt wie Bazillen. Genau diese ignoranten Gesichter dieser feigen Menschen sehe ich auf diesem Kieshügel, während ein zehnjähriges.Mädchen.blutig.gefickt.wird. Ich bin so voller Hass. So voller Hass auf die willig blinden und tauben Menschen, die es auf dieser Welt gibt.

Als wir auf dem Rückweg im Auto saßen, war ich diejenige, die heimlich Tränen vergoss. Weil ich die Menschheit niemals verstehen werde. Weil ich sie nicht verstehen will. Und weil ich am liebsten niemals ein Teil von ihnen geworden wäre. Weil ich keiner von ihnen sein will.

Es ist zu traurig.
Zu grausam.
Zu kaputt.

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3 thoughts on “…Ort der Vergangenheit, 09. April 2015

  1. Ich verfolge jetzt schon eine Zeit lang Deinen Blog und es überrascht mich immer wieder, wie gefasst, detailliert und präzise du schreiben kannst. Du vermittelst deine Gefühle unfassbar gut. Beim Lesen dieses Eintrages hatte ich Tränen in den Augen, und ich kann Dir sagen, dass ich kein Kind der großen Worte bin, geschweige denn, dass ich nah am Wasser gebaut sei. Aber Du hast es geschafft die Verdorbenheit dieser Welt in wenige Worte zu fassen.

    Ich unterstreiche jeden geschriebenen Buchstaben genau so, wie sie da stehen. Jene gewollt blinden und tauben Menschen sind kein Stück besser, als der Peiniger selbst. Die Welt ist grausam – dito. Die Menschen kaputt – touche

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  2. Menschen waren schon immer blind und feige. Das hat nichts mit dem Zeitalter zu tun, wie man sieht.
    Ob es nun die 50er, 80er, 90er oder das 21. Jahrhundert ist…. und ich bezweifle, dass es sich jemals ändern wird.

    Du bist ein tapferes Mädchen.

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  3. Du brauchst dir keine Gedanken um das Nicht-Handeln, Nicht-Sehen, Nicht-Hören der Menschen zu machen. Das ist vergeudete Zeit und du wirst es nicht ändern können. Somit eine sinnlos vergeudete Zeit. Wie oft ich mir doch wünschte, dass man die Welt mit bloßen Gedanken bessern könnte, doch so ist es nicht.

    Was deiner Freundin passiert ist, muss ein schweres Trauma gewesen sein und es bestätigt, dass solche Dinge eben leider nicht nur im Fernsehen passieren, sondern sie eine gottverdammte Wahrheit darstellen, die jedem passieren kann und der jeder hilflos ausgesetzt sein könnte.

    Die interessante Frage hier wäre: war es nun gut, dass der Ort so verändern aussah, oder wäre es besser gewesen, er hätte noch ausgesehen wie vor 10 Jahren?

    Die Antwort liegt in den Sternen – und dem Kopf oder in der Tiefe der Seele von Kora.

    Ich wünsche euch beiden nur das Beste und viel Kraft und Liebe .. die Welt kann nur besser werden, wenn man sie mit anderen Augen sieht.

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