Wie die Zeit vergeht…..

Wie sehr ich meine Geburtsstadt nicht leiden kann! Sie ist grau, trüb, hässlich, laut, unfreundlich, kalt – und das selbst bei Hochsommertemperaturen.
Trotzdem zieht es mich immer wieder dorthin zurück.  Warum? Meine Familie.
Jeden Sonntag (na ja, fast jeden), sind wir bei meinen Eltern zu Besuch zum Mittagessen. Kora liebt die Ungarische Küche – ich hasse sie. Viel zu fettig, viel zu viel Fleisch. Nur wenige Gerichte können mich beeindrucken.
Jedes Mal, wenn wir den Innenhof betreten, werde ich wehmütig. Ich sehe mich um, betrachte die trockene Wiese, die früher immer so strahlend grün war, auf der *Cleo und ich als Kinder fangen gespielt hatten. Im Winter spielten wir Heidi, weil wir diese Kräuter, die sie in den Bergen in der Serie damals gesucht hatte, in unserem Hof entdeckt hatten. Cloe spielte Heidi, und ich war Schnucki (oder wie das Zicklein auch immer hieß). Ich grub mit meinen Händen diese Kräuter frei, die mit 20 cm hohem Schnee bedeckt waren.
Im Sommer breiteten wir die Decken auf der Wiese aus, nahmen unsere  vielen, vielen Stickeralben mit und dealten wie professionelle Händler mit zwei Nachbarskindern, von denen eine im Rollstuhl saß und etwas geistig behindert war. Wir fuhren mit unsere Fahrrädern um die Blocks, spielten, es wären Pferde.
Wir schaukelten „bis in den Himmel!“ und sangen Lieder, da wir uns einbildeten, dann würde die Sonne scheinen. Wir versteckten uns unter der Tischtennisplatte, wenn wir Flugzeuge hörten, weil wir zusammen einen Kriegsfilm gesehen hatten, und uns nun immer einredeten, sie könnten Bomben werfen.
Wir sammelten Schnecken an Regentagen, spielen Mutter, Vater, Kind und backten köstliche Kuchen aus feuchtem Sand, Erde und frischen Blättern. Ich habe mein Leben als Kind geliebt, auch wenn es nicht immer einfach gewesen ist.
Schon gar nicht, als *Roja eines Tages zu uns zog. Sie wohnte im Block neben unserem Innenhof. Roja war drei oder zwei Jahre jünger als ich, und zog dort ein, als sie acht war.
Cleo und ich kannten uns seit ich zwei bin. Das heißt, heute seit sechzehn Jahren. Wir waren unzertrennlich, doch als Roja kam, fingen die traurigen Zeiten an. Es stimmt nunmal: Drei sind einer zu viel.
Es tat weh zu hören, dass man eine fette, hässliche Kuh ist (ich war wirklich nur bedingt ein schlankes Wesen. Wirkich nur bedingt…) und eine pure Schönheit war ich auch nicht gerade.
Trotzdem war meine Kindheit toll. Ich liebe sie und vermisse sie…
Wenn ich in diesem Innenhof stehe und sehe, wie leer er ist, wird mir ganz schwer ums Herz. Die „Kleinen“ sah man kaum noch draußen. Und „meine Kleinen“ kann ich sie auch schon lange nicht mehr nennen. Sie waren wie Geschwister für mich. Es macht mich tieftraurig. Die Erinnerungen, die mir in den Kopf springen… die Gemeinschaft vor noch gar nicht so langer Zeit. Bis vor vier Jahren saßen wir noch alle in dem Hof auf der Tischtennisplatte. Sieben Kinder, Cleo und ich, mein beste Freund Finn, den ich seit der ersten Klasse kenne und der mich immer noch treu begleitet. Ich erinnere mich an das quietschfröhliche Lachen und Blödeleien der sechsjährigen *Jasmin, an ihre siebenjährige Schwester *Vivien, die Jasmin so furchtbar kindisch fand und deshalb immer die Augen in meine Richtung verdrehte. Dann erinnere ich mich an *Bella, die ebensoalt war wie Jasmin und immer schüchtern lächelnd im Hintergrund war und auf ihren kleinen Bruder *Dennis aufpassen musste… Wir waren wie eine Familie. Saßen an warmen Tagen zusammen auf der Tischtennisplatte (die im Übrigen nie zum Tischtennisspielen verwendet wurde), mit einer Decke und Buntstiften. Wir Großen malten den Kleinen Blumen, Bäume, Häuser oder Figuren. Als Dankeschön malten sie uns. Wir teilten uns Eis, gingen zusammen „shoppen“, machten unzählige Fotos und Videos, lasen gemeinsam Bücher oder verkrochen uns nachts unter der Tischtennisplatte und erzählten uns Gruselgeschichten – bzw. die Kleinen erzählten UNS Gruselgeschichten, indem sie ganz professionell eine Taschenlampe unter das Gesicht hielten. Es gab auch wilde Tage, an denen wir (mehr oder minder freiwillig), mit den Kleinen „Eins, Zwei, Drei, Ich bin frei“ oder „Räuber und Gendarm“ spielten. Dann gab es aber auch Tage, an denen wir einfach gemeinsam auf der Bank saßen und nichts taten. Einfach nur die Gemeinsamkeit genossen.
Ja…. das alles ist Vergangenheit. Es ist Vergangenheit, wie ich dann um zehn Uhr abends mit Bella, Vivi, Jasmin und Dennis das Gebäude betrat (wir wohnten alle im selben Haus). Ich vermisse den Geruch unseres Treppenhauses, vermisse den Duft, wenn ich die Tür zu Hause öffne, der mich an Zuhause erinnert. Ich vermisse diese warmen Lichter, das Plaudern des Fernsehers, das Begrüßen meines Hundes…… ich vermisse, wie ich ohne ein Wort in MEIN Zimmer gehe, die Tür schließe und mich aufs weiche Bett werfe. Ich vermisse den Duft der frischgewaschenen, weißen Tagesdecke. Ich vermisse auch, wie ich meine Eltern draußen immer von der Küche zurück in das Wohnzimmer laufen hörte, vermisse es, wie mein Hund immer wieder an meiner Tür stand und raus und rein wollte, vermisse es, vor dem stummgeschaltenen Fernseher einzuschlafen… Es fehlt mir, in meinem Bett zu legen und vor dem Schlafen gehen in mein Tagebuch zu schreiben, in Gedanken zu schwelgen oder kurz vor Mitternacht meinen kleinen Hund zu packen und einen langen Spaziergang unter’m Sternenhimmel zu machen….
Als wir gestern bei meinen Eltern zum Essen waren, ging ich in mein Zimmer, ließ Kora und meinen Vater auf dem Balkon alleine quatschen… dort legte ich mich auf den Boden auf den weißen Teppich, atmete den vertrauten Duft von Heimat ein und verschwand vollkommen in einer anderen Welt – in der Vergangenheit – und dachte über genau die Dinge nach, die ich hier gerade aufzählte….
Immer wieder muss ich mir einreden, dass ich noch so fürchterlich jung bin und es so viel Neues und so viele Umbrüche in meinem Leben geben wird, trotzdem kann ich mich von meinem Selbstmitleid nicht losreißen… Aber vielleicht ist das normal. Vielleicht ist das okay, einfach mal tieftraurig in Erinnerungen zu schwelgen….
Es ist vielleicht einfach ein großer Batzen, der auf mich zukommt: ich muss immerhin ein Zuhause finden. Und sowas ist schwerer, als ich mir vorgestellt habe. Ich kann nicht einfach Räume einrichten, wie sie mir gefallen. Es kann noch so gemütlich aussehen, noch so warm und willkommen wirken…. dieses Gefühl „Zuhause“…ich weiß nicht, wie ich es umsetzen soll. was soll ich tun, um mich wirklich Zuhause zu fühlen?……. Mein Traum wäre ein kleines, angemietetes Haus. Unten ein nicht zu großes Wohnzimmer, dann eine Treppe die von dort nach oben zur Küche, zum Bad und zum Schlafzimmer führt. Es ist kein großer Anspruch. Eine Zweizimmerwohnung mit einer kleinen Terasse und einem noch kleineren Garten. Es ist zu schaffen. Es ist nicht einmal teuer, hier auf dem Land. Aber ich weiß, dass selbst das nach hinten losgehen kann, und ich mich trotz allem nicht Zuhause fühlen kann.
Vielleicht muss ich mir aber auch bloß selber Zeit geben? Mich ankommen lassen? Wie lange dauert Ankommen? Ein Jahr? Zwei Jahre? Zehn Jahre? Wann erlebe ich wieder das Gefühl, eine Tür zu öffnen, eine Wohnung zu betreten und DAS zu fühlen, was ich damals immer fühlte, wenn ich unsere Wohnung betrat? ….
Vielleicht brauche ich wirklich einfach Zeit… vielleicht wird es einfacher, wie Kora schon immer sagt, wenn ich mit meiner Ausbildung fertig bin und wir wirklich endlich zusammen wohnen……

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2 thoughts on “Wie die Zeit vergeht…..

  1. Liebe Abeo,

    glaube mir, das ging / geht bestimmt jedem so, der auszieht und eine neue Wohnung / ein Haus sucht. Es ist nicht so einfach, wie man denkt…. Es ist nicht damit getan, dass man das Traumhaus gefunden und eingerichtet hat. Es ist das Leben, das dort einkehren muss, die Heimeligkeit, die Geborgenheit, die Wärme. Ich verstehe dich. So ging es mir damals auch. Ich weiß noch, als sei es gestern gewesen – und das ist mittlerweile sicher 20 Jahre her – wie einsam und leer sich eine neue Wohnung anfühlt (selbst mit Partner! Denn auch ich war zu dem Zeitpunkt in einer Beziehung ;-)). Aber glaube mir, diese Rastlosigkeit wird sich schnell legen, wenn du dein Zuhause gefunden hast. Es dauert sicher ein bis zwei Jahre, bis du dich so fühlst, wie in deinem „Elternhaus“…. Aber denk positiv. Sieh es so: Jetzt bist DU der Mensch, der sich sein eigenes Leben aufbaut. Hallo? Du ziehst in deine erste eigene Wohnung! Sei stolz auf dich und die ganzen Jahre, die verstrichen sind. Darauf, dass du nun unabhängig bist, deine eigene Herrin sein kannst. Zerbirch dir nicht den Kopf. Du findest schon dein Zuhause!

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  2. Hallo Kleines,

    du findest schon deinen Platz, da bin ich mir sicher.
    Ich kann mich Sonnenaufgang nur anschließen.
    Zerbrich dir nicht den Kopf, es geht fast jedem Menschen so, wenn er auszieht / umzieht.
    In ein Gebäude muss erst Leben einkehren. Leben und Gewohnheit. Das dauert eben eine Weile.

    Alles erdendklich Gute!

    A.

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