Ein Lebenszeichen von Lejla…… 07. Aug. 2015

Oh. Mein. Gott!
Ich konnte es beim besten Willen nicht glauben! Wirklich nicht!
Ich habe ja erzählt, wie sehr mir Leyla fehlt. Wie sehr mir ihre Stimme fehlt, ihr Lachen, ihr Seufzen! Wie sehr mir ihre stützenden Worte fehlen…. Es gibt so häufig Tage, an denen ich an sie denke, an denen ich hoffe, das Telefon würde klingeln, und ihre Stimme wäre an der anderen Leitung.

Seit ungefähr einer Woche bin ich wieder im Mainchat unterwegs. Es ist entspannt. Viel entspannter als vor vier Jahren. N*E* ist auch noch in dem Chat. Ein User, mit dem ich damals oft über Leyla geredet habe … wir schreiben nicht viel, manchmal auch nur sehr Belangloses, aber er ist so gemütlich. Ein vierzigjähriger Bibliothekar in einer Grundschule. Sowohl kognitiv, als auch intellektuell ist er superfit und selbst diese total banalen Gespräche machen mit ihm Spaß. Es gibt keine Zeideutigkeiten. Er ist komplett straight. Sowas mag ich an Menschen. Klar, Zweideutigkeit oder Wortspielchen machen schon auch Spaß, aber nur mit den richtigen (und wenigen) Leuten.

Lejla treffe ich in diesem Chat schon seit Langem nicht mehr an. Immerhin ist sie meistens erst zwischen 22:00 Uhr und 00:00 Uhr online, wo ich schon längst in einer Traumwelt versunken bin.

Ich war mir nicht mehr sicher, ob sie meine E-Mails noch erhält, weshalb ich, wenn ich ihr hin und wieder mal schrieb, es viel eher als… Tagebuchschreiben empfand…. Selbst wenn ich mir nicht sicher war, ob sie meine Mails las, erleichterte es mich ein wenig…

Vor drei Tagen war ich also wieder im Main und dachte mir: „Hm, wenn ich mir nicht sicher bin, ob sie ihre E-Mail’s noch checkt (sie hat ja eine Fake-E-Mail-Adresse, für Leute, die sie nicht privat kennt), dann kann ich ihr doch einfach über den Main eine Mail schreiben.“
Ich war mir irgendwie sicher, dass sie diese dann bestimmt erhält und liest. (Wenn man eine Mail im Mainchat bekommt, wird das beim Login angezeigt).

Einen Tag darauf ging ich wieder online. Ich schrieb ihr:

Hallo Leyla,

ich weiß nicht, wie ich dich anders erreichen kann. Ich weiß ja nicht, ob deine E-Mail Adresse noch stimmt… ich weiß nicht, ob du meine Mails erhältst oder nicht.
Unfassbar, wie nervös ich bin, dir zu schreiben. Hab das Gefühl, mir flattert das Herz gleich aus dem Mund.
Puh…. es ist komisch, dir zu schreiben – also so, dass ich weiß, dass du es auch wirklich erhältst. Seltsamerweise fiel es mir 1000x einfacher, als ich mir NICHT sicher war, ob du es jemals wirklich liest… komisch. Wie ein Tagebuch.

Ich wohne seit dem 21.05. alleine. Ich bin aus der Wohngruppe ausgezogen. Es wurde mir zu eng, zu bedrückend, zu …. gefangen.

Ich bin erwachsen (ich weiß, in manchen Fällen noch nicht so ganz), aber doch, größten Teils bin ich erwachsen. Meine Lebenseinstellung hat sich von 0 auf 100 geändert. Ich schließe gerade mit so vielen Sachen ab (unter anderem mit dir – mal so, mal so).
Ich werde noch von einem Betreuer begleitet (mit dem Essen funktionierts ja noch nicht so blühend) Die Wohnung, in der ich bin, wird vom Jugendamt gezahlt. Ich kriege Nebenkosten, Verpflegsgeld und Taschengeld. Es ist alles gut. Es ist alles schön. Irgendwie….

Eine Beziehung ist anstrengender als ich gedacht hatte… Monogamie ist wohl nicht ganz so mein Ding… bzw. … eigentlich schon. Ach, weiß Gott…. Es ist halt anders. Ich sehe meine Freunde kaum noch (das habe ich ja so schon sehr selten, als die ganze Scheiße mit den Klinikaufenthalten losging usw.), aber jetzt sehe ich sie wirklich fast GAR nicht mehr.
Finn ist derjenige, den ich noch hier und da mal treffe (er ist ja schwul und daher auch in der Szene unterwegs) – mit seinem Freund, R*; sie sind ein zuckersüßes Paar, aber Finn ist ein überaus dreister Lügner (hätte ich nie von ihm gedacht!!), trotzdem ist er mein Bester.

*Sam ist und bleibt stockhetero. Es ist unglaublich, dass sie so eine extreme Tussi ist – ist sie wirklich – eine Bilderbuch-Tussi, aber sie ist meine Freundin. KOmisch… wirklich komisch… dass ICH mich mit solchen Menschen verstehe… aber ich kenne sie nunmal acht Jahre….

Cleo sehe ich so gut wie gar nicht mehr 😦 Sie fehlt mir. Aber mir fehlt so gut wie alles aus der alten Zeit.
Ich habe letztens sehr, sehr alte Videos gesehen, von den „Kleinen“… uns… hachja…
Komisch, wie schwer mir wird, wenn ich dieses Video sehe…. Es war alles so leicht… und dann, ganz lächerlich, steht da: „Forever & always“… nichts hält für immer.
Die „Kleinen“ sind nämlich mittlerweile 11 und 12 und ganz und gar nicht mehr so süß und klein, wie vor vier Jahren.

 Bei meinen Eltern bin ich auch nur noch zu Besuch. Jeden Sonntag (sofern möglich) zum Essen.
Erst letzten Sonntag lag ich in meinem Zimmer auf dem weißen Teppich, und dachte vor Sehnsucht zu zerplatzen. Wie seltsam sich das anfühlt… irgendwie… rastlos.
Ich betrete unsere Wohnung, rieche diese vertrauten Düfte, die mich Siebzehn jahrelang begleitet hatten, höre das leise Plaudern des Fernsehers im Wohnzimmer, betrete MEIN Zimmer, rieche die frische Tagesdecke auf meinem Bett, sehe die hübsche Pflanze, wie sie gewachsen ist und sich um mein Zimmer schlängelt. Mogli (meine „Kaninchen“dame) ist unglaublich groß geworden. Ich glaube, mir wurde ein richtiger Hase untergejubelt. Sie ist mittlerweile so groß wie meine Katzen. Und wunderschön!

 Ich……. mir fehlt die alte Zeit.

DU fehlst mir… irgendwas an dir war immer mein Zuhause.

Weißt du, was unheimlich ist?
Ich habe nicht bemerkt, wann du gegangen bist. Da ich ja weiß, dass du manchmal einen Monat gebraucht hast, bis du antwortest, dachte ich mir nichts dabei… erst nach drei Monaten fing ich an, mir Gedanken zu machen. Und jetzt, nach einem halben Jahr erst, wird mir klar, dass du wirklich weg bist.

Manchmal ist es unerträglich.
Manchmal denke ich nicht einmal an dich.
Manchmal allerdings kommen mir aus dem heiteren Nichts Erinnerungen und ich muss weinen. Ich weiß nicht, mit was ich die Tränen verbinden soll… ist keine direkte Trauer… du fehlst mir einfach. Es ist fast so, als hätte ich mit meinem Anderswerden alles zurück gelassen.
Ich glaube, ich bin in so einer komischen Umbruch-Phase…
Das erste Mal in meinem Leben fühle ich mich WIRKLICH wie eine Erwachsene.
Die Arbeit, der Freizeitstress (putzen, kochen, einkaufen, Freunde unter einen Hut bekommen, Familie nicht vernachlässigen)…

Seit diesen hohen Temperaturen bin ich nicht mehr in der Szene unterwegs – keine Partys, kein Alkohol. Ich weiß nicht, es reizt mich einfach nicht mehr. War wohl ein kurzer Erfahrungs-Rausch….
Alkohol trinke ich auch deshalb nicht, weil ich wieder abnehmen möchte.
Nicht, dass ich dick wäre. Bin ich nicht, weiß ich. Aber ich möchte endlich mein Zielgewicht erreichen…. Da beiß ich mich jetzt durch. Nur noch 3 Kilo und ein paar Zerquetschte.
Koras Schwester V* ist Fitnesstrainierin und ihr Bruder M* Ernährungsberater… ich habe also gute (und gesunde!) Unterstützung, um dauerhaft abzunehmen.

Nun…. sonst geht es mir gut. Wirklich…

Kora hat hier in der Nähe von mir eine Wohnung gefunden. Sie ist schön, aber immer noch nichts, wo man (oder zumindest ICH) sich zuhause FÜHLEN kann. Seit ich von meinem Elternhaus weg bin, fühle ich mich wirklich nirgendwo Zuhause… eben rastlos, wie gesagt.

Nun… in zwei Wochen fahren wir nach Ungarn, Kora fährt mit….
Das heißt…… ich sehe Lychee. Und ich habe Angst. Ich habe wirklich furchtbare Angst.
Gleichzeitig freue ich mich, ihn wieder zu sehen. Er wird uns wiedererkennen. Das weiß ich. Ich bin mir sicher!
Aber der Abschied wird mir wieder die Seele in 1000 Stücke reißen. Ich werde fallen. Ich werde so tief fallen. Ich habe schreckliche Angst.
Aber ich stehe wieder auf. Wie schon 100.000 x… und es wird immer besser.

Nun, da ich bald gehen muss, werde ich hier Schluss machen.

Ich weiß nicht, warum ich dir schreibe…. keine Ahnung… es tut irgendwie gut, auch, wenn ich nicht weiß, ob du es liest … oder ob es dir vielleicht scheißegal ist, weil du enttäuscht bist oder wütend… keine, keine Ahnung. Ich hoffe nur, dir geht es gut..
Ich höre heute noch deine Stimme, dein Lachen, dein Seufzen… ich werde sie nicht vergessen.
Sie gibt mir Halt… irgendwie… Ein kleines Bisschen Geborgenheit..
Eine Erinnerung – wie komisch, nicht wahr?………..

Ach übrigens:
Elisabeth, die Betreurin, die ich so mochte, hat vor ca nem halben Jahr bei uns aufgehört. Sie ist jetzt lesbisch, hat ne Freundin und wir sind gute Freunde (verdrehte Welt)

Ich war mir wirklich nicht sicher, ob sie die Mail liest, aber als ich mich anmeldete, sah, dass sie gestern Nacht wieder online war und die Nachricht erhalten haben muss und keine Antwort sah…. puh…. ja, ich war todesbetrübt.
Allerdings kam mir dann ein Gedanke. Ich weiß nicht warum, aber ich dachte mir, vielleicht, jetzt, wo ich ihr im Chat geschrieben hatte, würde sie sich vielleicht an ihre E-Mail erinnern und dort online gewesen sein….. also folgte ich meinen Gedanken und schaute bei meinen E-Mails… und dort……. tatsächlich… ich dachte beinahe, meine Kopfdecke explodiert und mein Herz fliegt oben hinaus und hüpft wie ein Gummiballd durch den ganzen Raum.
Dort war tatsächlich, TATSÄCHLICH! eine Nachricht von ihr.
Ich öffnete sie und fand……………… ein Bild.
Wahrhaftig. Nichts weiter, als ein einziges Foto von ihr. Sie zwinkerte in die Kamera und machte einen Kussmund. In ihren Augen lag ein leises, vertrautes Lächeln
Ich musste mich so sehr beherrschen, nicht vor Freude aufzuschreien! Sie sah so gut aus, so glücklich! Und wunderschön, wie eh und je. Meine Lejla…………..

Ich hoffe so inständig, es war nicht das Letzte, was ich von ihr bekommen habe…..
Ich weiß, ich sollte meine Ansprüche nicht so hoch stellen, aber ….. ich habe das Gefühl, ohne sie nicht richtig leben zu können. Sie ist so furchtbar tief in meinen Gedanken, in meiner Seele verankert…………………….dass es beinahe schon unheimlich ist….

Ich hatte und habe immer noch das Gefühl, dass Lejla meine Seelenverwandte ist…….. Herrje, das klingt vielleicht kitschig…………..

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One thought on “Ein Lebenszeichen von Lejla…… 07. Aug. 2015

  1. Wow! Ich freue mich SEHR für dich!!!! Dann hat das wohl wirklich etwas gebracht und, bei aller Liebe, diese Mail von dir ist ja wirklich sehr aufrichtig und herzlich! Mich hätte es gewundert, wenn da keine Reaktion gekommen wäre!

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