Ungarn 2015 – Kapitel 2

Auseinandersetzungen (27.08.15)

Ich bin stinksauer.
Wir sind immer noch in Ungarn, es ist halb zehn Uhr abends und Kora liegt im dunklen Zimmer auf dem Bett und weint. Wegen mir (?). Ich habe kein Mitleid. Jedenfalls versuche ich es, denn diese Nummer sollte nicht bei mir ziehen. Es ist einfach nur unglaublich unfair.

Wir waren gerade bei Verwandten zum Essen und es war tatsächlich nach einer Zeit sehr langweilig. Vor allem für Kora. Kann ich verstehen. Sie versteht kein Wort, ich bemühe mich, so gut wie alles zu übersetzen. Manchmal ist es fast unmöglich und Belangloses überhöre ich selber gekonnt.
Ich nehme sie überall hin mit, bin für sie da, gehe auf sie ein, frage sie tagein tagaus, ob es ihr gut geht, ob alles okay ist und was ihr fehlt, wenn ich sehe, dass sie etwas bedrückt. Ich versuche wirklich, wirklich, es ihr so angenehm wie möglich zu machen. Ich reiße mir den Arsch auf, dass es ihr gut geht, verdammt! Ich kann verstehen, dass es nicht einfach ist, 1200 km von Zuhause entfernt zu sein, die Sprache nicht zu können und auf einen einzigen Menschen angewiesen zu sein, aber sie braucht, gottverdammt nochmal, nicht ihre schlechte Laune jedes verfickte mal an mir auszulassen! Ich bin keine beschissene Wand, an der man das Bein hebt, um sie anzupissen, wenn es gerade einen drückt.

Ich opfere viel für sie auf, ich vernachlässige einige enge Verwandte, dafür, dass es ihr gut geht. Ich besuche niemanden ohne sie und besuche meine Cousine Eva gar nicht erst, weil ich weiß, dass es sie langweilt und dass sie Eva und ihre Familie (da, wo wir heute Abend eingeladen waren), nicht besonders mag. Sie sind halt eben etwas baurig, aber sie sind meine Familie.

Eva vermisst mich 351 Tage im Jahr und wir können nicht viel telefonieren, weil es einen haufen Geld kostet. Normalerweise übernachten wir fast täglich, wenn ich in Ungarn bin, wir verbringen jeden Tag zusammen, und wenn wir nur dumm nebeneinander sitzen und nichts tun. Dieses Jahr war das erste Mal in meinem Leben, dass wir uns nur vier Mal gesehen haben. In vierzehn Tagen.
Ich weiß, dass ihre Mutter gekränkt ist, Annikó, weil sie mich auch sehr liebt, beinahe wie ihre eigene Tochter. Ich weiß aber auch, dass sie das niemals zugeben würde. Genauso wie ich es an Eva sehe, dass sie traurig ist, dass ich kaum Zeit für sie habe. Und warum? Weil ich will, dass es Kora gut geht. Und das ist okay! Wirklich, ich mache ihr keinerlei Vorwürfe.

Aber gerade … bin ich einfach nur sauer.
Als wir uns von der Familie verabschiedeten, nach dem Essen, sagte mir Annikó, ich solle nicht vergessen, nochmal tschüs zu sagen, wenn wir fahren. Ich sagte: „Klar. Kein Problem.“ Denn das ist (eigentlich) selbstverständlich – sich von der Familie zu verabschieden, wenn man sich dann wieder 351 Tage nicht sieht. Oder?
Als ich das Kora sagte, reagierte sie total genervt und meinte „Echt jetzt?“
Darauf sagte ich: „Hey! Das ist meine Familie. Ich kann nicht einfach fahren, ohne mich zu verabschieden!“
„Ja, aber du hast dich doch gerade verabschiedet, was musst du dich dann schon wieder verabschieden?“ Sie war r i c h t i g genervt, und ich verstand einfach nicht, warum.

Was ist daran so schlimm, für zwei Minuten, ZWEI Minuten, aus dem Auto zu steigen, den fünf Köpfen ein Küßchen zu geben, wieder einsteigen und weiter zu fahren? Sie wohnen sogar auf dem Weg! Mein Gott, wenn sie im anderen Dorf, in der anderen Richtung wohnen würden, und sie einen Umweg machen müsste, dann würde ich es verstehen. Aber nicht so. Gerade habe ich einfach keinerlei Verständnis dafür.
Und dann kam sie ernsthaft mit der Entgegnung: „Als wir am Bodensee waren und meine Tante besucht haben, habe ich mich auf dem Rückweg auch nicht von ihr verabschiedet.“
„Ernsthaft?“, fragte ich, „Sie wohnt ja auch nicht 1200 km entfernt!“
„Soll ich dir mal sagen, wann ich sie das letzte Mal gesehen habe?“
Ich wollte entgegnen, dass sie sich am Wochenende auch einfach mal ins Auto setzen könnte, um die zweieinhalb Stunden zu ihr zu fahren, aber ich verkniff es mir lieber. Ich sagte nur: „Das ist nicht dasselbe.“ Und dann schwiegen wir die drei Minuten, bis wir mit unseren Eltern bei uns im Hof ankamen. Ich stieg aus, machte erstmal meine Nägel im Bad, um mich abzureagieren und ging dann ins Zimmer, um ihr Handy in die Hülle zu tun (das seit heute Mittag nach dem Handy-Fotoshooting mit den Kätzchen immer noch bei mir war). Dann kam sie raus und sagte: „Findest du das fair?“
„Was?“, entgegnete ich ruhig, „Dass ich jetzt meine Nägel mache?“
„Nein, dass du jetzt einfach nicht mehr mit mir redest.“
„Was soll ich sagen?“, fragte ich ehrlich und sah sie an. Sie entgegnete meinen Blick, wie ein Spiegelbild.
„Ich verstehe nicht, was so schlimm daran ist, für zwei Minuten bei ihnen anzuhalten und sich zu verabschieden“, sagte ich scharf.
Daraufhin erklärte sie mir ernsthaft, dass sie einfach so genervt und gelangweilt war heute (als sei es eine Entschuldigung auf ihre Reaktion auf meine, verflixt noch eins, stinknormale Aussage, dass ich mich am Samstag noch verabschieden wollte!
Daraufhin sagte ich: „Das ist meine Familie“
Sie ließ mich gar nicht ausreden und sagte nur, urplötzlich mit Tränen in den Augen: „Wie wärs, dass du mich mal fragst?“
„Was fragen?“
„Du hast mich kein einziges Mal gefragt, wann ICH meine Familie wiedersehen will.“
Ich wurde wütend. Richtig, stinksauer, weil ich diesen Vorwurf unter aller Sau und komplett ungerechtfertigt fand. Ich sagte: „Ich das dein Ernst? Ist das dein Ernst?! Das ist richtig unfair. Das ist echt, r i c h t i g unfair!“
Daraufhin zuckte sie nur weinend die Schultern und verschwand wieder im Nebenzimmer. Ich kochte vor Wut, hatte kein Mitleid, weil ich bei so einer Nummer nicht mitziehe!
Es steht seit Wochen, wenn nicht MONATEN fest, dass wir am Samstag, wenn es klappt, ihre Familie besuchen, weil ihre Mutter Geburtstag hat. Ihr Vater und ihr Bruder UND ihre Schwester helfen ihr nächste Woche beim Umzug. Ein paar Tage bevor wir nach Ungarn gefahren sind, waren wir bei ihrer Familie, und auch abgesehen davon, waren wir schon so oft dort, dass ich es nicht mal mehr aufzählen kann, weil ich nichts gegen ihre Familie habe, weil ich ihre Familie MAG! Ich verstehe partout nicht (und ich WILL es auch nicht verstehen) wie sie mir jetzt SO einen wirklich unfairen Vorwurf machen kann,
Ich stampfte in das Zimmer zu ihr, wo neben ihr mein Laptop lag und nahm es mit raus, wo ich jetzt sitze, um meinen Frust von der Seele zu schreiben.

So.. und jetzt gehe ich wieder rein, weil ich fertig bin, lege den Laptop wieder neben das Bett, kugele mich zu ihr, lege meinen Arm um ihren warmen, weichen Körper und küsse sie und hoffe, dass wir uns wieder vertragen….

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