Ungarn 2015 – Kapitel 3 ; 1/2

Die Zeit, in der wir leben

In diesem Dorf, Tiszakóród, fühlt man sich nicht, wie in 2015. Sondern wie viele Jahrzehnte früher. So beschrieb es zumindest Kora, als wir durch unzähligen Dörfer fuhren, bis wir in unserem ankamen.
Nun, wie ich das Heimatsdorf meiner Mutter sehe?
Wie soll ich sagen? Ich bin quasi dort groß geworden. Wir sind, seit ich auf der Welt bin, jedes Jahr dort. Damals, als ich kleiner war, als noch vieles besser war, waren wir sogar zwei oder dreimal in dem Dorf. Tiszakóród ist und war für mich immer DAS Dorf. So stellte ich mir Dörfer vor!
Damals kannte ich nur die Stadt München und das Dorf bei uns in Ungarn. Das sind zwei verschiedene Universen. Es gibt nichts – rein gar nichts – was die beiden gemeinsam haben.
Also war es bildlich in meinem Kinderkopf so (und diesen Kinderkopf besitze ich immer noch zum Teil!): Das Dorf ist Ungarn und München ist Deutschland.
Realistisch und faktisch gesehen weiß ich, dass das so nicht korrekt ist, aber so empfinde ich das nunmal. Demnach kam es, dass ich Ungarn Deutschland immer bevorzugte. Beziehungsweise, als Kind habe ich Deutschland abgrundtief gehasst. Wenn wir zurück nach Deutschland mussten, habe ich hinter meiner Mutter im Auto gesessen, hab aus dem Fenster geschaut, und versucht mir bittere Tränen zu verkneifen. Das gelang mir kein einziges Mal.
Allerdings, und das muss ich hier hinzufügen, habe ich in München noch nie wirklich etwas Lebenswertes erlebt, zu der Zeit. Hier war für mich alles so trostlos, trüb, kalt und intolerant …. Ich bin in München geboren, fühlte mich aber nie wie eine Münchnerin.
Es gibt Menschen (Paye, zum Bleistift), die lieben München. Nein, das ist mir unerklärlich. Ich könnte München und das Wort Liebe niemals in einem positiven Satz miteinander erwähnen.

Das Dorf, in dem wir Leben…
Es ist…. klein. Vielleicht nicht so klein, wie man es sich spontan vorstellt, aber dennoch klein. Die Häuser sehen groß aus, haben aber meist nur wenige Zimmer. Viele Kinder haben keine Türen zu ihren Kinderzimmern, manchmal ist da nur ein Vorhang davor gehängt. Die Kinder laufen tagein, tagaus barfuß auf den unbelebten Straßen herum, fahren auf viel zu großen Fahrrädern, so dass man meinen müsste, sie fallen jeden Moment einfach um. Modernste Technik gibt es dort nicht. Wenn es viel regnet, sorgen sogenannte „Gräben“ dafür, dass das Wasser abläuft. In jedem Garten läuft ein kleiner oder großer Hund umher, die Tiere werden noch selber gezüchtet, geschlachtet und gegessen, Kühe werden morgens um sechs auf die Weide gebracht und abends um sechs wieder in die Ställe getrieben – und zwar manchmal durch zwei Dörfer.
Man wird um vier Uhr morgens vom Schrei eines Hahnes geweckt, schläft ab und zu unruhig, weil die Hunde in den Gärten den vielen Streunern zubellen, die durch die Straßen laufen.

Ich erlebe das Ganze so:
Ich höre um vier Uhr morgens den Hahn krähen, fluche über ihn, drehe mich, bis es mir gemütlich ist, und schlafe wieder ein. Irgendwann, zwischen 9 und 11, werde ich wach. Zu dem Zeitpunkt schleichen sich schon lange, für meinen Geschmack bereits viel zu warme, Sonnenstrahlen durch die Spalten im Rollo. Ich wache auf, höre nur ein paar Vögel oder selten Fahrräder, die am Haus vorbeifahren. Ich ziehe mir eine Jogginghose an, ein langweiliges T-Shirt und trete barfuß aus dem Haus.
Wir haben ein Winterhäuschen und ein Sommerhäuschen. Das Winterhäuschen ist das, in dem ich im Sommer dieses Jahr geschlafen habe (sonst schlafe ich im Wohnwagen, der seit 13 Jahren mit im Garten steht). Das heißt deshalb so, weil man in dem Häuschen heizen kann. Nicht mit Heizung, natürlich, sondern mit so einem…. Kaminofen?!
Das Sommerhäuschen hat nur zwei Zimmer – ohne Türen. Die Betten sind mindestens so alt wie meine Oma, weshalb ich in den ersten drei Tagen unsagbare Rückenschmerzen hatte.
Das Sommerhäuschen ist die Küche. Wirklich einfach nur eine sehr alte, kleine Küche. Warum es Sommerhäuschen heißt, kann man sich jetzt vielleicht denken – dort kann man nicht heizen.
Als meine Mum klein war, war das Häuschen nur Ein viertel klein (und es ist so schon nur so „groß“ wie ein kleines Zimmer). Ein Bett stand damals mit in der Küche und direkt daneben war der Kuhstall, wo gerade mal zwei Kühe Platz hatten. Die Wand wurde irgendwann eingerissen und die Küche wurde größer gemacht. Das Bett kam raus (aber da habe ich noch lange nicht gelebt).
Neben dieser Küche (oder dem alten Kuhstall) ist ein kleines (renovierungsbedürftiges) Bad.
Der Garten ist natürlich riesig. Warum kann man sowas nicht hier in Deutschland haben? Ich hätte mir schon längst ein Pferd angelegt.

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Den ganzen Tag über verbringen wir im Garten, als sei es das Wohnzimmer. Man sitzt unter einem satten, klaren Sternenhimmel, und jedes Jahr kommt es mir so vor, als seien die Sterne dort viel heller, viel klarer. Jede Nacht sieht man die Milchstraße so genau, so nah, als könnte man nach ihr greifen. Ich kann die Sternenbilder erkennen, das gelingt mir hier selten.
Wir machen gemeinsam „Lager“feuer, halten geräuchertes Fett darüber und lassen es auf das weiche ungarische Brot tropfen. Das mit Gurken, Zwiebeln oder Tomaten – göttlich. Leider kann ich das in meinem Diät-Wahn vergessen. Allerdings habe ich es mir erlaubt, ein Brot mit Kora zu teilen. Sie liebt die Ungarische Küche, Gott sei Dank.

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Alles in allem ist es aber sehr arm in diesem Dorf. Wo hier eine Bürokraft (je nach Betrieb) für 42-45 Std 1.200 – 1.800 € verdienen kann, verdient man dort bei 45 Std. nur 400 € für den ganzen Monat! Das muss man sich mal vorstellen. Und trotzdem leben sie alle so friedlich dort. Sie haben seltsamerweise keine Geldsorgen. Da frage ich mich, wo kommen sie hier bei uns in Deutschland her, bei 1800 Euro?! Ist mir unverständlich, aber dafür kenne ich mich mit den wirtschaftlichen Lagen auch zu wenig aus.

Wie gesagt, mein Urlaub war schön, erholsam. Kein Internet, kein Handy. Einfach nur meine Familie, Kora und ich.

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