Ungarn 2015 – Kapitel 3 ; 2/2

Meine Familie, Kora und ich

Die Zeit war wunderschön. Natürlich. Wie gesagt, ich liebe Ungarn (bitte seht Ungarn immer im Bezug auf „das Dorf“), auch, wenn sich vieles verändert hat, seit ich älter geworden bin. Viele Großväter sind gestorben. Katalin, die Patentante meiner Mutter, ist völlig am Ende mit den Kräften, seit ihr Ehemann vor vier Jahren gestorben ist. Sie weint jede Nacht, erzählt viel von ihm und vor allem hat sie fürchterlich abgenommen. In ihren Augen liegt nicht mehr dieser heilvolle Glanz, diese Freude. Sie sehen einfach nur traurig und erschöpft aus, auch, wenn sie versucht zu lächeln oder zu lachen, es sieht so aus, als würde etwas an ihren Schultern hängen und sie nicht so wirklich loslassen wollen. Manchmal bin ich selber kurz davor zu weinen, wenn sie von ihm erzählt der so traurig ist, aber das erlaube ich mir nicht. Ich nehme sie dann in den Arm und wische mir die Tränen schnell hinter ihrem Rücken weg. Viel sagen kann man in solchen Momenten nicht. Nichts ist so trostlos, wie der Tod eines geliebten Menschen.
Vor allem in so einem Dorf…. breitet sich das aus wie die Pest… nun gut, eine sehr unschöne Beschreibung.

Trotzdem gibt es nach und nach immer mehr schöne Momente, in denen wir alle zusammen sitzen, am Feuer und reden und ab und zu lachen. So viel wie früher wird heute nicht mehr gescherzt und gelacht (jedenfalls habe ich es von damals, als ich fünf, sechs Jahre alt war,  viel lustiger in Erinnerungen).
Ich war immer in Koras Nähe, hab versucht ihr alles zu übersetzen, Belangloses habe ich selbst überhört. Im Großen und Ganzen, sagte sie, fühlte sie sich sehr wohl.

Meine kleine Cousine hat mich dermaßen genervt, dass ich dachte, mein ganzer Urlaub sei im A*. Gut, sie ist ein Familienmitglied und ich sollte sie lieben (ich weiß nicht, ob ich das tue…), aber sie ist so eine furchtbare Nervensäge. Und das mein ich NICHT im „niedlichen“ Sinne. Nein, es ist zum Kotzen. Sie redet ununterbrochen, unterbricht die Leute, wenn sie reden, schreit konsequent solange deinen Namen, bis du reagierst. Sie ist überall, wo ich auch bin.
Wenn ich mich in die Schaukel am Baum gesetzt habe, zog sie am Seil herum oder wollte sie mich anschubsen, wenn ich mich in die Hollyswoodschaukel setzte, hing sie sich an das Gerüst und wackelte so herum, dass mir schlecht wurde. Wenn ich las, plapperte sie immer dazwischen – und wie sie mit den Kätzchen umging… davon will ich gar nicht erst anfangen!
Meine Feststellung, innerhalb von wenigen Tagen, war: Sie braucht dringen eine Schwester, oder eine Freundind, aber bitte einfach IRGENDjemanden, der diese achtjährige Göre unterhält.
Ich bin quasi schon vor ihr geflüchtet, wenn ich sie nur angerannt gehört habe. Und sie wohnt ja leider Gottes direkt nebenan im Haus. Gut, dazwischen ist noch ein leeres Grundstück, das von unserer Nachbarin (die Frau – seit einem Jahr Witwe – des Bruders meiner Oma), als Gemüsegarten genutzt wird.

Wenn der Abend anbrach, wurde ich immer unruhig, weil mir das immer klarmachte, vor allem im Urlaub, wie schnell die Zeit, die Tage vergehen. Und das war nicht auf meinen Urlaub bezogen, sondern auf das Leben.
Trotzdem freute ich mich, dann irgendwann an Kora zu kuscheln, mich neben sie zu legen, ihre warme, weiche Haut an meiner zu spüren, sie anzusehen, denken wie furchtbar schön sie ist, und so glücklich sein, dass mir das Herz bis in den Kopf rast.
Ich liebe sie einfach. Bedingungslos.
Auch wenn wir öfter mal kleinere Diskussionen haben und wir sind leider beide solche Sturköpfe, die ihre Meinungen vertreten wollen. Aber es wäre ja auch gruselig, wenn wir uns nie streiten würden.

Ich war einige Male ausreiten. Es war so wunderschön. Ich liebe das Pferd, das mir in Ungarn zur Verfügung steht. Sie ist wundervoll. Sie ist zwar sehr nervös und hat Hummeln im Arsch, aber ich liebe sie. Sie wird nicht so häufig geritten, wenn ich nicht da bin, und am ersten Tag war ich fast unsicher, ob ich alleine mit ihr ausreiten sollte, weil sie wirklich SEHR nervös war. Aber im Endeffekt ging es dann doch….
Und nach und nach war es einfach perfekt – mit ihr die Kühe nach Hause zu treiben, auszureiten, frei zu sein, zu fliegen….
Einige Male wäre ich fast gestürzt… ich wusste gar nicht, woher das kam, bisher hat sie nie solche Anstalten gemacht. Sie hat sich auf der Straße vor einem Loch erschrocken und ist zur Seite gesprungen…. war mir völlig neu, habe daher nicht damit gerechnet.
Ich glaube, das wäre nicht so lustig gewesen, mit bloßem Kopf auf den Beton zu fallen, aber ich habe mich irgendwie halten können. Ich habe es selbst erst spät realisiert, dass ich nicht am Boden lag, sondern an ihrem Hals hing.
Trotzdem zog ich keinen Helm an, und trotzdem ließ ich sie durchstarten, weil ich es einfach schön finde, wie sich freut, wenn sie richtig losgaloppieren kann… ich vertraue diesem Pferd…Auch wenn die Besitzer die Grundeinstellung haben, dass Pferde schlafende Teufel sind (ihre Worte) und man ihnen nie vertrauen sollte. Sie sagen, der Reiter ist der Chef.
Ich bin da anderer Meinung.
Eins zu sein, mit einem Pferd, ihm zu vertrauen, ist viel schöner als über es zu bestimmen oder Macht zu haben. Wo bleibt da der Spaß, die LIebe, die Leidenschaft?

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Nun, zu ‚meinem‘ Hund, Lychee…
Diejenigen, die meinen Blog verfolgen, wissen sicher, dass ich in einer tiefen (ich glaube sogar, relativ gefährlichen) Depression steckte, als ich ihn in Ungarn lassen musste…. es brach mir die Seele in tausend Stücke und die Schmerzen, wünsche ich niemandem…. damals, als ich meine Auseinandersetzung mit den Betreuern in der Wohngruppe hatte, nachdem sie mir nur zwei Wochen später mein Kaninchen, Mogli, einfach weg genommen haben, schrie ich unter Tränen zu ihnen (im Bezug auf Lychee) : „Ihr habt keine Ahnung, wie das ist, wenn einem etwas weg genommen wird. Lieber würde ich 1000 Mal vergewaltigt werden, gefoltert werden, als DAS jemals wieder zu erleben!“ Jelena, meine Bezugsbetreuerin, hatte tatsächlich Tränen in den Augen, während ich sie so verzweifelt anschrie… Ich hatte einige Zusammenbrüche, eines mitten auf der Straße, ich aß nichts, trank nichts, schlief nichts, fühlte nichts. Nichts außer irgendeiner bedeutungslosen Leere.. die irgendwie qualvoller war als alles, was ich bisher erlebt habe… nicht einmal den Tod meiner Tante vor neun acht Jahren habe ich so leidend empfunden, wie die Trennung von meinem Hund.
Ich konnte keine Menschen hören, ihre Stimmen machten mich wütend und traurig.
Ich konnte keine Hunde sehen, ohne in Tränen auszubrechen….
Ich hasse es heute noch, darüber zu reden… (schreib fällt mir seltsam leicht)…

Keine Ahnung, was ich erwartet habe… aber Lychee… er hat uns zwar erkannt…. aber… wir waren im scheißegal…. Wir waren einfach nicht mehr existent für ihn. Und ich war… so wütend… so wütend und traurig… auf ihn, wegen ihm…. andererseits war es vielleicht gut so…. vielleicht wäre es schwerer gewesen, wieder zu gehen, wenn er mich immer noch so geliebt hätte, wie vor einem Jahr….
Ich erinnere mich noch zu gut daran, wie mich meine Muttr damals mit ihm vom Bahnhof immer abgeholt hat, er dann durch die Menschenmenge, direkt auf mich zugerast ist, mein Gesicht abgeschleckt hat und vor Freude beinahe hyperventilierte… heute reagierte er nicht einmal mehr, wenn ich seinen Namen rief. Als ich mit ihm die Tricks machte, die ich ihm damals alle beigebracht habe, machte er sie, aber es war, als wäre er dauernd wo anders mit den Gedanken…. wie wenn man ein Kind von einem Spielplatz zieht, um ihm die Nase zu schneutzen, um es sofort wieder zu spielen zu lassen, weil es kaum stillhalten kann.
Lychee war geistig einfach nicht mehr zu erreichen…
Ich ließ ihn gehen. Nach einem Jahr konnte ich endlich, endlich abschließen…. Er ist einfach nicht mehr der, der er einmal war………………

Ein Tag vor unserer Abreise, ging es mir seltsam… ich schwankte… ich freute mich einerseits, da wir die Kätzchen mitnahmen, andererseits… ich redete mir ein, nein ich war mir fast SICHER, dass es mir leicht fallen würde, zurück nach Deutschland zu fahren…. komischerweise wurde ich am Abend vom Gegenteil überzeugt. Wir saßen wieder, die ganze Familie, im Garten am Feuer…. Ich beobachtete Bela, Rita, die Nervensäge… Katalin, Irene (meine Liebilngs“oma“ – sie ist nicht MEINE Oma)…. und auf einmal kamen mir die Tränen. Ich stand auf und flüchtete in das Zimmer, ließ die Lichter aus, stürzte mich auf das unbequeme Bett und weinte, als wäre jemand gestorben im stockdunklen Zimmer vor mich hin. Ich wimmerte, schluchzte – tatsächlich, so sehr weinte ich. Wie ein Kind.
Weil mir der Abschied so schwer fällt. Sie fielen mir schon immer schwer.
Ich hatte mir auf einmal so sehr gewünscht, meine Tante wäre hier…. in dem Moment wurde mir die Urne in dem Zimmer bewusst (in Ungarn dürfen wir sie behalten, und da Elisabeth hier groß geworden ist, haben meine ELtern und meine Oma sie hier in Ungarn gelassen). Ich richtete mich auf und starrte in die Richtung, wo die Urne oben auf dem Regal steht… ich starrte einfach in die Schwärze und redete in Gedanken mit ihr… sagte ihr, wie sehr ich sie liebe und wie sie mir gerade in dem Moment schrecklich fehlte… wie gerne ich sie bei mir hätte, dass sie mich, wie damals, als Kind, auf den Schoß nimmt, mir die Haare aus dem Gesicht streicht und mir einen Kuss auf die Stirn gibt, um zu sagen, dass Weinen gut war, weil die Elfen Kindertränen dazu benutzen, um Glitzerstaub zum Fliegen herzustellen…. sie war eine wundervolle Frau…
Nicht, dass ich an Geister glaube… bzw… ich weiß es nicht… aber in dem MOment hörte ich, wie etwas vom Regal fiel.. etwas Leichtes.
ich machte das Licht an, weil mir die Dunkelheit unheimlich wurde und fand einen Brief… einen sehr, sehr alten Brief…. 1979 … ich weiß nicht, lass es Zufall sein…
Meine Mutter hatte mir einen Tag davor erzählt, dass sie einen Brief von Elisabeth gefunden hatten…
Der lag vor mir auf dem Boden… mein Ungarisch ist gut, aber ich brauche länger zum Lesen…. Es war tatsächlich ein Brief von Elisabeth… vom „Collage“ (meine Mutter nennt das immer so, ich weiß nicht, ob das in Ungarn wirklich so heißt)… sie schrieb in dem Brief, sie sei gut angekommen, sie hasst ihre Zimmernachbarin, weil sie so wenig redet und immer mürrisch schaut. Sie schrieb zwei Seiten… ihre Schrift war schon damals so wie immer… diese schönen, leicht nach rechts neigenden, geschwungenen Buchstaben… alles in einer flüssigen Schreibschrift… Ich lachte mit Tränen in den Augen, als sie erzählte, dass sie meiner Mutter (meine Mutter und ihre zwei Geschwister waren zusammen auf einem Collage), immer das gekochte Kohlrabi heimlich in den Teller warf, weil sie es einfach nicht leiden konnte. Das hatte sie auch noch ein Jahr vor ihrem Tod getan… und sogar, als sie mit schneeweißen Haaren, mager und schweigend im Krankenhaus Bett lag, presste sie die Lippen zusammen, wenn wir Suppe mit gekochten Kohlrabi hatten, um sie zu füttern. Sie aß solange nichts, bis wir das Gemüse rausgefischt hatten.
Als wir sie an dem Tag zum Abschied küssten (meine Mum sagte immer, sie wüsste nicht, ob Eli überhaupt noch weiß, wer wir sind… ihr Gehirnkrebs war quasi im „Endtstadium“… sie sah furchtbar aus… 30 Jahre älter, als sie war), lief ihr eine Träne über das Gesicht.
Zwei Wochen später, am 10.10.2008 (auf den Tag genau zwei Monate vor ihrem Geburtstag), starb sie…. Meine Mutter sagte, vielleicht hätte sie gewusst, dass wir uns nicht mehr sehen würden, und hatte deshalb geweint…
Damit, dass sie gegangen war, ging auch mein Onkel, den ich wie einen zweiten Vater geliebt habe…. ich habe ihn nach ihrem Tod nie wieder gehört, geschweigedenn gesehen……….
Es war eine furchtbar traurige Zeit….
Und alles was mir noch bleibt, sind die Erinnerungen… an furchtbar schöne Tage in Ungarn bei ihnen (was ein NOCH kleines, älteres Dorf war, als Tiszakóród), oder die wenigen Tage, wenn sie bei uns in Deutschland waren. An ihre zarten Hände, ihr Rythmus-Gefühl, ihr Lachen und ihre weiche, seidige Stimme. Die Art, wie sie in der Anbauküche stand und kochte, dieses weiche, ungarische Brot mit Margarine und Paprika aß oder die Ziegen in ihrem Hof unten melkte. Ich erinnere mich, wie sie mir eine Flasche mit warmer Milch in die Hand drückte, als ich sieben war, damit ich das Rehkitz, welches sie verletzt am Straßenrand gefunden hatten, füttern konnte…. Aber ich kann mich nicht an ihre Berührungen und Küsse erinnern…. an die Wärme, wenn sie mich in den Armen gehalten hat… es tut weh, und es wird vermutlich immer weh tun.

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Als ich den Brief fertig gelesen hatte, war ich seltsam beruhigt… ich nahm es einfach als Zeichen (egal, ob es nur Zufall war) …. legte es sorgfältig wieder neben die Urne, sah mir ihr Bild an, ihr schönes, liebevolles Gesicht, weinte nochmal kurz und ging schließlich, nachdem ich mich beruhigt hatte, wieder raus in den Garten, wo meine Familie saß, und nahm mir vor, einfach dankbar für die Zeit zu sein, die ich mit allen Menschen haben kann, die ich liebe.

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