Als ich das Phantom besuchen wollte – Teil 1

Ich war Sechzehn. Das war am 19. Oktober 2013 und das war vielleicht eines meiner abenteuerlichsten und naivsten Erlebnisse bisher.

Ich wusste, dass Lejla in N* wohnt, sie hat es mir ja schon einmal gesagt. Allerdings kannte ich weder ihren Nachnamen, noch ihre Adresse oder sonst irgendwas (nicht einmal ihre Telefonnummer hatte ich, denn sie rief ja immerhin ständig unterdrückt an).

Das war die Zeit, in der unsere Wohngruppe aufgeteilt werden musste, da es nur noch zwei Betreuer gab (drei krank, einer gekündigt) und sie es alleine nicht mehr schafften. Es wurden keine Vertreter gefunden, also wurden wir Jugendlichen in verschiedene Gruppen aufgeteilt (eine andere Geschichte).

Larissa und ich (ach, was hat mich das Leben geliebt…….) – ausgerechnet Larissa!! – waren in einer Wohngruppe in Peiting zusammen untergebracht. Larissa wohnt eine viertel Stunde von N* entfernt, und Alfons, mein Lieblingsbetreuer, der von unserer WG während der Zeit mit in die WG in Peiting kam, hatte an dem Abend Dienst, an dem Larissa und ich nach Hause wollten (Wochenend-Heimfahrten, die das Jugendamt zahlt).

Ich wog an diesem Tag 57 kg (d.h. ich habe seit meiner Ankunft in der WG 5 kg abgenommen – in 6 Monaten. Ist doch okay, oder?) und ich war total zufrieden und superstolz auf mich. Das weiß ich deshalb noch so genau, weil das der Tag war, an dem ich mit meiner Glaswaage im Arm glücklich nach unten rennen wollte, um sie zurück zu bringen (ich musste meine Waage immer im Büro abgeben! Ich durfte sie zwar holen, wann ich wollte, aber… keine Ahnung, was das den Betreuern brachte.) und wie ich da eben die Treppen hoch euphorisch herunterstolperte, rutschte mir die Waage aus den Armen und zersprang in tausend Stücke. Alfons streckte seinen Kopf aus dem Büro und sah mich erst fragend (sein Blick: „Was hast du jetzt schon wieder angestellt“ – aber amüsiert!) und dann belustigt an „Da hat dir das Schicksal wohl nen Streich gespielt“, lachte er und wackelte zufrieden, mit seinem Teddybär-Grinsen im Gesicht, mit dem Kopf. Er war höchsterfreut und ich stand total perplex vor den Milliarden Glasscherben und dem unbeschädigten Gestell der Waage.
Hach, was war ich dann schlecht drauf!

Am Abend allerdings, als Larissa und ich bei ihm im Büro standen um unser Fahrkartengeld abzuholen, kam mir urplötzlich eine Idee und ich fragte Alfons „Du? Denkst du, mir würde das Jugendamt auch eine Fahrt nach N* zahlen?“ Larissa und Alfons sahen mich beide aus kritischen Augen an.

„Warum willst du nach N*?“, fragte Alfons. Allerdings war das eine rhetorische Frage, denn durch diese seltsame Betonung auf das „Warum“ war mir klar, dass er die Antwort selber schon wusste.
Ich grinste selbstsicher.
Er lachte und schüttelte den Kopf, gab ein seltsames Geräusch von sich.
„Du willst nicht wirklich Lejla besuchen?“
„Doch! Und dann kann ich gleich mit Larissa mitfahren.“

Zu der Zeit konnte ich Larissa noch ganz gut leiden. Die Abneigung entstand ein paar Tage darauf.

Er stutzt, dachte nach.
„Deine Eltern wissen Bescheid?“
Ich zögerte.
„Jessi…“
„Nein. Aber ich rufe sie an. Kann ich das Telefon haben?“ Sie würden es mir sowieso erlauben.
Ich rief also meine Eltern an, versicherte ihnen, Lejla würde Bescheid wissen, weil ich ihr eine E-Mail schreibe und sie mich abholen würde und sollte sie doch nicht kommen, würde ich sofort nach Hause fahren.
Ich schrieb Lejla also eine E-Mail, als feststand, dass ich fahren durfte. Meine Eltern hätten mich eh nicht davon abbringen können. Wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann zog ich es konsequent durch. Meine Mutter sagte noch am Telefon „Ach Jessi! Wenn ich jetzt Nein sage, machst du doch trotzdem, was du willst, oder?“
„Ja“, sagte ich, ohne zu zögern.
Sie fluchte und nach mehreren Versprechen, die ich abgeben musste (und ich von Anfang an wusste, dass ich sie eh nicht einhalten würde – ich sag ja, ich war komplett ein Arschloch-Kind), erlaubte sie es mir.

Ich kam in N* an, stieg aus dem Zug, sah mich um und setzte mich relativ am Ende vom Gleis auf den Boden an eine Säule. Ich saß in der Sonne, es war trotzdem relativ frisch. Und dann wartete ich. Ich sah rechts von mir ein paar Reihenhäuser in hellblau und creme-gelb oder so. Sie waren interessant aneinandergereiht.
Ich starrte immer wieder auf mein Handy, in der Hoffnung, Lejla würde auf meine E-Mail antworten.
Ich wartete eine Stunde, es war 18 Uhr.
Ich wartete zwei Stunden. Es wurde 19 Uhr.
Ich wartete drei Stunden. Es wurde 22 Uhr.

Es war schon stockfinster und ich saß immer noch unbewegt an derselben Stelle, wo ich mich um 17 Uhr hingesetzt hatte, um auf Lejla zu warten. Mein Handyakku gab seinen Geist auf. Es hatte nur noch 3 Prozent, als ich, weil es mir zu kalt wurde, von den Gleisen herunter kam und diesen riesigen Bahnhof betrat…. Also, da drinnen war es nicht VIEL wärmer als draußen, aber immerhin.

Um 23 Uhr ging ich wieder hoch, fest entschlossen, dass ich diesmal nach Hause fahren würde.
Ich wartete bis 23:10 Uhr.
23:20 Uhr …
23:30 Uhr………………..
Ich wurde unruhig, ging wieder nach unten und hielt einfach einen fremden Menschen auf (ich weiß nicht einmal mehr, ob das ein Mann oder eine Frau war) um sie zu fragen, wann der nächste Zug nach München fahren würde.
Sie/Er sah mich irritiert an, sah auf die Uhr, dann wieder in mein Gesicht „Ich schätze mal, erst wieder morgen früh.“
Mir muss die Farbe aus dem Gesicht gewichen sein, denn er/sie fragte, ob alles okay ist und mir helfen kann.
Ich aber rang mir ein Lächeln ab und sagte, nein, alles sei in Ordnung.
Er/sie ging, ich zog mein Handy, wollte meine Mutter anrufen und sagen, dass ich nicht weiß, was ich tun soll, weil der letzte Zug gefahren war ….

Und dann ging mein Handy aus.

Da stand ich also. Mitten in einem völlig fremden Bahnhof in einer mir komplett fremden Stadt, in der ich keine Menschenseele kannte.

Mitternacht
Minderjährig
Hilflos
Obdachlos

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