Als ich das Phantom besuchen wollte – Teil 2

Gott sei Dank befanden sich gleich beim Ausgang (naja, einige Straßen weiter) mehrere Hotels und in meinem Geldbeutel 100 € in Bar. Ich dachte (und hoffte), das müsste reichen. Also ging ich, mit meiner beigen Herbstjacke und meinem Koffer in das erste Hotel und wurde von Kopf bis Fuß begutachtet.
Sie nahmen mich nicht, ich sei zu jung.
Ich betrat das zweite Hotel.
Sie nahmen mich auch nicht, denn ich war minderjährig und in dem Fall hätte es auch nichts gebracht, wenn meine Eltern telefonisch bestätigt hätten, dass sie es erlauben.
Das dritte Hotel fragte nicht nach meinem Alter und sagte: „Klar.“
„Kann man denn hier auch bar bezahlen?“, fragte ich.
„Ja. Allerdings kostet es Bar 200. Wenn Sie mit Karte bezahlen 100.“
Ich bekam einen Kloß im Hals, dankte und verließ das Hotel.

Da stand ich also, einige Schritte weiter weg, an einer Kreuzung, die Augen mit Tränen gefüllt, denn nun wurde mir die Situation äußerst ungeheuerlich.
Sollte ich jetzt in dieser Eiseskälte in einer fremden Stadt auf der Straße schlafen?
Ich kannte mich nicht aus. Wo war ein sicheres Viertel?
Gab es auch Orte, an denen Drogenabhängige und gefährliche Menschen unterwegs waren?

Um die Ecke hörte ich eine Stöckel-Parade und ich drehte mich um. Fünf Frauen zwischen 40 und 50, die sehr schick und „teuer“ aussahen kamen gerade an mir vorbei. Ich packte alle meine letzten Kräfte und ging auf sie zu.
„Entschuldigung…“ Meine Stimme war komplett brüchig und mit dem ersten Wort liefen mir die Tränen über das Gesicht. Ich war wirklich verzweifelt.
Sofort trat große Sorge in das Gesicht der freundlich aussehenden Damen, die eine legte mir eine Hand auf die Schulter „Oh Gott! Ist dir etwas passiert? Kann man dir helfen?“
Ich nickte und sammelte meine Kräfte, dachte mir eine Kurzversion meiner spitzen Spontanidee, nach N* zu fahren aus, und erklärte, dass ich nicht wusste, wo ich hin sollte, da mich kein Hotel nehmen kann.
„Herrje!“
„Ach du lieber Gott!“
„Wir können die Kleine doch nicht hier stehen lassen!“
„Nehmen wir sie doch für eine Nacht mit in das Hotel“, schlug eine blonde Frau vor, die sich hilflos umsah.
Kurzes, unsicheres Gemurmel.
„Aber das können wir doch nicht machen. Ist das dann nicht sowas wie Kindesentführung?“
Ich schwieg, sammelte mich, um nicht weiterhin wie ein Trottel vor ihnen zu heulen.
„Weißt du was?“, ergriff dann eine Brünette das Wort, die mir bisher am beruhigendsten vorkam, „Wir rufen die Polizei an, die können dir weiterhelfen. Ist das okay?“
Ich nickte.

Eine Frau zog ihr Handy aus der Handtasche und rief bei der Polizei an, erklärte ihr ruhig, dass sie hier ein „junges Mädchen“ gefunden hätten, das völlig orientierungslos an der Straße stand und nicht nach Hause kommt.

Die Polizei kam nach zwanzig Minuten, die freundlichen Frauen hatten mit mir gewartet, wollten meine Geschichte genauer wissen, ich log allerdings, da mir die Version mit Lejla dann doch irgendwie peinlich war.

Ein junger Polizist stieg aus, er bedankte sich bei den Frauen, ebenso wie ich (und dann noch von jeder einzelnen gedrückt werden musste..) und half mir, meinen Koffer in den Kofferraum zu hieven.

Nach einigen Minuten fand ich mich im Polizeirevier wider.
Mir wurde interessiert hinterhergesehen. Ich glaube, die Polizei war ganz „froh“ darüber, mal etwas „Außergewöhnlich(er)es“ in einer Nacht zu erleben.

Wir gingen durch mehrere Türen, von denen einige aussahen wie in den Filmen in einem Hochsicherheitstrakt. In dem Zimmer, in dem ich dann war, um ‚verhört‘ zu werden, roch es nach Kaffee und Männerparfüm (oder Deo). Also es stank nicht.
Ich erzählte ihnen von meiner Idee, sie reagierten amüsiert und nach und nach lockerte sich die Stimmung. Ich mochte die zwei Beamten. Sie waren humor- und verständnisvoll. Ich bekam einen Tee, den ich kaum anrührte und ein Taschentuch von einer relativ jungen Kollegin.

Um halb drei wurde in der Kinder- und Jugendnotaufnahme angerufen.
Es hieß, ein Platz auf der Couch wäre noch frei.

Auf gings zu meinem zweiten Aufenthalt, wo ich gleich den nächsten Skandal auslösen würde.

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