Als ich das Phantom besuchen wollte – Teil 3

Ich betrat dieses riesige Gebäude, das mich ein wenig an eine Schule erinnerte. Es gab einen Vorraum und dort führten mehrere Treppen einige Etagen nach oben. Ich folgte diesem Martin, der sich als Betreuer vorstellte. Er brachte mich zu einer sogenannten „Station“. Es war einfach nur ein langer Gang mit mehreren Zimmern.

Ich verhielt mich leise, bekam das Wohnzimmer zur Verfügung gestellt. Es war wirklich totenstill hier. Das Wohnzimmer roch seltsam. Nicht, dass es gestunken hätte, aber eben seltsam. Es stand ein Fernseher darin, eine grüne Couch, ein Sessel, ein Sitzkissen, sogar ein Couchtisch. Alles in allem war es ganz gemütlich.

Ich steckte mein Handy an das Ladekabel, setzte mich auf die Couch und fuhr mir über das Gesicht. Himmel, war ich erschöpft! Und ausgelaugt. Ich bekam eine Tagesdecke über die Couch, damit ich nicht auf ihr schlafen musste, und er holte mir ein Kissen und eine Decke. Dann ging ich noch mit Martin mit in sein Büro.

Wir redeten, er nahm Daten von mir auf und dann fragte er, ob ich etwas trinken wolle. Ich sagte nein. Dann fragte er mich über meine Hobbys aus. Mir kam es so vor, als wollte er Vertrauen zu mir aufbauen oder mir wenigstens versichern, dass ich mich hier wohl fühlen konnte, und ich fragte mir: wozu? Ich würde doch eh nur einer Nacht hierbleiben.

Ich mochte Martin. Er war irgendwie lustig. Hatte ein bisschen was von Ralf Schmitz! Sowohl im Optischen, als auch seine Sprache / sein Dialekt. Genauso konnte er seinen guten Sinn für Humor beweisen.

Irgendwann um halb vier ging ich ins Zimmer, zog meine Jacke aus und legte mich in meinen Klamotten zum Schlafen.

Um fünf Uhr weckten mich ein paar Vögel. Ich hatte unruhig geschlafen und war hellwach, als ich die Augen aufschlug. Normalerweise brauche ich mindestens eine Stunde, um richtig wach zu werden. Die Sonne schien durch das Fenster. Ich gähnte, streckte mich und stand auf. Mein Blick fiel auf das Handy. Ich kniete mich auf den Boden und schaltete es an.

46 Anrufe in Abwesenheit von meiner Mutter. 8 Anrufe in Abwesenheit von meinem Vater. 4 SMS von meiner Mutter.

Ich rief sie nicht an. Es war noch zu früh und ich wollte die anderen nicht wecken. Also packte ich leise meinen Koffer wieder zusammen (aus dem ich vorm Schlafengehen noch meine Haarbürste geholt hatte) und zog mir Jacke und Schuhe an. Verpackte mein Ladekabel und steckte mein Handy in die Hosentasche und kippte das Fenster. In dem Moment hörte ich nackte Füße auf dem Linoleum und ein hübsches Gesicht eines Mädchens zur Tür herein schauen. Sie sah verwirrt aus, legte die glatte Stirn in Falten. Ihre schwarzen, hüftlangen Haare waren ungekämmt und sie trug noch ihr Pyjama.
„Hi“; sagte ich.
„Hast du hier geschlafen?“
Ich sah mich um und betrachtete kurz die zusammengelegte Bettwäsche „Sieht so aus.“ Hinter ihr kam noch ein Mädchen. Sie sah so RICHTIG aus wie eine dieser Hyänen. Ihr wisst schon. Diese Jugendlichen, die total die Mitläufer sind – Lederjacken, geschminkt wie Pamela Anderson, toupierte Haare (gut, sie waren in dem Fall nicht toupiert, aber ich konnte mir gut vorstellen, dass sie sonst so aussah!). Und ihre Sprache. Oh-Gott! Ich hätte ihr am liebsten eines dieser fetten Duden in das Gesicht geschleudert. Außerdem dieses: „Isch schwöre du kriegst die Krätze alda. Da hat Mischa drauf geschlafen. Booooohhh isch schwöööör!“ Dann lachte sie. Ich dachte, ich muss ihr vor die Füße kotzen. Dieser Intelligenz-Absturz, mit den blonden Haaren, da vor mir versuchte mich tatsächlich irgendwie zu ‚dissen‘ oder einzuschüchtern. Ich hob nur eine Augenbraue und fragte mit meinem Gesichtsausdruck: „Ernsthaft?“

Irgendwann kamen noch ein paar Mädchen und sie setzten sich zu mir. Nach anfänglichen Schwierigkeiten lockerte sich die Lage dann doch etwas. (Die Ghetto-bitch war Gott sei Dank in der Küche zum Frühstücken), erfuhr ich nach und nach die Geschichten der Mädchen. Eine 14-jährige Schwarze erzählte mir, dass ihre Eltern im Krieg gestorben seien. Die 13-Jährige mit den schwarzen Haaren wurde von ihrem Vater verprügelt und ihre Mutter blieb lieber bei ihm, als bei ihr. Das andere Mädchen hatte zwei Selbstmordversuche hinter sich und wurde vor zwei Tagen vorübergehend hierher gebracht, weil in der Klinik noch kein Platz war. Irgendwann, es wurde sechs Uhr, stand ich auf, packte meinen Koffer und ging.

Die Mädels sahen mir hinterher: „Was machst du?“, fragte die Eine, während ich die Treppen hinunterstieg.
„Gehst du?“, fragte eine Andere.
Ich drehte mich nicht einmal um, sagte nur „Ja“ und schleppte meinen Koffer die Steintreppe hinunter. Ich hörte noch von oben rufen: „Hey. Das dürfen wir nicht!“, doch da war ich schon aus der Glastür getreten und stand wieder im Freien in der Sonne.

Wenn ich gewusst hätte, was ich damit lostreten würde, wäre ich wohl besser geblieben.

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