Als ich das Phantom besuchen wollte – Teil 4

Ich hatte natürlich keinen blassen Schimmer, wo ich war, aber es sah nett aus. Fast, als wäre ich in einer Provinz.

Ich ging einige Schritte weiter, bog mehrere Straßen ab. Es war ruhig hier, hübsche Wohnungen bauten sich neben mir auf und ich fragte mich mit jeder Straße die ich neu entdeckte: „Komme ich Lejla näher? Bin ich vielleicht sogar schon an ihrem Haus vorbei oder stehe ich direkt davor?“

Ich wusste, dass die S*Stadt wenige Minuten Fußmarsch von ihr entfernt ist, davon hatte sie mir mal erzählt. Ich dachte kurzzeitig, ich würde der S*Stadt immer näher kommen und irgendwann hielt ich einen, mir freundlich erscheinenden, Mann an „Entschuldigen Sie! Wissen Sie, wie ich zur S*Stadt komme?“
„Oh“, rief dieser aus, „Das ist ja noch ein ganzes Stück weg.“
„Wie weit denn?“
„Willst Du mit dem Bus fahren oder zu Fuß? Der Bus wäre nämlich dort vorne.“ Ich schaute in die Richtung, in die er deutete und erblickte einige Bushaltestellen.
„Zu Fuß?“
Er starrte mich an.
„Ungefähr eine Stunde?“ Er klang unsicher.
„Okay“, stellte ich fest, „Dann wohl doch mit dem Bus.“
„Ja, das würde ich dir auch empfehlen. Geh einfach gerade aus. Ein paar Meter weiter findest Du auch eine Straßenbahn.“
„Danke“, sagte ich, und verabschiedete mich.

Um ehrlich zu sein erinnere ich mich gar nicht mehr, ob ich tatsächlich mit der Tram oder dem Bus gefahren bin, obwohl ich mir einbilden könnte, dass ich dort in einer Tram saß. Naja, ist ja auch egal.

Als ich an einer Ampel stand – ich war inzwischen so weit gelaufen, dass ich irgendwo in einem sehr belebten Ortsteil herumlief – sah ich drei Polizeiwägen an mir vorbeifahren und dachte, was schon wieder passiert war. Ob jemand etwas gestohlen hatte?

Ich überquerte die Ampel, lief die lange, lange Straße weiter. Noch ein Polizeiauto. Irgendwann kam ich wieder an einem ruhigen Eckchen an. Ich sah ein hübsches Café und setzte mich rein. Die Wände waren aus Glas, so dass ich einen Blick nach draußen hatte. Es war ungefähr neun Uhr, wenn ich mich recht erinnere, als ich mich an einen Tisch setzte, ein Croissant kaufte und mir einen Latte Macchiato bestellte. Ich aß genüßlich, sah aus dem Fenster – schon wieder die ganze Zeit irgendeine Polizei vorbeifahren – und dachte nach. Immer wieder fiel mein Blick auf das Handy, in der Hoffnung, Lejla würde schreiben.

Klar, ich hätte einfach nach Hause fahren können (wenn ich gewusst hätte, wo der Bahnhof ist), aber ich WOLLTE nicht. Ich hoffte weiterhin, dass Lejla die Mail noch lesen würde und ich wenigstens noch den Rest meines Tages so hübsch wie möglich mit ihr gestalten könnte. Ich malte mir aus, wie sie mich doch noch hier im Café abholt, oder ich sie zufällig auf der Straße sehe. Wie ich ihr um den Hals falle, ihr Parfüm (J’adore Dior Eau de Parfum) einatme und sie nicht mehr loslassen will. Wie mein Herz flattert, ich ihre Haut endlich WIRKLICH spüren kann, ihr in die Augen sehe und sie küsse – ja, wie ich sie endlich, ENDLICH küsse. Himmel, was habe ich mir doch zu der Zeit nur alles von ihr gewünscht. Wie sehr habe ich diese Frau begehrt, wie unwahrscheinlich groß war meine Sehnsucht zu ihr.

Irritierenderweise ist meine Sehnsucht nun wieder da (nicht auf sexueller Ebene)  – jetzt, wo sie weg ist. Sie hat sich zwar mit einem Bild gemeldet, wie ich ja in einem Beitrag zuvor schon einmal geschrieben habe, aber seitdem kam wieder nichts.

Doch! Sie schrieb noch: Du hast einen anderen Nick. Du hast mich angelogen……….schade………….Wie so oft, eigentlich.

Ich verstand nicht, was sie meint, bzw., womit ich sie angelogen hätte. Ich hatte ihr irgendwann mal gesagt, ich würde nicht mehr in den Mainchat gehen (das war ich ja auch bestimmt seit einem Jahr nicht mehr, bis vor einem Monat), aber registriert war ich da trotzdem noch. Und vor einem Monat, als ich mich nach einem Jahr also wieder einmal eingeloggt habe, hatte ich meinen Nick geändert.

Ich rechtfertigte mich, ärgerte mich gleichzeitig darüber, warum ich so schnell nachgab und dass ich mich nicht rechtfertigen müsse und warum sie mir überhaupt zu sagen hatte, ob ich noch in den Chat soll, oder nicht………… trotzdem entschuldigte ich mich – ohne wirklich zu wissen, wofür.

Ich tat es, weil ich will, dass sie zurückkommt. Ich würde alles tun, dass sie zurückkommt. Vor kurzem las ich in meinem alten Tagebuch mal, wie ich 2012 schrieb: Lieber verliere ich alles, und sie bleibt, als alles zu haben und sie zu verlieren.

Nun, egal. Zurück zum Thema.

Irgendwann kam ein türkischer, älterer Mann herein und setzte sich mit einem Kaffee an einen Nachbarstisch. Er beäugte mich kurz, sah freundlich aus und fing ein Gespräch mit mir an.

Er war nett, erzählte mir irgendwas von seiner Enkelin und dann fragte er, was ich hier mache, als er meinen Koffer sah. Wie gesagt, ich bin wie ein offenes Buch, erzählte ihm ganz ehrlich meine Geschichte und er meinte dazu: „Ach, wärst du doch zu mir gekommen! Ich habe hier drei Hotels! Ich hätte dich bestimmt übernachten lassen!!!“ Er lachte und schrieb mir die Internetseite zu seinen Hotels auf (für ein „Nächstesmal“) ich lachte, bedankte mich und steckte den Zettel weg. Irgendwann kamen zwei türkische Frauen (die eine sah furchtbar arrogant aus – war sie auch) und die andere unterhielt sich ebenfalls mit mir.

Bis meine Mutter anrief.

Ich entschuldigte mich und ging ran.
„NA ENDLICH!“ Ich musste mir sofort das Handy vom Ohr weghalten, so sehr brüllte sie ins Telefon.
„Was MACHST du denn?“
„Frühstücken“, sagte ich trocken und ernst.
„Bist du eigentlich verrückt? Wo bist du?“
„In Nürnberg?“
„Ach! Wo?“
„In einem Café.“
„Du hast ja wohl den Arsch offen! Die Polizei sucht in GANZ Nürnberg nach dir! Was denkst du dir eigentlich dabei, einfach aus der Notaufnahme abzuhauen!“ „Oh“, machte ich, und verstand jetzt endlich, warum die Polizeiwägen schon die ganze Zeit, wie aufgescheuchte Hühner, hin und her fuhren.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s