Als ich das Phantom besuchen wollte – THE END

Es machte mir nichts aus, dass mich die Polizei suchte. Im Gegenteil, es berauschte mich irgendwie. Ja, tatsächlich, wirklich, man könnte sagen, ich fühlte mich wie in einem Action-Film.

Ich sagte meiner Mutter, ich würde noch meinen Kaffee fertig trinken und noch ein bisschen warten, vielleicht meldet sich Lejla ja doch noch. Oh, wie ich die Gedanken meiner Mutter hören konnte: Mein armes Kind. Wie kann man nur so an einem Wunsch, an einer unerfüllbaren Hoffnung festhalten. Lejla wird sich nicht melden.

Aus dem „bisschen warten“ wurden drei Stunden, in denen ich noch ein bisschen, langsam traurig und enttäuscht werdend, in den Straßen N*‘s herumlief und mich umsah. Ich hatte mir schnell ein eigenes Bild von N* gemacht. Es gefiel mir hier. Die Leute waren alle super freundlich, sympathisch und aufgeschlossen, ganz anders als in München! Wenn man aneinander an den Straßen vorbeilief, wurde einem zugelächelt, es wurde sich entschuldigt, wenn man ausversehen aneinander stieß und wenn man ein Mädchen mit einem Koffer ziellos auf den Straßen herumlaufen sah, wurde diese von mindestens acht Leuten aufgehalten und gefragt, ob sie Hilfe benötige.

Ich mag N*.  Bestimmt hat es auch seine Schattenseiten. Aber definitiv nicht so präsent und auffällig und greifbar wie in München.

Meine Hoffnung geriet ins Schwanken. Nach endlosem, ziellosem Herumlaufen bog ich wieder in eine Straße ein, in der es ruhiger wurde, setzte mich an den Straßenrand, stellte den Koffer neben mir ab und begann furchtbar sentimental zu werden. Ich dachte darüber nach, was ich hier die letzte Nacht erlebt hatte, entschuldigte mich in Gedanken bei Martin dafür, dass ich einfach abgehauen war, bedankte mich still bei all den Menschen, die mir bisher weitergeholfen hatten, lächelte über die zwei Polizeibeamten und fragte mich, warum, verdammtnochmal, es in München nicht so friedlich sein konnte?

Als ich kleiner war – noch kleiner – also ungefähr Anfang dreizehn, lief ich so oft von Zuhause weg, wenn ich das Gefühl hatte, meine Trauer würde mich gleich ersticken. Das war nachts  gegen 22 Uhr, 23 Uhr, manchmal sogar bis zwei Uhr.

Es liefen mehr Menschen an mir vorbei, als ich es an Händen und Füßen (nicht mal wenn ich 10 davon hätte) abzählen konnte. Hat mich auch nur ein einziges Mal jemand beachtet? Sie sind alle an mir vorbeigelaufen, als sei ich ein kaputtes Zeitungspapier, wie Müll, das halt einfach da ist, aber halt nicht … nun ja. Wichtig, interessant, merkwürdig.

Es gab tatsächlich eine Situation, als ich neben einem Baum hockte und weinte, als eine junge Frau auf mich zukam, fragte ob alles in Ordnung sei und trotz aller meiner Bemühungen, sie anzulügen darauf bestand, mich nach Hause zu begleiten und dabei „zuzusehen“ und „Solange nicht weg zu gehen“, bis ich in der Haustür verschwunden war. Ein einziges Mal.

Ein Mensch von zigtausend.

In N* machten sie sich um ein 16-jähriges Mädchen sorgen, welches tagsüber mit einem Koffer und einem zufriedenen Gesichtsausdruck spazieren ging.

Irgendwann, als meine Haare von der Sonne schon glühend heiß waren (obwohl die Sonne an sich gar nicht so viel Wärme spendete), nahm ich mein Handy, verabschiedete mich im Herzen von Lejla und wählte die Nummer der Polizei.

Sie waren, während ich unterwegs war, unzählige Male an mir vorbeigefahren, aber ich wurde nie angehalten und ich fragte mich, ob sie wirklich nach mir suchten.

„Hallo?“
„Wer ist denn da?“
„Jessi. Ich… bin heute in der Früh aus der Jugendnotaufnahme abgehauen…“ Im Hintergrund hörte ich ein Rauschen und dann dumpf eine Frauenstimme sagen: „Wir haben sie.“
„Wo bist du denn?“
Ich suchte nach einem Straßenschild und nannte ihnen die Straße. Sie sagten, sie würden sofort da sein.

Als sie ankamen, saß ich immer noch am Straßenrand. Erst als sie hielten, stand ich auf und ging unsicher auf sie zu. Sie kamen zu mir (ein total klassischer „Polizistengang“ – wisst ihr, was ich meine?) sahen mich prüfend an, ob alles okay sei und schienen festzustellen, dass ich relativ am Ende meiner Kräfte sei.
„Komm. Gib mir Deinen Koffer.“
Ich reichte dem sympathischen Mann meinen Koffer, er warf ihn in den Wagen und die Frau öffnete mir die Autotür.
„Pass auf“, sagte sie, und hielt ihre Hand auf meinen Kopf, wie in diesen Krimi-Filmen, wenn Leute verhaftet wurden. Der Unterschied war nur, dass ich freiwillig einstieg und meine Hände nicht in Handschellen lagen.

Sie fuhren mich zum Bahnhof, geleiteten mich zu den richtigen Gleisen, kauften mir sogar ein Fahrticket(!) und warteten mit mir auf den Zug, bis ich bekräftigte, dass ich einsteigen würde und nach Hause fahren würde, sie müssten sich keine Sorgen machen.

Sie lächelten mich an, die Frau eher verzwickt, dann drückte sie mir die Schulter, schüttelte den Kopf und meinte: „Wie kommt man nur auf so eine wahnwitzige Idee?“
Meine Antwort war nur ein zaghaftes Lächeln,  bevor sie sich verabschiedeten und gingen und ich irgendwann in den Zug stieg.

Als ich im Zug saß, fiel mir erst auf, wie sanft sie mit mir umgegangen waren, beinahe übervorsichtig. Sah ich echt so mitgenommen aus? Mir ging es eigentlich ganz gut, ich war nur erschöpft, und etwas enttäuscht.
Und eins war ich ganz sicher:
Stolz.
Darauf, diese Erfahrung gesammelt zu haben, in N* gewesen zu sein, auch wenn ich Lejla nicht getroffen hatte.
Stolz auf meinen Mut und auf meine Willensstärke.
Denn Erfahrungen sind das Wertvollste, was das Leben einem schenken kann..

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