Sie sagte „Zweiunddreißig“ und verließ das Zimmer

Der Beitrag von gestern hat mir gestern ganz schön im Magen gelegen. Hätte nicht gedacht, dass es so eine Wucht auf die Seele ausüben kann. Wirklich, zwei Minuten nach dem Schreiben wurde mir auf einmal kotzübel. Erst waren es nur Kopfschmerzen und auf einmal wurde mir voll komisch.
Ich bin dann ein paar Runden ums Haus gelaufen, frische Luft geschnappt und meine Wasserflasche leer getrunken

Gott sei Dank habe ich eine verständnisvolle Chefin. Ich bin ja in einer neuen Abteilung seit zwei Wochen. Wir berechnen Türschwellen und Durchgangsbreiten, Bewegungsflächen und notieren ob Rampen vorhanden sind, etc. Alles für eine barrierefreie Umgebung, quasi. Sowas nennt man eine Erhebung. Es ist ganz interessant. Letzte Woche war ich das erste Mal auf einer Erhebung dabei. Der Chef der Metzgerei, die wir erhoben haben, war total unfreundlich, deshalb haben wir den Interview-Bogen einfach ausgelassen und nur die Flächen abgerechnet.

Alle Daten, die wir vor Ort notieren, müssen wir anschließend anlegen über einen Datensatz – das sieht komplizierter aus, als es ist –  und dann wird es online gestellt.

Ich habe viele Chefinnen, glaube ich. Es gibt immerhin einen Betriebsleiter, dass ist Herr *Heys.  Er ist quasi für alle Abteilungen der Betriebs zuständig. Also eigentlich ist er der einzige Chef, wenn man es genau nimmt. Alle anderen (meine „Chefs“ ) sind Abteilungsleiter.
Wir haben fünf Abteilungen. Eine IT-Abteilung, Mediengestaltung (die ich vor zwei Wochen unterstützt habe), OLM (Office Layout Multimedia), Empfang (ja, der hat tatsächlich einen eigenen Abteilungsleiter) und eben uns, RITA, wo ich momentan eingeteilt bin.

Ich hatte mit der RITA-Chefin, Frau *Flemming, eine gute Beziehung aufgebaut. Das war,  als ich bei Frau *Riehn gearbeitet habe und nachmittags ihren Platz im Büro eingenommen habe (Frau Rhien ist eigentlich Grafikerin, war aber zu der Zeit für mich zuständig, weil ich in der Marketing-Abteilung war). Ich war gerade von meiner Pause zurück gekommen, hatte das Buch von Herrmann Hesse beiseite gelegt und meinen Geldbeutel in die Tasche geschoben, als Frau Flemming in das Büro kam.
„Aha. Siddharta. Sowas lesen Sie?“
Ich fuhr hoch, weil ich mich erschrocken hatte und sah erst auf die kleine Lektüre von Hermann Hesse und dann in ihr kritisches Gesicht. „Ähm… ja.“
„Nicht schlecht. Ich habe Sie ja ganz falsch eingeschätzt.“
Ich lächelte sie an und steckte das Buch weg.
„Sie lesen wohl auch?“
Frau Flemming sah mich an und nickte „Klar. Haben Sie das Buch schon ausgelesen?“
„Nein, noch nicht“, gestand ich, „Ich komme momentan nicht zum Lesen. Ich bin froh, wenn ich mal ein paar Seiten hintereinander schaffe.“
„Ja, so ist das Arbeitsleben“, seufzte Sie, „Was lesen Sie denn sonst noch so?“
Ich dachte nach „Alles mögliche. Bisher am liebsten die Romane von Charlotte Link oder Sebastian Fitzek. Ich möchte dann bald mal das Tagebuch der Anne Frank lesen.“
„Charlotte Link sagt mir etwas“, sagte Frau Flemming und betrachtete mich ganz genau. Ich hatte das Gefühl, sie will mein Gesicht einstudieren, dann sagte sie: „Sie sollten mal Sternschanzen von Ildikó von Kürthy lesen. Der würde Ihnen sicher gefallen.“
„Ja, davon habe ich schon gehört.“
Wir lächelten uns an, dann kam Frau Rhien ins Zimmer. „Ich habe Sie wirklich unterschätzt, Frau V*“, sagte sie noch, bevor sie die Bürotür verließ und Frau Rhien mich mit einer hochgezogenen Augenbraue ansah. Ich grinste nur, zuckte die Schultern und arbeitete weiter

Das hatte irgendetwas verändert, zwischen Frau Flemming und mir. Sie wirkte bisher immer so unnahbar auf mich, teilweise sogar ein bisschen arrogant. Aber seit dem Tag an grüßte sie mich immer freundlich, wenn wir uns begegneten – sogar mit einem ECHTEN Lächeln. Sonst, wenn wir uns über den Weg liefen, sah sich mich nicht einmal an oder sagte nur mit einem oberflächlichen Lächeln „Guten Morgen“. Inzwischen bleibt sie stehen, sieht mir direkt in die Augen und fragt mich, wie es mir geht oder wie mein Wochenende war. Manchmal unterhalten wir uns kurz über Bücher (ich habe vor zwei Wochen das Buch von Jojo Moyes – Ein Bild von dir (absolut empfehlenswert!!) gelesen), darüber, wer schlecht,  wer gut oder wer ganz okay schreibt.

Ich hasse es ja, wenn man mit Leuten, die man persönlich kennen lernt und sich gut leiden kann, zusammen arbeiten muss. Als ich dann vor zwei Wochen in Frau Flemmings Abteilung kam, war ich ein bisschen nervös und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ganz einfach war es nicht, ich merkte nämlich schon, dass sie mich ein wenig offener bzw. willkommener anlächelte als meine Kollegen.

Ich habe großen Respekt vor ihr, immerhin kann sie sehr streng und konsequent sein. Sie strahlt eine gewisse Autorität aus, außerdem auch etwas, was einen ein bisschen einschüchtert. Etwas, bei dem jemand, der eigentlich total frech und anstandslos ist, auf einmal ganz viel Respekt und Anstand entwickelt. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass sich jemand trauen würde, ihr in den Weg zu stellen oder ihr die Stirn zu bieten.

Gestern kaufte ich mir in der Mittagspause im Markt zum Mittagessen einen körnigen Frischkäse und setzte mich in den Pub, um zu essen. Neben mir saß eine Kollegin und dann setzte sich Frau *Fittes mit an den Tisch. Ich half ihr das Mittagessen und die Stühle so beiseite zu rücken, dass sie Platz hatte, denn Frau Fittes sitzt im Rollstuhl. Sie arbeitet mit Frau Flemming zusammen und ist meine Ausbilderin.

Wir fingen an miteinander zu quatschen, ich weiß nicht mehr, über was. Irgendwann erzählte sie, dass sie vor fünf Jahren hier angefangen hat, aber zwischenzeitlich in einem anderen Bereich war und erst seit Anfang letzten Jahres wieder bei RITA mit Frau Flemming arbeitet. Dann erzählte sie, dass Frau Flemming schon seit 8 Jahren hier arbeitet. Ich muss sehr blöd aus der Wäsche geguckt haben, denn Frau Fittes fing an zu grinsen, während sie mich ansah. „Wieso schauen Sie jetzt so?“, fragte sie schließlich und musste lachen. „Ach. Naja, 8 Jahre? Damit habe ich nicht gerechnet, ehrlich gesagt. Dann ist sie ja doch viel älter, als ich dachte!“

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie solchen Leuten das Leuchten aus den Augen nicht verschwindet. Wenn ich mir vorstelle, von einem Tag auf den anderen auf einmal nicht mehr meine eigenen Beine bewegen zu können …. Würde ich dann überhaupt noch leben wollen? Nein. Die Vorstellung ist einfach zu grausam!
Es wird einem alles erschwert, mitleidige Blicke von rechts und links, die Wohnung müsste angepasst werden, es gäbe nur noch wenige Orte, an die man hinkönnte… Ich könnte nicht mehr reiten! Nicht mehr laufen! Nicht vor Freude in die Luft springen, mich in Schneidersitz setzen oder in die Hocke gehen, um einen Regenwurm aufzuheben und ihn von der Straße wieder in die Wiese zu legen.

„Wie alt haben Sie sie denn geschätzt?“, fragte sie, als sie sich eine Gabel von ihrem Salat in den Mund steckte. Ich zögerte, war mir nicht sicher, ob es angebracht war, über so etwas zu reden, sagte dann aber schließlich: „Ich weiß es nicht. Nicht älter als 32?“
Frau Fittes sah mir in die Augen und lachte. Sie sah irgendwie niedlich aus, wenn sie das tat.
„Ach, das sagen Sie ihr mal, da wird sie sich bestimmt darüber freuen.“

Als ich am Nachmittag wieder am Computer saß, um Daten einzugeben, kam Frau Flemming in unser Büro um zu fragen, ob alles in Ordnung wäre. Alle bejahten, dann sah sie mich an, in ihrem Gesicht ein einziges Strahlen, und sagte: „Zweiunddreißig.“ Dann verließ sie das Zimmer. Ich verstand erst nicht, was sie meinte, dann wurden meine Ohrläppchen ganz heiß und ich schämte mich zu Tode.

Ich werde definitiv nie wieder über das Alter von irgendeiner Autoritätsperson sprechen. D e f i n i t i v

Ps.: Ich weiß immer noch nicht, wie alt sie wirklich ist. Vielleicht ist das auch besser so.

Advertisements

2 thoughts on “Sie sagte „Zweiunddreißig“ und verließ das Zimmer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s