Eigentlich sind wir selber schuld

Ich könnte jetzt die Augen schließen und liegen bleiben, könnte vom Zuhören ins Hinhören und vom Hinhören ins Hören schalten, die Stimmen und die Melodie der Umgebung als leises Lied, nicht als Summen wahrnehmen.

Natürlich könnte ich wo anders sein, wo anders, wo es anderen befremdlich, gefährlich, ja klar, vielleicht auch lebensmüde wäre. Auf einem mit Textil bezogenen Gestell, einem Sofa, einer Daunendecke um die Schultern, vielleicht am Abgrund einer Klippe, umfangen, gestreichelt vom Wind, der mich mit seinen langen, schwerelosen Armen in die Tiefe oder aber auch in den Anfang vom Ende locken möchte. Vielleicht aber auch ungeschmückt, textillos, nackt, in der Nacht, im goldenen Glitzern der Straßenbeleuchtung, auf dem nassen Asphalt des herbstlichen Regens.

Wo fühlt es sich sicher an? Wo ist Wärme, Trost, vielleicht auch Liebe oder der rote Wein, der ja auch alles kann, wenn es die Hülle, von Kopf bis Zeh, topfeben mit Wehmut füllt und die Seele in wiegenden Wässern gefangen hält. Manchmal braucht es auch kein Besoffensein, um am nächsten Tag mit einem Kater im Herzen zu erwachen. Bestimmt, ganz sicher, reicht auch ein Schlag einer Faust, metaphorisch, natürlich. Ein Schlag also, von einer unsichtbaren Faust, von einer Faust, die man sich selber aus vielen mikroskopischen, hässlichen, schwarzen Kopfdämonen erzeugt hat, wie ein Geschwür, das triefender, lechzender und klebender nicht sein kann.  Ganz sicher haben viele eine Faust aus winzigkleinen Kopfdämonen, ja, auch du und er und sie und ich – wir alle – haben dieses Geschwür, das auf dem Herzen lastet, welches noch mit den Weinresten der letzten, einsamen Nacht zu kämpfen hat.

Aber zurück zum hier, zurück zum jetzt. Zurück zum Leichtsein, nicht zum Schwersein. Zurück zu dem Moment, in dem die Augen zu sind, in dem die Lichter vor den geschlossenen Lidern tanzen, zurück zu dem Moment, in dem auch Schwarz auf einmal bunt sein kann, in dem auch Motoren, also Autoreifen und hupen und schimpfen und schreien auf einmal Musik sein kann. In dem alles sein kann, wie es einfach ist – ohne mikroskopische, hässliche, schwarze Kopfdämonen.

Warum immer schwermachen? Warum nicht abheben, loslassen, echt sein? Warum nicht dieses lechzende, triefende Schwarz niederprügeln? Warum nicht Sonne und Farbe und Leben und Mut pflanzen, wachsen  und gedeihen lassen? Kann es sein, dass Menschen Leid zum Leben brauchen? Selbstmitleid, Mitleid, ein erfüllendes Leid, vielleicht eines, welches den Gegenpol noch schöner und befriedigender macht, als ein Leid, das nur hasst und weint und schreit. Natürlich, ja klar! Ein ganz einfaches Leid, das irgendwie die stumme Seele beschwipst und auf einmal aufblühen lässt, ein Leid, wie falsche Steine, die auf dem richtigen Weg liegen. Dieses Leid aus Steinen, nach dem man mit der selbst herangezüchteten Kopfdämonenfaust greifen, und einfach aus dem Weg schmeißen kann……………. um dann das Glashaus, in dem man saß, zu zerstören.

Und dann bist du, er und sie oder ich sowieso wieder am Anfang jener Wunschgeschichte. Auf dem Sofa oder nackt auf dem verregneten Asphalt. Die Geschichte, die sich nur in dem Moment veränderte, in dem wir unser einfaches Leid, mit unserer selbst kreierten Faust aufhoben und beseitigen wollten und nicht darauf achteten, dass wir bereits im Glashaus sitzen und mit Steinen werfen.

Also liegen wir in Scherben. Ja, ganz richtig, in den Scherben unseres Glashauses, zerbrochen von uns selbst, weil wir das einfache Leid loshaben wollten, weil wir nicht kämpfen, sondern einfach wegwerfen und frei und stark und glücklich sein wollten und weil wir, weil wir uns für so schwach empfinden, nicht den Skandal, das Drama und die Gefahr erkannten. Weil unser von Rotwein beschwipstes Herz zu blind war, zu erkennen oder um zu sehen oder zu fühlen, was wir lostreten und auslösen, wofür wir selber verantwortlich sein würden, verantwortlich sind oder schon immer waren.

Und genau deshalb könnte ich jetzt die Augen schließen und liegen bleiben, könnte vom Zuhören ins Hinhören und vom Hinhören ins Hören schalten, Stimmen und die Melodie der Umgebung als leises Lied, nicht als Summen wahrnehmen. Genau deshalb könnte ich wo anders sein, nicht hier, in meinem Bett, zu zweit und doch irgendwie allein, sondern wo anders, wo es anderen befremdlich, gefährlich, ja klar, vielleicht auch lebensmüde wäre. Vielleicht aber auch einfach ungeschmückt, textillos, nackt, in der Nacht, im goldenen Glitzern der Straßenbeleuchtung, auf dem nassen Asphalt des herbstlichen Regens.

Ohne Scherben, denn ich behalte lieber das einfache Leid, die falschen Steine, lasse sie liegen und sein und springe über sie oder gehe um sie herum, lasse lieber mein Glashaus sein, wie es war, wie es ist und immer sein sollte.

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2 thoughts on “Eigentlich sind wir selber schuld

    1. GENAU so sehe ich das auch.
      Mit diesem Beitrag wollte ich sagen, dass man „kleine“ Problemchen auch mal einfach SEIN lassen kann…. anstatt alles mögliche, verzweifelte zu versuchen, sie zu beseitigen – manchmal wird dann nämlich alles nur schlimmer.

      Und manchmal sind so kleine Steine im Weg keine großen Probleme, man muss sie nur richtig legen, umgehen oder drüber steigen, um sie zu bekämpfen, und nicht gleich mit allen Mitteln versuchen sie zu beseitigen („wegzuwerfen“ eben: im eigentlichen Glashaus mit Steinen werfen)…..

      Ich bin auch der Meinung: wer positiv und optimistisch durchs Leben schreitet, erfährt häufiger glückliche Momente, als vielleicht leidenschaftliche Pessimisten…. 😉

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