Ein Geschenk vom Schicksal. Oder Zufall.

23.12.15, Mittwoch

Mein Geburtstag. Er war schön, er war ruhig, er war angenehm. Kora hatte einen Tag vor mir Geburtstag. Wir feierten am 23. am Abend in München zusammen. Meine Freunde Cleo, Finn und Sarah waren dabei. Sarah hatte ihren Freund mit genommen – er war ja auch eingeladen. Und vier Freunde von Kora. Wir waren eine tolle kleine Gruppe. Ich liebe Koras Familie und Freunde. Andersrum ist es genauso.

Die Tage zuvor habe ich immer wieder an die Leute gedacht, die mir am Donnerstag, eine Woche zuvor, auf der Straße geholfen haben. Ich habe jeden Tag an sie gedacht. Daran, ob ich wohl schon an ihnen vorbei gelaufen bin, sie aber nicht erkannt habe. Und darüber, ob ich sie jemals wieder sehen würde, ob wir uns wieder über den Weg laufen würden. Ich war irgendwie traurig. Ich wollte mich so gerne bedanken.
Am Wochenende, als ich wieder an die 2 denken musste, dachte ich dann aber … ich weiß nicht, ich hatte es irgendwie im Gefühl… dass sich unsere Wege ganz sicher weider kreuzen würden. Ich mache seltsame Bekanntschaften. Ich lerne Menschen kennen, richtig außergewöhnliche Menschen, bei denen die Leute in meinem Umfeld meistens nur den Kopf schütteln konnten. Erst letztens schrieb mir eine ehemalige Betreuerin, dass ich „gewisse Leute magisch anziehe“ und dieses „Magische-Anziehen“ nun nur noch auch auf einen Therapeuten übertragen werden müsste.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es diesmal auch so sein würde.

Am Donnerstagabend saßen wir also alle zusammen im Café und warteten auf unser Abendessen, lachten, unterhielten uns und erzählten uns Geschichten. Ich nahm dann kurz mein Handy und sah auf einmal eine fremde Nummer.
Es war eine Whatsapp-Nachricht.
Ich öffnete sie und konnte meinen Augen nicht trauen.
Es war der Mann, der mir an dem Donnerstag geholfen hatte!!! Der, der mir seine Jacke in dieser Kälte über die Schultern geworfen hatte und mich festgehalten hatte, damit ich nicht umfalle (ich saß ja eh schon auf dem Boden). Ich hatte ihn an dem Abend kein einziges Mal gesehen, er war ja hinter mir. Seine Frau… oder Freundin… die habe ich kurz gesehen… aber nur halb, glaube ich. Ich erinnere mich auf jeden Fall nur sehr schwach. Ich glaube, sie könnte an mir vorbei laufen und ich würde sie nicht erkennen.
Sie sah relativ jung aus… ich denke so … puh…. 30 – 35 ? Vielleicht jünger. Auf jeden Fall kurze Haare. Rot? Oder orange… vielleicht war es auch blond. Und ich glaube, sie trug eine Brille… aber es ist komisch. Ich erinnere mich wirklich kaum noch. Es ist wie ein schwacher, verschwommener Traum.
Jedenfalls haben wir nun …. hin und wieder Kontakt. Ich schrieb ihm, dass ich die beiden gerne als Dankeschön auf einen Kaffee oder Ähnliches einladen würde.

Er hat zugesagt, meinte, das ließe sich sicher einrichten. Ich bin schon sehr gespannt, die beiden Menschen, die mir geholfen haben, kennen zu lernen. Endlich ein Gesicht zu den zwei guten  Gestalten zu haben……

Vor allem bin ich etwas… überwältigt von diesem Mann. Wie ihr alle inzwischen sicher schon wisst, sind Männer für mich eher schwarz, als weiß. Gut, um nicht nur im Bereich von „Gut und Böse“ zu sein, sagen wir mal dunkelgrau. Ich kann mit Männern selten positive Eigenschaften oder Gefühle verbinden. Sie sind für mich… ich kann es nicht erklären. Sobald ich näheren Kontakt (damit meine ich natürlich freundschaftlich), mit ihnen habe, wie zum Beispiel mit Cip, meinem Kollegen, baut sich da sofort eine … nun ja… so ein Käfig auf. Nein, keine Mauer.
Mehr so ein Käfig, mit kleinen Gittern, durch die ich  meine Fingerspitzen durchstrecken kann. So kann ich sie zwar berühren, wenn ich will, aber sie können mir nichts tun.
Jedenfalls… natürlich hinterfrage ich bei Aussagen von Männern und Gesten oder Mimiken viel mehr als bei Frauen. Ich meine, nach 5 fast-Missbräuchen kann man mir das wohl kaum verübeln, oder? Klar, ich bin zum Teil selber daran Schuld, wenn ich mein Maul nicht aufreißen kann. Klar, können Männer nicht Gedanken lesen und wissen, was ich will oder nicht will, wenn ich es nicht sage…. Aber… wie auch immer. Das ist jetzt nicht das Thema.
Jedenfalls … ja, Männern vertraue ich um vieles weniger als Frauen.

Ich meine, klares Beispiel:
Celene. Ich stehe an der Kippe, einen Windstoß vom Abgrund entfernt.
Nehmen wir an, ich darf entscheiden, wann dieser Windstoß kommt, denn dieser Windstoß ist symbolisch mein Vertrauen. Mit diesem Windstoß lasse ich mich von der Klippe stürzen. Unten am Fuße steht Celene. Ich erwarte nicht einmal, dass sie mich auffängt – das erwarte ich von keinem Menschen, aber ich weiß und vertraue darauf, dass sie den Fall mildert.

Wenn jetzt allerdings am Fuße der Klippe… nun ja, sagen wir mal Cip stehen würde, dann würde ich, bevor ich den Windstoß kommen und mich fallen lasse, mich erst einmal an einem Bungee-Seil befestigen.

Versteht ihr, was ich meine?

Dieser *Matthias, der mich vor zwei Wochen an der Straße gefunden hatte, weckt da aber irgendwie eine neue Erfahrung. Er wirft ein neues Licht auf das Bild, das ich mir gemalt habe. Irgendwie hinterfrage ich ihn nicht. Er wirkt so ruhig.
Ich weiß nicht. Glaubt ihr an die Aura eines Menschen? Ich meine, ich weiß nicht, ob das eine Glaubenssache ist (sein sollte), aber wenn ich mich an den Abend zurück erinnere, dann glaube ich, war ich fast dankbar, als er mich an den Schultern fest hielt.
Ich meine, ihr habt ja jetzt eine lange Zeit lang meinen Blog verfolgt und mitbekommen, dass ich in letzter Zeit so rastlos bin/war…. ich kann es kaum fassen, dass ich das jetzt sage, aber als er mich da so gehalten hat, ich meine, in diesem Moment so gestützt hat… ich habe mich geborgen gefühlt.

Ich weiß nicht, wer von euch den Beitrag gelesen hat (ich weiß auch nicht mehr, wann ich ihn geschrieben habe), aber der letzte Mensch, der mir Geborgenheit hatte schenken können, war Lejla.
Vor drei Jahren rief sie mich mitten in der Nacht an, weil ich mich schrecklich einsam fühlte. Ich glaube, das war der Tag, an dem mein Vater das Telefon ganz knapp an mir vorbei an die Wand gedonnert hatte – er hatte mal wieder zu viel gesoffen. Nichts Ungewöhnliches. Fünf bis sieben Bier an einem Tag ist noch normal. An diesem Abend müssen es 11 gewesen sein, wenn ich mich richtig erinnere. Ab 9 wird er meistens gereizt. Ab 10 aggressiv.
Jedenfalls rief mich Lejla eben in dieser Nacht an und ich weinte. Und alles was sie sagte war: „Wenn ich jetzt bei dir wäre, würde ich dich in meinen Armen wiegen und dir Geborgenheit schenken.“

Total absurd, aber als Matthias mich am Donnerstagabend an den Schultern hielt und als er und seine Frau oder Freundin sich so um mich gekümmert haben…. ich musste an Lejlas Worte denken. Ich musste mich sehr beherrschen, nicht zu weinen.
Gott sei Dank kam ja dann der Notarzt und meine Melancholie war schneller verfolgen, als sie gekommen war.

Jetzt musste ich allerdings doch wieder daran denken. Ich schreibe ja ab und zu mit ihm und irgendwie muss ich immer wieder daran denken, wie seltsam es ist, dass ich kaum versuche ihn oder seine Aussagen zu analysieren oder zu hinterfragen. Dass ich ihm einfach nicht misstraue. Es fühlt sich beinahe falsch an. Absurd oder? Ich meine, nicht direkt „falsch“…. aber es fühlt sich einfach…. unnormal an. Anders. Es ist etwas, was ich nicht kenne. Völlig neu für mich.
Völlig… surreal.

Vielleicht mache ich mir aber auch wieder einfach zu viele Gedanken.
Vielleicht sind die beiden auch „nur“ Menschen, die mich kurz im Leben begleiten und dann nie wieder von ihnen höre.
Urkomisch, aber wenn ich so darüber nachdenke, dann waren es bisher nur die Menschen, die NICHT in meinem Leben geblieben sind, die etwas Wichtiges in mir geprägt haben.

 

 

 

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Zeugin – Traum

Ich hatte heute einen fürchterlichen Traum. Er fühlte sich so realistisch an und ich hatte das Gefühl, einfach nicht wach werden zu können, obwohl ich wusste, dass es nur ein Traum ist. Und ich hatte schrecklich Angst! Deswegen muss ich den einfach aufschreiben… er war so skurril und so verstörend….. mir liegt der Schreck jetzt noch im Magen..

Ich arbeite in einem Großen Gebäude. Es ist, glaube ich, offiziell ein Schwimmbad. Man betritt die Eingangstür auf der Westseite und steht mitten in einer riesigen Halle mit roten Backsteinfliesen. In den Boden ist ein großes Schwimmbecken eingelassen, aber es ist alles leer.
Links, quer über den Eingangs-, bzw. Schwimmraum, befinden sich diese Drehteile, wo man ein Ticket aus einem Automaten heraus ziehen muss und man dann durchgehen kann.
Da ich Mitarbeiter in diesem Gebäude bin, muss ich nur meine Karte davor halten.
Ich laufe durch einen kurzen Flur, dann eine Wendeltreppe hinauf und an ganz vielen unfertigen Schließfächern vorbei, wo überall die Türen noch fehlen und sie deshalb aussehen wie Expidite.
Dann betrete ich ein Großraumbüro (es ist genau dasselbe, wie das, in dem ich auch in Wirklichkeit arbeite). Meine Kollegen sitzen schon alle an ihren Arbeitsplätzen. Unsere Bürotische sind mit blauen Trennwänden voneinander abgetrennt. Rechts von mir sitzt Philipp. Wir haben seit einigen Tagen ein kleines Mädchen mit im Büro stehen. Sie dürfte gerade mal zwei oder drei Jahre alt sein. Blondes Haar.
Sie ist im Koma. Oder so. Jedenfalls liegt sie da schon seit Tagen und wacht einfach nicht mehr auf.

Gegen Mittag besuchen wir alle  Philipp an seinem Platz. Wir schauen zu dem Mädchen in das Bett, er hebt sie heraus und küsst sie auf die Stirn. Er flüstert sie an, sie soll doch bitte endlich wieder aufwachen und auf einmal öffnet sie die Augen.

Kennt ihr diese Vorschau bei einzelnen Doku-Soaps? Zum Beispiel bei… GZSZ? Nun, genau das ist dann passiert. Als hätte ich in einer Serie mitgespielt, war ich nur noch der Beobachter und ich konnte in der Vorschau sehen, wie Philipp einen Anruf bekommt, im selben Moment, wie das Mädchen die Augen aufschlägt. Er geht dran, an der Leitung ist eine Männerstimme, die sagt: „Ist Lilly also aufgewacht.“ Und im selben Moment wie diese Stimme das sagt, weiß ich, es ist ein Hinterhalt. Philipp ist auch verwirrt und schaut seine Kollegen an.
„Das ist sehr schön und es freut mich für dich.“ Der Anrufer hält Philipp an der Leitung und ich sehe aus der Ecke des Zimmers, wie zwei Männer den Raum betreten. Der eine hat eine Pistole in der Hand, der andere das Handy am Ohr und redet. Mit Philipp.
Ich mache die Augen zu und dann höre ich einen Schuss und das panische Schreien unserer Kollegen.

Am nächsten Tag, als ich in die Arbeit gehe, kriege ich die Szene aus der Vorschau nicht aus dem Kopf und hoffe, dass das bloß ein blöder Traum war. Ich betrete wieder den Eingang auf der Westseite, lasse meine Karte scannen und gehe hoch in unser Büro. Philipp sitz wieder mit Lilly am Tisch. Er hält sie im Arm, während er arbeitet. Eine ganze Weile geschieht nichts Außergewöhnliches, bis auf einmal, kurz vor Feierabend, mein Handy klingelt.
Mir schnürt sich die Kehle zu, mein Magen dreht sich um. Es ist eine unterdrückte Nummer und ich gehe ran.
„Hallo.“ Es ist seine Stimme. Die des Mannes. Und ich kann einfach nicht antworten. Ich habe so Angst, dass ich einfach nicht die Kraft hervorbringe, zu antworten.
Sofort springe ich vom Stuhl auf und will das Büro verlassen. Als der Mann sagt „Ist Lilly also aufgewacht“, höre ich seine Stimme ganz nah im Gang widerhallen. Er kommt gerade von der Treppe um die Ecke und ich laufe durch die Schließfächer, versuche, mich zu verstecken. Ganz nah geht er an mir vorbei. Er ist klein. Ungefähr einen Kopf kleiner als ich. Hat ein sehr kindliches Gesicht. Sein Partner hingegen ist sehr groß und kräftig, sieht aber aus wie ein Dummchen, mit dicken Pausbacken und weißblonden Igelhaaren. Er hat die Pistole in der Hand.
„Das ist sehr schön und das freut mich für dich“, sagt der Kleine in den Hörer zu mir und dreht sich auf einmal um, bedeutet seinem Partner schweigsam stehen zu bleiben. Mein Herz bleibt stehen, als er direkt in meinem Richtung schaut, wie ein Greifvogel, der seine Beute wittert. Er verharrt so lange in dieser Position, dass ich fast das Keuchen anfange vor Aufregung und Panik. Doch dann dreht er sich um und geht weiter. Ich ergreife die Gelegenheit, renne so schnell ich kann nach unten und nehme seine Stimme am Hörer nur noch als Summen war, als ich unten in der Schwimmhalle angekommen bin. Ich drücke ihn einfach weg.
Jetzt muss ich schnell handeln. Ich habe so wahnsinnig Angst, dass man Herz mir bis in die Kehle klopft. Ich habe damit, dass ich aufgelegt habe, seinen Plan durchkreuzt. Wenn ich Pech habe und er ein Psychopath ist, wird er Amok laufen.
Ich versuche die Polizei anzurufen, aber es funktioniert einfach nicht. Mein Handy gibt dauernd, wenn ich die 110 wähle, den Geist auf. Ich tippe auf den Notruf-Knopf. Auch das Funktioniert nicht.
Auf einmal höre ich einen Schuss. Noch einen Schuss. Und ich muss instinktiv aufschreien und lasse mein Handy fallen. Es zerspringt in tausend Teile. Ich renne quer über die Schwimmhalle zur Nordseite. Ich trete durch eine Glastür und befinde mich in einem Windfang. Rechts von mir ist ein großes Fenster, dort befindet sich das Büro vom Hausmeister. Ich vertraue im Moment niemandem mehr. Irgendjemand muss den Mörder herein gelassen haben, immerhin ist der Eingang auf der Westseite seit einer Stunde geschlossen und auf der Nordseite kommt man nur als Mitarbeiter von innen nach außen, es sei denn, jemand öffnet einem die Tür.
Vielleicht ist der große Hausmeister mit dem schwarzen Schnurbart und den schwarzen Haaren der Komplize?
Ich bücke mich unter dem Fenster, ich muss warten. Meine Oma steht in seinem Büro und redet mit ihm. Ich glaube, sie arbeitet in diesem Gebäude als Putzkraft hier oder sie war da, weil sie mich abholen oder besuchen wollte – ich weiß es nicht. Alles eine Sache der Unmöglichkeit, da meine Oma im wahren Leben seit einem Jahr extrem schwach und krank ist und seit einem halben Jahr an einem Sauerstoffgerät hängt.
Im Traum sieht sie ein bisschen jünger und fitter aus.
Sie nickt und verlässt das Büro. Sofort laufe ich auf sie zu. Ich will gerade nichts anderes, als meine Oma aus dem Gebäude bringen und mit ihr nach Hause fahren – uns beide in Sicherheit bringen. Alle anderen sind mir herzlich egal. Hauptsache meine Oma!!!
Mir liegt der Schock immer noch schwer im Magen, so dass ich einfach nicht schaffe ihr zu erklären, warum wir sehr schnell aus dem Gebäude raus müssen.

Gott sei Dank hinterfragt sie nichts. Sie ist leider sehr langsam und braucht meine Stütze. Wir müssen einen langen Fußmarsch hinter uns legen, um zur Bushaltestelle zu gelangen. Es ist stockfinster, die Straßen nur kläglich beleuchtet, aber ich kann erkennen, dass wir in der Umgebung meiner alten Schule sind (aus dem echten Leben). Was mich kurzzeitig sehr irritiert ist, dass die Bushaltestelle, die sonst immer eine Straße weiter stand, nicht mehr dort ist. Wir folgen einfach zwei Menschen, die den Eindruck machen, auch zu einer Bushaltestelle zu müssen und laufen einen sehr komplizierten Weg mit vielen Abbiegungen bis zu einer Haltestelle, wo der Bus bereits steht und wartet. Ich weiß erst nicht, ob der Bus uns nach Hause fahren würde, aber da sehe ich auf einmal meinen Papa anlaufen. Er sieht mich kurz an, unverwandt aber freundlich und steigt ein. Gut, wenn er da einsteigt und nach Hause will, wird mich der Bus wohl auch nach Hause fahren – immerhin wohne ich ja bei meinen Eltern. Aber ist dieser Mann wirklich mein Papa? Er sieht exakt genauso aus. Neben ihm steht nun auch meine Mama, aber sie schauen mich an, als würden sie mich nicht kennen. Sie lächeln einfach nur kurz freundlich. Ich helfe meiner Oma beim Einsteigen, und als wir im Bus sitzen und endlich wieder Menschen um uns herum sind, fühle ich mich etwas erleichtert. Etwas, was mir sofort auffällt ist, dass alle Menschen Ausländer sind. Der Bus sieht auch nicht nach den typischen deutschen Bussen aus. Die Menschen sehen aus wie… Menschen aus Syrien. Ja. Ich glaube, das trifft es ganz gut.
Ein Gesicht von einem Mädchen hat sich mir ganz extrem ins Hirn gebrannt. Ihre braunen Augen, ihre milchkaffeebraune Haut, ihre schwarzen Haare. Sie hat mich stechend, unsicher, ängstlich, teilweise vielleicht sogar böse angestarrt. Sie darf so um die zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein.
Jedenfalls schaue ich sie nur kurz an, reiße dann meinen Blick von ihr und suche für meine Oma einen Platz, wo sie sich ohne Schwierigkeiten hinsetzen kann.

Irgendwann kommt der Bus an einer Haltestelle an meine Eltern (oder auch Nicht-Eltern) steigen aus dem Bus. Ich helfe meiner Oma ebenfalls beim Aussteigen.

Cut.

In der Nacht liege ich bei Kora im Bett. Ich bin relativ spät Zuhause angekommen und habe ihr nichts von dem Vorfall in der Arbeit erzählt. Auf einmal fängt Balou draußen im Gang an zu knurren und zu bellen.
Es ist kurz vor fünf Uhr morgens und ich muss sowieso bald aufstehen, aber als ich ihn bellen höre, zerreißt es mir vor Angst fast das Herz. Kora reibt sich nur müde die Augen.
Ich setze mich hin und als Balou nicht aufhört zu bellen, steht Kora auf und will zur Tür. Ich kriege so eine Todesangst, weil ich die Befürchtung habe, es sind die Mörder aus der Arbeit. Ich habe  so Angst, weil ich denke, dass sie mich aufgesucht und nun umbringen wollen. Ich zische Kora zurück und sage, dass ich zur Tür gehe und nachsehe, warum Balou so knurrt.
Kora setzt sich wieder auf das Bett, ich öffne die Tür… Es ist stockdunkel, Balou hört auf zu bellen. Ich taste mit meiner Hand nach dem Lichtschalter. An meinem Rücken klebt kalter Schweiß und mein Herz bebt.
Das Licht geht an.

Und ich werde wach.

 

 

Weil es Lejla gibt.

Tja…. ich hatte es doch geahnt. Hatte ich es nicht geahnt?

Puh… wie soll ich das jetzt erklären?
Vor einigen Monaten hatte ich mal mein E-Mail Account mit Koras Handy verbunden, da ich zu der Zeit irgendwie kein Internet am Handy hatte.
Das habe ich vergessen zu löschen und ich dachte mir auch nichts dabei. Vielleicht war ich auch einfach zu leichtsinnig.

Jedenfalls habe ich ja wieder mit Lejla Kontakt. Sporadisch. Lejla IST halt nun einmal meine Seelenverwandte. Lejla bedeutet mir halt nun einmal sehr viel. Ich kenne sie nun bald seit fünf Jahren und diese Frau hat mich durch die schlimmsten Zeiten meines Lebens begleitet. Sie war immer für mich da, wusste meine Gefühle besser in Worte zu fassen, als ich selbst. Sie füllte diese Leere in mir… und ich wurde durch sie wieder lebendig. Ich KANN Lejla nicht einfach „aufgeben“… oder so tun als hätte es sie nie gegeben.

Ich hatte ihr das letzte Mal ein paar Bilder von unseren Kätzchen, dem Täubchen und Balou, also Koras Hund geschickt. Ich schrieb ihr genau diesen Text dazu:

Ich habe z.B vor kurzem ne Türkentaube gefunden ne Junge…. die habe ich total ins Herz geschlossen.

Der Hund ist Balou… also eigentlich der von Kora… inzwischen… naja sie sagt, er ist „unser“ Hund… ich … KANN das gefühlsmäßig nur nicht so sehen…. ich meine, ich liebe ihn total… aber…  naja…

Das war wirklich ALLES, was ich dazu schrieb….

Darauf antwortete Lejla:

TürkenTaube…….,-) (Lejla ist ja eigentlich Türkin, deshalb der Zwinker-Smiley)
Ich hatte auch mal einer Taube das „Leben“ gerettet….in der Küche aufbewahrt- Mama ausgeflippt.. +
der Hund ist TOLL.. nur du nicht verliebt in sein eigentliches „Herr.chen“…. vermutlich-scheinbar.

Nun, jedenfalls las ich diese Nachricht erst am nächsten Tag.. gestern, als Kora so komisch war.

Und jetzt dürft ihr 3x raten WARUM.
Exakt. Sie hat die E-Mail auf ihrem Handy empfangen und geöffnet und gelesen.

Sie hat total geweint. Mir war den ganzen Tag zum Weinen zumute gewesen, aber als sie mir das sagte wurde ich auf einmal so… steinhart. Als würde flüssiges Zement trocknen. Wisst ihr, wie ich meine? Ich machte einfach komplett zu. Ich ließ einfach nichts schmerzhaftes an mich heran, sondern reagierte mit Wut. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wieso. Wirklich!
Aber… ich … ich meine… sie hat mir solche Vorwürfe an den Kopf geschmissen! Von wegen „Dass du mich mit dem Essen belügst, ist eine Sache, das habe ich akzeptiert. Aber dass du mich in unserer Beziehung belügst, ist eine andere!“

Ich keifte richtig herzlos zurück „Ich belüge dich nicht! Ich liebe dich! Denkst du wirklich, ich wäre noch hier, wenn ich nichts für dich empfinden würde?“

Sie: „Ach ja? Und warum schreibt sie dir dann sowas? Was hast du ihr geschrieben? Wenn ich dich das frage, lügst du mich doch sowieso an und die Nachricht würdest du mir eh nicht zeigen!“

Ich: „Weil du immer irgendeine verdammte Scheiße in die beschissenste Kleinigkeit hineininterpretierst! Ich habe dich Lejla gegenüber mit keinem einzigen schlechten Wort erwähnt. Im Gegenteil!“

Darauf sagte sie erst einmal nichts mehr. Dann saßen wir beide schweigend auf der Couch.
Irgendwann stand sie auf und ging duschen. In dem Moment wollte ich einfach alle meine Sachen packen und nach Hause – nach München – fahren. Ich wollte mich in mein KINDERzimmer einsperren, in mein Bett schmeißen und hemmungslos heulen, wie ein KIND. Ich schrieb ihr eine SMS, weil sie ihr Handy mitgenommen hatte. Ich weiß, total KINDisch, dass ich über das Wochenende nach Hause fahre, weil es das beste für uns beide wäre.
Während ich Klamotten in meine Tasche packte und weinte wie ein Schlosshund, fiel mir ein, dass ich noch ins Bad muss, um Sachen zu holen. Ich sah auf mein Handy, sie hatte mir bereits zurück geschrieben: „Okay. :-/ wenn du meinst… :-(“
Ich schrieb: „Darf ich kurz rein?“
Sie: „Ja.“
Ich betrat das Bad. Sie stand da, die braunen Haare sahen schwarz aus, weil sie nass waren. Ein knallrotes Handtuch um ihren Körper gewickelt. Ich unterdrückte mir den ersten Gedanken, wie schön sie gerade aussah und sah sie gar nicht erst genauer an.
Langes Schweigen. Ich traute mich nichts zu sagen. Da war wieder dieses getrocknete Zement und die Tränen wie weg geblasen.
„Du willst also gehen.“
Ich zuckte die Schultern, sah sie immer noch nicht an. Ich wurde nur wütend, weil sich das wieder so nach „für immer“ anhörte. Und das nervte mich in dem Moment total. Ich wollte einfach nur meine Auszeit und sie machte daraus ein Drama, als würde ich sie für immer verlassen. Naja. Jedenfalls übermittelte sie dieses Gefühl. Sie stand da und meinte dann irgendwann, dass ich doch einfach nur weglaufe. Ich sah sie stirnrunzelnd, verärgert an.
„Eigentlich willst du doch nur nach Hause, weil du nicht weißt, was du sagen sollst. Weil du nicht weißt, wie du reagieren sollst oder mit mir umgehen sollst, wenn ich jetzt dann aus dem Bad komme.“
Ich wartete, zögerte, gab ihr dann aber Recht. Sie hatte ja auch Recht.
Naja, im Bad sagte sie dann immer wieder zu  mir, es sei meine Entscheidung aber ich soll nicht für SIE entscheiden oder denken zu wissen, was sie WILL. Schließlich kriegte sie mich doch noch herum. Ich schaffte es letzten Endes doch nicht, einfach nach Hause zu fahren.
Ich hasste mich in dem Moment dafür. Dass sie mich so leicht weich bekommen hat. Oder dass ich prinzipiell so leicht weich zu kriegen bin (hä? Schreibt man das so? Hört sich irgendwie komisch an).
Nun, sie sagte, sie macht sich jetzt noch fertig. Solange kann ich ja ins Wohnzimmer und darüber nachdenken, was ich jetzt tun will. Sie würde mich nicht aufhalten, wenn ich gehen will.

Ich ging ins Schlafzimmer, zog meine Jogginghose an, kuschelte mich auf der Wohnzimmercouch in die Kuscheldecke und beschloss hier zu bleiben.
Sie kam ins Wohnzimmer, setzte sich neben mich und fragte: „Und?“
Ich sagte: „Ich will mit dir ins L*haus und einen Salat essen gehen.“
Sie sah mich total entgeistert an, fast schon amüsiert.
Ich weiß.. war ja auch irgendwie absurd. Aber ich wollte mit ihr ausgehen und zu Abend essen gehen.
Und dann brach ich in Tränen aus und fiel ihr um den Hals und schluchzte jämmerlich an ihrer Schulter, dass es mir leid tut, aber dass ich wirklich nie mit irgendeinem Wort erwähnt hätte, dass ich unglücklich wäre und dass ich sie wirklich liebe und dass ich ihr doch schon einmal erklärt habe, dass Lejla einfach………………………. Lejla ist. Sie sagt, was sie denkt.

Nun, im Endeffekt sind wir doch Zuhause geblieben… es ist wieder alles gut zwischen uns. Hm…. aber irgendwie… ich weiß nicht… ich habe das Gefühl, seit gestern ist irgendwas anders……. Sie schaut mich ganz anders an… und… keine Ahnung.

Aber…. was soll ich tun? Den Kontakt zu Lejla abbrechen? Das KANN ich nicht!!! Ich habe Lejla damals wie heute mein inneres Kind in die Hände gelegt. Sie ist einfach………. sie ist einfach sowas…………….. keine Ahnung………………. Sie ist einfach sowas wie… ich weiß es nicht. Aber sie macht einfach, dass es mir gut geht. Ich kann mit ihr über alles reden, sie weiß, was sie schreiben muss, wenn ich halb am Verzweifeln oder seelisch am Sterben bin….
Ich LIEBE nur Kora!!! Aber Lejla ist halt ein Teil von meinem Leben. Ein immens wichtiger Teil!
Und ich KANN sie einfach nicht gehen lassen …oder WILL… oder so……..
Ich weiß nicht, ob Kora Angst hat, dass ich Lejla liebe oder in sie verknallt bin. Lejla ist 47! Ja, Lejla IST eine bildschöne Frau. Kora weiß auch, dass ich Lejla attraktiv finde, aber man darf doch auch andere Menschen attraktiv finden, wenn man in einer Beziehung ist! Das heißt doch nicht, dass man gleich verknallt oder verliebt ist. Auch nicht, wenn man sich mit der Person so gut versteht.. Oder????

Ich hätte einfach so gerne, dass Kora mir mit der Lejla Geschichte vertraut…