Zeugin – Traum

Ich hatte heute einen fürchterlichen Traum. Er fühlte sich so realistisch an und ich hatte das Gefühl, einfach nicht wach werden zu können, obwohl ich wusste, dass es nur ein Traum ist. Und ich hatte schrecklich Angst! Deswegen muss ich den einfach aufschreiben… er war so skurril und so verstörend….. mir liegt der Schreck jetzt noch im Magen..

Ich arbeite in einem Großen Gebäude. Es ist, glaube ich, offiziell ein Schwimmbad. Man betritt die Eingangstür auf der Westseite und steht mitten in einer riesigen Halle mit roten Backsteinfliesen. In den Boden ist ein großes Schwimmbecken eingelassen, aber es ist alles leer.
Links, quer über den Eingangs-, bzw. Schwimmraum, befinden sich diese Drehteile, wo man ein Ticket aus einem Automaten heraus ziehen muss und man dann durchgehen kann.
Da ich Mitarbeiter in diesem Gebäude bin, muss ich nur meine Karte davor halten.
Ich laufe durch einen kurzen Flur, dann eine Wendeltreppe hinauf und an ganz vielen unfertigen Schließfächern vorbei, wo überall die Türen noch fehlen und sie deshalb aussehen wie Expidite.
Dann betrete ich ein Großraumbüro (es ist genau dasselbe, wie das, in dem ich auch in Wirklichkeit arbeite). Meine Kollegen sitzen schon alle an ihren Arbeitsplätzen. Unsere Bürotische sind mit blauen Trennwänden voneinander abgetrennt. Rechts von mir sitzt Philipp. Wir haben seit einigen Tagen ein kleines Mädchen mit im Büro stehen. Sie dürfte gerade mal zwei oder drei Jahre alt sein. Blondes Haar.
Sie ist im Koma. Oder so. Jedenfalls liegt sie da schon seit Tagen und wacht einfach nicht mehr auf.

Gegen Mittag besuchen wir alle  Philipp an seinem Platz. Wir schauen zu dem Mädchen in das Bett, er hebt sie heraus und küsst sie auf die Stirn. Er flüstert sie an, sie soll doch bitte endlich wieder aufwachen und auf einmal öffnet sie die Augen.

Kennt ihr diese Vorschau bei einzelnen Doku-Soaps? Zum Beispiel bei… GZSZ? Nun, genau das ist dann passiert. Als hätte ich in einer Serie mitgespielt, war ich nur noch der Beobachter und ich konnte in der Vorschau sehen, wie Philipp einen Anruf bekommt, im selben Moment, wie das Mädchen die Augen aufschlägt. Er geht dran, an der Leitung ist eine Männerstimme, die sagt: „Ist Lilly also aufgewacht.“ Und im selben Moment wie diese Stimme das sagt, weiß ich, es ist ein Hinterhalt. Philipp ist auch verwirrt und schaut seine Kollegen an.
„Das ist sehr schön und es freut mich für dich.“ Der Anrufer hält Philipp an der Leitung und ich sehe aus der Ecke des Zimmers, wie zwei Männer den Raum betreten. Der eine hat eine Pistole in der Hand, der andere das Handy am Ohr und redet. Mit Philipp.
Ich mache die Augen zu und dann höre ich einen Schuss und das panische Schreien unserer Kollegen.

Am nächsten Tag, als ich in die Arbeit gehe, kriege ich die Szene aus der Vorschau nicht aus dem Kopf und hoffe, dass das bloß ein blöder Traum war. Ich betrete wieder den Eingang auf der Westseite, lasse meine Karte scannen und gehe hoch in unser Büro. Philipp sitz wieder mit Lilly am Tisch. Er hält sie im Arm, während er arbeitet. Eine ganze Weile geschieht nichts Außergewöhnliches, bis auf einmal, kurz vor Feierabend, mein Handy klingelt.
Mir schnürt sich die Kehle zu, mein Magen dreht sich um. Es ist eine unterdrückte Nummer und ich gehe ran.
„Hallo.“ Es ist seine Stimme. Die des Mannes. Und ich kann einfach nicht antworten. Ich habe so Angst, dass ich einfach nicht die Kraft hervorbringe, zu antworten.
Sofort springe ich vom Stuhl auf und will das Büro verlassen. Als der Mann sagt „Ist Lilly also aufgewacht“, höre ich seine Stimme ganz nah im Gang widerhallen. Er kommt gerade von der Treppe um die Ecke und ich laufe durch die Schließfächer, versuche, mich zu verstecken. Ganz nah geht er an mir vorbei. Er ist klein. Ungefähr einen Kopf kleiner als ich. Hat ein sehr kindliches Gesicht. Sein Partner hingegen ist sehr groß und kräftig, sieht aber aus wie ein Dummchen, mit dicken Pausbacken und weißblonden Igelhaaren. Er hat die Pistole in der Hand.
„Das ist sehr schön und das freut mich für dich“, sagt der Kleine in den Hörer zu mir und dreht sich auf einmal um, bedeutet seinem Partner schweigsam stehen zu bleiben. Mein Herz bleibt stehen, als er direkt in meinem Richtung schaut, wie ein Greifvogel, der seine Beute wittert. Er verharrt so lange in dieser Position, dass ich fast das Keuchen anfange vor Aufregung und Panik. Doch dann dreht er sich um und geht weiter. Ich ergreife die Gelegenheit, renne so schnell ich kann nach unten und nehme seine Stimme am Hörer nur noch als Summen war, als ich unten in der Schwimmhalle angekommen bin. Ich drücke ihn einfach weg.
Jetzt muss ich schnell handeln. Ich habe so wahnsinnig Angst, dass man Herz mir bis in die Kehle klopft. Ich habe damit, dass ich aufgelegt habe, seinen Plan durchkreuzt. Wenn ich Pech habe und er ein Psychopath ist, wird er Amok laufen.
Ich versuche die Polizei anzurufen, aber es funktioniert einfach nicht. Mein Handy gibt dauernd, wenn ich die 110 wähle, den Geist auf. Ich tippe auf den Notruf-Knopf. Auch das Funktioniert nicht.
Auf einmal höre ich einen Schuss. Noch einen Schuss. Und ich muss instinktiv aufschreien und lasse mein Handy fallen. Es zerspringt in tausend Teile. Ich renne quer über die Schwimmhalle zur Nordseite. Ich trete durch eine Glastür und befinde mich in einem Windfang. Rechts von mir ist ein großes Fenster, dort befindet sich das Büro vom Hausmeister. Ich vertraue im Moment niemandem mehr. Irgendjemand muss den Mörder herein gelassen haben, immerhin ist der Eingang auf der Westseite seit einer Stunde geschlossen und auf der Nordseite kommt man nur als Mitarbeiter von innen nach außen, es sei denn, jemand öffnet einem die Tür.
Vielleicht ist der große Hausmeister mit dem schwarzen Schnurbart und den schwarzen Haaren der Komplize?
Ich bücke mich unter dem Fenster, ich muss warten. Meine Oma steht in seinem Büro und redet mit ihm. Ich glaube, sie arbeitet in diesem Gebäude als Putzkraft hier oder sie war da, weil sie mich abholen oder besuchen wollte – ich weiß es nicht. Alles eine Sache der Unmöglichkeit, da meine Oma im wahren Leben seit einem Jahr extrem schwach und krank ist und seit einem halben Jahr an einem Sauerstoffgerät hängt.
Im Traum sieht sie ein bisschen jünger und fitter aus.
Sie nickt und verlässt das Büro. Sofort laufe ich auf sie zu. Ich will gerade nichts anderes, als meine Oma aus dem Gebäude bringen und mit ihr nach Hause fahren – uns beide in Sicherheit bringen. Alle anderen sind mir herzlich egal. Hauptsache meine Oma!!!
Mir liegt der Schock immer noch schwer im Magen, so dass ich einfach nicht schaffe ihr zu erklären, warum wir sehr schnell aus dem Gebäude raus müssen.

Gott sei Dank hinterfragt sie nichts. Sie ist leider sehr langsam und braucht meine Stütze. Wir müssen einen langen Fußmarsch hinter uns legen, um zur Bushaltestelle zu gelangen. Es ist stockfinster, die Straßen nur kläglich beleuchtet, aber ich kann erkennen, dass wir in der Umgebung meiner alten Schule sind (aus dem echten Leben). Was mich kurzzeitig sehr irritiert ist, dass die Bushaltestelle, die sonst immer eine Straße weiter stand, nicht mehr dort ist. Wir folgen einfach zwei Menschen, die den Eindruck machen, auch zu einer Bushaltestelle zu müssen und laufen einen sehr komplizierten Weg mit vielen Abbiegungen bis zu einer Haltestelle, wo der Bus bereits steht und wartet. Ich weiß erst nicht, ob der Bus uns nach Hause fahren würde, aber da sehe ich auf einmal meinen Papa anlaufen. Er sieht mich kurz an, unverwandt aber freundlich und steigt ein. Gut, wenn er da einsteigt und nach Hause will, wird mich der Bus wohl auch nach Hause fahren – immerhin wohne ich ja bei meinen Eltern. Aber ist dieser Mann wirklich mein Papa? Er sieht exakt genauso aus. Neben ihm steht nun auch meine Mama, aber sie schauen mich an, als würden sie mich nicht kennen. Sie lächeln einfach nur kurz freundlich. Ich helfe meiner Oma beim Einsteigen, und als wir im Bus sitzen und endlich wieder Menschen um uns herum sind, fühle ich mich etwas erleichtert. Etwas, was mir sofort auffällt ist, dass alle Menschen Ausländer sind. Der Bus sieht auch nicht nach den typischen deutschen Bussen aus. Die Menschen sehen aus wie… Menschen aus Syrien. Ja. Ich glaube, das trifft es ganz gut.
Ein Gesicht von einem Mädchen hat sich mir ganz extrem ins Hirn gebrannt. Ihre braunen Augen, ihre milchkaffeebraune Haut, ihre schwarzen Haare. Sie hat mich stechend, unsicher, ängstlich, teilweise vielleicht sogar böse angestarrt. Sie darf so um die zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein.
Jedenfalls schaue ich sie nur kurz an, reiße dann meinen Blick von ihr und suche für meine Oma einen Platz, wo sie sich ohne Schwierigkeiten hinsetzen kann.

Irgendwann kommt der Bus an einer Haltestelle an meine Eltern (oder auch Nicht-Eltern) steigen aus dem Bus. Ich helfe meiner Oma ebenfalls beim Aussteigen.

Cut.

In der Nacht liege ich bei Kora im Bett. Ich bin relativ spät Zuhause angekommen und habe ihr nichts von dem Vorfall in der Arbeit erzählt. Auf einmal fängt Balou draußen im Gang an zu knurren und zu bellen.
Es ist kurz vor fünf Uhr morgens und ich muss sowieso bald aufstehen, aber als ich ihn bellen höre, zerreißt es mir vor Angst fast das Herz. Kora reibt sich nur müde die Augen.
Ich setze mich hin und als Balou nicht aufhört zu bellen, steht Kora auf und will zur Tür. Ich kriege so eine Todesangst, weil ich die Befürchtung habe, es sind die Mörder aus der Arbeit. Ich habe  so Angst, weil ich denke, dass sie mich aufgesucht und nun umbringen wollen. Ich zische Kora zurück und sage, dass ich zur Tür gehe und nachsehe, warum Balou so knurrt.
Kora setzt sich wieder auf das Bett, ich öffne die Tür… Es ist stockdunkel, Balou hört auf zu bellen. Ich taste mit meiner Hand nach dem Lichtschalter. An meinem Rücken klebt kalter Schweiß und mein Herz bebt.
Das Licht geht an.

Und ich werde wach.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s