Physischer Defekt lebendiger Vorstellungskraft

Am Samstag musste ich arbeiten, weil meine Chefin einen Vortrag beim Vorstände-Seminar hatte.
Unter 70 Anwesenden war ich mit meinen 19 Jahren mit einem RIESIGEN Abstand die Jüngste. Die mir vom Alter her am nächsten war, war 33, verheiratet, 4 Kinder, davon die nicht Leibliche 17 und ihre eigene Älteste 11. Diese Frau war mir sehr sympathisch und mit ihr saß ich bei 3 anderen Frauen am Mittagstisch zusammen.

Wie dem auch sei.

Der Ort, wo ich arbeite, hat eine sehr dunkle Geschichte. Sie war damals eine Arbeiterkolonie von Hitler. Wir haben ein eigenes kleines „Museum“, in dem die Geschichte kurz und knapp, aber sehr interessant, mit Zeitzeugen, erzählt wird… nach der Mittagspause wurden die 70 Leute eingeladen, sich dieses Museum anzusehen. Dafür waren 3 Historiker eingeladen, die sich in die Geschichte unseres Ortes vertieft hatten.

Und dann stand ich da also… ich betrat diesen kleinen Schuppen (ich muss zugeben, ich war selber noch nie dort) und ging in den ersten Raum. Dort standen im Raum an der Wand im Kreis die Geschichte von 1894 bis jetzt. Die erste Zeit schaffte ich durchzulesen, doch dann kamen die Geschichten der Zeitzeugen und wie ich weiter las, bildete sich ein riesiger, fetter Kloß in meinem Hals… die Geschichten dieser Menschen sind so fürchterlich und so schrecklich, dass ich es kaum aushalte, sie mir vorzustellen, aber ich lese dennoch weiter. Ich lese, wie er so verzweifelt war, dass er sich umgebracht hatte. Ich las, was vielen Menschen für ungerechte Dinge passiert sind…. Ich kann und will sie hier gar nicht erzählen…

Auf jeden Fall musste ich beim 4. Zeitzeugen aufhören, weil ich wirklich dachte, gleich los zu heulen…..

Ich ging in den nächsten Raum. Dort stand der eingeladene Historiker und erzählte… Der Raum war voll mit unseren Besuchern und ich stellte mich an die Tür und lehnte meinen Kopf an den Rahmen und hörte dem Historiker zu. Er hatte so eine richtige Erzähler-Stimme – wisst ihr, wie ich meine?! So richtig angenehm zuzuhören. Dann fing er allerdings an über die weniger schönen Dinge zu reden.

Er erzählte, wie es hier Wanderwege gab für die „Insassen“ … sie durften NUR auf diesen Wegen laufen und wenn sie auch nur einen einzigen falschen Schritt machten, hieß es: „KZ Dachau“.
Oder die Lindenwiese.. Himmel! Unsere Lindenwiese!!! Diese wunderschöne Wiese, an der ich seit 3,5 Jahren jeden Tag vorbei gehe, auf der eine sehr, sehr alte Holzbank steht vor einer Trauerweide. Im Sommer sieht man diese Bank nicht, weil sie von den hängenden Blättern des Baumes verschlungen wird und das Gras das wuchert bis zu 1,5 Meter hoch. Dann die ganzen vielen, verschiedenen Blumen drum herum… es ist so traumhaft schön. Ich bin so oft auf dieser Bank gesessen und bin durch die Wiese gelaufen, wenn sie so hoch war… Und genau auf dieser Wiese sind furchtbar schreckliche Sachen passiert…

Man nannte es „Apell“. Wenn etwas geklaut wurde, wurden die Insassen dazu aufgefordert sich auf dieser Wiese aufzureihen und sie wurden durchsucht. Wenn etwas gefunden wurde, was ihnen nicht gehörte – eigentlich durften sie ja gar nichts haben – hob man die Waffe, mit der Flinte direkt an der Stirn, und drückte ab. Auf dieser gottverdammten Wiese sind hunderte von Menschen gestorben……

Nun ja… irgendwann erzählte er immer weiter und mir kamen immer schrecklichere Bilder in den Kopf. Ich weiß nicht, wie das bei euch ist, aber…. ich kann mich so extrem in diese Zeit zurück versetzen, dass es fast schon erschreckend ist. Ich bin da geistig einfach nicht mehr wirklich da… ich kann richtig spüren, wie ich zwischen ihnen auf der Wiese stehe und zusehe, wie einer nach dem anderen erschossen wird… oder wie ein Mann völlig kampflos in ein Wagon steigt, um ins KZ gefahren zu werden.. ich sehe, wie er da ankommt, diese ganze Grausamkeit… es ist, als wäre ich wirklich da! Es klingt so völlig absurd, aber anders kann ich es nicht erklären… und ich dachte fast, zu ersticken… ich musste sofort aus dem Raum raus, hab das Museum verlassen und bin an die frische Luft und habe gegen einen halben Zusammenbruch ankämpfen müssen. Ich habe geweint und habe mich so beherrschen müssen, dass es nicht ausartet… Mein Herz donnerte im Hals, ich bekam schlecht Luft.. mir tat das einfach weh… ich kann es nicht erklären.

Es war einfach schrecklich… und es dauerte fast zwei Stunden, bis ich mich erholt hatte und mich endlich wieder auf diese blöde Veranstaltung konzentrieren konnte und ich fragte mich, wie die ganzen anderen Menschen einfach weiter machen konnten, warum es sie nicht so mitnahm, wie mich. Wie können sie sich so etwas anhören, so etwas durchlesen und weiter machen, als wäre nie etwas passiert? Ich meine, es ist nicht einfach nur eine Geschichte – das ist alles wirklich geschehen! Diese Schmerzen und diese Angst und diese Grausamkeit, das haben diese toten Menschen alle wirklich erlebt…

Kennt ihr das?! Dass euch solche Geschichten von früher, also wirklich vor allem von der Hitlerzeit, so extrem mitnehmen?! Ich finde das furchtbar anstrengend………… Manchmal ist es echt nicht schön, so eine lebendige Vorstellungskraft zu haben…. denn dann habe ich meine blöden Emotionen einfach nicht unter Kontrolle und laufe auf die Gefahr hinaus, vor 75 fremden Menschen zu heulen….. ich bin froh, dass ich rechtzeitig aus dem Museum flüchten konnte…..