Ich bin eben auch kein Baron Münchhausen

Warnung! Triggergefahr

Es ist nicht leicht, immer optimistisch zu sein. Vor allem nicht dann, wenn einem auf einmal ganz viele, kleine, hinterlistige Gedanken kommen, die man eigentlich gar nicht hören möchte. Und vor allem nicht in solchen Momenten, in denen dieser Luftballon voll mit Dreck, von dem ich ja schon einmal erzählte, explodiert und in meiner Magengrube eine klaffende Leere mit ganz viel Siff hinterlässt, der einfach nur stinkt und mein ganzes Inneres verseucht und alles einfach nur noch ätzt und brennt und wehtut.

Gerade in solchen Momenten ist der Kopf dann so komplett in Schwarz getaucht, so ummantelt von Nebel und so abgeschottet von jeglichem, winzigen Lichtstrahl, das einen wieder auf die richtige Spur locken könnte, dass jeder, klägliche Versuch, optimistisch zu denken, scheitert.

Das war auch der Grund, weshalb ich mich gestern zwei Stunden lang ausgeheult habe. Zwei Stunden. Ich habe geheult, wie ein kleines Kind. Rotz und Wasser. Das letzte Mal habe ich so geweint, als mir mein Hund weggenommen wurde.

Der Auslöser war ein Streit mit Kora, der eskaliert ist. Und weiter ging es dann mit diesem unbeschreiblich großen Gefühl des „Sich-Selbst-Verlierens“. Ich fiel und fiel und fiel und ich fiel so schnell, dass mir die Luft zum Atmen ausging. Mir wurde einfach der Boden komplett unter den Füßen weggerissen, mit der Erkenntnis, dass ich nicht wusste, an wen ich mich wenden sollte. Gibt es denn keinen Menschen, zu dem ich in dem Moment dieser großen Traurigkeit fliehen konnte, bei dem ich mich fallen lassen konnte? Ich dachte die ganze Zeit an Leyla. Leyla, Leyla, Leyla. Dachte mir, warum in Gottes Namen sie nicht einfach um die Ecke wohnen kann, warum ich sie nicht einfach anrufen kann. Ich fühlte mich so ausgeliefert. Aber nicht dem Kummer, sondern mir selbst, weil ich mich selbst nicht aufhalten konnte. Weil ich mich selbst nicht beruhigen konnte, obwohl ich das sonst doch immer schaffte.

Nein, diesmal nicht. Ich legte mich metaphorisch in die Scheiße, die aus meinem Luftballon geplatzt war, und suhlte mich in ihr. Suhlte mich in dieser dreckigen, ätzenden Scheiße, was mir nur noch mehr wehtat, aber ich kam einfach nicht mehr raus. Wie so ein hinterlistiges Moor. Man wird erwischt, von dem unerkennbaren Dreck im Boden, sinkt und sinkt und sinkt und umso mehr man versucht sich zu wehren, desto schneller und näher rückt der Tod.

Versteht ihr? So fühlte ich mich. So verzweifelt, so hilflos. Und ich war selber Schuld daran, weil ich es nicht schaffte, mich selbst am Schopf zu packen und aus dieser Hoffnungslosigkeit zu ziehen. Aber ich bin ja auch kein Baron Münchhausen.

Und dann geschah etwas, was ich niemals wollte, dass es je wieder passiert. Dieser Dämon in mir brach aus. Er brach einfach aus. Diese Schmerzen wurden unerträglich. Die Tränen, die Scheiße, in der ich mich suhlte und aus der ich mich nicht befreien konnte. Und dann ging ich in die Küche, packte ein kleines Glas in die Jackentasche und verließ das Haus.

Ich brauchte Luft. Ich brauchte Luft zum Atmen und ich musste alleine sein. Ich konnte es nicht tun, wenn Kora mit im Haus war, aber ich musste es tun. Ich musste, ich konnte nicht anders, es war wie ein Zwang und er ließ mich nicht los. Es war mir lieber als alles anderes. Ich wollte diesen klaffenden Schmerz aus mir heraus kriegen, ich wollte einfach nur noch, dass es aufhört. Ich hielt es nicht mehr aus. Bei Gott, nach drei Stunden Tränen-Monsun reichte es. Ich konnte einfach nicht mehr! Also lief ich hinter die Stadtmauer auf eine Art Terrasse, die immer leer steht. Eine sehr schöne „Terrasse“ mit einem Efeu-Torbogen und einem uralten, riesigen Baum, der auch schon von Efeus Armen umschlungen worden ist. Diese Terrasse verschafft einen Überblick über die gesamte Stadt. Es ist ein atemberaubender Anblick. Manchmal. Aber diesmal war ich schon so von meinem Atem beraubt, dass mich nichts mehr beraubend konnte, deshalb brüllte ich auf, donnerte das Glas an einen Felsen und schnappte mir eine Glasscherbe.

Für wenige Sekunden war ich wie abgelöst, so schwerelos, ich kam endlich zur Ruhe. Ich hatte das Gefühl, dem Dreck in mir einen Ausweg verschafft zu haben.

Dieses erleichternde Gefühl hielt sich zwar dann, es tat nicht mehr weh. Die klaffende Leere in mir ätzte nicht mehr, brannte nicht mehr. Aber dafür hasste ich und schämte mich zutiefst dafür, was ich getan hatte.

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