Menschen

Ich frage mich, warum viele[s] so pseudo ist. Ich bin zum Beispiel pseudo zufrieden oder pseudo unbeschwert, aber in Wirklichkeit gehen mir so viele Dinge durch den Kopf. So parallel, so nebenbei, so leise, so alltäglich, so immer, dass ich sie gar nicht mehr wirklich als wichtige Gedanken wahrnehme, aber es sind wichtige Gedanken. Ich verdränge sie, weil ich Angst vor ihnen habe.

Ich lebe hier. Ich habe Menschen kennengelernt. Und ich lerne jeden Tag neue Menschen kennen. Ich lebe seit 3,5 Jahren in dieser kleinen bunten Stadt. Diese kleine bunte, fröhliche Altstadt, mit ihren lustigen Häuschen und ihren freundlichen Bewohnern. Mich kennen Menschen. Mich kennen so viele Menschen und ich weiß nicht einmal, woher. Wenn ich im Stall bin und es kommt einer Besuchergruppe stehen da mindestens fünf Leute, die mich freudig beim Namen grüßen und mich herzlich anlächeln. Andere fünf schenken mir ein Lächeln mit einem leichten Nicken. Der Spanier zum Beispiel, der letztes Jahr im Oktober seine Bilder neben meinen ausgestellt hatte (Kunstausstellung). Auch ich habe das Gefühl, jedes Gesicht zu kennen. Egal ob es der niedliche Italiener aus der Eisdiele ist, die zwei netten Frauen aus dem Bastel-Laden oder der ulkige Öko-Mann aus dem Bio-Laden. Ich kenne sogar schon jedes Gesicht aus unserem Wohnblock – ich kenne unsere Nachbarn! Und das nach wenigen Monaten. Den Griechen, der schräg gegenüber sein Restaurant betreibt und uns immer anruft, wenn ein Parkplatz vor der Haustür frei wird. Die ruhige Frau, die immer ein Desinfektionsspray dabei hat und selbst ihren Briefkasten mit Gummi-Handschuhen öffnet. Die alte Dame, ganz oben unterm Dach, die nun möchte dass wir ab 22 Uhr die Tür unten absperren und an jedem Wohnzimmer-Flohmarkt teilnimmt. Dann wäre da unsere Vermieterin. Die kleine, quirlige, runde Frau mit den roten Haaren, die immer gut drauf ist und die einfach verdammt lustig ist. Sie hat ihr Büro direkt unter unserer Wohnung und wenn ich morgens zur Arbeit oder Schule gehe, dann sehe ich ihren Bürokater Leo an der Glasfront sitzen und nach draußen schauen. Ich klopfe ihm dann sanft zur Begrüßung mit den Fingern gegen die Scheibe, worauf er mich dann mit müden Augen anblinzelt.

An der Bushaltestelle stehen jeden Morgen dieselben Menschen. Es ist komisch, seit 3,5 Jahren in einer Welt zu leben, in der das „Unnormale“ zum Normalsten des Universums wird. Geistig und körperlich behinderte, schwer psychisch kranke Menschen. Es sind eine eine Hand voll Menschen (eine Hand eines Riesen).

Das kleine Ehepaar. Oder sind es Geschwister? Oder nur Freunde? Ich weiß es nicht, aber sie sind so wuselig. Sie erinnern mich an Wiesel. Sie reicht mir bis zur Schulter. Wenn überhaupt. Der Mann genauso. Beide sind aber sicher schon über 40, verhalten sich aber wie Kinder. Ihre kleinen Pöbeleien und Witze. Das Gehampel und das laute Lachen und das Aufmerksamkeit Erhaschen. Sie hat so ein kleines Gesicht! Er auch!

Dann wäre da die ältere Frau, die immer ihren Kopf zur Seite zuckt und einer Person, die nur sie sehen kann, Dinge zuflüstert.
„Geh weg. Ich habe heute keinen Platz für dich!“
„Die sind mir heute alle zu laut.“
„Ich will nicht arbeiten. Ich will heute nicht arbeiten.“
Und manchmal antwortet ihr diese unsichtbare Person und sie muss lachen. Und dann glitzern ihre Augen und sie ist so glücklich.

Dann ist da dieser junge Mann mit seinen raspelkurzen, blonden Haaren, seinem markanten, schmalen Gesicht. Er wäre eigentlich recht attraktiv, würde er nicht immer so grimmig schauen und so geschmacklose Dinge sagen. Der, der sich einmal umgedreht hat und der Kirche den Stinkefinger zeigte. Die Kirche, die jeden Morgen direkt hinter uns an der Bushaltestelle um Punkt 7 Uhr ihre Stimme präsentiert. Kein „Ding-Dong-Ding-Dong“, sondern ein „Dong-Dong-Dong.“

Ich kenne auch den großen, mageren Mann mit dem grauen Bart und dem Cowboy-Hut, der mich an einen Bösen Sheriff erinnert und mich auch immer so ansieht. Er sprach im Bus einmal über seinen Alkoholkonsum, wegen dem er in der Diakonie gelandet ist – wo ich ja auch bin. Nur nicht wegen Alkohol, sondern weil ich mich umbringen wollte und Menschen gehasst habe und mich selbst gehasst habe und das Leben gehasst habe und weil ich traurig und trauriger und am trostlosesten war.

Und jetzt rede ich über Menschen. Über die Provinz, über meine Arbeit und über mein Leben und über mich und merke, dass ich es liebe! Dass ich es liebe und vor allem, dass ich sie liebe – all diese Menschen, die ich kennen lernen durfte.

Und ich habe Angst. Ich habe große Angst, weil ich nun weiß, dass ich alles verlassen muss. Und diese Angst verleitet mich dazu, mich einfach in ein Zimmer einzusperren, in eine Kammer, in eine dunkle, dunkle Kammer, abgeschottet von Licht und diesem Leben hier, weil ich nichts und niemanden mehr kennen lernen will. Ich will mich nicht noch mehr in diesen Ort und die Menschen hier verlieben, ich will mich nicht noch mehr in dieses Leben verlieben, wenn es in wenigen 12 Monaten vorbei ist. Dieses eine Jahr geht so verdammt schnell vorbei und dann werden wir wegziehen. Kora und ich.

Ich werde so vieles vermissen. Ich werde so viel weinen – mein Herz weint jetzt schon, wenn ich nur daran denke.

Ich würde am liebsten hier bleiben. Hier. Ich würde mir am liebsten einen Anker durch den Fuß bohren und in den Boden werfen, damit der sich dort festkrallt, damit ich nicht weg kann. Nicht von hier.

Ich will nicht weg von den lieben Menschen aus dem Stall, ich will nicht weg von meiner Arbeitsstelle, von den verdammt vielen Leuten, die ich in diesen 1 1/2 Jahren kennengelernt habe. Nicht weg von Frau Flemming, dieser unnahbaren Schönheit, der Chefin, die sich um die Barrierefreiheit kümmert, nicht weg von der ruhigen, niedlichen Leiterin des Internet-Auftrittes oder der dynamischen, lustigen Grafikerin. Ich möchte auch nicht weg von meiner Berliner Ausbilderin, die so sehr nuschelt und bei der sich mir die Nackenhaare aufstellen, wenn sie die Zahl „Ölf“ ausspricht. Ich möchte nicht weg von ihrer Strukturfreiheit und auch nicht weg von der strengen Chefin, die jedesmal meine Urlaubsanträge verlegt.

Ich will auch nicht weg von dem Chef der Buchhaltung und am allerwenigstens will ich weg von der Rechnungsprüferin, von Frau Filli, dieser glücklichen, bildschönen Frau, die mit ihren knapp 60 Jahren ein Vorbild für mich geworden ist. Ich will auch aus den Augen strahlen, wie die Mittagssonne am Himmel und lachen wie der stumme Mond – ich will auch so glücklich und fröhlich und enthusiastisch werden wie sie, wenn ich ihr Alter erreicht habe.

Ich werde Frau Miller vermissen, von der ich keine Ahnung habe, wie ich sie kennengelernt habe. Mein ehemaliger Betreuer meinte einmal, sie sei eine der schönsten Frauen hier in dieser „Einrichtung“ (die ja wie ein eigenes Dorf ist). Ich will auch nicht weg von dem Direktor dieser Einrichtung, der irgendwie aussieht wie eine Comicfigur. Und ich werde Celene vermissen, obwohl ich momentan nicht weiß, wie ich zu ihr stehe. Ich werde sogar die tiergestützte Reittherapie vergessen, obwohl da vieles ganz komisch ist. Ich werden den polnischen Leiter der Reittherapie vermissen. Ich werde die zwei Männer vermissen, die für die ganzen Ausbildungsstellen verantwortlich sind und mich auch kennen – und ich nicht weiß, woher.

Ich werde einfach alles vermissen! Auch die Verkäufer im Lidl und die Verkäufer im Rewe und im V-Markt! Ich werde diese freundlichen Gesichter vermissen.

Aber vor allem weiß ich, was ich jetzt umso mehr genießen muss. Nämlich genau das. Genau diese Dinge, die mir fehlen werden und die mir Angst machen. Ich möchte die Menschen hier jetzt noch breiter anlächeln, noch glücklicher begrüßen und noch fröhlicher kennen lernen. Ich möchte jetzt auch im schlimmsten Regen durch diese bunten Straßen spazieren und ich möchte auch im kältesten Winter, bei -12 Grad 2 Stunden die verstecktesten Winkel erkunden, bis meine Haare Frost fangen. Am liebsten mit meinem Lieblingsspinner Karoe. Etwas, was wir letztes Jahr schon einmal gemacht haben.

Im Regen das Tor der Altstadt durchqueren, den Berg hinab und quer durch die Pfütze. Egal ob es originale Nike-Schuhe sind (die ich nicht besitze) oder einfach nur barfuß. Einmal ein „Scheißegal“ für die Zeckenplage, einfach durch das hohe Gras laufen, pitsch-pitsch nass. Und einmal will ich noch von diesem Hügel rennen, wenn er überbedeckt ist von Schnee und aus dem Rennen vermutlich ein Schlittern wird.

Ich werde dem bösen Sheriff solange grüßen, bis aus seinem Kopfnicken ebenfalls ein Gruß wird und ich werde nun jeden Morgen auf Koras Angebot verzichten, mich zur Arbeit zu fahren, weil ich nun jeden Morgen mit diesem Bus fahren werde. Mit diesen wundervollen Menschen, mit ihren wundervollen Eigenarten.

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8 thoughts on “Menschen

  1. Ein schöner und berührender Text. Die Menschen, die dir täglich begegnen sind mit wenigen Sätzen so liebevoll beschrieben, dass die Angst sie verlassen zu müssen verständlich ist. Es klingt nach einem geborgenen Umfeld und den Wunsch an einem Ort einen Anker zu setzen kenne ich auch. Dein Text berührt mich auch, weil der letzte Teil positiv ist. Der feste Vorsatz jetzt noch genießen, jeden Tag in sich aufzunehmen, sich nicht um die Zecken zu kümmern….
    Ich wünsche dir, dass der Sheriff grüßt und bin mir fast sicher, dass es tun wird.
    Liebe Grüße

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    1. Danke für deine lieben Worte! Ich hoffe mein Vorsatz wird wirklich ein fester Vorsatz und kein pseudo-Vorsatz… es ist schwer, sich seinen Ängsten zu stellen und noch schwerer ist es diese Vorsätze unzustetzen – vor allem für mich… ich bin nämlich eher der feige Typ, der schnell aufgibt, sich auf den Boden wirft und heult, wenn etwas schief läuft (ich sag nur „Tränenbrei“ – auch wenn diese Tränen nur ein Ausbruch meiner Verfassung der letzten Wochen war und der harte Brei der Tropfen der das Fass zum Überlaufen gebracht hat).

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      1. Ich gehöre auch nicht zu den mutigen und hocke ich oft genug in eine Ecke und deck mich mit Selbstmitleid zu (nicht das ich dir das unterstellen will).
        Auch wenn du es nicht jeden Tag machst und seltener als du es dir vorgenommen hast….dein Text klingt, als würde es dir viele Male gelingen. Ich drücke dir die Daumen!

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  2. Das ist ein wunderbarer, berührender Text. Wo auch immer du hingehen wirst – du wirst wieder solche Texte darüber schreiben können. Es gibt überall Liebenswertes, und du hast offensichtlich die Gabe, es zu sehen. 🙂

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    1. Oh wow, vielen Dank!!! :-} Ich hoffe, dass ich das schaffe – also auch im neuen Ort dann das zu entdecken, was ich lieben werde. Momentan spricht vieles dagegen, was der Grund ist, dass mir der Gedanke jetzt schon ziemlich auf den Magen drückt. Aber man versucht immer das Beste aus allem zu machen. Irgendwie.

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      1. Vielleicht hattest du auch Zweifel, bevor du an deinen derzeitigen Ort gekommen bist? Und mir der Zeit hast du doch einiges Liebenswerte gefunden. Das zu finden und vor allem so zu beschreiben wie du es gemacht hast – das kann nicht jeder. 🙂
        Viel Glück bei allem, was du anpacken wirst!

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  3. Ich wünsche dir, dass dir immer Menschen begegnen, die du mögen wirst, mit all ihren Eigenarten und dass einige von den Jetzigen dir bleiben.
    Ich wünsch dir, dass du die Lebenslust tanzen lässt, die in deinen Zeilen zu finden ist.
    Liebe Grüße zu dir, Marion

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