[Lügenkind]

Ich war ein Lügenkind. Ich war ein Einzelkind. Bin.
Und eigentlich sollte man meinen, dass es Einzelkinder gut haben. Sie kriegen doch alles hinterher geworfen. Die Eltern würden alles dafür tun, damit man glücklich ist – das einzige Kind! Das unterstreiche ich alles genau so.

Meine Eltern haben mir immer alles zugeschmissen. Sie haben mir Honig um den Mund geschmiert, mich auf Händen getragen. Ich war[bin] ihr Ein und Alles. Ich weiß, dass sie mich lieben. Sie lieben mich heiß und innig und sie haben wahnsinnige Angst, mich zu verlieren. Weil ich ihr einziges überlebendes Kind bin. Mein letztes Geschwisterteil ist 12 Jahre vor meiner Geburt an einem Genfehler gestorben. Meine Schwester ein Jahr zuvor und das eigentlich älteste Geschwisterstück wäre heute schon 36! Wahnsinn….

Ich verstehe, dass ich dann für meine Eltern etwas Besonderes sein muss. Ein kerngesundes [na ja, sehen wir mal von den ganzen psychischen Defekten ab] Kind, glücklich, nervig, laut. Wie jedes andere normale Kind eben.

Ich denke, ich sollte glücklich sein für diese Eltern, die ich habe. Aber bin ich nicht. Und wenngleich mich das schlechte Gewissen für solcherlei Gedanken geradezu von Innen heraus zerfrisst, kann ich nicht anders, als dazu zu stehen.

Ich wollte nie schlecht über meine Eltern reden, weil es eigentlich keiner verdient hat, der ein Leben auf die Welt gesetzt hat, der 9 Monate ein Lebewesen im Bauch getragen hat und sich dann monatelang durch Tage und Nächte gequält hat, große Sorgen hatte und die schlimmsten Ängste und Gedanken durchlebte, wenn das eigene Baby das erste Mal im Kindergarten war. Ich kann alles gut nachvollziehen.

Aber ich habe heute entschlossen, darüber zu reden. Darüber, dass ich eigentlich wundervolle Eltern habe von denen ich weiß, dass sie mich mehr lieben als alles andere auf dieser Welt. Aber leider reicht die Liebe alleine meistens nicht, um alles „gut“ zu machen.

Ich hatte nie eine Struktur in meiner Kindheit. Wir lebten alle unter einem Dach, meine Mutter, mein Vater und meine Oma (mütterlicherseits). Trotzdem aber nur nebeneinander her. Es gab nie, jedenfalls nicht, dass ich mich erinnere, ein Beisammen. Es gab kein gemeinsames Frühstück, kein gemeinsames Mittagessen, geschweige denn ein Abendessen. Es war okay, ich kannte es nicht anders.

Ich weiß noch, wie ich es als 6-Jährige einmal versucht hatte meine Familie an Tisch zu zerren, damit wir gemeinsam zu Abend essen. Um dem kleinen Mädchen einen Gefallen zu tun, setzten wir uns tatsächlich zusammen an den Tisch, aber es war ein jämmerlicher Reinfall. Jeder klägliche Versuch ein Gespräch anzufangen scheiterte. Damit verlief das Abendessen so, dass ich meiner Mama beim Brot abbeißen zusah und meinem Papa beim Suppe schlürfen zuhörte, während meine Oma gedankenverloren in ihrem Essen stocherte und ab und zu eine kleine Gabel in den Mund stopfte, um minutenlang darauf herumzukauen.
Ich startete nie wieder so einen Versuch.

Ich konnte meinen Eltern auf der Nase herumtanzen. Ich spielte das aus. Nicht umsonst haute ich immer wieder von Zuhause ab und kam meistens erst nach Mitternacht wieder nach Hause. Manchmal bemerkten es meine Eltern nicht einmal, dass ich weg war. Wie gesagt, wir lebten alle einfach nur nebeneinander her.

Ich war nicht etwa bei Freunden oder trank Alkohol oder nahm Drogen. Ich spazierte lediglich durch die Nacht und ich fühlte mich geborgen. Es kümmerte keine Menschenseele, wenn sie ein 11 oder 12-jähriges Mädchen nach Mitternacht auf der Straße spazieren sahen. Es ist nun einmal doch irgendwie wahr: die Nacht macht unsichtbar. Und vermutlich habe ich sie genau deshalb immer so geliebt. Ich war einfach durch die toten Straßen gelaufen, leer und still, als lebe hier kein Mensch auf dieser Erde, und hatte in den Himmel gestarrt. Bei meiner Tollpatschigkeit wundert es mich, dass ich kein einziges Mal gestolpert bin, wie ich so in die Sterne starrend durch die Straßen gelaufen bin. Und ich hatte geweint. Mir waren oft die Tränen gelaufen und oft habe ich zum Himmel gesprochen und ihn gefragt, als könnten mir die Sterne eine Antwort geben: „Wieso bin ich so allein?“

Ich habe mich nie geborgen oder sicher gefühlt. Ich hatte mein Leben lang keine Bezugsperson und keine Vertrauensperson. Meine Eltern wurden lediglich zu meinen Erzeugern. Meine Familie war nie perfekt – nicht so, wie ich es meinen Freunden immer vorzugaukeln versuchte. Ich weiß, keine Familie ist perfekt. Und meistens vergleiche ich mich mit wirklich richtig armen Seelen, nur um mir Trost zu schöpfen: „Hey, so arm dran bist du gar nicht“.

Wenn ich diesen Vergleich weg lasse und einfach nur den objektiven Stand betrachte, dann könnte ich auf der Stelle wieder losheulen und mich im selben Moment wieder selber dafür hassen – sich so in Selbstmitleid zu suhlen!

Aber es ist, wie es ist. Ich lief also fast täglich von Zuhause weg, um dieser Trostlosigkeit und Leere zu entkommen, die bei uns Zuhause herrschte. Um meinem alkoholkranken Papa zu entfliehen, der meine Oma auf den Tod nicht ausstehen konnte und die sich manchmal regelrecht die Köpfe einschlugen und meiner überforderten Mutter, die in ihrer Verzweiflung einfach… nichts tat.

Ich suchte irgendwas in dieser Nacht. Ich weiß nicht was. Ich hoffte auf irgendwelche imaginären Arme die sich mir ausbreiteten und in die ich hineinlaufen konnte. Meistens steuerten mich meine Füße in den stockdunklen Stadtpark, der in seiner Ruhe und Dunkelheit eigentlich nicht unheimlicher sein konnte, trotzdem war ausgerechnet das der Ort, an dem ich mich meistens auf den kalten Boden fallen ließ und hemmungslos weinte und schluchzte und schniefte und wimmerte weil ich wusste, dass mich niemand hören würde, außer diese erbarmungsvolle Nacht. Und die Sterne.

Ich beneidete meine Freunde. Roja für ihre älteren Geschwister, die immer da waren. Sina für ihren Verwandten, von denen sie so oft erzählte. Cleo für ihre Tante. Jeder um mich herum hatte einen Menschen. IHREN Menschen. Ein Mensch, der einem Kind ein Ohr und ein Herz und Arme schenkte, in die es sich hineinwerfen und weinen konnte. Ich fing erst mit 13 Jahren an mich zu fragen, warum ich nicht so einen Menschen habe. Warum ich mich immer auf den kalten Boden lege, um zu weinen, wieso es keine Seele gibt, der ich meinen Kummer ins Gesicht brüllen kann.

Es gab einmal so eine Person. Meine Tante. Ich sah sie selten – einmal im Jahr, wenn es gut lief. Ich habe sie heiß und innig geliebt. Ich habe geliebt, wie sie mit  mir die lächerlichsten Spiele gespielt hat, wie sie mir heimlich Eis gegeben hat oder mich an abendlichen Besuchen aus dem Zimmer geholt hat, mich auf ihren Arm gehoben hat und mit mir getanzt hat. Sie war eine so fröhliche und glückliche Frau. Ich habe sie so geliebt. Ich liebe sie. So sehr.
Sie lebt nicht mehr. Sie ist 2008 an Krebs gestorben. Innerhalb von wenigen Monaten wurde sie zu einer Puppe aus Knochenarmen. Zu einer alten Frau mit schneeweißen Haaren und eingefallenen Wangen – und das mit 48 Jahren. Eine Welt ist für mich zusammengebrochen.

Auf einmal hatte ich eine Cousine. Janina. Sie begleitete mich jeden Tag in meinen Alltagsgeschichten, die ich meinen Freunden erzählte. Janina schlief sogar immer wieder an Wochenenden bei uns. Meistens hatten Janina und ich Streit, weil ich mein Zimmer mit ihr teilen musste und ich das total blöd fand, mein Zimmer mit einer Erwachsenen zu teilen. Janina war immerhin schon 28!
Sie hatte auch schon einen Autounfall. Meine Freunde haben mir alle ihr Beileid ausgesprochen und meine Klassenkameradin (die ich damals fälschlicherweise auch noch eine Freundin nannte), fragte immer wieder wie es Janina ginge und ob sie schon aus dem KH entlassen wurde.
Ich erzählte viel von Janina, weil Janina war oft bei uns und sie hatte mich schon oft gesucht, wenn ich von Zuhause weggelaufen war. Sie folgte mir bis in die tiefste Nacht, bis sie mich fand. Dann kam sie immer zu mir und nahm mich in die Arme und tröstete mich.

Die Wahrheit ist: Janina gab es nie.

Sie war einfach nur mein Geist. Mein erfundener Mensch. Der Mensch, von dem ich jedem erzählen konnte. Einfach damit jeder hörte und merkte, ich sei nicht allein, ich hätte auch einen Menschen, der für mich da ist.

Hätte ich mich damals getroffen, wäre ich gerne für mich da gewesen.

Heute ist es etwas anderes. Ich bin ja mittlerweile erwachsen – na ja, sollte ich meinem Alter entsprechend sein. Ich bemitleide mich nicht mehr für diese eine gewisse Einsamkeit. Für diese eine Tatsache, nie die Erfahrung gemacht zu haben, die alle – oder zumindest viele – Menschen um mich herum gemacht haben oder immer noch machen. Ich genieße mittlerweile die Einsamkeit sogar. Ich kann gut alleine sein.

Ich will es nicht abtun. Natürlich bin ich noch nicht darüber hinweg. Aber ich weiß, dass ich eigentlich der einzige Mensch bin, der für mich da sein kann. Wenn es keinen anderen gibt – was es ja nicht muss – dann muss ich es umso mehr selber schaffen. Klar ist es schwer, sich selbst in den Arm zu nehmen und sich selbst Geborgenheit zu schenken, wenn man das Gefühl hat in ein verdammt tiefes Loch zu fallen, das einfach kein Ende zu haben scheint. So ein tiefes Loch, dass man sich ungelogen danach sehnt einfach irgendwo auf dem Boden aufzuknallen, damit dieses gnadenlose Fallen ein Ende hat.

Ich weiß nicht, wie ich es immer wieder schaffe mich aus diesen Löchern zu ziehen. Vermutlich halte ich mich irgendwo fest und dann… mache ich weiter, als wäre nie etwas gewesen. Ich weiß nicht, wie ich die meiste Zeit meines momentanen Lebens so glücklich und unbeschwert sein kann. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich andere zum Lachen bringen kann oder wie ich albern sein kann, um Freunde aufzumuntern. Meistens ist es so, dass ich mein Innenleben tagsüber einfach vergesse. Ich lebe dann einfach – meistens ohne Gedanken. Und ich BIN einfach. Ich denke meistens nicht darüber nach, was ich mache, sondern ich tue es einfach. Wenn ich eine Kuh sehe, die mich aus ihren großen Augen anstarrt und ich das Bedürfnis habe zu ihr zu gehen und sie zu umarmen, dann mache ich das! Wenn ich einen Schmetterling sehe und mich diese Zartheit so entzückt dass ich lächeln muss, dann tue ich das! Wenn ich aus purer Lust den Drang verspüre mit einer hellen Hose voller Karacho in eine schmutzige Pfütze zu stampfen, dann mache ich dass. Dann ist mir in diesen Momenten meistens scheißegal, wie mich andere Menschen betrachten oder was sie in mir sehen oder in welche Schublade sie mich einordnen.

Eigentlich komisch, denn früher war ich komplett das Gegenteil von heute.

Und dann holen mich meistens in so einsamen Momenten die Gedanken ein. Die Erinnerungen an früher, meine Lügen, meine Erfahrungen.

Und dann geschieht etwas wie jetzt – nämlich dass ich Janina vermisse.

Eine wundervolle Seele die ich erfunden habe und die jahrelang mit mir meinen Weg gegangen ist. Ich vermisse sie, obwohl es sie in Wirklichkeit nie gegeben hat. Und dann vermisse ich meine Kindheit. Diese blühende Fantasie, die ich zwar immer noch besitze, aber lange nicht mehr so, wie damals. Heute ist meine Fantasie ein Kopfgeschwür, in dem ich schwelgen und träumen kann, die ich vielleicht auch zu Papier bringen kann. Aber sie zur Realität zu machen wie damals, das schaffe ich heute nicht mehr.

 

 

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