1. Teil [Jola]

  1. Juli 2012

Liebes Tagebuch… liebe Leyla (hört sich besser an)


heute war wieder ein Scheißtag. Eigentlich weiß ich gar nicht so genau, wieso ich überhaupt Tagebuch schreibe, wenn ich doch sowieso bloß melodramatische Klugscheißereien zu schreiben habe.
Ich würde dir so gerne mal erzählen, dass ich etwas Schönes erlebt habe. Na ja, zum Beispiel, dass ich im Meer schwimmen war und bis zur anderen Insel geschwommen bin. Oder dass Jenna, Sarah und ich mal etwas „cooles“ mit den anderen aus unserer Klasse gemacht haben. Oder vielleicht von meinem ersten Kuss (der sowieso niemals stattfinden wird) oder einer Rose, die in der Tür steckte – für mich.
Aber ich muss dich enttäuschen, wie immer. Ich bin eben nicht dieses Mädchen, das viel zu erzählen hat. Das viele Dinge erlebt. Das mit seinen Eltern nach Paris oder Monte Carlo oder Kalifornien fliegt und außergewöhnliche Abenteuer erlebt, denn ich bin nun einmal nicht außergewöhnlich. Ich bin, wie ich bin.
Einerseits denke ich, es ist ganz gut so… andererseits bin ich auch oft traurig und würde mein Leben gerne durch das eines anderen eintauschen.
Eigentlich ein dummer Gedanke, wenn man bedenkt, dass man nur ein Leben hat. Und eigentlich bin ich doch auch noch recht jung, oder? Als meine Mama 15 war, hat sie schon gearbeitet, gekocht, Wäsche gewaschen – fast den ganzen Haushalt selber geschmissen und meiner Oma unter die Arme gegriffen.
Im Gegensatz dazu bin ich ja geradezu faul. Zuhause bin ich draußen im Hof, lese, schreibe oder sitze am Laptop und schreibe mit irgendwelchen Internet-Phantomen, die ich eher meine Freunde nennen kann, als Jenna und Sarah. Traurig, oder?
Außerdem bin ich noch in der Schule. Hauptschule. Wie sich das schon anhört! Ein Haufen voller Intelligenzgestörter und Schlägerbräute.
Aber so bin ich nicht, wirklich. Es ist mir immer wieder peinlich, dazu stehen zu müssen. Ich würde mich niemals zu der Menge einer Hauptschule zählen und gleichzeitig finde ich es gemein, dass wir Hauptschüler, von den Menschen da draußen, alle über einen Kamm geschert werden.
Ich bin anders als die anderen.
Ich meine, ja, ich weiß – jeder ist anders als die anderen. Aber ich bin ganz bestimmt nicht wie die! Wie Monika, Edona, Bella… und die restlichen 95 % meiner Klasse (und Schule).
Edona war heute übrigens bei uns in der Hütte und wollte sich einschleimen.
Sie hat Sonnenöl gebraucht, aber weder Jenna, Sarah noch ich sind solche Tussis wie die aus ihren Kreisen, die Sonnenöl brauchen. Sie hat dann einfach Sonnencreme genommen und sie Jenna in die Hand gesteckt, damit sie eingeschmiert wird.
So etwas würde ich mich nie trauen. Und dann fing sie an den beiden Komplimente noch und nöcher zu machen und ich saß da und dachte mir so: Ja, ist klar. Du kannst auch einfach sagen, dass ich scheiße aussehe. War ja nie anders. Weißt du ja.
Und dann drückte sie noch den unnötigsten Satz raus, den die Weltgeschichte je gehört hatte: Deine Haare hätte ich gern.
Nein, nicht: du hast schöne Haare, oder „mir gefallen deine Haare“… bloß..“deine Haare hätte ich gern“.. Bullshit.
Kann ich mir auch nichts von kaufen.
Kann sie vielleicht Krebspatienten spenden, die sich Perücken aus Echthaar wünschen. Wäre immerhin sinnvoll.
Ob ich nun ne Glatze trage oder nicht, ändert an meinem Gesicht wohl auch nichts mehr. Rund und pickelig, kleine Augen, fettige Haut. Ach, ist doch nichts mehr zu helfen.
Ich geh jetzt schlafen.

–  Jolas Tagebuch

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