Ein Leben in Komischhausen

Als ich vor 4 Jahren aus der Psychiatrie hierher gekommen bin, war das völliges Neuland für mich. Psychisch kranke Menschen kannte ich bis dahin ja dann doch schon gut genug und meistens empfand ich sie als viel menschlicher und umgänglicher als die vermeintlich „Normalen“.

Aber das Sozialdorf, in das ich einzog, das war… etwas völlig anderes.

Allgemein

Kurze Erklärung zu unserer Einrichtung (Ausschnitt aus der Website)

Seit 1946 wird *Hilsdorf vom Verein „*** e. V.“ getragen.

 

Hilsdorf versteht sich als

ORT ZUM LEBEN

Im Rahmen einer offenen Dorfgemeinschaft erfahren Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Problemen, Krankheit oder Behinderung Hilfen zur persönlichen, sozialen und beruflichen Entwicklung oder Heimat und Pflege im Alter.
Daneben bietet Hilsdorf Beratungsdienste, Tagesstätten, Arbeitsmöglichkeiten und Wohnungen in Orten der Umgebung an.

Das Erste, was mir aufgefallen war… nun ja, das war dieser unsagbar schöne Ort! Das viele Grün, die Bäume, die Berge, die Kühe und Pferde in jeder Ecke… Als nächstes war es diese Ausstrahlung, die von den Menschen kam. Sie wirken so viel offener, freundlicher und herzlicher als in München.

Man erlebt eigentlich ein ganz normales Dorf. Mit seinen 900 Einwohnern total malerisch zwischen zwei Orten gelegen. In dem einen Ort wohne ich momentan. Aber in Hils (so kürzen wir das unter uns immer ab) habe ich drei Jahre direkt gelebt, da dort unsere therapeutische Wohngruppe war. Wir und noch eine weitere, allerdings heilpädagogische, Wohngruppe waren die einzigen von ca. 10 Wohngruppen, die sich direkt in Hils befinden.

Alle anderen waren in den zwei Orten verteilt.

In Hilsdorf, der besonderen Dorfgemeinschaft, finden Menschen Lebensraum auf Zeit oder auf Dauer, begleitet von Fachleuten aus sozialen, medizinischen, pflegerischen, handwerklichen, kaufmännischen und technischen Berufen. Darüber hinaus bieten wir Berufsbildungsmöglichkeiten in 41 Berufen, differenzierte Förder-, Therapie-, Bildungs- und Betreuungsangebote. Viele Mitarbeitende mit ihren Angehörigen, die in Hilsdorf leben, prägen das ganz normale und doch so besondere Ortsbild mit.

 

Menschen

Sich dort einzuleben war seltsam, aber nicht schwer. Ich kann mich noch gut an meine erste Woche in Hils erinnern, in der ich mit meinem ehem. Betreuer A*( mir fällt gerade kein passender Name ein, urgh) in dem kleinen Markt in Hils einkaufen wollte. Uns lief schon die ganze Zeit eine Frau hinterher. Ziemlich gemächlich aber doch irgendwie flott.

Ich weiß nicht, kennt einer von euch den Film „Mein Nachbar Totoro“? Dieses große Plüschding hatte immer einen kleinen Begleiter. Er selbst in weiß und in mini. Irgendwie erinnert mich diese Frau an dieses Ding.

Jedenfalls lief sie uns hinterher, dann hielt sie uns auf und fragte: „Hast du Bonbons für mich? Ich hätte so gerne Bonbons. Hast du Bonbons?“

„Ähm.. nein“, habe ich gesagt, „aber ich gehe gerade in den Markt. Soll ich Ihnen welche…?“

„Ich will Bonbons. Hast du Bonbons?“- hatte sie mich unterbrochen und ich habe A. hilflos angeschaut, als ich merkte, dass sie irgendwie „anders“ war.

„Tut uns leid. Wir haben keine Bonbons“, hatte mir A. dann geholfen. Wir gingen weiter über die Straße und kurz vor dem Markt hielt uns die Frau wieder auf. Sie stellte sich vor mich, mit ihrem Totoro-ähnlichen Gesicht und sagte: „Ich bin ein Bäääär und ich habe riiiiieesen Hunger!“

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, sah sie nur entsetzt an. A. legte mir einen Arm um die Schulter und sagte: „Dann sollten wir jetzt wohl besser gehen“. Er drehte mich von ihr weg und wir gingen in den Markt.

Das war meine erste Erfahrung in Hils, die mir ziemlich stark im Gedächtnis geblieben ist. Ich muss dazu sagen, dass das natürlich keine Ausnahme war. Jeden Tag begegnete ich diesen Menschen und jeden Tag begegne ich ihnen heute noch und sie gehören so fest in meinen Alltag wie der Kaffee am Morgen und das Licht am Tag.

Ich arbeite ja noch in Hils, auch wenn ich nicht mehr direkt in dem Dorf wohne, nachdem ich ja letztes Jahr im Mai in die Verselbstständigung gegangen bin und jetzt mit Kora in einer Wohnung wohne (inoffiziell, weil offiziell habe ich ja das Einzimmer Apartment weiter „oben“ in diesem Dorf).

Ich habe vor zwei Jahren meine Ausbildung in Hils angefangen. Eine unterstützte Maßnahme, deshalb bekomme ich ja auch kein Geld (nimmt mit das Arbeitsamt und Jugendamt weg).  Ich war, als ich mit meiner Ausbildung damals angefangen habe, psychisch noch nicht so ganz auf der Höhe…. Das ist noch ziemlich nett ausgedrückt. Vor zwei Jahren hatte ich sogar noch meinen letzten Selbstmordversuch – krass! Ich kann das heute überhaupt nicht mehr nachvollziehen!!!! – Aber egal, ich will ja so objektiv bleiben wie möglich, sonst wird’s zu lang.

Ich mag die Menschen dort. Sie sind umgänglich, wirklich „komisch“ (wenn man sie nicht gewohnt ist), aber herzlicher als jede andere Gemeinschaft, die ich je kennengelernt habe… Ich kenne mittlerweile so gut wie jeden (zumindest vom Sehen). Jeder hat seine eigenen großen Päckchen zu tragen. Ich kann leider gar nicht anfangen von jedem Einzelnen etwas zu erzählen, obwohl das wirklich interessant wäre. Ich finde, jeder von ihnen hätte eine eigene kleine Geschichte verdient – einfach, weil sie so besonders sind! Aber dann würde ich in 100 Jahren nicht fertig werden. Alleine schon die ca. 20 Leute an der Bushaltestelle jeden Morgen… das wäre noch nicht einmal die Hälfte aller außergewöhnlichen Menschen, die ich euch gerne vorstellen würde. Na ja, vielleicht ein andermal in einem anderen Beitrag.

 

Arbeitswelt

Natürlich sind nicht alle Meschen, die in Hils arbeiten oder sogar wohnen(!) körperlich, geistig oder seelisch krank. Ca. die Hälfte davon sind nämlich Sozialpädagogen, Psychologen, ganz „normale“ Verkäufer (im Markt zum Beispiel, aber auch in unserer eigenen Gärtnerei, Metzgerei und Bäckerei).

Ich mache eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement (sie lassen es heutzutage richtig raushängen mit ihren Fachbegriffen……) einfach: Bürokauffrau. Meine Chefin ist Frau *Keller. Eine kleine, flotte, quirlige Berlinerin und Strukturfreiheit in Person. Sie und Frau *Fichtel sind für alle Auszubildenden im Büro zuständig.

Ich habe keinen festen Arbeitsplatz. Wir haben einen „Rotationsplan“. Im Bikk-Gebäude (da, wo ich arbeite) haben wir verschiedene Abteilungen. Mediengestaltung, Büro, Spendenreferat, Öffentlichkeitsreferat, IT.

Ich war nun schon in verschiedenen Bereichen vom Büro. Die ersten Monate im OLM (Office Layout Multimedia) – ich habe viel an unserer Website gearbeitet (inhaltlich), im Bereich für Barrierefreiheit (abgekürzt *LOU), Marketing (selbsterklärend), Empfang, zwei Wochen habe ich ein „externes“ Praktikum im Rahmen der Ausbildung beim Landratsamt gemacht und nun bin ich in der Buchhaltung.

Die Buchhaltung befindet sich in der Verwaltung. Das ist ein eigenes, uraltes Gebäude in der Parallelstraße vom Bikk-Gebäude. Dort haben wir die Sozialverwaltung, die Rechnungsprüfung, unseren Direktor, seine Chefsekretärinnen (Celene), das Freizeit- und Bildungswerk, Rechnungswesen, die Ablage und die Buchhaltung.

Dort arbeiten zum Beispiel nur „normale“ (schrecklich, dass sich dieses Wort nicht vermeiden lässt) Mitarbeiter. Es ist alles sehr familiär und total freundlich und herzlich, wobei die Professionalität nicht aus den Augen gelassen wird. In der Verwaltung ist alles super organisiert und strukturiert. Das kann ich jetzt vom Bikk eher weniger behaupten. Da läuft vieles nicht ganz so, wie es laufen sollte und zudem bin ich immer unterfordert. Das liegt eben zum Teil daran, dass sie davon ausgehen, dass wir nicht so leistungsfähig sind. Mit „wir“ meine ich uns Auszubildenden. Wir sind dieses Jahr wohl die ersten Azubis, die ein „normales“ Arbeitspensum gewohnt wären und auch nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen sind – auch nicht in Stress-Momenten. Deshalb kommt es oft (na ja, fast immer) im Bikk vor, dass wir Aufgaben für 4 Stunden bekommen, die wir dann allerdings in 10 Minuten erledigt haben und dann blöd da sitzen, weil alle im Team sind und nichts anfällt.

In der Verwaltung ist das Gott sei Dank nicht so. Ich habe immer etwas zu tun. Momentan sind sie leider auch hier ein wenig überfordert mit mir, weil ihnen immer wieder die Arbeit ausgeht (heute war ein echt träger Tag!). Das liegt aber eben daran, dass die Leute da alle diese schnelle Arbeitsweisen von Azubis schlichtweg nicht gewohnt sind.

Aber ich bin trotzdem zufrieden. Ich mag die Arbeit, vor allem momentan! Ich mag es, gefordert zu werden und ich mag die Menschen dort – alle! Ich habe mir dieses Jahr noch keinen Tag Urlaub genommen, weil ich es nicht vermisse. Ich brauche ein wenig Stress, um zufrieden zu sein. Ich ertrage Tage nicht, an denen nichts los ist oder alles viel zu gemütlich abläuft (deswegen bin ich auch so froh, dass die Zeit im Bikk nun für die nächsten 5 Monate erst einmal herum ist).

Also, um jetzt einfach mal zum Ende zu kommen:

Ich liebe das Leben hier. Ich liebe die Menschen, ich liebe die Arbeit, ich liebe die Landschaft und ich will nicht mehr weg von hier.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s