Und dann kann ich gehen…

Meine Finger liegen auf der Tastatur, schon seit Minuten; gefühlten Stunden, und ich bringe einfach nichts raus. Nichts aus meinem Kopf und nichts aus meinem Herz, obwohl meine Dämonen und Krieger gerade mächtig miteinander streiten. So laut, dass ich es hören kann und mein Kopf dampft.

Ich will ausbrechen. Oh! Wenn ich die Mittel und Möglichkeiten hätte, würde ich jetzt auf der Stelle vom Tisch aufspringen, würde meinen Rucksack packen und gehen. Einfach weg. Ich wäre in Grönland, in Finnland, in Indien, in Thailand, in – oh ja, in Bangkok – in der Wüste, im Irgendwo, nur nicht hier. Ich würde traveln, bis ich nicht mehr weiß, wo ich herkomme und wohin ich will – denn eigentlich ist das ja egal. Ich würde Menschen kennenlernen, setze mich mit ihnen in den Sand am Meer, mitten in der Nacht. Hippies. Oh ja! Hippies will ich kennenlernen! Ich will mit ihnen an einem großen Feuer am Meer in der Nacht sitzen, einer spielt Gitarre, der andere verteilt Hush-Brownies. Ich mein‘, gehört halt dazu. Ich habe noch nie Drogen genommen und ich denke, wenn ich dann schon auf einer Weltreise bin, um alles Mögliche zu entdecken, dann bin ich auch bei allem dabei! Wir würden singen und tanzen und nackt ins Wasser springen. Dann ziehe ich weiter, warte auf einen Zug zwischen Affen und Moskitos und knallender Hitze.  Vielleicht lande ich dann in Bangkok und laufe durch den schmalen, vollen Markt und lasse mich von Junkies überreden, das Blut einer giftigen Schlange zu trinken, weil das so Tradition ist. Vielleicht schlafe ich die Nacht dann ganz billig in einem schmuddeligen, stinkenden, kalten Motel, voll mit Ungeziefer und wirklich nur notdürftig eingerichtet.  Und dann lerne ich am nächsten Tag durch Zufall vielleicht plötzlich andere Traveller kennen. Nicht diese langweiligen Großstadt-Touristen, die sich vor den Eiffelturm, the London Eye oder den Todaiji Tempel stellen und Fotos knipsen, um sie dann stolz bei Facebook zu teilen.  Sondern die Abenteurer, die Orte suchen, an denen nicht die geballte Ladung Menschen hockt, sondern die Abzweigung ins Ungewisse riskiert. Eine Französin, ein Chinese und ein Amerikaner. Ja, und zu viert würden wir dann unser Abenteuer fortsetzen. Wir kämen vielleicht zusammen nach Finnland, kämpfen uns durch gnadenlosen Wind, Eiseskälte und ganz plötzlicher, unerträglicher Hitze und beobachten zufällig die Polarlichter und Rentiere, die gar nicht so scheu sind, wie man vermutet und uns erstaunlich nah ran lassen, so dass wir gute  Erinnerungsfotos machen können. Vielleicht ziehen wir sogar noch ein Stückchen zusammen weiter, entdecken einen Regenwald in Mittelamerika und sehen Harpyien einen Affen greifen. Werden von Killerameisen und anderen Insekten gebissen und durchstochen und schlagen ein ziemlich unstabiles Zelt, in dem wir vier gerade so noch Platz haben irgendwo dort mitten im Regenwald auf und genießen die Bewusstheit von etlichen Gefahren aber auch dieser unsagbaren Idylle und Freiheit. Wir verständigen uns mit Händen und Füßen und können trotzdem miteinander lachen, ohne wirklich zu wissen, weshalb der andere gerade lacht.

Irgendwann trennen sich wieder unsere Wege, dann ziehe ich alleine weiter, lerne andere Menschen kennen, erlebe andere Abenteuer- weil man kann keinen Tag nichts erleben. Und dann lasse ich die Menschen zurück und nehme die Erinnerungen mit, weil eigentlich nur das zählt. Nur die Erinnerungen und Erlebnisse und dass ich dann irgendwann, irgendwann wieder nach Hause zurückkehre – so spät, dass mein Zuhause nicht mehr mein Zuhause ist, sondern dass mein Zuhause die ganze Welt ist und ich steinalt und glücklich bin und dann endlich sterben kann und sagen kann, ich habe wirklich gelebt.

Und dann, wenn ich tot bin, ziehe ich mit den Greifvögeln in die Freiheit – Ja! Und dann kann ich gehen. Von hier.

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