Tag 1

Tag 1, Donnerstag, 04.08.16

 

Eigentlich ist das ja schon der 4. Tag, den wir hier sind, aber um es nummerisch ordentlich zu halten: Tag 1. Heute war ein langatmiger Tag. Nichts war los. Béla, Rita und Sarah sind seit Montag am Plattensee, ihren Hochzeitstag feiern. Der Plattensee ist von hier ungefähr sechs Stunden entfernt.

Wenn Béla, Rita und Sarah nicht da sind, dann ist hier meistens tote Hose. Sarah ist die neunjährige Adoptivtochter von Béla und Rita. Béla ist der Großcousin meiner Mutter. Jeden Tag sitzen sie bis Spätabends bei uns im Garten – unserem „Wohnzimmer“. Schlicht: 2 Bierbänke und ein Biertisch unter einem Pavillon, den wir jedes Jahr aufs Neue (mehr schlecht als recht) aufbauen und dieser Pavillon steht unter einem großen, großen Walnussbaum, der schon seit Jahrzehnten dort steht. Schon weit vor meiner Geburt. Also 2 Jahrzehnte mindestens 😀 An diesem Walnussbaum hängt so ein kleiner Stuhl aus Stoff – Himmel, wie nennt man die Teile nochmal?! – und daneben steht die Hollywoodschaukel. Meine Oma hält sich meistens an dem kleinen Tisch mit den zwei Stühlen auf der Veranda vor der Küche auf. Die ist direkt neben unserem „Wohnzimmer“ und gehört zu zu diesem „Wohnzimmer“ quasi dazu. Auf diesem Bild sieht meine Oma noch kerngesund aus. Ein Jahr ist das her, ein einziges, kurzes Jahr.

 

Der Tag war lang, wie gesagt. Normalerweise sitzen wir dann alle bei uns im Garten und reden. Essen gemeinsam zu Mittag, essen gemeinsam zu Abend und reden. Dann trinken mein Vater und Béla Bier, reden wieder und reden, reden noch ein Weilchen und dann gehen sie irgendwann nach Hause bzw ins Bett. Zwischendurch trudeln auch immer wieder andere Verwandte und Bekannte ein – Irene, Katalin, Kathi, Thomas, Jonas, Margit, Annika, Evi, Jan und so weiter und sofort. Lauter Bekannte und Verwandte. Und es ist heimelig. Und ich liebe es. Ich liebe sie alle, sie sind Familie. Selbstverständlich.

Nun aber, da Béla, Rita und Sarah weg sind, ist echt wenig los. Vor allem ist Sarahs Abwesenheit sehr präsent. Sie ist ein lautes, sehr anstrengendes Mädchen, obwohl ich dazu sagen muss, dass sich das seit letztem Jahr wirklich gebessert hat. Ich mag sie sehr gerne, sie gehört zur Familie, aber sie ist wirklich waaaahhnnsinnig anstrengend – und nervig. Letztes Jahr war es noch schlimmer als dieses. Ich denke aber, dass diese Phase nun von Jahr zu Jahr weiter abklingt. Es ist komisch, so eine Ruhe. Nicht ihre helle, zwitschernde Stimme zu hören, ihr quietschendes Lachen. Sie ist eine kleine Klugscheißerin, aber das ist sie zurecht: sie ist wirklich ein unfassbar kluges Kind!!!

Nun, heute kam der Wagen vorbei, der Hänger voll und übervoll mit überdimensional großen Wassermelonen, mit unfassbar LECKEREN! Wassermelonen! Mhhhh!!!!!!!! Ich lief vor den Zaun, hielt den Wagen an und die Frau und der Mann kamen aus dem Wagen und der Mann fragte mich, welche Melone mir denn zuspricht „Mondjad, Tündér, melyik tetszik lenni?“ Was wörtlich übersetzt bedeutet: „Sprich, Prinzessin (wobei Tündér eigentlich „Fee“ bedeutet, aber dieses Wort gebrauchen wir im Deutschen in diesem Kontext nicht), welche möchtest du haben?“

Ich antwortete spaßeshalber, die Größte natürlich, woraufhin mich mein Vater tadelte und erinnerte, dass die letzte Melone auch schlecht geworden ist. „Na gut“, meinte ich, und deutete auf ein kleineres Prachtexemplar. Mein Vater meinte, ich solle darauf achten, dass die Wurzel (das Ding da am „Arsch“ von der Melone) braun ist, weil die am besten wären. Daraufhin wies die Frau ihn sofort darauf hin, dass absolut das Gegenteil der Fall wäre: „Auweia! Damit darfst du gar nicht erst anfangen!“ (Ja, hier im Dorf duzen sich selbst die Fremden). Mein Vater war erstaunt und meinte: „Ach was! Wieso?“
„Wenn die Wurzel braun ist, dann ist die Melone überreif, ist vermutlich schon seit Wochen gepflückt. Wenn sie noch nicht geerntet werden, dann hängen sie an einem Stängel. Wenn DER braun ist, dann ist sie reif. Das gilt aber nur für die Ernte.“
„Sieh einer an“,
rief mein Vater verblüfft. Ich wartete nur sehnsüchtig auf meine Melone. Irgendwelche Ernte-Weisheiten waren mir herzlich egal. Mir lief das Wasser schon im Mund zusammen. „Also die hier, will ich haben“, sagte ich nachdrücklich und deutete auf die Wassermelone. Der Mann wog sie und reichte sie mir. Ich ging fast zu Boden, so schwer war das Teil!!! Während ich diesen Brocken mit krummem Rücken zum Gartentor schleppte, fragte mein Vater, ob wir auch eine Honigmelone kaufen sollen. Er rief nach meiner Mutter – er fragt meine Mutter immer um Erlaubnis – meine Mutter fragte meine Oma, die mit ihrem Beatmungsgerät auf der Veranda saß und meine Oma antwortet kichernd: „Eine Scheibe.“ Meine Oma ist ein Witzbold. Obwohl sie so krank und schwach ist, hat sie Gott sei Dank keine Probleme mit ihrem Verstand. Sie ist wach wie ein Vogel. Sarkastisch, ironisch und manchmal ziemlich fies – aber lustig. Das liebe ich an ihr. Meine Mutter rief ihm also zu: „Eine Scheibe.“ Der Mann und die Frau lachten. Und mein Vater fragte nach einer ehrlichen Antwort, aber meine Oma war unschlüssig. Ich sagte zu ihm: „Kauf eine. So wie ich sie kenne, wird sie spätestens morgen Lust auf eine Honigmelone haben.“ Also kaufte er die Honigmelone und ich schleppte die Wassermelone mit viel Mühe bis zur Bierbank. Dort ließ ich sie auf dem Tisch nieder: „BUMM“. Gerade so, dass der Tisch in der Mitte nicht durchgebrochen ist!!!

Meine Mutter klagte dann um den Platzmangel im Kühlschrank und fing an, dort herum zu räumen. Mein Vater meinte dann, wir könnten ja die Honigmelone in den Eimer im Brunnen legen, sie herablassen und den Brunnen wieder abdecken, so bliebe sie kühl. Mich schauderte es bei der Vorstellung. Wenn ihr wüsstet, wie viele ekelhafte, riesige Spinnen es hier gibt! Die sind größer als mein Daumen!!!! Brrrr!!!! Und der Brunnen ist tiiiiiiieeeeeeef! Der ist immer abgedeckt, wegen der Katzen. Weil mir der Gedanke zuwider war und ich bis zum Ende protestierte (und meine Mutter auch dagegen war), ließen wir die Idee doch bleiben. Insgeheim hätte es mir egal sein können, ich mag nämlich keine Honigmelone. Warum auf dem Brunnen Wäscheklammern liegen, weiß ich nicht.

Unsere Nachbarin, Luisa (also die Witwe des Bruders meiner Oma), ist seit einigen Tagen im Krankenhaus. Seitdem kümmert sich meine Mutter um die Hühner und den Hund. Morgens lässt sie die Hühner aus dem Stall, gibt ihnen Futter. Sie füttert Kormi (den Hund), füttert abends wieder die Hühner, und sperrt sie abends wieder in den Stall. Dann sammelt sie die Eier. Heute habe ich ihr dabei geholfen die Hühner zu füttern. Seit Tagen laufe ich barfuß herum. Das Gefühl ist einfach genial! Meine Füße waren anfangs echt sehr sensibel, aber mittlerweile gewöhne ich mich daran. Am liebsten würde ich die Schuhe gar nicht mehr anziehen, aber gegen Abend wird es kalt. Und mückenstichig… Oooh diese bestialischen Mücken!!! Ich weiß einfach nicht, wozu sie gut sind. Wenn sie nur mein Blut nehmen würden – mein Gott…aber dieses lästige Jucken im Nachhinein!

Um 17 Uhr fing meine Mutter an, auch noch im Garten von Luisa zu arbeiten (der Garten ist schräg hinter unserem Schuppen, wo früher die Schweine waren und heute die Abstellkammer ist, deswegen läuft sie normalerweise immer durch unseren Garten. Das ärgert uns nicht. Es ist selbstverständlich. Ist schon seit Jahren so), sie erntete Zwiebeln und Tomaten und pflückte gleich noch Blumen für den Friedhof, wo sie danach noch hinwollte. Meine Mutter kann nicht stillsitzen. Nie. Nicht einmal in ihrem Urlaub. Das hat meinen Vater heute wahnsinnig gemacht und er hat sie angeschnauzt, sie soll endlich mal ihren verdammten Hintern auf die Sitzbank bewegen und sitzen bleiben! Ich fand es lustig, schmunzelte darüber und aß meine Melone. Die Melonenenden schmeiße ich dann immer zur den Hühnern rüber. Der Zaun, hinter dem sie sind, erstreckt sich weit bis in unseren Garten. Leider steht der Wohnwagen davor und vor einigen Jahren haben meine Eltern in die Lücke zwischen Wohnwagen und Küche eine Absperrung eingebaut, damit die Hunde nicht dauernd vor den Hühnern sitzen und sie anbellen. Das habe ich heute schon bedauert, weil ich früher eigentlich immer in diese Lücke gegangen bin, Löwenzahn und sonstiges Gras (was auch immer da wächst) gepflückt habe, um die Hühner zu füttern. Dann saßen sie in Scharen vor mir, glotzten mich aus ihren gruseligen, runden Augen an und ich fütterte sie durch die Löcher im Zaun. Das habe ich manchmal minutenlang gemacht. Das will ich dieses Jahr auch wieder machen. Ich werde mir schon einen Weg durch den Zaun suchen. Oder ich gehe einfach direkt in ihr Gehege und füttere sie dort… hmmm.. warum einfach, wenns auch kompliziert geht?! Nein, im Ernst: Warum bin ich nicht früher auf die Idee gekommen???

Am Abend fuhren wir dann mit unseren ultramodernen Fahrrädern – Ha Ha! – zum Friedhof. Der ist offen, man kann also jederzeit dahin, und ziemlich klein. Ganz, ganz „hinten“ liegen teilweise noch Grabsteine von 1798!!! Siebzehnhundertachtundneunzig!!! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Echt unheimlich. Weit hinten, wo die älteren Gräber stehen, entdeckten wir auf der Suche nach dem Grabstein des Opas meiner Mutter, 9 kleine Grabsteine, die ziemlich krumm und traurig neben einem Großen standen. Das Unheimliche an ihnen war, dass, wenn man den Daten auf den Grabsteinen Glauben schenkt, alle Leichen in diesen Gräbern, 4 Jahre alt wurden und das im selben Jahr! Auf allen Grabsteinen stand: 1914 bis 1918. Erst haben wir überlegt, ob das nicht vielleicht auch gefallene Soldaten sein könnten, aber irgendwie fanden wir keine logische Erklärung für diesen Gedanken und beschlossen, Annika zu fragen.

Annika ist meine… „Großcousine“, hat selber schon 2 Kinder und ihre Tochter Evi ist in meinem Alter. Wir sind eigentlich wie Geschwister. Es gibt keinen Blödsinn, den ich NICHT mit Evi erlebt habe. Und Annika weiß einfach alles. Sie weiß auch bestimmt, was es mit diesen Sternschnuppen Grabsteine auf sich hat. Lustig. Ich wollte Grabsteine schreiben… aber mein Vater ist gerade hinter in den Garten gegangen (da, wo das Gemüsebeet von Luisa ist), um Sternschnuppen zu schauen. Jetzt ruft er mich gerade, ich soll unbedingt kommen, weil es nur so Sternschnuppen regnet und man die Milchstraße sieht, als wäre sie zum Greifen nahe. Also dann, ich hau‘ mal ab. Dem Himmel beim Sterne regnen zusehen.

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