Tag 4 || Teil 1 von 2

 

Ich kenne diese Art von Vogel nicht, der da in allen Ecken landete, sitzen blieb und mich anstarrte. Ein großer Vogel, sicher so groß, wie ein Pfau. Er hatte ein sattes, blaues Gefieder, das vor allem am Schwanz sehr lang und eitel aussah. Am unteren Bereich des Schwanzes und an der Brust waren die Federn zitronengelb. Der Vogel sah einfach unglaublich schön aus! Wie ein Paradiesvogel eben. Ich saß mit der Betreuerin Diana und einigen geistig Kranken (30 Jahre aufwärts) in einem kleinen Hinterhof. Wir witzelten miteinander, Diana lachte köstlich über einige trockene Bemerkungen von mir und ich dachte, endlich ihre Art von Humor herausgefunden zu haben (was nach 4 Jahren ja mal Zeit wurde). Während sie anfing die Bewohner nach drinnen zu bringen und den Hof ein wenig aufzuräumen, nahm ich mein Handy, um von diesen Vögeln ein Bild zu machen. Ich musste dafür um eine Ecke gehen, auf dem Weg dorthin fiel mir der feuchte Boden auf. Über Nacht hatte es geregnet und einige saftig grüne, große Blätter, wie die, von unserem Walnussbaum, klebten am Boden. Auf einem von diesen am Boden klebenden Blättern erkannte ich zwei Arten von Raupen. Eine sehr lange, dünne, schwarz, braun orange, mit ganz wenig Härchen an den orangen Stellen. Sie bewegte sich graziös, geschmeidig auf das Blatt zu, war mit dem halben Körper schon drauf. Ich machte ein Foto von ihr und entdeckte dann nur wenige Zentimeter daneben noch eine Raupe. Eine etwas kürzere, grüne, korpulentere, bei der man die süßen Stummelbeinchen ganz deutlich sehen konnte. Sie bewegte sich mit trägen Wellenbewegungen auf das Blatt zu. Ich könnte schwören, ich konnte bei jeder nächsten Bewegung, die fließend in die andere überging, ein erschöpftes Ächzen wahrnehmen – aber vermutlich bildete ich mir das nur ein. Ganz sicher sogar.

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Kurz lächelte ich über die zwei grundverschiedenen Raupen, die um ein und dasselbe Blatt kämpften, obwohl es mehr als genug von ihnen am Boden gab, dann ging ich um die Ecke, um den Vogel zu fotografieren, der vor einigen Minuten noch dasaß, doch als ich um die Ecke bog, war er weg. Stattdessen lagen auf genau dem Fleck, wo der Vogel gesessen war, ein Haufen Federn. An mehreren solchen Flecken, ich glaube, ca. drei, war so ein Haufen blauer Federn. Ich war ein wenig betrübt, dass der Vogel weg war, aber es stimmte mich nicht vollkommen traurig, also ging ich zu den Federn, nahm sie in die Hand und betrachtete sie. Sie waren unglaublich weich!!! Erfreut stellte ich fest, dass auch vereinzelt gelbe Federn unter den Blauen lagen. Mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen nahm ich die blauen und gelben Federn in die Hand und machte ein Foto. Ich wollte diese Erinnerungsstücke mitnehmen, da erkannte ich aber einen Haufen Eier von Läusen an ihnen kleben. Angewidert legte ich sie wieder aus der Hand und ging zurück in das Gebäude.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte und wehmütig in meinem Handy nach den Feder-Fotos und den Raupen-Fotos suchte, stellte ich fest, dass sich das alles nur in der Nacht in meinem Traum abgespielt hatte. Diana war damals in der Klinikzeit meine Bezugsbetreuerin, mit der ich mich viel mehr wie mit einer großen Schwester verstand. Sie war die einzige, die ich in diesem gut durchdachten, herzlosen System gut leiden konnte. Manchmal zankten wir miteinander bis ins Unermessliche. Ich nannte sie blöde Kuh, schlug meine Zimmertür zu (zu meiner Verteidigung: Ich war vierzehn und mitten in der Pubertät) und sie seufzte genervt und verdrehte die Augen und ignorierte mich eine ganze Zeit lang. Bis ich schließlich ergeben ins Stationszimmer kam, meistens wenn sie Nachtbereitschaft hatte, weil anders waren die Betreuer selten aufzufinden, und mich ganz klein mit Hut bei ihr entschuldigte. Dann lächelte sie nur sanft und sagte mir, ich dürfe noch ein Weilchen bei ihr im Büro hocken bleiben. Das durfte keiner, weil ab 22 Uhr eigentlich jeder auf seinem Zimmer sein (und im besten Fall schlafen) sollte. Meistens sprudelten aus mir dann die reuevollen Entschuldigungen noch heraus, bis sie mir aufmunternd den Arm rieb und mir noch Milch mit Honig machte. Oft lief sie tagsüber auch einfach beiläufig an mir vorbei und gab mir flüchtig, wie nebenbei, ein Küßchen auf die Stirn oder den Kopf, nur, um ungefähr zwei Stunden später wieder mit mir zu zicken. Bei meinem zweiten Aufenthalt war das alles anders. Ich war in dem halben Jahr geistig unglaublich „gealtert“. Ich hatte ne völlig andere Auffassungsgabe als andere in meinem Alter, weil ich Dinge einfach anders interpretierte und analysierte. Irgendwie kam es mir oft so vor, dass die anderen in meinem Alter mich nicht verstanden und sie das Leben viel zu leicht nahmen. Heute denke ich, dass das gut so ist. Kinder sollten das Leben leicht nehmen und ich denke auch, dass die anderen mich genauso komisch und langweilig fanden, wie ich sie. Das war auch der Grund, weshalb ich mich immer häufiger mit Erwachsen unterhielt. Diesmal zankten Diana (wir mussten sie Frau A. nennen, wie alle anderen Betreuer auch), und ich uns kaum noch, jedenfalls nicht mehr so pubertär, dafür gab es aber auch nicht mehr so viele schwesterliche Zärtlichkeiten. Ich denke, auch sie merkte diese komische Wandlung in mir und konnte mich nicht mehr als die „kleine Schwester“ sehen, die ich vor einem halben Jahr in ihren Augen noch war. Vielmehr entwickelte sich nun eine leichte Freundschaft zwischen uns, in der sie mir in meiner Ausgangssperre auch mal ausnahmsweise erlaubte mit ihr rauszugehen, wenn sie eine Zigarette rauchte, etc.

Traurig, dass die Federn nicht mehr in meinem Foto-Speicher waren, legte ich mein Handy weg und fiel erneut in einen tiefen Schlaf. Der Traum ging absurder weiter, als er angefangen hatte und nahm erschreckende Wendungen.

Ich hatte es eilig, es regnete. Starker Nieselregen. Die Art von Regen, die mich am meisten nervt. Stolpernd trat ich aus dem Gebäude. So ging der Traum weiter. Ich sah mich um, war binnen weniger Sekunden ziemlich nass. Ein dünner Film aus Wasser lag auf meinem Gesicht. Ich wischte es mir aus den Augen, da kam eine Frau gerade an den Haupteingang, mit einem Regenschirm über dem Kopf. Es war *Sarah (eine ehemalige Betreuerin von mir, aus der Wohngruppenzeit). Sie sah mich stirnrunzelnd an, als versuche sie mich zu erkennen, dann rief sie erfreut: „Ach, Jessi! Das ist ja ein Zufall! Wo musst du hin?“

Im Traum wusste ich, wo ich hinwollte, aber ich erinnere mich leider nicht mehr. Ich nannte ihr den Ort und dass die Busse nicht mehr fuhren und sie meinte: „Da muss ich sowieso lang. Möchtest du mit mir mitkommen?“
Ich nickte und eilte zu ihr unter den Schirm. Sie fing einen Smalltalk mit mir an, als wir die kleine Altstadt betraten. Es war eine andere, als die, in der ich wirklich lebe, eine, die ich in Wirklichkeit nicht kenne, aber meine Fantasie hat da einen recht schicken Ort zusammengewürfelt. Wir näherten uns einem kleinen Café und Sarah meinte: „Oh! Ich hätte jetzt Lust auf einen Cappuccino. Gehen wir in den Glöckner?“
Ich zuckte die Schultern und nickte schließlich. Warum nicht? Vor dem Café wollte ich gerade sagen, dass das allerdings nicht der Glöckner sei, sondern…
„S’Zuckerl“, las sie, als sie es selbst merkte, „Hm… das ist aber nicht der Glöckner. Wie auch immer, dann eben S’Zuckerl.“
War mir nur Recht. Den Glöckner mag ich sowieso nicht so gerne, wohingegen ich S’Zuckerl klasse finde!
Als wir wieder aus dem Café kamen, war Sarah plötzlich nicht mehr Sarah sondern Frau Lieb. Frau Lieb war meine behandelnde Ärztin in der Klinik. Sarah sieht Frau Lieb ähnlich und Frau Lieb sieht Sarah Sophie Koch (eine Schauspielerin) sehr ähnlich. Vermutlich daher diese plötzliche Gestaltenwandlung. Sie hatte immer noch genau dieselben Sachen an und denselben Schirm in der Hand, den sie jetzt wieder wegsteckte, da es nicht mehr regnete. Es war dunkel geworden und wir bewegten uns auf einen kleinen Brunnen außerhalb der Mauer der Altstadt zu. Der Boden leuchtete gold-orange von den Straßenlichtern. Die Pfützen auf dem Boden spiegelten das Licht wider. Dort am Brunnen blieben wir kurz stehen uns schauten auf die unbelebte Straße, ziemlich weit unter uns.
„Was machen Sie eigentlich hier?“, fragte ich, während sie sich an die kleine Statue am Rand lehnte und ich mich im Schneidersitz auf den Rand setzte.
„Ich bin nur für ein paar Tage hier.“ In ihren Augen lag ein unbedeutendes Lächeln.
„Aha. Ich wohne seit einigen Jahren hier. Es ist also mein neues Zuhause.“
„Gefällt es dir hier?“
„Oh ja!“
„Das ist schön.“
Ich sah sie kurz halblächelnd an, erwiderte aber nichts und beobachtete dann weiter die wenigen Autos auf den glitzernden Straßen.
„Sie sind jetzt 36, nicht?“
Mit einem tonlosen Lachen meinte sie: „Schlimm genug, dass das schon über mich in Erfahrung gebracht wurde.“ Es sollte als Witz gemeint sein, aber in jedem kleinen Spaß steckt immer auch ein Funken Wahrheit.
Schließlich fragte sie: „Und was ist mit deinem Markus?“ (der Kriminalpolizist, von dem ich hier im Blog eine Zeit lang erzählt habe)
„Ähm… nichts Neues“, antwortete ich verwundert. Ich weiß, dass Markus‘ Freundin… oder mittlerweile Ex-Freundin, keine Ahnung, inzwischen eine eigene Wohnung gefunden hat und demnächst ausziehen wird. Wirklich viel in Kontakt hatten wir in letzter Zeit nicht, aber ich habe im Gefühl, dass es ihm nicht besonders gut geht und mir liegt viel daran, ihn mal wieder zu sehen.
„Hmh“, machte sie, um ihre Lippen spielte allerdings ein säuselndes Lächeln, das mir durchaus zu verstehen gab, dass sie mir nicht wirklich glaubte. Ich erwiderte darauf nichts, bis sie mich schließlich bis dahin begleitete, wo ich hinmusste.
Dort empfing mich eine weinende Freundin mit blonden Haaren und himmelblauen Augen. Ich hielt sie im Arm, bis wir beide einschliefen.

Am nächsten Morgen (in meinem Traum, natürlich!) lag die Freundin, Hanna, nicht mehr neben mir. Ich hörte sie etwas weiter abseits schniefen und hörte, wie sie jemandem erzählte, was passiert war. *Dennis hätte sich an ihr vergriffen. Mir wurde schlecht bei dem Namen und ich trat verschlafen um die Ecke. Der Ort, wo wir waren, war ein ganz seltsamer. Es war einfach nur eine riesige Betonplatte. Sicher mehrere hundert Quadratmeter. Einige Platten waren weiter hoch versetzt, so dass man eine kleine Treppe mit zwei bis drei Stufen steigen musste. Wände waren lediglich ein paar Milchgläser, wobei am RAND der Betonplatten keine Wände waren. Um uns herum war der Himmel. Diese Betonplatten schwebten also irgendwo über den Wolken. Irre, aber im Traum war es selbstverständlich, als würde ich dort immer sein.
Als ich um die Ecke kam, lief Hanna wieder auf mich zu und umarmte mich. Dann erzählte sie mir, was Dennis mit ihr getan hatte. (Es war dasselbe, was er mir angetan hatte. Dennis war ein ehemaliger Jugendlicher aus einer Wohngruppe, 5 Jahre älter. Vor ca. 2 Jahren, nein, drei zog er mich in den Keller, steckte mir die Zunge in den Hals und weiteres. Ich muss es, denke ich, nicht weiter ausführen. Jeder kann sich denken, was passiert wäre, hätte in dem Moment nicht meine Mutter angerufen und ein Betreuer nach mir geschrien. So konnte ich mich in dem kurzen Moment, in dem Dennis verwirrt war, von ihm reißen und nach oben stolpern. Einige Tage später schaffte ich es, mich einem Betreuer anzuvertrauen. Daraus wurde dann voll der Aufwand! Sie setzten sich mit Dennis‘ Betreuern auseinander, die setzten sich mit Dennis auseinander und natürlich stritt er alles ab, so dass ich am Ende als Lügnerin dastand und mir keiner mehr glaubte. Einige Male versuchte ich mich durchzusetzen, bis ich keinen Bock mehr hatte, in Wut und Hass dachte: „Ach, glaubt doch, was ihr wollt“. Irgendwann schrie ich die Betreuer, als es wieder um das Thema ging, an und brüllte unter Tränen: „Wisst ihr was? JA, ich habe es mir ausgedacht, bloß um eure Aufmerksamkeit zu bekommen, weil ich es ja so nötig habe!“ Und rannte weg).

Jetzt hatte er auch Hanna angetan, was er mir angetan hatte und ich machte mir schreckliche Vorwürfe. Wäre ich bloß stark geblieben und hätte weiter und weiter um mein Recht und meine Wahrheit gekämpft und versucht die Betreuer zu überzeugen, dass ER log und nicht ich. Denn wie bei mir behauptete er jetzt bei Hanna auch, er wäre in sie verliebt gewesen und hätte gedacht, sie wolle es auch. Hätte, hätte, Fahrradkette. Gleichzeitig überkam mich große Wut, weil ich nicht verstand, warum ihr jeder glaubte. Warum tröstete man sie und schenkte ihren Worten ohne auch nur das kleinste Misstrauen Glauben? Mehrere Tage lang kümmerten sich alle um Hanna, legten sie in Watte und fassten sie mit Samthandschuhen an. Sie tat mir auch leid, keine Frage, aber immer mehr wuchs mir die Frage, warum man mir keinen Glauben schenken wollte? Warum… und während mir mehr und mehr Warums den Traum zerstörten, wachte ich auf.

 

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