Tag 4 || Teil 2 von 2

Sonntag, 07. August 2016

Den Traum hatte ich bis Mittag schon fast verdrängt und hätte ich ihn am Vormittag nicht aufgeschrieben, hätte ich ihn längst vergessen. Ich war erstaunlich früh wach – 8 Uhr ist für meine Verhältnisse an freien Tagen echt ein Wunder. Den Vormittag verbrachte ich damit, mein Buch weiterzulesen. Irgendwann schrieb ich dann meinen verrückten Traum auf. Mittags erntete meine Mutter wieder Gemüse im Garten. Karotten, Kohlrabi, Petersilie. Ich habe den Topf mit dem gepflückten Gemüse in die Küche getragen und dabei ist mir eine Minikarotte runtergefallen. Das Ding war lächerlich, aber irgendwie süß. Das Gemüse hat sie für die Suppe gebraucht, die sie gekocht hat, aber irgendwie hat mir das Gartengemüse nicht so gut geschmeckt wie das aus dem Supermarkt in Deutschland, dabei hatte ich genau das Gegenteil erwartet. Ich meinte betrübt zu Kora: „Ich glaube, das mit unserem Gemüsebeet wird wohl nichts.“ Allerdings denke ich trotzdem, dass mir Paprika und Tomaten aus dem eigenen Garten gut schmecken würden.

Gegen Abend hin wollte meine Oma unbedingt das Grab sehen, das für sie fertiggemacht wurde – ja, verdammt morbid! Nun ja, die Friedhöfe hier sind ja eh ganz anders als in Deutschland. Der Mann meiner Oma, also mein Opa, starb mit 50 Jahren. Da war meine Mutter selbst erst 14, deshalb hatte ich nie einen Opa. Der leibliche Vater von meinem Vater war depressiv; er sprang in Budapest von einem Hochhaus, weit, weit vor meiner Geburt. Der Stiefvater von meinem Vater war ein Arschloch. Er erhängte sich im Kuhstall. Ich habe mich ein Leben lang nach einem Opa gesehnt und bis heute frage ich mich, wie mein Opa mütterlicherseits wohl gewesen wäre. Die Mutter von meinem Vater starb vor zwei Jahren. Ich habe sie das letzte Mal gesehen, als ich selber noch in Windeln steckte – und einmal auf der Trauerzeremonie meiner Tante, 2008 (sie wurde ja eingeäschert). Ihre Urne steht hier in Ungarn im Dorf in unserem Haus. Meine Oma äußerte den Wunsch, dass sie mit ihr dann begraben werden möchte. Ich weiß nicht, warum, und der Gedanke erscheint mir nur allzu egoistisch, aber als sie das sagte, versetzte es mir einen heftigen Stich im Herzen. So habe ich das Gefühl, sie noch einmal gehen lassen zu müssen. Es ist eben doch etwas Anderes, zumal ich sowieso total gegen Beerdigungen bin. Nicht, dass ich es jemandem ausreden würde – niemals. Aber ich selbst finde diese Art einfach ziemlich unschön und unfriedlich. Wir alle wissen, dass meine Oma nicht mehr lange bei uns bleibt – das weiß meine Oma selbst. Es wäre feige und unehrlich, es nicht auszusprechen und nicht offen damit umzugehen. Meine Oma ist eine starke Frau. Sie hat nie wirklich Schwäche gezeigt. Ich meine, wenn ich mit ihr alleine bin, klagt sie schon ziemlich oft und sagt weinerlich: „Ach, Jessi… ach… ach… wenn das endlich alles bloß vorbei wäre…“ Aber ZEIGEN tut sie ihre Schwäche nicht. Ich denke, in ihr schlummert viel mehr Melancholie, großer Kummer, Schmerz, als man im ersten Moment meinen möge. Oft sitzt sie hier nur auf der Veranda und schaut vor sich hin, schwelgt in irgendwelchen Erinnerungen…

Heute war ich kurz im Haus, nahm das Bild von meiner Tante und setzte mich auf die kleine Couch. Ich weiß nicht, warum, aber ich bin einige Minuten vorher ohne tieferen Grund unglaublich sentimental geworden, also zog ich mich in dieses Haus zurück. Ich sah meiner Tante lange in die Augen. Besser gesagt, diesem leblosen Bild… Ich versuchte mich zu erinnern, wie ihre Augen lebendig aussahen. Aber dauernd, immer wieder, tauchte vor meinem inneren Auge nur ihr Gesicht im Krankenhaus auf. Im Endstadium. Wie besessen zwang ich mich, mich an sie als lebenslustige Person zu erinnern, und einige Erinnerungen kommen mir selbst heute noch, aber sie sind nicht so „echt“ wie die aus dem Krankenhaus. Ich will mich wieder an ihre Stimme erinnern und schon wieder bin ich verärgert, dass die Videokassette im Arsch ist, auf der ich mit ihr im Wohnzimmer mit einem Korken spiele, als ich vier oder fünf war. Ich hoffe, der Film ist noch irgendwie zu retten, damit ich wenigstens eine DVD daraus machen lassen kann…… Verdammt… Ich bekam so ein heftiges Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen, sie zu drücken, sie… zu umarmen. Ganz fest. Ich hätte sie am liebsten mit Leib und Seele aus diesem Scheißfoto gezogen und an mich gedrückt und plötzlich musste ich ganz heftig weinen. Ich drückte das Bild an mich, das machte mein Weinen aber nicht gerade besser. Im Gegenteil. Dieses Bild zu umarmen war sagenhaft trostlos und ließ mich mir dumm vorkommen. Dann hörte ich von draußen, dass meine Mutter auf dem Weg ins Haus war. Ich sprang vom Sessel auf, stellte das Bild wieder an die Urne und wischte mir hastig die Tränen aus dem Gesicht. Wie ironisch, dass meine Träne auf dem Bild an ihrer Wange herunterlief. So habe ich sie auch das letzte Mal gesehen. Als wir nämlich das Krankenhaus verließen, lief eine einzige dicke Träne ihre linke Wange herunter, nachdem wir uns alle mit einem Kuss und einem leisen „ich liebe dich“ von ihr verabschiedet hatten. Im Nachhinein denke ich, dass sie ganz genau wusste, dass wir uns nicht wiedersehen würden. Es ist mittlerweile 8 Jahre her und immer noch leide ich wie ein Hund, wenn ich daran… an sie… denke. Es tut weh und obwohl ich das ganze Jahr über diesen Schmerz gut verdrängen, vergessen, stopfen kann, es scheint nie zu vergehen, denn wenn ich dann jedes Jahr in Ungarn wieder vor ihrer Urne stehe, kommt der Schmerz genauso heftig zurück, als wäre ich in die Zeit zurückversetzt, als die Zeremonie für sie stattfand.

Als uns die Nachricht erreichte, das weiß ich noch genau… Ich muss es im Gefühl gehabt haben, denn das Telefon klingelte. Uns rufen viele Menschen an, das interessierte mich nie, aber an diesem Tag öffnete ich meine Zimmertür einen Spalt breit und lauschte meiner Mutter beim Telefonieren. Ich konnte es an ihrer Stimme hören. Und an dem ungläubigen Ton meines Vaters. Irgendjemand hatte ihr mitgeteilt, dass Elisabeth gestorben war. Oh fuck. Dieser Schock. Ich weiß nicht, ich kann nicht genau erklären, wie ich mich gefühlt habe. Als hätte man mir mein Herz im Bruchteil einer Sekunde in tausende Stücke zerrissen und als könnte ich von dem Schock nicht atmen. Ich weiß noch, wie ich irgendeinen erstickten Laut von mir gegeben habe und als ich meine Mutter zu mir rüberkommen hörte, knallte ich die Tür zu und stemmte mich dagegen. Ich wollte jetzt nicht, dass sie zu mir kam. Ich wollte sie nicht weinen sehen, das hätte es für mich noch unerträglicher gemacht und schon gar nicht wollte ich getröstet werden. Sie schaffte es irgendwie, die Tür aufzudrücken und ich versteckte mich hinter der Tür, wie ein kleines Kind. Dabei war ich das mit 11 Jahren, bei Gott, nicht mehr. Ich weiß, wie ich sie anschrie, dass sie mich alleine lassen sollte und mir die Ohren zugehalten und die Augen zugekniffen habe und mir die Tränen erbarmungslos über das Gesicht liefen und ich das Gefühl hatte, an ihnen zu ersticken… nein, zu ertrinken. Ich habe tagelang gelitten und war in einem seltsamen Zustand, den ich heute nicht mehr erklären könnte.
Nun, so viel dazu.

Jedenfalls waren wir dann heute am Grab meines Opas, das ein Bekannter von uns für wenig Geld erneuert hat, so, dass meine Oma dann auch dort begraben werden kann – mit der Urne meiner Tante. Ich kann erstaunlich sachlich darüber reden und schreiben, aber ich weiß genau, dass wenn der Tag gekommen ist… werde ich zerbrechen. Ich habe panische Angst davor. So sehr, dass ich fast das Ende der Welt damit verbinde. Ich frage mich immer wieder, wie ein Mensch den Tod eines geliebten Menschen verkraften kann… Ich, als Arschloch, das ich bin, denke einfach immer an das Leid anderer Menschen, die viel schlimmere Dinge erleben – was ist mit Eltern, die ihre Kinder verlieren? Eigentlich will ich gar nicht auf Beerdigungen. Ich hasse Beerdigungen. Abgrundtief. Und am liebsten würde ich mich einfach drücken. Am liebsten würde ich einfach nicht erscheinen, aber ich habe Angst, es im Nachhinein zu bereuen. Zehn Jahre später, dreißig Jahre später…………
Meine Oma setzte sich auf ein fremdes Grab, das so alt war, dass es schon eingefallen war. Sie konnte nicht stehen. Es hat sie ja schon alle Anstrengung gekostet, die 5 Meter bis zu ihrem… (Scheiße, wie sich das anhört!) Grab zu gehen.

Nachdem wir wieder zurück in unserem Garten waren (der Friedhof ist ja quasi um die Ecke – 2 Minuten mit dem Fahrrad, aber wir fuhren wegen meiner Oma mit dem Auto), spazierten wir mit Balou noch vor zur Eisdiele und nahmen für meine Mutter und meine Oma auch zwei Kugeln Punsch-Eis mit. Nein, nicht dieser Weihnachtspunsch… leider kann ich den Geschmack nicht beschreiben und das ärgert mich ungemein, dass ich bisher keinen vergleichbaren Geschmack in Deutschland gefunden habe. Kora ist hin und weg von Punsch. Auch ich liebe Punsch! Auch sonst scheint sich kein einziger von meinen deutschen Freunden und Bekannten etwas unter dem Geschmack „Punsch“ vorstellen zu können……. Balou war natürlich fleißig dabei uns wegen des Eises anzuschmachten. Er ließ es ja kaum aus den Augen. Kora ist momentan ein bisschen verärgert, weil er von meinen Eltern, und auch sonst jedem hier im Dorf, irgendwas zu Naschen kriegt und schon ein wenig zugelegt hat. Für einen Labbi ist er noch schlank, aber WIR sehen, dass er ein paar Fettpölsterchen hat. Trotzdem habe ich ihm meine Restwaffel gegeben… Etwas später, als das Eis verdaut war, liehen wir uns von Bela ein zweites Rad, damit Kora und ich am Damm fahren konnten. Wir waren eine Stunde unterwegs, an drei Dörfern sind wir vorbeigefahren…

Nun ja… aber um nicht nur über Tod und Trübsinn zu schreiben… ich habe heute mit Balou einige Tricks geübt – wenn wir schon Mal genug Zeit dafür haben. Dreh dich und „Peng“ (dabei wirft er sich dann auf den Rücken und streckt die Beinchen in die Höhe). Eigentlich soll er sich bei „Peng“ totstellen, aber dieses auf dem Rücken Herumgezappele ist auch süß! Ach ja! Als wir vom Friedhof zurück kamen, hat er sich irre gefreut. Er mag es nicht so gerne, alleine unter Männern zu sein…. Mein Vater war also kein sonderlicher Trost für ihn, während wir Frauen weg waren…

 

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