Tag 7

Tag 7, Mittwoch, 10. August 2016

Meine Oma ist wie ein Kind. Wirklich. Meine Mutter und mein Vater sind heute Vormittag in die Stadt gefahren. Währenddessen wollte meine Oma anfangen, die Sauerkirschen zu entkernen, mit denen sie heute Marmelade machen wollten. Nachdem ich meinen Kaffee neben ihr auf der Veranda getrunken und meinen Frühstücksjoghurt gegessen habe, bat sie mich, ihr in die Küche zu helfen. Sie braucht Hilfe, weil da eine ziemlich hohe und breite Schwelle ist und sie hat nicht die Kraft, ihren Rollator selber drüber zu heben. Also half ich ihr in die Küche, die heute ziemlich unordentlich war… Das Bild ist aus der Perspektive von der Bank, wo meine Oma saß. Die braune Tür rechts führt zur Veranda. Damals war unsere Küche… nun ja, „damals“ (da war ich noch nicht mal geplant) damals war die Küche ein Kuhstall…

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Meine Mutter hatte die Kirschen schon in einer überdimensional großen Schüssel (ARGH, ich verfluche, dass mein Handy-Akku leer war!!! Keine Fotos…) hergerichtet. Die Kirschen hat meine Tante, als sie vor 5 Wochen hier im Urlaub war, für uns von unserem kleinen Kirschbaum gepflückt und im Gefrierfach für uns verstaut. Ich fragte meine Oma, ob sie sich an den Tisch setzen wolle und dann meinte sie: „Nein. Ich will jetzt abspülen.“
„Einen Schmarrn wirst du! Du setzt dich hin und ich richte die Kirschen her, damit wir sie entkernen können.“
„Nein. Ich muss abspülen.“
„Oma“, sagte ich tadelnd, „Du setzt dich jetzt hin!“
Sie stöhnte genervt, machte eine wegwischende Handbewegung, als sei ich eine lästige Fliege, die sie loshaben will. Ich musste schmunzeln, das sah sie aber nicht. Schließlich setzte sie sich doch wider Willen auf die Bank an den Tisch. Ich half ihr, den Tisch frei zu räumen, dann meinte sie, sie bräuchte „so einen großen Topf“
„Einen großen Topf?“
„Hmh“, sie nickte und sah sich hilflos um, „Irgendwo muss ein großer Topf sein.“ Sie machte Anstalten, aufzustehen und ich hielt sie an der Schulter zurück. Sie übernimmt sich wirklich oft! Im Urlaub hier ist sie schon 3 Mal umgefallen (deswegen auf den Fotos auch dieser große schwarze Fleck auf ihrer Stirn und am Arm). Zuhause in Deutschland passiert ihr das auch unzählige Male und ich will nicht, dass das passiert, wenn ich dann auch noch alleine mit ihr bin. Also sagte ich ihr, dass ich ihn schon suche und öffnete die Schranktür, wo die Töpfe sind.
„Hier?“, fragte ich.
„Nein…“ Sie seufzte unzufrieden und schüttelte immer wieder den Kopf, „Ach… nein, nein, nein… egal. Egal. Judith sucht es dann, wenn sie wiederkommt.“
„Ach Oma! Ich kann es doch auch suchen.“
„Nein, egal. Egal. Ich will wieder raus. Dann mach ich das später mit Judith.“
Ufz. Es hilft nichts, gegen ihren Willen zu reden, also half ich ihr wieder nach draußen. Das ist so typisch für sie. Neuerdings lässt sie sich von mir und anderen nicht helfen. Immer muss meine Mutter kommen und alles machen. Wie bei kleinen Kindern eben „Nein, Mama macht das dann…“

Gegen 13 Uhr kamen meine Eltern dann aus der Stadt. Ich half ihnen, den Wagen auszuräumen und erklärte meiner Mutter resigniert, wieso die Kirschen noch nicht fertig waren… Sie verdrehte bloß die Augen und meinte, sie verlege das auf später, sie müsse sich jetzt erst ausruhen. Ha-ha. Das war ja wohl der Witz des Jahrhunderts. Ich glaube, meine Mutter weiß nicht einmal, wie man Ruhe schreibt. Sie ist nur am herumrennen. Sie findet IMMER irgendeine Arbeit, auch wenn es keine gibt und ich habe sogar das Gefühl, dass sie sich hier seltener auf ihre verdammten 4 Buchstaben setzt und mal durchschnauft, als zu Hause in Deutschland…

In der Zwischenzeit kamen Kora und ich auf die Idee, weil uns wirklich langweilig wurde und ziemlich gutes Wetter war, dass wir ja noch einmal an den See könnten. Wir packten zwei Handtücher, Balou, setzten uns ins Auto und düsten ins nächste Dorf an den See. Balou hatte mal wieder einen Heidenspaß. Im Wasser habe ich dann eine Hummel gefunden und dachte erst, sie sei tot… bis ich sah, dass sie noch ihre kleinen Füßchen bewegte. Ich angelte sie aus dem Wasser und legte sie auf einen Stein in die Sonne. Gott sei Dank konnte sie sich noch bewegen. Ich hoffe, sie konnte sich noch irgendwie erholen.  Leider ist das Bild irgendwie schlecht geworden, weil die Hummel nicht scharfgestellt wurde… aber na ja.

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Kora hat die Augen verdreht. Sie findet oft, ich übertreibe es mit meiner Tierliebe… das höre ich leider von mehreren Leuten. Meinen Vater habe ich mal halb in den Wahnsinn getrieben, weil ich, als ich noch zu Hause gewohnt habe, eine Spinne im Waschbecken gefunden habe und wie am Spieß schrie. Ich ekele mich vor Spinnen und Ameisen!!! Brrr!!! Mein Vater meinte, er entsorge sie und kam mit dem Staubsauger!!!! Ich schrie ihn an, dass er nicht alle Tassen im Schrank hätte, weil er ihr das doch nicht antun könne. Dann schlug er vor, er spült sie einfach weg. Ich kriege bei so etwas die Krise! Ich hab ja sogar ein schlechtes Gewissen, wenn ich ne Mücke erschlage, verdammt!!! Ich weiß noch, als ich in mein erstes Apartment zog… es war im Erdgeschoss und eine Ameisenkolonie hatte es in die Wohnung geschafft. Die eine Ecke der Wand war PECHschwarz und ich realisierte erst gar nicht, was das war! Bis ich das Krabbeln bemerkte und dachte, ich falle in Ohnmacht! In Panik habe ich nach einem Desinfektionsspray, und als das leer war, nach einem Deo gegriffen und alle tausende Ameisen totgesprüht. Als der Schock verebbt war, kniete ich heulend vor der Wand mit den toten Ameisen und hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen.

Nachdem ich die Hummel also, so gut es ging eben, gerettet hatte, sprang ich wieder ins Wasser und warf Balou einen kleinen Stecken. Er sprang euphorisch hinterher, aber irgendwie schwamm er immer weiter ins Wasser herein… dann verschluckte er sich… Halb in Panik riefen wir nach ihm, feuerten ihn an, wieder zu uns ans Ufer zu kommen, aber er sank immer tiefer ins Wasser. Das Problem ist, dass der Boden total unberechenbar ist. Ca. drei Meter vom Ufer entfernt kann ich stehen – einen Schritt weiter und ich trete in Leere. Da hat es mich das letzte Mal richtig unter das Wasser gerissen, weil ich nicht damit gerechnet habe. Balou wiegt nun einmal leider knapp 33 Kilo, weshalb wir ihn beide nicht, ohne dass wir selber Boden unter den Füßen haben, richtig heben könnten. Trotzdem schwamm ich ihm dann entgegen, als ich merkte, dass ihm immer mehr die Luft ausging und er kaum noch den Kopf über Wasser halten konnte. Ich versuchte ihn an der Brust ein wenig zu heben, aber dabei ging ich selber unter. Gott sei Dank schaffte er es dann doch noch so weit, dass ich auch Boden unter den Füßen hatte und ihm den letzten Rest helfen konnte. Er hustete furchtbar… zwei Sekunden später sprang er schon wieder übermutig ins Wasser und alles war wieder Friede-Freude-Eierkuchen. So glücklich habe ihn, glaube ich, noch nie gesehen!

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