Tag 8

Tag 8, Donnerstag, 11. August 2016

Heute war der Tag ungeheuer belanglos. Es war ein regnerischer Tag und da unser Wohnzimmer ja im Garten ist, saßen wir in der Küche und froren. Es war nicht wirklich kalt, aber ich Genie habe nicht mit regnerischen Tagen in Ungarn gerechnet und deshalb nur einen einzigen Pulli mitgenommen, der mich nur ziemlich lieblos wärmte. Meine Mutter und ich machten abwechselnd den Ofen warm und öffneten ihn, um in der kleinen Küche ein wenig einzuheizen. Heizungen oder einen Kamin gibt es hier nicht. Den Vormittag verbrachte ich mit Lesen und mittlerweile habe ich bald das Buch fertig. 650 Seiten in 4 Tagen – eine sehr interessante Geschichte. Dennoch viel weniger interessant wie die Geschichten all der Menschen um mich herum. Am Abend machte mein Vater wieder ein wenig Feuer, weil es recht kühl war und wir nicht drinnen hocken wollten. Er erzählte uns am Feuer dann etwas über seine Väter und eine Sache, die ihm bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Um 20 Uhr lud Béla Kora und mich zum Abendessen ein. Wir gingen rüber und aßen bei ihnen zu Abend. Er fand gar keine Ruhe, uns Essen zuzuschieben und immer mehr anzubieten. Ich platzte so schon aus allen Nähten.

Danach packte Rita einige kleine Fotoalben aus und gab sie mir. Hochzeitsfotos von ihr und Béla. Ich wollte von ihnen wissen, wie sie sich kennengelernt hatten. Mit 16 Jahren auf dem Collage. Mit 20 Jahren heirateten sie. Ich schwelgte in Erinnerungen. Sah die Fotos weiter durch. Unser alter Garten, „alte“ Menschen, bekannte Gesichter… meine Tante. So viele Menschen, die mittlerweile tot sind. Immer wieder frage ich mich: Wie geht das Leben weiter? Und um wie viel Grad ändert sich das Leben der Angehörigen? Verdüstert sich die Stimmung in diesem Dorf zunehmend, oder kommt es mir nur so vor? Als Kind war das hier mein Paradies. Es war die Vollkommenheit, die ich mir Woche um Woche, Tag für Tag ausmalte, auf die ich hin fieberte, die ich kaum erwarten konnte, wiederzusehen. Jedes Jahr ein paar neue Wochen in diesem Dorf zu verbringen, in dem für mich… mehr Erinnerungen hängen als in Deutschland, obwohl ich den Großteil meines Lebens dort verbracht habe. Hier waren für mich die Menschen symbolische, kleine, feurige Herzen, die mich anlächelten, umarmten, erwarteten, jedes Jahr. Jedes Jahr waren hier Kata, Thomas, Evi und Jan Menschen, die auf verstrickte Wege selbst mit mir noch blutsverwandt waren und sind und mit denen mich mehr verband, als einfach nur die Familie. Dieses Dorf hier war für mich immer ein Zufluchtsort. Ich erinnere mich bis heute an mein Fernweh, wenn wir wieder abreisten. Es gab keine Abreise, bei der ich nicht Tag für Tag und Nacht für Nacht Tränen vergoss. Es wollte nicht aufhören, dieser Schmerz, von etwas getrennt zu werden, was man so sehr liebt. Und ich liebte dieses Dorf. Ich liebte es und liebe es heute noch, aber heute betrachte ich es mit anderen Augen. Ich denke, wir leben unser Leben lang in einer Illusion, was jedoch nichts Verwerfliches ist. Vielleicht können wir nicht anders, vielleicht ist es das, was uns stark macht, was uns Hoffnung gibt, was uns Freude macht. Meine Illusion war die Perfektion dieses Dorfes, die Vollkommenheit. Dass die Sterne näher schienen, dass der Mond heller und tröstender auf mich herabblickte, dass die Wiesen satter, die Häuser ruhiger, die Menschen herzlicher waren, dass sie keine dunkle Seite haben, dass sie keine Schatten in ihren Seelen tragen, dass hier jeder glücklich war, jeder jeden als Freund oder als Familie begrüßte, dass jeder willkommen war, dass ich nur hier geborgen und glücklich und leicht sein konnte. Illusion. Eine so schauspielerische, weiche, kindliche, schöne Illusion, die mir noch heute gefällt und an der ich auch versuche, mich an einigen dieser Sachen noch festzuhalten. Fakt ist aber, dass hier die Sterne nicht näher sind und auch der Mond nicht tröstender auf mich herabblickt, dass die Wiesen nicht satter, die Häuser nicht ruhiger sind, dass ich nur hier geborgen und glücklich und leicht sein kann. Dafür bin ich mittlerweile, ohne alt zu sein, zu alt aber, um diese Illusion festzuhalten, egal, wie tröstend sie immer gewesen sein mochte. Ich blicke klarer in die Gegenwart, reflektiere gnadenloser die Vergangenheit und stelle weniger Erwartungen an die Zukunft.  Ich lebe in den Tag hinein, ohne die Augen zu verschließen und die Ohren zuzuhalten. Ich sehe die Wahrheit dieses Dorfes. Dass nämlich hier fast mehr Schatten in den Seelen der Menschen hängen, als in Deutschland. Es ist eine andere Art von Schatten, aber durchaus ein Schatten, der mir mitteilt, dass auch hier nichts vollkommen und perfekt ist. Es ist lediglich eine andere Kultur, eine andere Weltanschauung, ein anderes, völlig anderes Leben. Die Menschen leben hier leichter und ich fühle mich hier leichter. Ein Teil der Illusion, den ich nicht aufgeben muss. Ich weiß und ich fühle, dass mich hier viel Liebe umgibt, aber ich denke auch, dass viel von dieser Liebe auch von mir aus kommt. Es sind hier viele Menschen gestorben, zu viele, um irgendeine Farce aufrecht zu erhalten, um die die einzelnen Familien, Freundesgrüppchen und Bekanntschaften oft und lange zu kämpfen versuchten. Die Traurigkeit und Resignation, die Tatsache, dass sich hier sehr viel verändert hat, hängt als bleierne Leere irgendwo in der stillen Luft, die zwischen den Menschen und den Straßen und den Häusern schwebt. Egal wie unausgesprochen diese Traurigkeit, Resignation, Veränderung und die Verluste auch sein mögen, die Leere ist spürbar. Es ist stiller geworden. Wenn nicht sogar, vergleichsweise, sehr ruhig. Und die Menschen versuchen dieses Vakuum mit leidlosen Alltäglichkeiten zu füllen, mit fast lächerlichen Kleinigkeiten.

Ich habe Ungarn anders in Erinnerungen. Das ist mir schon vor zwei Jahren aufgefallen. Ich habe es als die dunklen Abende mit 20 Köpfen in unserem Garten am Feuer in Erinnerung. Mit Musik im Hintergrund, der Glut, die wie hüpfende Sterne aus dem Feuer am Boden in die Luft springen und sich als grauweiße Asche wieder senken. Ich habe es als die ausgelassene, feierliche Stimmung in Erinnerung, in der noch jeder mit jedem über alles lachen und scherzen konnte. Ich habe es in Erinnerung als die siedend warmen Tage, an denen wir Kinder am reißenden Fluss am Ufer mit den Steinen spielten, uns ärgerten und in die Gräben mit den Brenneseln schubste oder Wettsprünge über sie machten, an das Versteckspiel im Garten, in dem uns jeder einzelne Winkel bekannt war. Als wir am frühen, warmen Abend auf der Straße unter den gelben Straßenlichtern zu dritt auf dem Skateboard saßen und uns vorwärts rollten, bis wir aus dem Gleichgewicht kamen und seitwärts kippten. Ich erinnere mich an das Lachen, an die Tänze im Garten, an die gemeinsamen Besuche bei anderen Familien und an die traumreichen, heimeligen Nächte im Wohnwagen, in denen ich nachts von dem lauten Zirpen der Grillen eingeschlafen war, und morgens von dem aufregenden Krähen des Hahnes aufgeweckt wurde. An jene Momente, in denen ich Tag für Tag die Augen aufschlug, mich in dem weichen Bett im Wohnwagen wiederfand und mich das warme Glücksgefühl überfiel, das mich vom Haaransatz bis in die Fußspitzen wachkitzelte und mich fröhlich in den Tag schubste.
Und ich werde es immer so in Erinnerungen haben. Egal wie oft ich mit der Erkenntnis die Wochen hier verbringe, dass sich alles verändert hat und auch mit dieser Erkenntnis wieder abreise: Ich werde mich immer wieder, jahrelang – und das prophezeie ich mir erbarmungslos – mit dieser Erinnerung der Illusion auf den nächsten Urlaub in Ungarn freuen.

Mit diesen Worten habe ich entschieden, dass es eigentlich zu meinem Urlaub nichts mehr zu sagen gibt. Ich werde den 9. Tag damit verbringen, mich von den Menschen und dem Dorf und dem Gefühl hier zu verabschieden, zu packen und vielleicht noch die wenigen stillen Momente zu genießen, die von den alltäglichen Kleinigkeiten gefüllte Leere. Und hier sind wir wieder angelangt: Ein von Illusion gefülltes Vakuum…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s