;das weiße Loch in meinem Horizont;

Wir Menschen, wir sind seltsam. Die Einen, die flüchten aus einem Ort zu einem Menschen, die Anderen, die flüchten von einem Menschen zu unentdeckten Orten. Die, die auf die ewige Liebe bauen, die, die auf das ewige Abenteuer bauen, die, die auf die ewige Freiheit bauen.

Die Einen sehnen sich nach dem Gefühl des Fliegens, die Arme auszubreiten und in eine unendliche Weite zu springen. Eine Selbstfindung starten. Dafür wollen die einen Seelen eine Weltreise starten, die anderen glauben, ihr inneres Ankommen bei einer anderen, fremden Seele zu finden. Die einen schöpfen aus der Liebe Kraft, die eigentlich mehr Schein als Sein ist – aber ist das verwerflich? Nein, ich denke nicht.

Nach was sehnen wir uns eigentlich? Wir sind unzufrieden. Wenn wir das erreicht haben, was wir erreicht haben wollen, dann sehnen wir uns wieder nach etwas Neuem. Ein ganzes Paradies kann sich plötzlich wieder anfühlen wie ein Schuhkarton.

Was bilden wir uns ein?

Das uns erfüllte Träume glücklich machen?

Wenn wir in unserem Paradies angekommen sind, in dem, in dem wir immer sein wollten, dann suchen wir nach dieser Schlange, die in ihr wohnt und uns in ihre Heimtücke lockt.

Eine innere Ruhe gibt es nicht. Es gibt kein Ankommen, in einem Leben. Das Leben selbst ist der Fluss, das, was in uns drinnen ist, das sind die Wellen. Keiner von uns schwimmt mit dem Strom – nur tote Fische schwimmen mit ihm – wir sind alle gegen alles, was in uns tobt, obwohl es manchmal genau das ist, was uns lebendig macht.

Wir leben ein inneres Drama, kämpfen gegen uns selbst, wir erfüllen uns Sehnsucht, wir lassen Träume wahr werden. Die nächsten entstehen in dem Moment, in dem die vorherigen erfüllt werden. Es ist eine Kettenreaktion, die aus vielen kleinen Idealen besteht, denen wir nachstreben und die wir uns auch zu erfüllen  schaffen – aber die uns nie erfüllen können.

Wir sind unersättlich, weil alles Input, was wir geschenkt bekommen – und es ist eine Sache des Respekts, es als Geschenk zu sehen -, wird niemals einfach aufhören. Wir sind ja dankbar für unser Leben. Sind wir doch! Denn nichts von dem, was uns passiert, nicht ein einziges Leben sollten wir als selbstverständlich erachten.

Warum können wir das Lächeln einer alten Dame nicht festhalten, und es temporär so im Kopf abspeichern, dass wir es am Abend wieder hervor holen, und uns erneut darüber freuen können? Oder nehmen wir so etwas gar nicht mehr wahr?

Manchmal, wenn ich vor dem Spiegel stehe (meistens in verzweifeltem Selbsthass, in Phasen, in denen meine Essstörung mal wieder Oberhand hat), meinen Körper betrachte und das Loch in meinem Bauch anstarre, als könnten plötzlich Schmetterlinge aus ihm heraus fliegen und meine vier Wände lebendiger machen, dann muss ich an die Faszination von diesem komischen, fehlgebildeten Ding denken. Der Bauchnabel, wisst ihr?

Und dann danke ich im Stillen meinen Eltern, dass sie mir dieses Leben geschenkt haben, obwohl ich ein kaputtes Verhältnis zu ihnen habe, obwohl mir das Leben viel zu oft die Faust ins Gesicht katapultiert hat und obwohl sie nicht wussten, wer ich sein werde oder wer ich bin.

Deshalb gefällt mir die Vorstellung so sehr, dass die Menschen einfach nur kleine, blaue Gaskugeln sind, die beim Aufeinandertreffen ein melodisches „kliiirrr“ von sich geben, wie Glasperlen. Sie haben keine Gestalt, es sind nur sie. Es sind sie, als kleine, blaue Gaskugeln, die irgendeiner leeren Materie bei einem Zusammenstoß eine Füllung schenken. Kein Vanillepudding mit Pfirsichfüllung. Sondern ich meine … eine Füllung aus Gefühlen. Eine leere Materie, die nur zu einem Etwas wird, weil es uns Gaskugeln gibt.

Wir lechzen ein Leben lang nach etwas, was uns eigentlich eingeboren wurde. Das, was wir suchen, das sind wir. Und wir finden uns eigentlich jeden Tag. Ich schwöre, ja, ich lege meine Hand dafür ins Feuer – einmal an einem Tag, da stoßen wir mit uns selbst zusammen. Das sind dann diese Momente, in denen man dieses Bibbern im Körper spürt, das Zittern im Herz, das Flaue Gefühl im Magen, die Hitze im Bauch, diesen Schwamm im Inneren, der in einer Sekunde vollkommen austrocknet und plötzlich überschwemmt wird mit irgendwelchen Emotionen und zu einem Dreifachen wieder heranwächst. Das ist der Moment, in dem wir uns finden. Jeden Tag. Wir erleben jeden Tag ein Gefühl, das uns für eine Sekunde aus der Bahn wirft, ohne zu wissen, weshalb.

Oder geht das nur mir so? Bin nur ich verrückt und kommuniziere mit inneren Wesen in mir, die mir das Leuchten schenken, mit denen ich das Leben lieben kann? Diese Wesen, meine ich, die mir zeigen, warum das Leben trotz allem (oder gerade deshalb?!) so schön ist.(?)

Ich bin verwirrt. Ich bin Meisterin, der Verwirrung. Ich bin Meisterin darin, mich selbst zu verwirren.

Advertisements

RL Projektidee {Brief des Lebens}

Ich hatte eine Idee. Ich weiß nicht, was mich dazu inspiriert hat und ich weiß noch nicht genau, wie und ob sie funktionieren soll, sie ist ja nicht einmal richtig ausgereift.
Eigentlich geht es in meiner Idee einfach nur um Menschen und ihre Geschichten. Ich habe einen Brief geschrieben, dieser Brief erklärt die Theorie von Menschen, die eigentlich leuchtende Gaskugeln in der Dunkelheit sind – wobei die Dunkelheit nicht gleich schwarz ist, denn die Nacht ist auch dunkel, ohne schwarz zu sein.

Dieser Brief, der wird irgendwo auftauchen – ja, ich gebe zu, ich werde ihn irgendwo ablegen. Im Zug, im Bus, im Supermarkt, im Kino, in einer Arztpraxis. Was weiß ich.

In diesem Brief werde ich die Menschen dazu auffordern, eine Geschichte zu erzählen, sie mit dem ursprünglichen Brief zurück in den Umschlag zu legen und wieder an einem öffentlichen Platz abzulegen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Geschichte wahr oder erfunden ist.

Ich habe eine E-Mail Adresse, die komplett auf Anonymität ausgelegt ist und ich selten benutze – häufig nur, um mich auf Seiten wie hier anzumelden. Deshalb habe ich der Frau im Zug auch versehentlich die falsche gegeben, weil ich sie so selten benutze, dass mir de Punkt entfiel.

Diese E-Mail Adresse stelle ich den Leuten, die den Brief finden, zur Verfügung, damit sie, wenn sie möchten, mir schreiben können. Und natürlich wäre ich froh, wenn ich weiß, welchen Weg meine Idee und dieser Brief einschlägt…

Ich werde aber vorher viele Kopien machen müssen, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht ganz so viele Leute bei dieser Idee mitziehen. Ich habe auch nicht den leisesten Schimmer, was das bringen soll, aber ich finde es spannend und ich muss mal aus diesem öden Alltag heraus!

So ein kleines „Brief des Lebens“-Projekt, ist ganz interessant… auch wenn sie vermutlich nicht den leisesten Sinn hat.

:Die Frau im Zug:

Ich stieg am Freitag um 23:07 Uhr in den Zug Richtung Ulm. Im Zug fing ich an zu schreiben.

Ich nahm meinen Block und schrieb namenlose Texte. Ein Tamtam aus vielem verworrenen Zeug.

Den Tod, den ich in der Nähe meiner Oma spüre. Als würde er im Zimmer in einer Ecke lauern und sich ins Fäustchen lachen, weil er es weiß, weil er es besser weiß, wann es vorbei ist und er unsere Angst der Ungewissheit sieht.

Darüber. Und darüber, dass ich mit dem viertel Leben, das ich erst gelebt habe, noch nicht über den Tod nachdenken sollte. Doch nicht in meinem Alter.

Aber der Tod ist uns eigentlich so unglaublich nah.. dass ich aber glücklich bin. Dass ich die Menschen als blaue Gaskugeln sehe, sie in der Dunkelheit umeinander schwirren und manchmal aneinander stoßen und dann macht es ein hübsches „klirrrr“, wie Glasperlen. Klirr.

Und dann sah ich diese Frau. Ich dachte, mir rutscht das Herz in die Hose.

Seit 2013 schreibe ich an einer Geschichte, in der eine Frau vorkommt, „Gwen“. Diese Frau hat eine große und wichtige Rolle in meiner Geschichte und ich habe angefangen sie so sehr ins Herz zu schließen, dass ich sie mittlerweile oft schon richtig vermisse.

Ich habe seit einem Jahr ne Schreibblockade bei der Story.

Gestern… sitzt genau diese Frau plötzlich neben mir! Sie sah genauso aus wie Gwen in meinem Kopf. Ihre Ausstrahlung, ihre Bewegung. Sie sieht umwerfend aus!

Das absolut Irre: in „Seelenfresser“ taucht Gwen auch das erste Mal im Zug auf!

Ich konnte sie nicht gehen lassen. Das war eine.. naja… Fügung?! Klar..

Ich war aufgeregt, als ich darüber nachdachte… aber ich kritzelte auf meinen geschriebenen Zettel meine E-Mail Adresse. Ich beugte mich zu ihr vor und fragte: „Entschuldigung… lesen Sie gerne?…“
Sie, mit einem absolut herzlichen, wunderschönen Gwenlächeln und einer atemberaubenden Stimme: „Ja!“
Ich: “ Darf ich Ihnen das hier geben?“
Sie: „Sehr gerne… darf ich das mitnehmen und lesen?“
Ich nickte.
Sie musste aussteigen.

Und dann fiel mir auf, dass ich in meiner E Mail Adresse einen Punkt vergessen habe.

Soll ein Punkt die Schuld tragen, dass ich sie für immer aus den Augen verliere?!!

Man sieht sich doch immer 2 x im Leben. Oder nicht?

Ich muss sie wiedersehen. Wenn es das Schicksal wirklich gibt, wenn es wirklich existiert… dann bete ich zum Universum.. bitte…. lass uns wieder über den Weg laufen…………….. ich kriege sie nicht mehr aus dem Kopf. Und das Schicksal ist gerade das Einzige, worauf ich bauen kann……

Oma ist schwarz, Oma,Oma …

Oma.. Oma. Herz brennt. Brennt in Flammen. Sie ist wieder gestürzt. Gesicht ist schwarz. Ein einziger blauer Fleck. Oma ist schwarz, Oma, Oma… ist mehr tot als lebendig.

Angst. Sie schwappt wie die Wellen der Flut über mich. Oma.. ich liebe dich… bitte… bitte… verlass uns nicht… ich sehe deine Finger die andere Seite berühren. Die Seidenfinger in deinem Nebelkopf, so weit entfernt von Realität, so nah bei uns, weil du uns liebst.

 

Ich sage etwas, von dem ich nicht weiß, ob ich es sagen will.. nein, sagen könnte ich es nie. Und weil mein Herz wie empathiegetränkt ist… nur deshalb.. deshalb kann ich es stumm denken.

 

Stumm denken, und das erste Mal stumm schreiben: ich weiß du wartest auf ihn. Den schwarzen Mann. Den, mit der Kapuze. Der, der den Neumond als Sense an einem Stock trägt.

Der, der sagt, du sollst ihm folgen, um ein friedlicheres, schmerzfreies Örtchen zu finden…

 

Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Das weißt du, Oma, Oma. Oma ist schwarz…

Der Gedanke, dass du gehen musst, bald… zieht mich in ein inneres dunkles Loch, hält mich fest, hält mich taub, macht mich krank vor Seelenleid und Seelenangst… aber.. aber, aber.

 

Aber ich weiß, wenn du gehen musst, musst du gehen. Ich will nicht, dass du bleibst, weil WIR es wollen. Ich will nicht, dass du bleibst, wenn der Preis dafür deine endlosen körperlichen und sicherlich auch weniger sichtbaren seelischen Qualen, Schmerzen sind.

 

Ich lasse dich los, wenn es muss, wenn du musst, ich lasse dich los, weil ich dich liebe, auch wenn ich daran zerbreche. Ich lasse dich los, und du sollst wissen, ich bin dir nicht böse, wenn du gehst. Ich werde dich für immer lieben. Auch, wenn du nicht mehr bei uns bist. Irgendwann.

 

Ich liebe dich.

Ich zerbreche….

Ich schau dich an

..weine.

 

Tim

Wir saßen vor dem Rathaus auf der Bank, um auszunüchtern. Wenigstens ein wenig. Ich war sehr, sehr nah an meinem Limit und ich hasse es, so betrunken zu sein, dass ich die Kontrolle über mich verliere.

Ein Auto hielt, ein Typ stieg aus dem Auto. Er hatte einen Anzug an, lockige, braune Haare und braune Augen. Er sah eigentlich nicht schlecht aus und aus irgendeinem Impuls heraus rief ich: „Hey! Weißt du, ob es hier irgendwo gutaussehende Lesben gibt?“ Ich rede viel, wenn ich betrunken bin und dann meistens mit einem Non-Filter-System. Das heißt, es sickert einfach durch und purzelt aus meinem Mund.

Er wollte ins Schlabber four, eine Party, die an diesem Tag eröffnet hatte. Melly und ich machten uns schon den ganzen Abend über diesen Namen lustig. Während unseres Gespräches mit ihm stellten wir heraus, dass er diesen Namen kaum hören konnte, ohne sich darüber aufzuregen. Aber zurück zum Anfang.

Er machte: „Öh…“, während er sich eine Zigarette anzündete, „Okay…“, und setzte sich neben uns auf die Bank. „Ne, eigentlich nicht.“
„Hm“, machte ich, „Hier wimmelt es von Lesben, aber die haben irgendwie alle kein Niveau.“
Er lachte. Ich war peinlich. Melly schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
„Sorry“, brummte ich, „Ich bin sehr offenherzig, wenn ich betrunken bin.“
-„Du bist immer offenherzig, Mii“, korrigierte Melly lachend, „Sie umarmt fremde Menschen auf der Straße.“
„Okay“, machte er wieder und lachte erneut. Er zündete seine Zigarette an, wir kamen ins Gespräch.
„Von wo kommst du?“, fragte Melly.
-„Von einer Hochzeit. Und ihr?“
Sie: „Aus dem Falkenhaus. Wir waren trinken.“
Er: „Mhm. Aus dem Falkenhaus.“
Ich: „Und was machst du hier?“
Er: „Ich warte auf einen Freund. Er war auch auf einer Hochzeit, aber er ist, glaube ich, schon total hacke.“
Ich: „So wie du?“
Er lachte.
Wir redeten über seinen Job und darüber, dass er das Falkenhaus nicht mochte.
Er: „Wie heißt ihr überhaupt?“
„Melly“
„Mii“
Er: „Achso! Kann ich mir eh nicht merken….“
Wir lachten. Er lachte.
Melly: „Und wie heißt du?“
Er: „Tim.“
Kurzes Schweigen. Ja, der Name passte einfach nicht zu seinem Optischen.
Ich: „Wow. Ich dachte, jetzt kommt so etwas wie Phillipp Zacharias van da Heefen oder so. Tim…“
Er wollte sich gerade erklären.
Ich: „Aber ich mag die Buchstaben T und I.“
Er: „Echt?? Wow, warte mal! Warte mal!!!“, er stellte sein Bier ab, er war auch betrunken, wandte sich mir mit glitzernden Augen zu, „Okay, warte… kennst du das, wenn es Nacht ist, im Winter? Wenn der Schnee vor den Straßenlichtern im orangenen Licht nieder fallen?“
Ich: „Ja! Ja, ja, ja!“ Ich fiel vom Glauben ab. Natürlich kannte ich das! Ich kannte es und kenne es, weil ich es liebe weil es eines der schönsten kleinen Momente auf dieser Welt ist! Ich dachte immer, ich sei die Einzige, der solche Dinge auffielen und hielt mich für verrückt, dass ich minutenlang im Winter bei Schneefall in der Nacht vor einer Straßenlaterne stehe und den Zauber beobachte, der im Licht der Laternen entsteht.
„Oder Lagerfeuer! Wenn die Glut springt! Sie ist so unberechenbar! Man weiß nie, was passiert. Weißt du, was ich meine? Magst du das auch so gerne?“
Ich: „Jaaaa!“, ich quiekte schon halb von diesem Aberwitz, konnte mich vor Begeisterung kaum halten.
Melly: „Was hat denn das mit Buchstaben zu tun? Okay, ich mag die Zahl 16, was kannst du daraus lesen?“
Er lachte, schüttelte den Kopf und sah mich wieder an: „Magst du Lagerfeuer? Und magst du Sterne? Ich meine… Lagerfeuer! Oder dieser Schnee. Das sieht so… überwältigend aus! Da könnte ich stundenlang zusehen!“
Melly: „Du weißt schon, dass sie Homo ist, oder?“
Er lachte, sah sie an und meinte: „Ja ja.“
Melly: „Flirtest du gerade mit ihr? Ich meine nur, damit du dir keine falschen Hoffnungen machst.“
-„Nein. Neiiiiin“, lachte er laut und hob die Hände. Er hatte eine lustige, hektische Gestik, wenn er lachte oder aufgeregt erzählte.

Melly: „Das ist so scheiß unfair! Warum stehen alle Männer auf Lesben?“

Er: „Das kann ich dir erklären. Ich meine… nein. Also doch, klar. Ich meine, alle Männer stehen auf nen Dreier, aber seien wir mal ehrlich… wenn zwei Frauen nicht wissen, was sie miteinander tun sollen, bist du als Mann eh sofort überfordert.. das funktioniert einfach nicht… also…ein Dreier klingt für jeden Mann so unglaublich cool, aber ein Dreier für einen Mann ist gar nicht so cool, wenn du zwei Frauen  hast, die nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen.“
Melly: „Klingt logisch.“
Er: „Jooaaa… Und dann… das macht den ganzen Abend kaputt. Also… weißt du, das macht einfach überhaupt keinen Sinn, wenn zwei sagen ‚Jaaa, komm, wir gehen mit dir mit‘, aber dann………………… dann sitzt du auf der Couch, dann sitzen die zwei da…“
Melly: „Klingt so, als hättest du die Situation schon einmal erlebt?“
Er: „Jaja“, es schwebte ein aaaaaaaber in der Luft, er ließ den Satz in der Luft hängen. Vermutlich war sein ‚Jaja‘ ein Wink von: Lass mich erst ausreden. Er redete unbeirrt, ziemlich betrunken, aber nicht ohne nachzudenken, weiter: „Alle wollen Sex, aber keiner weiß, wie er was machen soll. Dann fängst mit der Einen an, dann ist die Andere wieder sauer.“
Melly kicherte: „Ja, so sind Frauen.“
Er: „Ja, was… was sollst du denn dann gottverdammt nochmal machen?“ Er gestikulierte wieder wild mit seinen Händen, was ich sehr lustig fand.
Ich: „Und deswegen habe ich keinen Dreier.“
Er: „Also ’n Dreier ist ….. öh…“
Ich: „Ich finde Dreier eh schwachsinnig.“
Melly: „Das ist wie bei Geschwistern, einer fühlt sich immer benachteiligt.“
Er: „Jaaa, also es funktioniert einfach nicht……….Ich bin mit meiner Schwester so gut befreundet……… meine Schwester hält mir immer die Stange… das ist………..“
Melly fing plötzlich das Lachen an und ich kam mit ihren zweideutigen Gedanken wie immer erst zu spät mit.
Melly: „Das klingt bisschen pervers….“
Er lacht laut und beschämt: „Neeein, das wäre ja auch pervers!!!Ja, sorry. Jaaaaa, so hab‘ ich’s jetzt nicht gemeint. Nein.“
Melly: „Oh Gott, ich brauch Alkohol. Ich werde wieder nüchtern.“

Es liefen zwei Frauen an uns vorbei. In einem ledernen Minirock und Pumps.

„Servus“, riefen sie.
„Hi“, riefen wir drei im Kanon. Und er gleich hinterher: „Uuurgh.“
Melly und ich lachten.
Melly: „War nicht so dein Typ?“
Er: „Meine? Nicht, nee..“
Melly: „Auf was für ein Typ stehst du so?“
Er: „Mmmmmhhhhhh….“, dachte lange nach, „Soll ich’s wirklich sagen?“
Melly: „Ja, klar. So wie sie?“
Er sah mich an.
„Äh… Ja, so. Nur bisschen abgefuckter.“
Wir lachten.
Melly: „Mehr so Drogenopfer-mäßig?“
Er: „Neiiin, Drogen das ist…“
Melly: „Eher die Ghetto-Bitches?“
Er: „Nene, nuuulll! Ähm…“
Melly: „Emos? Ne… warte.. nicht die Emos….“ – Schnipp, schnipp, schnipp. Melly schnippt immer, wenn sie unter Zeitdruck nachdenkt, „Argh, wie heißen die? Hilf mir mal!“
Ich: „Was? Ich bin nicht so klug!“
Er lacht. Wiederholt mich.
Er: „Also nein… ich bin irgendwie…. ich habe auch nuuull  One-Night-Stands, also, wenig…“
Melly: „Also bist du eher so der Beziehungstyp.“
Er: „Ne, auch gar nicht, sondern…“
Melly, leise und vorsichtig: „Bist du schwul?“
Er: „Och nein“, verzweifelt, „Dieser Diskussion muss ich mich jedes Mal wieder stellen…“
Wir: „Echt?“
Er: „Jaaa… Alle meinen immer, ich bin schwul.“
Melly: „Mei, das ist ja eine ganz normale Frage. Sind wir nicht alle ein bisschen bi? Wusstest du, dass Männer eigentlich Frauen sind, deswegen haben sie Nippel?“
Er: „Joaaaa…weil in der Entwicklung kommt das erst langsam…“
Melly: „Jaaaa genau….“
Er: „Ja natürlich weiß ich das.“
Melly: „Ja, manche wissen das nicht.“
Er: „Ja natürlich, das weiß jeder!“ lachend.
Ich wusste das nicht.
Melly: „Nein, manche wissen das nicht.“ lachend.
Ich zum Beispiel.
Melly: „Es gibt genügend Menschen, die das nicht wissen. Die fragen sich immer: Hööööö, warum haben Männer Nippel?“
Wieder ich.
Er: „Da gab’s so ne Bibelgeschichte…….“
Über Männer und ihre Nippel?……….
Ich: „Glaubst du an Gott?“ Die Frage war relevanter.
Er: „NULL!“
Melly und ich: „Gott sei Dank!“ Wir lachten.
Er: „Ich bin der größte Atheist der Welt, ABER ich find’s immer interessant, also ich bin tatsächlich bisschen bibelfest, ich kenn‘ mich da auch aus und… ich interessiere mich auch dafür“ – Ich behielt an der Stelle für mich, dass ich bei mir im Regal ein Buch mit den Weltreligionen steht, das sich sogar tatsächlich aus Interesse mal durchgelesen habe.
Er: „Aber nur um das interessant zu finden, nicht um dran zu glauben.“

Sein Handy klingelte. Das war sein Kumpel, auf den er nun mehr seit einer Stunde wartete. Wir waren bereits komplett ausgenüchtert. Er war noch leicht angetrunken.
Er sprach mit seinem Freund, es entstand eine kurze Stille und plötzlich rief er: „Der Name ist sooo kacke! Ich KOTZ nur von diesem Wort. Der ist so kacke!“

Melly und ich lachten uns kaputt. Wir wussten, dass sein Freund gerade von Schlabber four sprach. Er legte schließlich auf.

Melly: „War das dein Kumpel?“
Er: „Ja, der Denni.“
Ich: „Denni und Tim im Schlabber four.“
Wir lachten alle, Tim meinte: „Denni ist genauso schlecht wie ich.“
Melly zu Tim: „Also ich finde dich nicht schlecht…“
Ich lachte.
Melly: „Also…ääh.. auf neutraler Ebene schlecht..“
Er: „Nein, ich bin ja auch kein schlechter Mensch. Jaaaa….“
Ich: „Was hast du verbrochen?“
Melly: „Neee! Du bist voll philosophisch…“ Ich musste an die Nippel und der Verbindung zur Bibel denken.
Er: „Nein, bin ich nicht.“
Ich: „Aber du bist klug. Wir mögen kluge Menschen.“
Melly: „Wir sind selber so dumm, da können wir nicht noch mehr Dummheit ertragen.“
Er lachte. Ich mag sein Lachen.
„Apropos dumm“, sagte er, „Ich habe mal mit einem Bekannten gespielt: Es ging darum, jemand muss auf jemanden zeigen und quasi rechtfertigen, warum würdest du mit ihr… oder mit ihr nicht…“
Ich: „Sex?“
Er: „Genau. Es geht um Sex.“
Melly: „Ja, sags doch einfach.“
Er: „Jaaa, genau. Und, ähm… Er war kurz überfordert mit dem Spiel, dann hat er aber voll mitgespielt. Er zeigt auf jemanden, ich so ‚Neee, die hat null Ausstrahlung‘. Und dann zeig ich wieder auf jemanden: ‚Ja, nee.. weiß nicht… zu dicken Bauch.‘ Dann zeigt er wieder: ‚Eigentlich ganz süß, aber… im Leben nicht, die ist… die hat nichts, wo sie mich überzeugen könnte…‘ Nur… aus dem Affekt heraus…………äh………………………….“, er blinzelte uns an, „Worauf wollte ich jetzt hinaus?“, fragte er langsam.
Wir lachten.
Ich: „Hey, das Spiel will ich auch mal spielen.“
Melly: „Okay“, sie sah Tim an, „Du fängst an.“
Gleichzeitig deutete Melly auf mich und ich auf sie.
Wir brachen alle Drei in Gelächter aus.
Er: „Nein, nein, nein, nein, nein“ (Ja, ich glaube fünf Mal war’s), „Warte, warte, warte, warte“ (vier Mal), „Wichtig war: Niemanden den man kennt.“
Melly: „Wir kennen uns ja nicht.“
Ich: „Wir kennen uns nicht. Wir wissen nur, dass du Tim heißt. Und dass du in A* wohnst.“
Melly: „UND: dass er 25 ist.“
Ich: „Okay, dann spielen wir mit den Leuten da drüben.“
Melly: „Aber da erkennt man gar keine Gesichter.“
Ich: „Ja! Deswegen müssen wir ins Schlabber four gehen.“
Er verdrehte die Augen.
Er: „Ich habe eine Freundin, die ist Psychologin und die spielt das sehr gern.“
Melly: „Können wir dann ins Schlabber four gehen? Ich muss mal.“ Sie betonte den Namen.

Er wollte auf seinen Kumpel warten, also warteten wir auch. Ein Auto hielt kurz vor uns, ein Typ stieg aus.

Melly: „Ist das dein Kumpel?“
Er: „Mhhhh…. ich weiß es nicht…..“, er wartete, bis der Typ sich umdrehte, „Nein. Das ist er nicht. Aber den kenne ich auch.“
Melly: „Wer ist das? Wie heißt der?“
Er: „Ich kann mir keine Namen merken. Ich kann mir Geschichten zu einem Gesicht merken, aber ich kann mir keine Namen merken. Ich weiß nicht, ob das eine Schwäche ist, aber ich kann mir zu jedem irgendwas merken, nur nicht den Namen.“
Melly: „Was merkst du dir zu uns?“
Er: „Öhm..“
Ich: „Wir haben ihm noch keine Geschichte von uns erzählt.“
Melly: „Stiiiiimmt.“
Ich: „Hopp, Melly. Erzähl ihm eine Geschichte von dir.“
Melly: „……..was für ’ne Geschichte?“..
Er zu mir: „Bei dir ist es einfach, du bist lesbisch. Und bei dir…“
Melly: „Ich bin hetero.“
Er: „Nein, nein… ne, das… nein. Erzähl was!“

Und so fing es an. Melly redete sich über Kopf und Kragen, denn ich bat ihn um seine Nummer, ich wollte mit ihm in Kontakt bleiben. Er gab sie mir, aber Melly würde seine Nummer erst bekommen, wenn er eine Geschichte von ihr als Gegenleistung bekam. Das musste ihn aber fesseln. Das war der Deal. Ich hatte das Glück, ich war eine Lesbe. Die Geschichte reichte ihm.

„Melly hat einige interessante Geschichten“, half ich ihr.
Er: „Achso, du heißt Melly!“
Wir lachten laut.
Sie: „Als hätte ich das nicht schon gesagt.“
Sie dachte eine Weile nach, es waren bereits einige Geschichten bei ihm gescheitert.
Sie: „Hm. Wenn ich betrunken bin, sage ich immer das, was ich denke.“
Er: „Okay, jetzt wird’s interessant. Was denkst du denn?“
Sie: „Ich bin nicht mehr betrunken.“
Er: „Ach, kacke.“
Sie: „Aber wenn du mir ein, zwei Drinks spendierst, dann vielleicht schon wieder.“
Ich: „Okay, frag uns irgendwas. Irgendwas richtig Dreistes. Wir sagen dir die Wahrheit.“
Er: „Hattet ihr zwei schon einmal was miteinander?“
Wir: „Wir zwei? Nö.“
Er lachte.
„Okay, die Antwort kam jetzt so schnell, das glaube ich euch sogar.“

Plötzlich kamen sechs Männer um die Ecke, alle um die dreißig, zwei etwas älter, vielleicht um die vierzig, mit einer wahnsinnig guten Ausstrahlung – und einer der sturzbetrunken hin und her taumelte: Alle im Anzug.

„Servus“, begrüßten sie uns.
Wir: „Hi.“
Einer von denen: „Wart’s a auf ’ner Hochzeit oda wia?“
Melly: „Er. Und ihr?“ Als wäre das nicht offensichtlich.
Ich: „Euer Freund torkelt zum Schlabber four“, fiel mir auf.
Die Männer drehten sich kurz um, kümmerten sich aber nicht großartig darum. Das Schlabber four war direkt vor unserer Nase, einmal über die Straße.
Der ältere, sehr gutaussehende von den Männern: „Also dann komm, geht’s halt mir, oder was wollt’s ihr hier?“
Tim: „Wir kommen noch. Wir sehen uns.“
Die Männer gingen.
Ich: „Das ist lustig. Dass alle Männer in Anzügen ins Schlabber four gehen. Sollten wir auch machen.“
Melly: „Du meinst im Kleid oder sowas?“
Ich, ironisch: „Nein, ich dachte eher, dass wir jetzt in Spitzenunterwäsche da runter gehen.“
Melly, inbrünstig: „Ja, bestimmt!“
Er schaute uns entgeistert an.
Ich: „Das war ein Witz.“
Er: „Macht keine Witze über sowas!“ Und lachte sich tot.
Ich: „Du bist lustig“, und plötzlich wusste ich, woran mich seine Gestik erinnerte, „Spielst du Schlagzeug?“
Er sieht mich an: „Ja…. weil?“
Ich: „Weil du immer so machst.“ Ich machte seine Schlagzeug-Bewegung nach, die er ständig machte.
Er: „Ich spiel halt echt Schlagzeug.“
Melly, plötzlich: „Woooah, kennst du diesen einen Film mit dem einen, der Schlagzeug spielt…“
Er: „JA! Ich hasse den!“
Melly: „Ja, das ist dieser eine Film, von dem, der unbedingt Schlagzeug spielen will. Und dann wird’s voll hart! Dann bluten seine Finger, sein Blut spritzt so rum und…“
Ich: „Saw 2.0?!“
Sie lachten.

Irgendwann kamen wir wieder auf Melly. Sie brauchte endlich eine überzeugende Geschichte, um seine Nummer zu bekommen. Sie erzählte viel über ihre beruflichen Ziele, aber ich konnte in seinem Gesicht erkennen, dass er irgendwie unzufrieden war. Es war sehr ermüdend, er war mit nichts zufrieden zu stellen. Mit nichts. Was für ein Kerl!
Irgendwann endete sie mit den Worten:

„…aber das wird nie funktionieren, ich bin Pessimist. Das kannst du dir vielleicht von mir merken: Ich bin Pessimist.“
Er: „Ne“, sagte er fast frustriert, „Das ist noch nichts Auszeichnendes. Ist es das, was du glaubst, was du machen willst? Oder… wo willst du denn hin?“
Sie: „Ich will, ähm…“
Er: „Nein. Persönlich. Wo willst du denn hin?“
Schweigen.
Er: „Das ist eine total fiese Frage, ich weiß! Du musst sie nicht beantworten, wenn du nicht willst.“
Melly: „Ich verstehe nicht, was du damit meinst.“
Ich glaube, ich verstand, was er meinte. Sie sprach bisher nur von ihren beruflichen Plänen. Wo sah sie sich in zehn Jahren? Ich sehe mich mit einer Katze in einem hellen, heimeligen Häuschen mit einem kleinen Garten. Wenn ich an meine Zukunft denke, dann sehe ich mich auf der Terrasse an einem weißen Tisch mit einem hellen Kleid im Sommer sitzen, mit einer Kaffeetasse an den Lippen und einem Buch in der Hand. Meine Katze auf meinem Schoß, die Sonne auf meinen Rasen und die vielen Pflanzen in meinem Garten brennen.

Er: „Ich meine, wo willst du denn selber hin? Die Frage ist so unglaublich fies. Du musst sie auch nicht beantworten. Ich könnte sie vermutlich selber nicht beantworten, aber…… aber… ja….. du weißt nicht… worauf ich hinaus möchte…“
Sie fing an zu lachen. Ich auch.
Sie: „Nein. Das sieht man mir wahrscheinlich grad voll an.“
Er: „Nein, nein, nein, nein… das ist eigentlich ganz einfach.. Wo willst du hin…?“

Ich äußerte einfach mal, was ich dachte.
Ich: „Meinst du, wo sie sich sieht, in zehn Jahren? Abgesehen vom Beruf.“
Er: „Ja, genau! Genau, abgesehen vom Beruf. Wo willst du denn hin?“

Ich erkannte an diesem Abend, dass sich Melly bisher wirklich noch nicht viele Vorstellungen von ihrem Leben gemacht hatte. Von ihrem Leben als Mensch, als Persönlichkeit. Sie hatte sich bisher nur ihre berufliche Laufbahn ausgemalt.
Ich war da ganz anders gestrickt. Genau das Gegenteil. Der Beruf steht bei mir an zweiter Stelle. Im Vordergrund ist bei mir in meinem Zukunftsblick immer die 30-jährige Frau im Garten. Der Beruf läuft nebenher. Da wird schon irgendwas sein. Als Bürokauffrau findet man immer irgendwas.
Melly aber kam nicht von ihrem Karriereblick weg.

Sie: „Ich möchte finanziell unabhängig sein.“
Er: „Neee…“, murmelte er unzufrieden, „Neee, das kann ja jeder.“
Melly, nach kurzem Schweigen: „Oh man. So schlaue Gespräche machen mich noch mehr nüchtern.“
Er lachte.
Melly: „Hab ich jetzt genug Interessantes über mich erzählt? Oder brauchst du noch ein bisschen Input?“
Er: „Du hast noch nicht den Knackpunkt getroffen.“
Melly: „Ja, wo ist denn dein Knackpunkt?“
Er: „Du musst etwas Persönliches über dich erzählen.“
Melly: „Etwas Persönliches….“
Sie dachte nach, dann: „Ich bin doof.“

Wir lachten.
Er: „Ja, super. Warte, warte… Ich erinnere mich an dich als die Doofe. Ja klasse!“
Ich: „Super. Eine von Millionen.“

Wir lachten wieder alle.

Irgendwann schaffte es Melly doch tatsächlich, sich an ein Lagerfeuer unter einem Sternenhimmel zu erinnern.
Das war sein Knackpunkt.