Trennung

Ich kann es nicht fassen.

Es passiert eins nach dem anderen.

Mein Leben gerät völlig aus den Fugen. Ich meine, ich kann es auffangen, konnte ich immer… es ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich gerade das Gefühl habe, ein geschlagener Tennisball zu sein. Rauf, runter, rechts, links – und mit jedem Richtungswechsel ein harter Schlag.

Zu erst zu meiner Omi – ich habe es verdrängt.
Ich weiß, dass die Seele zu vielem fähig ist, aber nicht im Leben hätte ich gedacht, dass sie einen gnadenlosen Tod verdrängen kann.

Ich fühle nicht/selten/wenig, wenn ich über meine Omi rede…. es kommt mir sogar komisch vor, in Vergangenheitsform von ihr zu reden, weil ich das Gefühl habe, sie wäre einfach nur in Ungarn in ihrem Häuschen und wartet auf unseren nächsten Urlaub.. oder sie ist noch im Krankenhaus… oder bei meinen Eltern zu Hause …

Und jetzt zur Trennung

Ich habe von Kora und mir schon lange nicht mehr berichtet…. es sind jetzt 1 Jahr und 9 Monate, in denen ich mit ihr zusammen…war.
Ihr habt mitbekommen, wie schön es zwischen uns angefangen hat.. aber… mit der Zeit wurde alles schlimmer. Irgendwas lief nicht mehr richtig! Irgendwas war einfach so falsch!

Wir haben uns gegenseitig kaputt gemacht. Seit Monaten gibt es nur noch Streit, wenn wir uns sehen. Sie schenkte mir immer häufiger Blicke, sagte immer häufiger Dinge zu mir, die mich tief verletzten… Ich habe nie verstanden, warum sie das tut, wenn sie mich doch angeblich liebt. Und wenn ich dann verletzt war, durfte ich mir anhören, ich soll mich nicht verhalten wie so ein beleidigtes Kind.

Das hat dazu geführt, dass nicht nur ich aufgegeben habe um Gefühle für sie zu kämpfen, die ja schon länger weg waren, sondern auch dazu, dass ich ihr keinen Glauben schenken konnte, wenn sie sagte, sie liebt mich noch. Kein Mensch behandelt einen Menschen so, wenn er ihn liebt!

Wir haben kein Vertrauen mehr ineinander, haben uns gegenseitig kaputt gemacht, aber das Entscheidendste war: wir waren nicht mehr glücklich….

Wir haben gestern 2 Stunden miteinander geredet, sie verstand es nicht, hat bitterlich geweint… ich blieb distanziert von meinen Gefühlen und sehr sachlich, denn ich wusste, wenn ich die Mauer einbrechen lassen würde, würde ich wieder weich werden und würde wieder sagen: Ja, okay, warten wir ab. Geben wir unserer Beziehung doch noch eine Chance. Vielleicht wird es ja besser.

Sie meinte, sie sieht ja auch, dass es so falsch ist, wie es läuft, und zwar schon länger… aber sie hat wenigstens gehofft, dass es besser wird.

Hoffnung ist aber so ungefähr das Gegenteil von Wissen.

Und worauf warten? Welchen Sinn macht das? Wozu? Was wollen wir uns warm halten? Was wollen wir uns hinhalten? Allein schon die Tatsache, dass wir nie einen Weg finden würden, der in der Zukunft zueinander führt… Wir haben verschiedene Ansichten vom Leben. Ich kann ihr nicht hinterherziehen, sie will auch nicht hier wohnen und abgesehen davon habe ich die Hoffnung von Tag zu Tag immer mehr aufgegeben: es wird nicht besser werden.

Zwischen uns ist so viel kaputt gegangen – das Urvertrauen ist zerstört – dass es einfach nichts mehr werden kann. Und selbst wenn, dann würde es nicht mehr das sein, wie es sich „richtig“ oder „schön“ anfühlt.

Ich war nicht mehr glücklich und … ich habe in letzter Zeit immer wieder Menschen kennen gelernt, die mir gezeigt haben, dass sie mich lieben, die mir gezeigt haben, dass sie mich schön finden. Das sind Dinge, die habe ich von ihr schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr gehört oder gefühlt.

Ich bin nie auf diese Menschen eingegangen, weil ich treu sein wollte – ich wollte Kora nicht betrügen, obwohl  bei einer Person mein Herz sogar auch schon mehrer Sprünge gemacht hat. Trotzdem habe ich mich gezügelt, bin nicht darauf eingegangen, obwohl es sich so schön angefühlt hat, obwohl es so verlockend war.

Ich merke, dass das immer häufiger der Fall ist… ich ertappe mich bei betrügerischen Gedanken… ertappe mich dabei, wie ich über unsere Beziehung und unsere Zukunft nachdenke und darüber, dass das alles einfach nie wieder so werden kann, dass wir uns beide glücklich fühlen…..

Nachdem ich es dann endlich ausgesprochen habe: „Wir sollten uns trennen, das wäre das beste für uns“, war ich kurz wie gelähmt. Ich konnte nicht glauben, dass ich es ausgesprochen habe. Ich hätte auch sagen können „Das ist momentan das, was ich brauche“, aber es war die Wahrheit, dass es das Beste für uns beide ist……

Und dann…. kaum habe ich mich getrennt, hatte ich das Gefühl, etwas Falsches gemacht zu haben, kaum, dass sie weg war…… und dann weinte ich und es tat mir so leid, ihr so weh zu tun… sie hat schon so viele Menschen verloren, die sie geliebt hat – und was, wenn sie mich wirklich noch liebt? …. Es tut mir so weh, ihr das anzutun, aber mein Vernunft sagt, dass es wirklich die richtige Entscheidung war und sowieso: dass es nicht fair ist, aus Mitleid mit jemandem zusammen zu bleiben….

Mein Herz tut weh..

Und dann dachte ich an Omi. Ich musste daran denken, wie sie meine Haare gestreichelt und meine Hand gedrückt und gesagt hätte, dass es das Richtige war.

Und dann fiel ich in ein Loch. Aus Tränen und Schmerz und Hoffnungslosigkeit und Unsicherheit.

Aber jedes Loch hat auch einen Erdboden. Irgendwann komme ich an. Irgendwann hört diese benebelte Trauer, dieser unglaubliche Schmerz, diese … Unsicherheit, das Wanken, der Nebel… alles hört irgendwann auf und dann… vielleicht schon nach ein paar Tagen, kann ich wieder nach vorne Blicken..

Es fällt mir nicht leicht. Auch ich muss viel aufgeben, wenn ich mich von Kora trenne.. bzw. … habe ich das ja gestern… ach, was auch immer…….. außerdem müssen wir dann noch so viel Organisatorisches hinter uns bringen. Das hat allerdings Zeit. Das steht jetzt erst einmal an zweiter Stelle…

Ich kann noch nicht fassen, dass ich sie nie wieder besuchen werde. Mit ihr habe ich nicht nur einen Menschen verlassen. Ich habe eine zweite Familie verlassen, ein zweites Leben, Erinnerungen, Zuversicht, ihren Hund…

Aber was macht das aus? Ist es das, was eine Beziehung ausmacht?
Wenn die Anziehung und die Gefühle verschwunden ist, darf man so egoistisch sein und mit einer Person zusammen bleiben, die man nur noch als sehr guten Freund und wichtigen Menschen wahrnimmt, aber nicht mehr als Liebespartner?

Das finde ich nicht fair. Das ist gemein, das ist richtig fies… und … sie hat es verdient, dass ich ehrlich zu ihr bin… und ich habe die Verluste verdient, die ich jetzt damit tragen muss….

Aber das Leben geht weiter……….. immer. Irgendwie. Immer!

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Nein.Nein.Nein.

Es tut immer noch weh. Es ist so komisch, dass das Leben weitergeht, wo doch gerade das eines anderen gerade sein Ende genommen hat.

Meine Oma… sie war nicht einfach nur eine Oma, die Plätzchen bäckt und die man gerne besucht hat…. Ich habe mein Leben mit meiner Oma geteilt. Sie hat schon immer bei uns gewohnt. Es gab kein „Mama, Papa und ich“. Es war immer schon „Mama, Papa, Oma und ich“. Ich habe seit meinem 5. Lebensjahr ein Zimmer mit ihr geteilt.

Wir haben uns gerauft, phasenweise gehasst, immer wieder geliebt und zum Ende hin war sie wie eine zweite Mutter für mich.

Seit ich vor vier Jahren zu Hause ausgezogen bin, wurde es zwischen ihr und mir immer besser. Ich saß oft neben ihr am Bett, sie klagte über meinen Vater, oft sagte sie auch: „Ach… ach Jessi, wenn das doch alles endlich einfach vorbei wäre…“ Wie oft hat sie sich gewünscht, einfach zu sterben.

Ich habe ihr immer wieder gesagt, sie soll so etwas nicht sagen, weil wir sie lieben.

Letztes Jahr im Sommer war sie noch so fit. Sie ist kerngesund durch den Garten in Ungarn gewandert, mit ihrem kleinen Gehstock.. manchmal hat sie ihn dann in die Höhe gehoben, als würde sie drohen, mich damit zu versohlen und hat dabei gelacht, wenn ich dann in ihr Lachen eingestimmt und ihr die Zunge herausgestreckt habe.

An Weihnachten war sie auch noch so munter… Sie hat sich so sehr über mein Geschenk gefreut. Es war ein Kissen mit einem Aufdruck von uns beiden.

Als ich von zu Hause ausgezogen bin, hat sie mein Zimmer in Beschlag genommen. Da steht seit längerer Zeit nur noch ein Bett drinnen.

In diesem Jahr wurde alles schlimmer. Sie magerte ab, bekam keine Luft mehr, ihr Herz arbeitete nur noch 60 % … unzählige Krankenhausbesuche, weil sie keine Luft bekam .. zwei Wochen, dann war sie wieder bei uns…

Sie hat das Krankenhaus gehasst. Abgrundtief. Sie wollte immer zu Hause sein, immer bei uns sein. Das Krankenhaus hat sie noch kränker gemacht, als sie war. Immer.

Ich rede nicht gegen das Personal. Sondern einfach über die Tatsache, dass sie Krankenhäuser nicht mochte – klar, wer mag die schon? Aber sie hat wirklich gelitten, wenn sie wieder rein musste. Und die körperlichen Qualen waren dann weniger als die Seelischen.

Immer öfter, wenn ich kam, wurde mir klar, wie nahe sie dem Tod ist. Wenn ich sie ansah, war sie einfach kein „ganzer Mensch“ mehr… sondern nur noch ein kleiner Körper, der eine viel zu mächtige Seele tragen musste.

Ich versuche mir vorzustellen, dass ein Körper eine Seele nicht lange tragen kann, weil die Macht und das Wissen und die Erfahrung, die ein Mensch macht, der Körper irgendwann nicht mehr aushält und die Seele weiterziehen muss.

Nur mit diesem Gedanken kann ich mich anfreunden. Mit etwas anderem käme ich im Moment nicht klar.

Ich kann nicht beschreiben, wie sehr ich sie geliebt habe. Ich kann nicht beschreiben, was mit mir los ist.

Alles fühlt sich taub an, um mich herum. Ich könnte jede Sekunde los heulen.

Es fühlt sich nicht wirklich an, als sei sie von uns gegangen. Sie hat mich mein Leben lang begleitet. Ich habe ihre Pfannkuchen so geliebt… sie war die beste Bäckerin und Köchin der Welt. Sie war traurig, aber sie war klug und sehr zäh. Sie hat immer zu uns gehalten.

Wenn ich unerwartet in München meine Familie besuchte und die Tür öffnete, dann fiel mein Blick immer als erstes schräg gerade aus in das Wohnzimmer, direkt auf den Platz auf der Couch, wo meine Oma immer saß.

Immer, wenn ich dann die Tür öffnete, sah sie herüber und ihr Gesicht erhellte wie eine Sonne… ich konnte sehen, dass sie sich freute, wie ein Kind.

Wie absurd……. als hätte ich es gewusst, habe ich es vor drei Wochen, als ich sie das vorletzte Mal sah, noch aufgenommen und ich habe für den Bruchteil einer Sekunde genau diesen Ausdruck in ihrem Gesicht als Aufnahme auf meinem Handy………………………..

Ich kann es noch nicht glauben, noch nicht fassen, dass sie wirklich fort ist…………. wie kann sie sich noch so lebendig anfühlen? Ich habe das Gefühl, sie wäre einfach nur in Ungarn oder noch im Krankenhaus. Aber nicht tot! Das kann nicht sein.. nicht meine Oma! Meine Oma ist unsterblich!……………………. aber kein Mensch ist unsterblich.

Wir wissen doch alle, dass das Leben irgendwann ein Ende hat… trotzdem versetzt uns jeder Todesfall in einen schrecklichen Schockzustand.

Ich kann noch nicht wirklich trauern.

Gestern, als ich noch zu Hause war, ging meine Mutter am Vormittag einkaufen…. ich wandere seit Dienstag mit einem Brocken Schmerz in meinem Inneren herum, ohne ihn ausatmen zu können. Er erstickt mich, und ich atme durch irgendeine Nebenröhre.

Ich ging in das Wohnzimmer, ich sah den Platz meiner Oma, der jetzt leer ist….. und dann brach ich zusammen. Ich kauerte mich vor die Couch, wo sie immer saß und brach in Tränen aus und habe sie gefragt, warum sie gegangen ist, warum sie nicht noch warten konnte!

Ich habe mir noch am selben Dienstagnachmittag meinen Urlaub vom 31.10. bis zum 04.11. eingetragen, damit ich eine ganze Woche für meine Oma Zeit habe……… und jetzt… werde ich in dieser Zeit auf ihrer Beerdigung sein.

Das hat schon fast eine gewisse Ironie… und ich würde lachen, wenn es nicht so absolut grotesk und scheiße wäre und wenn es nicht so beschissen wehtun würde!!!!!!!!

Also, ich habe geweint. Ich habe meinen Tränen an diesem Vormittag freien Lauf gelassen. Aber das war nicht diese eine Trauer, nicht dieser eine Ausbruch, den ich erwarte… ich spüre, dass ich es noch nicht realisiert habe….. ich weiß nicht, ob es nach der Beerdigung anders sein wird.

Meine Oma kann nicht tot sein……………….

Sie kann nicht……….

…….wenn ich…

…ich werde morgen wieder die Tür in München öffnen. Ich werde sie aufsperren und sie wird da sitzen und sie wird mich wieder anstrahlen, wie Flash aus „Zoomania“, als er den Witz erzählt bekommt (ja, so ungefähr sieht dieser Ausdruck in ihrem Gesicht immer aus). Und dann gehe ich zu ihr, falle ihr um den Hals und sie lacht mich aus, weil wir doch wirklich alle darauf reingefallen sind.

Meine.Oma.IST.Nicht.Tot.

Das geht nicht.

DAS GEHT EINFACH NICHT!

Lebe wohl

„Life goes on“.. schrieb ich das gestern nicht noch?

Heute regenete es in Strömen, als ich aus der Arbeit kam. Es schüttete! Gleichzeitig schien die Sonne. Als wir die Landstraße entlang fuhren, rechts und links die goldenen Herbstbäume und über uns ein Regenbogen. Das war vielleicht das Schönste, was ich je gesehen habe.

Keune 3 Minuten später erreichte mich der Anruf. Meine Mutter. Sie weinte.

Und ich wusste, was passiert war.

Unter mir brach der Erdboden außeinander und… ich brach in Tränen aus. Habe ich nicht noch vor kurzer Zeit geschrieben, dass der Tod in der Ecke lauert und sich ins Fäustchen lacht, weil er es besser weiß? Besser weiß, als wir? Weil er weiß, wann es so weit ist?

Heute hat er entschieden, sie zu sich zu holen.

Ich bin in den Zug gestiegen, jede Sekunde mit den Tränen kämpfend, und bin zu meiner Familie.

Mein Cousin holte mich um 19:30 vom Bahnhof ab und brachte mich ins KH. Meine Tante, meine Mutter und meine anderen 2 Cousins standen um diesem Bett.

In dem meine Oma lag.

Und so aussah, als würde sie schlafen.

Ich habe geweint. Ihr eiskaltes Gesicht gestreichelt, ihren Kopf gekrault, wie ich es getan habe, als sie noch….. vor zwei Wochen…..!!!!!! :'((

Aber es war zu ertragen. Es tat gut sie zu sehen. Aber meine Tante… sie war das Schlimmste an diesem Abend. Als meine Cousins das Zimmer verließen, um meinen Koffer aus dem einen Auto in das andere zu laden, griff meine Tante nach dem Bein meiner Oma. Sie sei doch noch warm! Sie ist nicht tot! Judy, jetzt schau doch! Fühl doch!!! Sie lebt noch!!!! Meine Mutter schüttelte den Kopf und versuchte ihr zu erklären, dass das normal ist, dass ein Mensch nicht stirbt und dann eiskalt ist..

Aber meine Tante packte mit fast hoffnungsvoll tränengefüllten Augen nach der Schulter meiner Oma. Sah sie an und rief: „Steh auf, Mama. Steh auf! Steh auf!!!“

Und das war der Moment, in dem ich dachte, ich breche gleich zusammen.

Jetzt sitze ich hier in meinem alten Kinderzimmer, das meine Oma seit 4 Jahren bewohnt hat und in dem ich ein Leben lang mit ihr in getrennten Betten geschlafen habe. In dem ich mich über ihr Schnarchen aufgeregt habe und in dem ich immer wach wurde, wenn sie nachts auf Klo ging und…. oh Gott… ich kann nicht.. ich kann nicht. Es tut so weh. Es tut einfach so weh…!

Jetzt ist sie auch ein blaues Licht in meiner Seele.

Und meine Seele schreit, mein Herz schreit. Alles schreit, weil ich es nicht glauben kann. Und ich höre mich selber im Kopf kreischen, wie meine Tante: „Steh auf, Oma. Steh auf! Steh auf!!!“….

 

Life goes on

Ich muss es jetzt rauslassen. Ich muss, ich muss, ich muss.

Ich muss es tun, weil ich es schon so lange in mich hinein fresse und weil jetzt der Schneidepunkt gekommen ist, an dem es mir über den Kopf wächst. Ich habe tausende Leser, tüchtige Follower – ich habe Menschen, die mir zuhören, ohne zu wissen, wer sie überhaupt sind.

Das macht meine Situation Scheiße von der Seele zu reden so unglaublich einfach. Ich brauche keine Angst haben, was man über mich denkt, weil mich im Endeffekt (fast) niemand kennt und ich sowieso ein Mensch bin, deren destruktiven Meinung anderer Menschen relativ schnuppe sind. Ich würde mich in einer Spirale immer mehr in die Kacke drehen, wenn ich Wert auf Dinge geben würde, wie: „Dein Blog ist doch viel zu persönlich, findest du nicht?“ – „An deiner Stelle würde ich damit aufhören“ – oder bestenfalls: „Ich hätte diesen Blog schon längst gelöscht.“

Pustekuchen. Es kümmert mich nicht. Ich habe hier schon so viel von mir preisgegeben. Leute, die meinen Blog schon so ziemlich von Anfang an verfolgen, kennen vermutlich meine halbe Lebensgeschichte und trotzdem bin ich mir zu 100 % sicher, dass mich trotz aller Seelen Entblösereien kein Mensch wirklich kennt. Keiner könnte sagen, wer ich bin. Das können nicht einmal meine engsten Familienmitglieder, nicht einmal meine besten Freunde, selten sogar ich selbst.

Dieser Blog hat mir so viel weitergeholfen. Schreiben ist für mich wie eine Therapie, nachdem ich gemerkt habe, dass all die kläglichen Gesprächstherapien bei mir irgendwie erfolglos bleiben, weil ich mich einfach nicht öffnen kann. Ich kann einem Menschen nicht in die Augen sehen und ihm von meinen Gefühlen erzählen. Das kann ich nicht. Ich komme mir dabei so seltsam falsch vor. So unecht, so geschauspielt. Ich traue mich nicht, meine Mundwinkel zu lockern, ich traue mich nicht, traurig auszusehen – so auszusehen, wie ich mich fühle.

Wenn ich über mich rede, darüber, wie man mich im Keller blutig gefickt und liegen gelassen hat und einen Tag später meine Mutter für genau diesen Typen in unserer Wohnung auch noch zu Abend gekocht hat, dann folgt meistens nur ein unbekümmertes Schulterzucken. Ein „Shit happens, life goes on“. Und das schon so unzählige Male, dass mir das trostlose Lachen über die Lippen fährt wie eine Floskel.

Ich weiß gar nicht, wie so etwas möglich ist. Wie schaffen es Menschen, sich immer wieder neue Wege zu bauen? Ich kann mir selbst nicht erklären, wie ich vom einen Schlag in den nächsten taumele, ohne groß darüber nachzudenken, was das für Auswirkungen haben könnte – oder ob es überhaupt welche hätte!

Manchmal denke ich mir: wenn mir das damals im Keller nicht passiert wäre (und das danach in Ungarn, und das danach mit dem Alkohol, und das danach in der Wohngruppe, und – ) Scheiße, ich hab schon echt ein trauriges Leben, wenn man es als Zahlenstrahl bis heute aufzeichnen würde. Mein zweites halbes Leben auf diesem Zahlenstrahl besteht eigentlich nur aus ungewolltem Sex. Ja, verfickt, nennt es Vergewaltigung, nennt es, wie ihr wollt! Für mich war es nach wie vor eine verdammte Fehlsituation. Ich weigere mich und werde mich mein Leben lang weigern, Kindern eine Vergewaltigung anzuhängen! Und das waren die Jungs alle nun einmal. Fünfzehn, Siebzehn, Sechzehn… Okay, der Typ aus der Wohngruppe war immerhin schon zwanzig. Gut, er war ein elendiger Bastard, der genau wusste, dass ich nicht will und mich trotzdem in die Enge getrieben und mich befummelt und mir seinen Schwanz in den Hals gerammt hat, aber das haben die anderen drei nicht. Ich habe nicht um Hilfe geschrien, habe nicht gesagt, dass ich nicht will.

Und heißt das in der Wirtschaft nicht, dass ein Stummschweigen als Annahme gilt? Jep, ich würde sagen, meine mittlerweile zwei Lehrjahre als Bürokommunikationskauffrau haben mein Herzdenken ziemlich beeinflussen können – Ohne Witz, ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so systematisch denken kann. Aber, hallo Welt! Ich werde bald 20! Bis vor vier Jahren dachte ich noch nicht einmal 17 zu werden. Lustig.

Und jetzt stehe ich hier, habe gerade diese verdammte Tür vor meiner Nase eingetreten und stehe mit einem Bein vor meinen vier Wänden, in denen ich mich eingesiedelt hatte. Ich habe Pläne, ich habe Ziele, ich habe Wünsche. Ich habe Angst und ich werde viel dafür opfern müssen, aber zumindest weiß ich, was ich will.

Ich habe erzählt, dass ich diese kleine Altstadt mit ihren wunderschönen Menschen nicht verlassen will. Ich habe von dem Anker erzählt, den ich mir durch den Fuß bohren und im Boden befestigen will, um hier nicht davon zu kommen.

Soll ich euch etwas verraten? Genau das habe ich getan.

Ich werde hier bleiben. Mein Herz schlägt für diese kleine Stadt, mein Herz schlägt für die Menschen hier, für den Kirchturm, mit seinem tiefen Dong-dong-dong. Mein Herz schlägt für diese beschissene Bergauffahrt, in der schon 100.000 Unfälle hätten passieren sollen, weil da einfach ein Spiegel zum Einsehen fehlt und bei dem dennoch kein einziger Unfall gemeldet ist, mein Herz schlägt für die beste Pizzabude mit ihren eingewanderten Italienern und ihrem originalen Steinofen und für die Eisdile mit dem besten Eis, das ich je gegessen habe (wie suboptimal, für eine Langzeitessgestörte). Mein Herz schlägt für meinen Arbeitgeber, für alle Menschen, die dort Arbeiten, für jede große Abteilung mit all ihren kleinen Teilbereichsleitungen, die wie eine Familie für mich sind, weil ich das System in mich aufgesogen und verinnerlicht habe, wie die Wege meiner Hauptschlagadern. Mein Herz schlägt für jedes Lächeln, das ich hier von wildfremden Leuten geschenkt bekomme, für jedes gottverdammte Grashalm, für jeden einzelnen Baum, die momentan gold-gelb in der Abendsonne schimmern und mir ein wunderschönes, heimeliges viertes Weihnachten in dieser kleinen Stadt versprechen. Ich könnte im Traum singen, wo welcher Baum steht und in welche Richtung ihre goldene, und in welche Richtung ihre gelbe Seite steht.

Ich liebe mein Leben, seit ich hier lebe. Es ist, als hätte diese kleine Stadt geradezu auf mich gewartet. Als hätte sie gewusst: „Hey, da kommt so ein trauriges Mädchen aus der Großstadt, das Menschen hasst und sich umbringen will. Zeigen wir ihr, wie schön das Leben sein kann, wenn man erst einmal angekommen ist, wo man sich Zuhause fühlt!“

Diese kleine Stadt, sie hat es geschafft.

Natürlich sollte es einen Haken geben: Die Beziehung oder Heimat?

Kora ist ja vor vier Monaten nach G* gezogen, in die Nähe ihrer Eltern. Seitdem geht unsere Beziehung den Bach runter. Ja, der Urlaub war, wie ihr unschwer lesen konntet, wirklich schön. Aber eigentlich stand unsere Beziehung schon seit längerem nicht mehr unter einem guten Stern. Sie wurde immer distanzierter, immer freundschaftlicher. Und seit sie nicht mehr hier wohnt, habe ich das Gefühl, dass nun auch Kora es schafft, sich von mir zu distanzieren…

Das klingt hart, und das habe ich ihr selbst auch schon offen gesagt, dass ich das Gefühl habe, dass ich in der Zeit, in der sie in München wohnte und dann eben hier bei mir in dieser kleinen Stadt, lediglich ihre Familie ersetzt habe.

Kora ist ein Familienmensch. Daran ist nichts auszusetzen und es ist auch nichts Verwerfliches. Ich liebe Kora für so viele Kleinigkeiten. Aber diese Liebe ist einfach nicht eine, die man als „beziehungstauglich“ einstufen könnte.

Sie stellt ihre Schwester, zum Beispiel, über alles. Ich diskutiere nicht darüber und schon gar nicht verurteile ich es. Ich weiß nicht, wie es ist, eine Schwester zu haben. Keine Ahnung, wie ich zu meinen Geschwistern stehen würde, wenn ich welche hätte. Ich weiß, dass ihre Schwester ihr sehr guttut und ich denke, das ist das Wichtigste.

Ihre Familie tut ihr gut.

Ich tue ihr nicht gut.

Und momentan tut auch sie mir nicht gut.

Die Fakten sind so offensichtlich, dass es eigentlich kaum noch irgendeinen Diskussions-Spielraum gibt. Wir sind trotzdem noch nicht getrennt, und keine von uns beiden weiß, wieso. Wir selbst haben erst letzte Woche für uns geklärt, dass wir eigentlich nicht mehr als Freundschaft füreinander empfinden.

Die Chance, dass sich etwas „Ernstes“ wieder zwischen uns entwickelt, steht bei  vielleicht 30 %. Diese 30 % (so grausam es auch klingen mag), sind es mir nicht wert, die 150 % für dieses Leben hier aufzugeben.

Ich werde nicht in eine Stadt ziehen, in der ich mich absolut nicht wohl fühle, nur um bei Kora zu bleiben. Nur um einer Beziehung hinterher zu rennen, um um etwas zu kämpfen, das eigentlich kaum eine Chance hat. Wer würde das auch tun?

Kora weiß das und Kora sagte selbst, sie verlangt nicht von mir, hinterher zu ziehen.

Wir sind beide Feiglinge.

Das ist das Fazit, das ich gerade schließe.
Wir sind beide Feiglinge, weil wir beide Schiss haben, aus dieser Bequemlichkeit einer Beziehung heraus zu hüpfen und einen neuen Schritt zu wagen. Es ist wie das Aufwachen jeden Morgen. Bleibe ich lieber in meinem warmen, gemütlichen, heimeligen Bett liegen, gebe mich dieser verdammt großen Versuchung hin, schließe die Augen und schlafe wieder ein? Oder… reiße ich mich zusammen, setze den ersten Fuß aus dem Bett auf den Boden und öffne meine Augen mit einem langen Gähnen, um in den neuen Tag zu starten?

Ich weiß nicht, wohin mich meine Zukunft führt, aber ehrlich? Es ist mir eigentlich auch scheißegal.

Mir geht es im Moment einfach gut, obwohl echt viel auf dem Kopf steht, aber ich weiß, was ich will, ich weiß, dass ich hier bleiben werde. Und das fühlt sich an wie das heilige Omen in irgendeiner gottverlassenen Kirche. Es gibt mir mehr Kraft, als ich je zu glauben gewagt hätte.

Ich bleibe hier. Ich habe mein Zuhause gefunden.

 

Mika & Edward :1:

»Weißt du, ich frage mich manchmal, warum fast jedes gesunde Zeug grün ist«, teile Mika ihm ihre Gedanken mit, bevor sie sich eine Gabel von ihrem Salat in den Mund steckte.

Edward hob kurz seinen Blick, sah Mika an, senkte ihn dann wieder und starrte in seinen Teller auf seinen überbackenen Fisch.

»Es gibt bestimmt auch pinken Salat«, sagte er.

»Gibt es?«

»Warum nicht? Wir leben in einer modernen Welt. Die kleinste Idiotie eines Menschen wird in die Realität umgesetzt. Also wenn du als Weltverbesserin zu irgendeinem Konzern gehst und ihnen das Blaue vom Himmel flunkerst, dass ihr Geschäft bestimmt weltweit bekannt wird, dann würden sie für dich bestimmt farbigen Salat produzieren.«

Mika starrte ihn an.

»Für mich?«

»Ja. Ein Anderer würde es nicht schaffen.«

»Wieso nicht? Jeder kann doch Lügen.«

»Aber niemand hat dabei so viel Charme wie du.«

Mika grinste.

»Merkt man, wenn ich lüge?«

»Klar. Ich habe dir die Geschichte mit den singenden Pommes und dem LSD Pflaster auch nie abgekauft, obwohl das rein theoretisch wirklich passiert sein könnte.«

Mika lachte. Die Geschichte war wirklich eine Lüge gewesen. Mika erzählte viele erfundene Geschichten, die sich so aber wirklich hätten ereignen können. Das empfand sie nicht als verwerflich, ihre Lügen. Ihre Geschichten brachten Menschen häufig zum Lachen oder Staunen und das war, was zählte. Sie liebte es, Menschen lachen zu sehen.

»Meinst du, jeder weiß, dass ich Geschichten erzähle? Oder merkst das nur du, weil du so klug bist?«

»Ich denke, das merken viele. Aber das ist ihnen egal, weil du entzückend bist. Mika, du bist ein entzückendes, zartes Wesen.«

»Oh, Ed!« Mika grinste und nahm eine große Gabel von ihrem Essen in den Mund. Sie dachte über die Idee mit dem bunten Salat nach, während Edward endlich sein Essen anrührte.

Menschen mit kleinem Kopf und Barfüßige

Heute in unserer Mittagspause kommt ein Mädchen auf Lil, Chi und mich zu.

Sie bittet um eine Zigarette und versuchte dann, mit uns in ein Gespräch zu kommen. Sie sagt, ihre Mütze spiegelt ihren Beruf bisschen wider. Zwei Bommel hängen an ihr – keine Pelz-, die wie Ohren aussehen. Es sei eine Kindermütze, weil ihr Kopf so klein ist.

Ich mag sie. Sie ist sehr freundlich und sympathisch. Ich spreche mit ihr.

Chi und Lil kehren ihr den Rücken, während sie rauchen (ich rauche nicht) und werfen sich Blicke zu.

Ich kümmere mich nicht darum, ich spreche weiter mit dem Mädchen.

Weiß nicht mehr, wie sie hieß.

Chi geht dann irgendwann zu einer anderen kleinen Gruppe unserer Klasse und lässt mich und Lil mit dem Mädchen allein.

Als wir gehen müssen und wir uns von dem Mädchen verabschieden, erzählt Chi in der Klasse, dass uns in der Mittagspause ein Mädchen angesprochen hat.

CHI „Die war voll komisch, meinte, die hätte nen kleinen Kopf und so. Und ich dachte mit nur so -okaaaaay-“

LIL „jaaaaaa die war sooooo komisch! Und Jessi hat einfach mit ihr gesprochen.“ Einfach mit ihr gesprochen…. so wie sie es sagen, klingt es wie ein Verbrechen

„Ich weiß gar nicht, was ihr habt. Ich fand sie total nett.“

Ich verstehe es echt nicht. Das Mädchen war so lieb. Ich mochte sie wirklich. Ich hätte mich auch länger mit ihr unterhalten.

CHI „also ICH fand sie voll komisch.“

Hm, okay.

 

 

Am Zug warten wir auf Lils Bruder. Wir hatten Schule aus, zwei Züge fallen aus, wegen Selbstmord.

Bei den Gleisen, an denen wir warten, steigen Menschen aus den S-Bahnen.

Menschenmengen.

Anzug : Schlaghose : Blazer : Krawatte: Koffer : strenge Blicke : Regengesichter

LIL „Oh Gott, schau dir mal deeeen an! Der hat ne kurze Hose!“ (8 Grad) „Und der ist ja auch noch barfuß!!! Ist der komisch!!!“

„COOL! Ist der cool!“

Lil schaut mich an, lacht.

LIL „Warum magst du so komische Menschen??“

„Warum nicht? Ich mag diese schnöseligen Engstirnigen nicht, die mit einem Gesicht herum laufen, als hätte man ihnen sonst etwas getan und die nicht einmal das Anzeichen eines Lächelns für einen übrig haben. Die laufen rum, als wäre rechts und links ne weiße Wand und als gäbe es nur sie auf dieser Welt und niemand anderen“

Mich rempelt einer an.

„Barfüßige Komische schenken dir wenigstens ein lächeln. Sie sehen dich.“ Ich glaube, den letzten Satz hat sie nicht verstanden. Egal.

Wir warten auf Yu, ihren kleinen Bruder. Als wir nach 20 Minuten mit Yu von den Bahngleisen kommen um zu Lils Auto zu laufen, läuft der Barfüßige an uns vorbei.

Er schaut mich an, er schaut Lil an, wir schauen ihn an und er lächelt.

Lil schaut mich an und lacht, weil sie sich innerlich eingesteht, dass ich Recht hatte.

Und ich freue mich kugelrund, weil auch er unbewusst meine Behauptung bestätigt hat.

Barfüßige Komische und die mit einem kleinen Kopf, die Mützen tragen, die ihren Beruf widerspiegeln….. DAS sind menschliche Menschen. Sie wissen noch, was Leben ist.