Life goes on

Ich muss es jetzt rauslassen. Ich muss, ich muss, ich muss.

Ich muss es tun, weil ich es schon so lange in mich hinein fresse und weil jetzt der Schneidepunkt gekommen ist, an dem es mir über den Kopf wächst. Ich habe tausende Leser, tüchtige Follower – ich habe Menschen, die mir zuhören, ohne zu wissen, wer sie überhaupt sind.

Das macht meine Situation Scheiße von der Seele zu reden so unglaublich einfach. Ich brauche keine Angst haben, was man über mich denkt, weil mich im Endeffekt (fast) niemand kennt und ich sowieso ein Mensch bin, deren destruktiven Meinung anderer Menschen relativ schnuppe sind. Ich würde mich in einer Spirale immer mehr in die Kacke drehen, wenn ich Wert auf Dinge geben würde, wie: „Dein Blog ist doch viel zu persönlich, findest du nicht?“ – „An deiner Stelle würde ich damit aufhören“ – oder bestenfalls: „Ich hätte diesen Blog schon längst gelöscht.“

Pustekuchen. Es kümmert mich nicht. Ich habe hier schon so viel von mir preisgegeben. Leute, die meinen Blog schon so ziemlich von Anfang an verfolgen, kennen vermutlich meine halbe Lebensgeschichte und trotzdem bin ich mir zu 100 % sicher, dass mich trotz aller Seelen Entblösereien kein Mensch wirklich kennt. Keiner könnte sagen, wer ich bin. Das können nicht einmal meine engsten Familienmitglieder, nicht einmal meine besten Freunde, selten sogar ich selbst.

Dieser Blog hat mir so viel weitergeholfen. Schreiben ist für mich wie eine Therapie, nachdem ich gemerkt habe, dass all die kläglichen Gesprächstherapien bei mir irgendwie erfolglos bleiben, weil ich mich einfach nicht öffnen kann. Ich kann einem Menschen nicht in die Augen sehen und ihm von meinen Gefühlen erzählen. Das kann ich nicht. Ich komme mir dabei so seltsam falsch vor. So unecht, so geschauspielt. Ich traue mich nicht, meine Mundwinkel zu lockern, ich traue mich nicht, traurig auszusehen – so auszusehen, wie ich mich fühle.

Wenn ich über mich rede, darüber, wie man mich im Keller blutig gefickt und liegen gelassen hat und einen Tag später meine Mutter für genau diesen Typen in unserer Wohnung auch noch zu Abend gekocht hat, dann folgt meistens nur ein unbekümmertes Schulterzucken. Ein „Shit happens, life goes on“. Und das schon so unzählige Male, dass mir das trostlose Lachen über die Lippen fährt wie eine Floskel.

Ich weiß gar nicht, wie so etwas möglich ist. Wie schaffen es Menschen, sich immer wieder neue Wege zu bauen? Ich kann mir selbst nicht erklären, wie ich vom einen Schlag in den nächsten taumele, ohne groß darüber nachzudenken, was das für Auswirkungen haben könnte – oder ob es überhaupt welche hätte!

Manchmal denke ich mir: wenn mir das damals im Keller nicht passiert wäre (und das danach in Ungarn, und das danach mit dem Alkohol, und das danach in der Wohngruppe, und – ) Scheiße, ich hab schon echt ein trauriges Leben, wenn man es als Zahlenstrahl bis heute aufzeichnen würde. Mein zweites halbes Leben auf diesem Zahlenstrahl besteht eigentlich nur aus ungewolltem Sex. Ja, verfickt, nennt es Vergewaltigung, nennt es, wie ihr wollt! Für mich war es nach wie vor eine verdammte Fehlsituation. Ich weigere mich und werde mich mein Leben lang weigern, Kindern eine Vergewaltigung anzuhängen! Und das waren die Jungs alle nun einmal. Fünfzehn, Siebzehn, Sechzehn… Okay, der Typ aus der Wohngruppe war immerhin schon zwanzig. Gut, er war ein elendiger Bastard, der genau wusste, dass ich nicht will und mich trotzdem in die Enge getrieben und mich befummelt und mir seinen Schwanz in den Hals gerammt hat, aber das haben die anderen drei nicht. Ich habe nicht um Hilfe geschrien, habe nicht gesagt, dass ich nicht will.

Und heißt das in der Wirtschaft nicht, dass ein Stummschweigen als Annahme gilt? Jep, ich würde sagen, meine mittlerweile zwei Lehrjahre als Bürokommunikationskauffrau haben mein Herzdenken ziemlich beeinflussen können – Ohne Witz, ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so systematisch denken kann. Aber, hallo Welt! Ich werde bald 20! Bis vor vier Jahren dachte ich noch nicht einmal 17 zu werden. Lustig.

Und jetzt stehe ich hier, habe gerade diese verdammte Tür vor meiner Nase eingetreten und stehe mit einem Bein vor meinen vier Wänden, in denen ich mich eingesiedelt hatte. Ich habe Pläne, ich habe Ziele, ich habe Wünsche. Ich habe Angst und ich werde viel dafür opfern müssen, aber zumindest weiß ich, was ich will.

Ich habe erzählt, dass ich diese kleine Altstadt mit ihren wunderschönen Menschen nicht verlassen will. Ich habe von dem Anker erzählt, den ich mir durch den Fuß bohren und im Boden befestigen will, um hier nicht davon zu kommen.

Soll ich euch etwas verraten? Genau das habe ich getan.

Ich werde hier bleiben. Mein Herz schlägt für diese kleine Stadt, mein Herz schlägt für die Menschen hier, für den Kirchturm, mit seinem tiefen Dong-dong-dong. Mein Herz schlägt für diese beschissene Bergauffahrt, in der schon 100.000 Unfälle hätten passieren sollen, weil da einfach ein Spiegel zum Einsehen fehlt und bei dem dennoch kein einziger Unfall gemeldet ist, mein Herz schlägt für die beste Pizzabude mit ihren eingewanderten Italienern und ihrem originalen Steinofen und für die Eisdile mit dem besten Eis, das ich je gegessen habe (wie suboptimal, für eine Langzeitessgestörte). Mein Herz schlägt für meinen Arbeitgeber, für alle Menschen, die dort Arbeiten, für jede große Abteilung mit all ihren kleinen Teilbereichsleitungen, die wie eine Familie für mich sind, weil ich das System in mich aufgesogen und verinnerlicht habe, wie die Wege meiner Hauptschlagadern. Mein Herz schlägt für jedes Lächeln, das ich hier von wildfremden Leuten geschenkt bekomme, für jedes gottverdammte Grashalm, für jeden einzelnen Baum, die momentan gold-gelb in der Abendsonne schimmern und mir ein wunderschönes, heimeliges viertes Weihnachten in dieser kleinen Stadt versprechen. Ich könnte im Traum singen, wo welcher Baum steht und in welche Richtung ihre goldene, und in welche Richtung ihre gelbe Seite steht.

Ich liebe mein Leben, seit ich hier lebe. Es ist, als hätte diese kleine Stadt geradezu auf mich gewartet. Als hätte sie gewusst: „Hey, da kommt so ein trauriges Mädchen aus der Großstadt, das Menschen hasst und sich umbringen will. Zeigen wir ihr, wie schön das Leben sein kann, wenn man erst einmal angekommen ist, wo man sich Zuhause fühlt!“

Diese kleine Stadt, sie hat es geschafft.

Natürlich sollte es einen Haken geben: Die Beziehung oder Heimat?

Kora ist ja vor vier Monaten nach G* gezogen, in die Nähe ihrer Eltern. Seitdem geht unsere Beziehung den Bach runter. Ja, der Urlaub war, wie ihr unschwer lesen konntet, wirklich schön. Aber eigentlich stand unsere Beziehung schon seit längerem nicht mehr unter einem guten Stern. Sie wurde immer distanzierter, immer freundschaftlicher. Und seit sie nicht mehr hier wohnt, habe ich das Gefühl, dass nun auch Kora es schafft, sich von mir zu distanzieren…

Das klingt hart, und das habe ich ihr selbst auch schon offen gesagt, dass ich das Gefühl habe, dass ich in der Zeit, in der sie in München wohnte und dann eben hier bei mir in dieser kleinen Stadt, lediglich ihre Familie ersetzt habe.

Kora ist ein Familienmensch. Daran ist nichts auszusetzen und es ist auch nichts Verwerfliches. Ich liebe Kora für so viele Kleinigkeiten. Aber diese Liebe ist einfach nicht eine, die man als „beziehungstauglich“ einstufen könnte.

Sie stellt ihre Schwester, zum Beispiel, über alles. Ich diskutiere nicht darüber und schon gar nicht verurteile ich es. Ich weiß nicht, wie es ist, eine Schwester zu haben. Keine Ahnung, wie ich zu meinen Geschwistern stehen würde, wenn ich welche hätte. Ich weiß, dass ihre Schwester ihr sehr guttut und ich denke, das ist das Wichtigste.

Ihre Familie tut ihr gut.

Ich tue ihr nicht gut.

Und momentan tut auch sie mir nicht gut.

Die Fakten sind so offensichtlich, dass es eigentlich kaum noch irgendeinen Diskussions-Spielraum gibt. Wir sind trotzdem noch nicht getrennt, und keine von uns beiden weiß, wieso. Wir selbst haben erst letzte Woche für uns geklärt, dass wir eigentlich nicht mehr als Freundschaft füreinander empfinden.

Die Chance, dass sich etwas „Ernstes“ wieder zwischen uns entwickelt, steht bei  vielleicht 30 %. Diese 30 % (so grausam es auch klingen mag), sind es mir nicht wert, die 150 % für dieses Leben hier aufzugeben.

Ich werde nicht in eine Stadt ziehen, in der ich mich absolut nicht wohl fühle, nur um bei Kora zu bleiben. Nur um einer Beziehung hinterher zu rennen, um um etwas zu kämpfen, das eigentlich kaum eine Chance hat. Wer würde das auch tun?

Kora weiß das und Kora sagte selbst, sie verlangt nicht von mir, hinterher zu ziehen.

Wir sind beide Feiglinge.

Das ist das Fazit, das ich gerade schließe.
Wir sind beide Feiglinge, weil wir beide Schiss haben, aus dieser Bequemlichkeit einer Beziehung heraus zu hüpfen und einen neuen Schritt zu wagen. Es ist wie das Aufwachen jeden Morgen. Bleibe ich lieber in meinem warmen, gemütlichen, heimeligen Bett liegen, gebe mich dieser verdammt großen Versuchung hin, schließe die Augen und schlafe wieder ein? Oder… reiße ich mich zusammen, setze den ersten Fuß aus dem Bett auf den Boden und öffne meine Augen mit einem langen Gähnen, um in den neuen Tag zu starten?

Ich weiß nicht, wohin mich meine Zukunft führt, aber ehrlich? Es ist mir eigentlich auch scheißegal.

Mir geht es im Moment einfach gut, obwohl echt viel auf dem Kopf steht, aber ich weiß, was ich will, ich weiß, dass ich hier bleiben werde. Und das fühlt sich an wie das heilige Omen in irgendeiner gottverlassenen Kirche. Es gibt mir mehr Kraft, als ich je zu glauben gewagt hätte.

Ich bleibe hier. Ich habe mein Zuhause gefunden.

 

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