Nein.Nein.Nein.

Es tut immer noch weh. Es ist so komisch, dass das Leben weitergeht, wo doch gerade das eines anderen gerade sein Ende genommen hat.

Meine Oma… sie war nicht einfach nur eine Oma, die Plätzchen bäckt und die man gerne besucht hat…. Ich habe mein Leben mit meiner Oma geteilt. Sie hat schon immer bei uns gewohnt. Es gab kein „Mama, Papa und ich“. Es war immer schon „Mama, Papa, Oma und ich“. Ich habe seit meinem 5. Lebensjahr ein Zimmer mit ihr geteilt.

Wir haben uns gerauft, phasenweise gehasst, immer wieder geliebt und zum Ende hin war sie wie eine zweite Mutter für mich.

Seit ich vor vier Jahren zu Hause ausgezogen bin, wurde es zwischen ihr und mir immer besser. Ich saß oft neben ihr am Bett, sie klagte über meinen Vater, oft sagte sie auch: „Ach… ach Jessi, wenn das doch alles endlich einfach vorbei wäre…“ Wie oft hat sie sich gewünscht, einfach zu sterben.

Ich habe ihr immer wieder gesagt, sie soll so etwas nicht sagen, weil wir sie lieben.

Letztes Jahr im Sommer war sie noch so fit. Sie ist kerngesund durch den Garten in Ungarn gewandert, mit ihrem kleinen Gehstock.. manchmal hat sie ihn dann in die Höhe gehoben, als würde sie drohen, mich damit zu versohlen und hat dabei gelacht, wenn ich dann in ihr Lachen eingestimmt und ihr die Zunge herausgestreckt habe.

An Weihnachten war sie auch noch so munter… Sie hat sich so sehr über mein Geschenk gefreut. Es war ein Kissen mit einem Aufdruck von uns beiden.

Als ich von zu Hause ausgezogen bin, hat sie mein Zimmer in Beschlag genommen. Da steht seit längerer Zeit nur noch ein Bett drinnen.

In diesem Jahr wurde alles schlimmer. Sie magerte ab, bekam keine Luft mehr, ihr Herz arbeitete nur noch 60 % … unzählige Krankenhausbesuche, weil sie keine Luft bekam .. zwei Wochen, dann war sie wieder bei uns…

Sie hat das Krankenhaus gehasst. Abgrundtief. Sie wollte immer zu Hause sein, immer bei uns sein. Das Krankenhaus hat sie noch kränker gemacht, als sie war. Immer.

Ich rede nicht gegen das Personal. Sondern einfach über die Tatsache, dass sie Krankenhäuser nicht mochte – klar, wer mag die schon? Aber sie hat wirklich gelitten, wenn sie wieder rein musste. Und die körperlichen Qualen waren dann weniger als die Seelischen.

Immer öfter, wenn ich kam, wurde mir klar, wie nahe sie dem Tod ist. Wenn ich sie ansah, war sie einfach kein „ganzer Mensch“ mehr… sondern nur noch ein kleiner Körper, der eine viel zu mächtige Seele tragen musste.

Ich versuche mir vorzustellen, dass ein Körper eine Seele nicht lange tragen kann, weil die Macht und das Wissen und die Erfahrung, die ein Mensch macht, der Körper irgendwann nicht mehr aushält und die Seele weiterziehen muss.

Nur mit diesem Gedanken kann ich mich anfreunden. Mit etwas anderem käme ich im Moment nicht klar.

Ich kann nicht beschreiben, wie sehr ich sie geliebt habe. Ich kann nicht beschreiben, was mit mir los ist.

Alles fühlt sich taub an, um mich herum. Ich könnte jede Sekunde los heulen.

Es fühlt sich nicht wirklich an, als sei sie von uns gegangen. Sie hat mich mein Leben lang begleitet. Ich habe ihre Pfannkuchen so geliebt… sie war die beste Bäckerin und Köchin der Welt. Sie war traurig, aber sie war klug und sehr zäh. Sie hat immer zu uns gehalten.

Wenn ich unerwartet in München meine Familie besuchte und die Tür öffnete, dann fiel mein Blick immer als erstes schräg gerade aus in das Wohnzimmer, direkt auf den Platz auf der Couch, wo meine Oma immer saß.

Immer, wenn ich dann die Tür öffnete, sah sie herüber und ihr Gesicht erhellte wie eine Sonne… ich konnte sehen, dass sie sich freute, wie ein Kind.

Wie absurd……. als hätte ich es gewusst, habe ich es vor drei Wochen, als ich sie das vorletzte Mal sah, noch aufgenommen und ich habe für den Bruchteil einer Sekunde genau diesen Ausdruck in ihrem Gesicht als Aufnahme auf meinem Handy………………………..

Ich kann es noch nicht glauben, noch nicht fassen, dass sie wirklich fort ist…………. wie kann sie sich noch so lebendig anfühlen? Ich habe das Gefühl, sie wäre einfach nur in Ungarn oder noch im Krankenhaus. Aber nicht tot! Das kann nicht sein.. nicht meine Oma! Meine Oma ist unsterblich!……………………. aber kein Mensch ist unsterblich.

Wir wissen doch alle, dass das Leben irgendwann ein Ende hat… trotzdem versetzt uns jeder Todesfall in einen schrecklichen Schockzustand.

Ich kann noch nicht wirklich trauern.

Gestern, als ich noch zu Hause war, ging meine Mutter am Vormittag einkaufen…. ich wandere seit Dienstag mit einem Brocken Schmerz in meinem Inneren herum, ohne ihn ausatmen zu können. Er erstickt mich, und ich atme durch irgendeine Nebenröhre.

Ich ging in das Wohnzimmer, ich sah den Platz meiner Oma, der jetzt leer ist….. und dann brach ich zusammen. Ich kauerte mich vor die Couch, wo sie immer saß und brach in Tränen aus und habe sie gefragt, warum sie gegangen ist, warum sie nicht noch warten konnte!

Ich habe mir noch am selben Dienstagnachmittag meinen Urlaub vom 31.10. bis zum 04.11. eingetragen, damit ich eine ganze Woche für meine Oma Zeit habe……… und jetzt… werde ich in dieser Zeit auf ihrer Beerdigung sein.

Das hat schon fast eine gewisse Ironie… und ich würde lachen, wenn es nicht so absolut grotesk und scheiße wäre und wenn es nicht so beschissen wehtun würde!!!!!!!!

Also, ich habe geweint. Ich habe meinen Tränen an diesem Vormittag freien Lauf gelassen. Aber das war nicht diese eine Trauer, nicht dieser eine Ausbruch, den ich erwarte… ich spüre, dass ich es noch nicht realisiert habe….. ich weiß nicht, ob es nach der Beerdigung anders sein wird.

Meine Oma kann nicht tot sein……………….

Sie kann nicht……….

…….wenn ich…

…ich werde morgen wieder die Tür in München öffnen. Ich werde sie aufsperren und sie wird da sitzen und sie wird mich wieder anstrahlen, wie Flash aus „Zoomania“, als er den Witz erzählt bekommt (ja, so ungefähr sieht dieser Ausdruck in ihrem Gesicht immer aus). Und dann gehe ich zu ihr, falle ihr um den Hals und sie lacht mich aus, weil wir doch wirklich alle darauf reingefallen sind.

Meine.Oma.IST.Nicht.Tot.

Das geht nicht.

DAS GEHT EINFACH NICHT!

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