:Carmen: – Es geht um ihre Augen und die offene Tür.

Carmen

Ich nenne sie Carmen, weil der Name zu ihr passt. Ich weiß nicht warum. Erstens spricht mich die Optik auf eine Carmen an. Und dann sagt mir mein Gefühl, dass Carmen ein passender Name für einen wichtigen Charakter in meinem Leben hat.

Carmen ist … ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wie sie denkt, und wie sie fühlt. Beziehungsweise. Eher genau das Gegenteil. Ich weiß genau, wie sie denkt und wie sie fühlt, weil wir nahezu identische Gedanken haben. Eine nahezu identische Weltanschauung.

Aber erst einmal dazu, wie ich sie kennen gelernt habe. Meine Gedanken zu ihr folgen im nächsten Beitrag.

Am Samstag war ich mit meinem Rudel für eine Runde Weihnachtsmarkt verabredet, auf dem P-Christmas. Ein homosexueller Weihnachtsmarkt.

Ich habe mich unendlich auf sie alle gefreut. Auf einen ausgelassenen, lustigen Abend, auf Klatsch und Tratsch, auf Gelächter!

Habe ich erwähnt, dass ich mein Leben liebe? Als ich mich von meiner Ex-Freundin getrennt habe, fühlte ich mich frei wie ein Vogel. Als würde ich endlich meine Flügel ausbreiten, die lange in Ketten gelegt waren, und als würde ich abheben und fliegen.

Ich schwor mir, die nächste Zeit, so lange es geht, frei zu bleiben. Frei von Bindungen, frei von Beziehungen, frei von Verliebtsein und Liebe und Gefühlschaos. Frei von Frauen. Ich will leben. Ich will das Gefühl des Glücklichseins und des Freiseins genießen. Ich will einfach nur das genießen, wie ich mich gerade fühle. Diese bedingungslose Schwerelosigkeit, dieses Gefühl, sich selbst vollkommen zu genügen.

Dieses Leben, das ich seit einiger Zeit führe, diese Erkenntnis, die ich vor 3 Jahren hatte und die ich vor einiger Zeit geschafft habe umzusetzen – das ist das Schönste, was mir passieren konnte.

Also genieße ich diese Zeit und dieses Gefühl, das momentan in meiner Umlaufbahn ist. Warum auch nicht? Wenn es das gestern und das morgen nicht gebe, was bleibt dann? Dann bleibt uns das Jetzt.

Auf dem P-Christmas stand ich also neben einer Glühwein Bude mit meinem Rudel. Wir lachten und redeten und ich trank einen weißen Glühwein. Er schmeckte mir nicht besonders gut, und während ich beim Schlürfen über den Tassenrand hinweg sah, blickte ich direkt in die Augen dieser einen Frau.

Und sie in meine.

Ich weiß nicht, was das war, was in dem Moment in mich gefahren ist – ich weiß auch nicht mehr genau, was mich für eine Einsicht erschlug. Es war irgendein Aha-Effekt, als ich in ihre Augen sah und dieser Aha-Effekt forderte mich dazu auf, sie anzusprechen. Aber irgendwas in mir weigerte sich. Es war das, was gegen mein Gefühl spricht. Es entstand dieser Kampf in mir. Ein Krieg zwischen Kopf und Bauch.

Gestern traf mich die Erkenntnis, dass die Angst, aus dem Bauch heraus falsch zu entscheiden, völlig grundlos ist. Denn wenn man etwas aus dem Gefühl heraus entscheidet, ist es nicht falsch. Das, was dadurch ausgelöst wird, das wird so sein müssen. Es ist wie ein Weg, der mir vorgegeben ist. Alles geschieht aus einem Grund. Ob das, was passiert, nun eine schmerzliche Erfahrung ist oder eine schöne, das sei mal so dahergestellt, aber sie war definitiv richtig, weil sie aus dem Bauch kam.

Falsch wäre es, wenn ich auf meinen Verstand höre. Gesunder Verstand ist gut. Aber der Verstand, der über das Gefühl bestimmt, ist es nicht. Ich finde, der Verstand darf mitbestimmen, aber er darf nicht entscheiden. Der Verstand darf mir meine Konsequenzen auflisten, aber er darf mich nicht einschränken. Damit würde er mir eine Tür vor der Nase zu donnern, die aus irgendeinem Grund für mich bestimmt ist, die aus irgendeinem Grund von Anfang an schon offen war, um mich empfangen zu können. Aber manchmal dauert der Weg zu einer offenen Tür ein wenig. Manchmal, denke ich, übersieht man sie auch, wenn man phasenweise durch Nebel watet – oder im Gegenteil – irgendwo in Höhenflügen auf der Überholspur in Wolken tanzt. Denn dort oben kann man auch nicht sehen, wenn man plötzlich eine Tür überspringt.

Ich befinde mich seit Zeiten überwiegend auf den Wolken und selten im Nebel. Ich muss diese Tür also irgendwie in meinen Höhenflügen wirklich übersprungen haben.

Und an diesem Samstagabend sah ich ihr in die Augen und erkannte die offene Tür, die eine große Entfernung von mir stand und nach mir lechzte.

Ihre Augen waren die Tür, und ich weiß, dass mich mein Gefühl dazu bewegte. Wie gesagt, mein Verstand wägte die Konsequenzen ab: Aber was, wenn sie dich enttäuscht?

Und mein Gefühl antwortete: Enttäuscht?

Woher kommt dieses Wort „Enttäuschung“ eigentlich? Enttäuscht werden kann ich nur, wenn ich mir selbst etwas vorzeichne. Wenn ich eine Skizze mache und anfange, sie auszumalen und sie lebendig werden zu lassen. Ich würde mich auf den Weg in meine eigene Täuschung begeben. Es wäre also mein Verdienst. Also widersprach ich dem Verstand. Eine Enttäuschung in dem Sinne gibt es nicht. Aber so schließt sich der Kreis – das ist genau das, was mich jedes Mal zum Lachen bringt. Denn das Leben ist ein Spiegel. Alles, was wir ausstrahlen, kommt wieder zurück. Positives zieht Positives an. Negatives zieht Negatives an. Und das heißt eigentlich, dass alles „Ich“ ist. Aber das ist gerade ein zu kompliziertes und langes Thema. Darum geht es nicht.

Es geht um ihre Augen und die offene Tür.