:2: [Ach… wenn ihr wüsstet…]

Einen Monat später war sie fort. In dem Reich, in dem Jule sie schon lange zuvor gesehen hatte. Zumindest mit einem Fuß. Oder mit einer Zehenspitze. All das war aber völlig bedeutungslos. Sie war dort. War schon oft dort gewesen und sie kannte es, dieses Geheimnis zwischen Raum und Zeit. Diesen Ort, in dem das Nichts ihr Alles war.

Jule stand auf ihrem Balkon und sah in den dunklen Himmel, in dem die Sterne ihr entgegen lachten.

»Ist es nicht absurd?«, fragte Jule leise die Sternennacht, »Jetzt ist meine Oma nur noch ein Körper, der dazu bereit liegt, verbrannt zu werden. Und ich frage mich, wer sie wirklich war.« Kopfschüttelnd wischte sie sich eine Träne von der Wange und starrte weiter in den Himmel, als würden ihr die Sterne auf irgendwas Antwort geben.

»Was redest du da?«

»Mama.« Jule drehte sich beinahe erschrocken um.

»Ich kann nicht schlafen.«

»Verständlich«, murmelte Jule. Es ist erst zwei Tage her, seit ihre Oma tot ist. Seit Jutta nun als Waise lebt. Komisch. Kann man eine 56-jährige Frau mit einem Ehemann und Tochter überhaupt noch waise nennen? Oh, dummer Gedanke, Jule. Dummer, dummer, dummer Gedanke!

Natürlich konnte man das. Man konnte nicht leugnen, was man war. Jutta war eine Waise, genauso wie ihr Ehemann Jannis. Und Jule war ein 19-jähriges Mädchen ohne Großeltern.

Aber ja doch. Doch. Es ist absurd. Es ist absurd, weil Oma nicht tot sein kann. Wie ist das möglich? Wie kann sie sich so lebendig anfühlen, wo ich doch vorgestern noch den kalten, toten Kopf ihres Körpers gestreichelt und geküsst habe? Sie ist fort. Sie ist gegangen und wird nie wieder kommen.

»Bist du denn nicht müde?«, fragte Jutta in die schneidende Stille.

»Doch«, log Jule, »Ich wollte eh gerade gehen.«

Sie konnte die Nähe ihrer Mutter gerade nicht ertragen. Prinzipiell hätte sie einfach ihren Koffer packen und wieder nach Hause fahren können – in ihre eigenen vier Wände. Doch irgendwas hielt sie zurück. Vielleicht war es das Pflichtgefühl. Dieses eine Tier in ihrem Kopf, dass ihr sagte, sie müsse jetzt für ihre Mutter da sein.

Als würde das etwas ändern.

Ach Mama… wenn du wüsstest…

Jule sah ihre Mutter noch kurz an, dann senkte sie den Kopf und ging an ihr vorbei in die warme Wohnung, die sich nicht verändert hatte. Genauso, wie sich alles andere auch nicht verändert hatte, obwohl ihre Oma tot war.


Jule, 20. Oktober

Komisch… ich habe mir das alles so anders vorgestellt. Von wegen! Ich habe mir gar nichts vorgestellt. Ich dachte, meine Welt geht unter, ist sie tot. Und sie ist tot. Tot. Tot. Tot. Lass dir das mal auf der Zunge zergehen, dieses Wort. Abgrundtief. Grausam. Furchteinflößend. Dunkel.

Unsinn. Ich weiß doch selbst nicht, wieso wir das immer damit verbinden. Warum kann der Tod auch nicht etwas Gutes sein? Wer sagt uns denn, was passiert, nach dem Tod? Ich glaube nicht, dass da nichts ist. Ich glaube nicht, dass einfach mit einem Fingerschnippen alles vorbei ist, als würde man eine Kerze ausblasen.

Da ist viel mehr. Und das spüre ich. Sonst hätte ich doch nicht dieses starke Gefühl, dass Oma noch lebt! Ich spüre sie. Ihren… Geist… ihre Seele… ihre… Energie?! Ach, weiß doch der Geier, was das ist, was in uns ist, was nicht aus Psyche, Verstand, Herz und Hirn besteht. Ich weiß nur, dass da noch etwas ist. Und dieses Etwas, das zieht weiter. Das stirbt nicht einfach so. Vielleicht gibt es ja so etwas wie ein Wartezimmer? So eine Art Platzhalter für wandernde Seelen? Keine Ahnung. Vielleicht leben die Seelen aber auch in ihrer eigenen Welt weiter, bis sie selbst entscheiden, weiter zu ziehen und ein neues Leben zu beginnen. Damit riskieren sie aber, dass sie ihr Altes vergessen. Ein lustiger Gedanke. Das alte Leben einfach so ausradieren durch ein neues Leben.

Und was geschieht mit all denen, die im Jenseits bleiben wollen? Vielleicht ist das Jenseits ja so verlockend schön, dass es gar nicht so viele wiedergeborene Seelen gibt. Kann das sein? Und… oh Himmel! Worüber mache ich mir überhaupt Gedanken? Ich sollte schlafen…

……..sollte ich wirklich..


In der nächsten Woche saß Jule im Bus, der sie zu ihrer Arbeit brachte. Es war eine schöne Strecke, die er hinter sich legte. Eine Strecke, die Jule schon seit zwei Jahren kannte und immer noch liebte wie am ersten Tag. Sie war nicht umsonst von der Stadt aufs Land gezogen.

Als sie an diesem Tag im Bus saß, schien die Sonne. Der feuchte Laub auf dem Asphalt fing ihren Blick auf, als sie aus dem Fenster schaute. Und als eines der goldenen Blätter in die Luft wirbelte und flog, dachte sie an ihre Oma und lächelte. In der selben Sekunde hätte sie laut los lachen können. Was geschah denn bloß mit ihr? Jeder Mensch der von ihrem Schicksalsschlag wüsste, würde sie in eine Zwangsjacke stecken, so besonnen und zufrieden, wie sie gerade dasaß und vor sich hin lächelte. Ja, sie hatte sich auch schon Gedanken darüber gemacht, ob sie jetzt völlig verrückt geworden war, aber das war sie nicht. Sie fühlte sich gut, sie war geradezu glücklich, wie eh und je, als wäre sie nicht etwa vor einer Woche neben der Leiche ihrer geliebten Großmutter gestanden. Sie war gut drauf, sie war beherzt. Aber musste das denn falsch sein? War es verboten, sich gut zu fühlen, selbst wenn ein geliebter Mensch verstorben war? Wenn sich das Gefühl, dass sie gerade hatte, stimmig anfühlte… warum sollte sie sich dann bemühen, zu trauern? Würde sie überhaupt jemals trauern? Würde der Schmerz irgendwann wie eine große Welle der Erkenntnis über sie einbrechen und ihr jede Luft zum Atmen rauben?

Nein, Jule hatte nicht das Gefühl, dass das passieren würde. Vielmehr, als hätte sie den Tod schon längst verdaut. An dem Tag, an dem sie es erfahren hatte, riss der Erdboden unter ihr entzwei. Der Schlag, den sie spürte, als sie aufprallte, war hart, schmerzhaft und brennend. Die Tränen flossen unaufhaltsam über ihr Gesicht und der Atem drang ihr wie das erstickte Schreien eines sterbenden Kindes aus der Kehle. Der Schmerz war nicht greifbar, nicht erklärbar, nicht heilbar, nicht existent. Es war wie ein unsichtbarer Ballon mit allen möglichen Foltermitteln im Inneren, die man sich vorstellen konnte. Und dieser unsichtbare Ballon jagte von einem Winkel in den anderen ihres Körpers. Das zerbersten einer Seele. Konnte man das so nennen?

Ja, sie hatte gelitten und sie hatte getrauert. Ganz genau 28 Stunden und ein paar Minuten lang. Und dann war alles fort. Wie vom Wind davon getragen.

Nein. Es war also nicht verwerflich, dass sie sich gerade gut fühlte. Im Gegenteil. Sie hatte es sich verdient und ihre Oma hätte es nicht anders gewollt. Außerdem hatte sie selbst einmal gesagt: »Wenn ich sterbe und ich sehe euch auf meiner Beerdigung heulen, dann sitze ich auf meinem Grab und lache euch aus!«

Ach Omi… wenn du wüsstest…

Die Beerdigung eine Woche darauf war schwarz, wie alle anderen Beerdigungen auch. Jule hatte sich auf eine Tränentortur gefasst gemacht. Hatte sich darauf eingestellt, den klaffenden Schmerz in ihrer Magengrube zu spüren, wenn sie in der Kirche vor der Urne ihrer Großmutter stand. Vor der alten Frau, die selbst in den dunkelsten Tagen ihre Hand gehalten und sie gestreichelt und gedrückt hatte. Und Jule hatte ihren weißen Kopf gekrault, diesen kleinen, hängenden, alten Kopf. Vermutlich war ihre Seele einfach zu groß und zu mächtig, für den alternden Körper. Ja, dachte Jule, wie sie so vor der Urne ihrer Großmutter stand und sie selig anlächelte, vielleicht war es gar kein Sterben, das wir alle kennen. Vielleicht muss die Seele irgendwann einfach raus aus dem Körper, der dahingeht, der verdirbt, der veraltet, der keinen Bestand mehr hat, weil Zellen nun einmal altern. Die Seele ist ewig jung, die Seele IST ewig. Die Seele kann nicht mit den Zellen altern, deshalb muss sie einen Körper verlassen.

»Und deshalb fühlst du dich noch so lebendig an«, murmelte Jule leise ihren Satz zu Ende.

»Hm?«, machte ihre weinende Tante neben ihr fragend.
Jule hob den Kopf, hatte nicht bemerkt, dass sie laut gedacht hatte, und nahm die Hand ihrer Tante. Das, was ihr gerade so drückend auf dem Herzen lag, war nicht die Tatsache, dass die nichtsbedeutende Asche des Körpers ihrer Oma vor ihr auf einem schwarzen Tisch, bedeckt mit Blumenkränzen, lag. Das, was ihr so leid tat, das war die Schwärze, die triefende Trauer, der Schmerz, den all die anderen Menschen um sie herum ausstrahlten. Und was ihr noch mehr weh tat war, dass alle diese Menschen, die um sie herum standen ihre Familie waren. Am meisten litt sie unter den Tränen von Elise. Elise war eine entfernte Verwandte von ihr. Eine sehr alte Frau, etwas jünger als ihre Großmutter vielleicht war.

Dass ihr Elise‘ Schmerz so dornig im Herz stach, war aus dem Grund, dass diese alte Frau eigentlich der Inbegriff von Sonne und Güte war. Von Herz und Liebe und Leben. Es gab kein Gesicht auf dieser Welt, das so viel zeichnete, wie Elise ihres. Jule wollte ihr so gerne erklären, was sie verstanden hatte, um ihr den Verlust ihrer Schwägerin leichter zu machen. Aber das hätte keinen Sinn. So klug und ruhig Elise auch war, sie würde Jules Todes-Theorie nicht verstehen. Sie würde Jule nur belächeln, ihre Hand tätscheln, sie umarmen und küssen und hätte Mitleid mit Jule, weil sie denken würde, das wäre ihre Art, die Trauer zu verdrängen.

Ach Elise… wenn du wüsstest…

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|Ein neuer Teil in mir| – Meridian –

Es ist die Farbe meiner Dämmerung. Es ist die Farbe des Himmels. Der Verlauf von Orange in Rosa -> Lila -> Violett -> Blau, bis ins tiefste Schwarz, in dem die Sterne das Lachen beginnen.

Es ist ihr Horizont, auf den sie blickte, als sie auf dem Felsen saß, ein Licht ihres Selbst…. es ist der Horizont, der sich in dem leise rauschenden Meer vor ihr spiegelte. Es ist die Farbe, die ihr den Wind entgegen blies, die ihr die Haare um das ebene Gesicht tanzen ließ.

Es ist die Farbe, die sie dazu verleitete, mich anzusehen. Die Farbe, unter der ich das erste Mal ihr Lächeln sah und die Farbe, die mir den Weg eröffnete, ihr die Hand zu reichen und meinen Weg mit ihr zu gehen.

Das zweite Mal, da lief ich in der Dunkelheit. Ich lief in der Nacht, meine Füße in weichem Sand. Der Himmel war dunkelblau, es war kurz nach der Dämmerung. 

Die Sterne lachten mich an.

Rechts von mir schäumte das Meer über das unberührte Ufer.

Links wogen die schwarzen Grashalme auf einer Erhöhung im leisen Wind. Es blies mir einzelne Strähnen über die Lippen, kitzelte sie. Ich strich sie nicht aus meinem Gesicht. 

Du liefst vor mir. Ein kleiner Schatten, ohne Gesicht. Du hast vor mir getanzt, führtest mir den Weg zu dem schwarzen Baum. Alles schwarz, wie aus Pappe.

Was du mir gezeigt hast, war tief. 

Du hast dich vor diese Linde gestellt. Die, mit ihrem dicken, alten Stamm. Du stelltest dich vor sie und legtest eine flache Hand auf ihr kaltes Holz. Du sahst in die Krone empor, dann zu mir. Du strecktest mir die Hand entgegen.

Ich zögerte, du flüstertest mir zu: „Komm“ und ich bewegte mich. Wie immer ertönte deine tonlose Stimme in meinem Kopf. Es war wie der Wind, ohne Nuance, ohne Gesang, ohne Oktave. Es war einfach nur ein stummes Flüstern, das ich hörte. Es war wie lesen. Eine Stimme ohne Besitzer.

Ich folgte deinen Worten. Ich kam zu dir. Und ich tat, was du mir zu fühlen schenktest. 

Du tratst von dem Baum weg, gabst mir den Platz frei. Meine Hand legte sich auf die Stelle, auf der deine war. Und sie sog mich ein. 

Die Linde sog mich auf. Umarmte meinen Körper, atmete mich ein, in ihr innerstes, bis ich mit ihr verbunden war. Ein goldenes Licht durchzog wie eine Explosion das Innere der Linde – und mich. 

Ein Erwachen.

„Siehst du?“, flüsterte deine Stimme in meinem Kopf, „Wir sind mit allem verbunden. Wir sind Eins mit dem ganzen Universum. Egal was du siehst, egal was du berührst, egal was du hörst. Alles bist du.“

Und ich spürte es. Ich spürte die Fassungslosigkeit. Ich spürte die Wahrheit. Ich spürte die Realität. Ich spürte, wie ich mich von der Linde in den Erdboden bewegte und die Welt als Ganzes sah. Ich sah mich selbst auf diesem Erdboden gehen, spürte meine Füße, die den Beton oder die Erde betraten und es fühlte sich an, wie eine sanfte Berührung in meinem Herz. Das Schmatzen eines klebenden, leckeren Bonbons, wenn sich die Füße meines Ichs von dem Boden hoben. Als liefe es auf Matsch, aber es lief auf mir selbst.

Während ich all das sah und all das spürte und all das verstand, ja, währenddessen saßt du wieder auf deinem Felsen und beobachtetest mich. Ein unsichtbares Lächeln auf deinem ebenen Gesicht. Und als ich mich aus der Linde löste und wieder in der singenden Nacht erwachte, sah ich in deine existenzlosen Augen und du verrietest mir deinen Namen.

Meridian. 

Ein Name, von dem ich noch nie zuvor gehört hatte, aber der sich für mich stimmig anfühlte.

Meridian ist also der Name des gesichtlosen Mädchens, das mir Dinge der wirklichen Wirklichkeit zeigt, wenn ich die Augen schließe. Es ist der Name von dem Mädchen, das mir zeigte, dass die Realität – und wir alle mit ihr – eine große Illusion sind und die Wahrheit in uns drinnen steckt. Irgendwo zwischen Raum und Zeit………………… Irgendwo, wo das Nichts Alles ist.

:Carmen: – der Vogel, der von meinem Erdboden abhebt

Sie schafft es. Mich wach zu kitzeln. Und wie sagte Bucay einmal so schön: „Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen. Erwachsenen zum Aufwachen.“

Carmen ist meine Inspiration, meine Muse, die kleine Feder, die mit ihren feinen Spitzen in meinem Inneren spielt und Dinge in mir wachkitzelt, die ich zwar schon immer spürte, aber nie wirklich greifen konnte.

Carmen ist die schönste Frau in meinen Augen, die ich bisher in meinem Leben gesehen habe. Ich spreche hier nicht ausschließlich von ihren großen, braunen Augen, die manchmal aussehen, wie flüssige Vollmilchschokolade… oder von ihren vollen Lippen und dem Lachen, das eine Sonne in ihrem Gesicht explodieren lässt. Jemand sagte mal zu ihr: „Carmen, wenn du keine Ohren hättest, dann könntest du einmal um 360 Grad lächeln.“ Ich spreche nicht nur von ihren Blicken, ihren Bewegungen oder ihrer Sprache und ihrem Denken. SIE als Mensch ist schön. Von innen nach außen. Und von außen nach innen.

Ich liebe Carmen. Ja – ihr wisst. Ich liebe viele Menschen. Und ich empfinde für allgemein viele Dinge Liebe. Ich empfinde Liebe für den Löwen, der mir heute im Traum eine Erkenntnis schenkte, ich liebe den Vollmond, den Neumond und den „irgendwas-dazwischen-Mond“, ich liebe die Sterne in den finstersten Nächten, liebe aber auch die Sonne am Tag und die Sonne, die wie ein weißes Loch am Horizont aussieht, wenn der Nebel schwer im Himmel hängt. Ich liebe, wenn Schmetterlinge um sich herum tanzend in der Luft flattern, liebe die Vögel, die von einem leichten Ast abheben, liebe die Hummeln, die fliegen können, weil sie nicht daran denken, dass es physisch gesehen eine Unmöglichkeit ist, ich liebe das Reh-Mädchen, liebe die alte Frau, die mir letzte Woche zwei Stunden von ihrem Leben erzählt hat, ich liebe das Wasser, liebe aber auch den Himmel, liebe die Erde und vor allem Bäume. Ich liebe den Duft des Sommers, des Frühlings, des Herbstes, aber vor allem den des Winters, weil der am intensivsten ist. Ich liebe die Momente, in denen ich ruhig daheim sitze und meine Gedanken fließen, liebe auch auch die Tage, an denen ich nur unterwegs bin, an denen ich aufdrehe, lache und das Kind in mir zu spielen beginnt. Ich liebe es, jeden Tag in die Arbeit zu gehen, liebe Kollegin A, Kollegin B, Kollegin C. Ich liebe sogar meinen Chef und liebe den Weg, den der Bus jeden Morgen fährt. Ich liebe die Schwäne auf unserem See, die das Wasser so bedecken, dass es aussieht, als würde 365 Tage durchgehend Schnee auf dem Wasser schwimmen. Ich liebe es laut, ich liebe es leise, ich liebe es, wenn es tobt oder wenn es ruhig wiegt.

Ich kann nicht ausdrücken, für was ich alles Liebe empfinde, was alles mich begeistern kann.

Aber Carmen hat es mir gezeigt, hat mir das Gefühl wachgeküsst, das ich schon vor 3 Jahren durch Sevin entdeckte, von der ich damals erzählte.

Was jetzt zwischen Carmen und mir ist? Gute Frage.

Carmen und ich haben uns die letzten Tage jeden Tag gesehen. Ich hielt ihre Hand, wir küssten uns – und ihre Küsse entfachen eine Feuerbombe in mir! Ich kann mich nicht daran erinnern, jemanden jemals geküsst zu haben, der so eine Intensivität in mir auslöst. Der verursacht, dass mein Herz wie ein verdammt dicker Brocken in meinem ganzen Körper schlägt. Der mein Magen in Flammen lodern lässt, meinen Körper gleichzeitig aber Kopf bis Fuß eiskalt erzittern lässt. Es sind Gefühle die sie in mir auslöst, bei denen ich mit dem Atmen kaum hinterherkomme, weil die Momente so schön sind, dass alles still zu stehen scheint.

Sie fährt mich jeden Tag nach Hause. Dann sitzen wir noch Ewigkeiten vor der Wohnung meiner Eltern (ich bin momentan in München), weil wir uns nicht verabschieden können. Wir schauen uns dann einfach nur ganz lange an, spielen mit unseren Händen oder küssen uns… und die Zeit verstreicht und verstreicht und verstreicht und wir merken es nicht einmal.

Gestern Abend war ich bei ihr. Wir haben einen Filmabend gemacht. Beim zweiten Film kam mir aus dem Kontext plötzlich ein Gedanke und ich war auf einmal zu  tiefst verwirrt, weil ich etwas, was ich bisher für so selbstverständlich hielt, einfach nicht mehr begriff. Es war wirklich seltsam – ich kapierte es einfach nicht mehr. Der Sinn war mir völlig entfolgen. Da war einfach nur so ein drehender Kreis, in dem ich ständig: „Warum, warum, warum, warum“ hörte.

Und das sind unsere Festlegungen. Oder meine – ich habe mir vorgenommen, nicht mehr für „uns“ zu sprechen, sondern nur noch für mich. Das umzusetzen ist gar nicht so leicht 😀

Damit meine ich… diese Festlegungen, von wegen: „Sie ist meine Freundin“ oder das „Ich bin ihre Freundin“. Was ist eine Liebesbeziehung überhaupt? Beziehungen habe ich ja zu allen Menschen auf dieser Welt. Warum muss ich sagen, SIE ist meine Freundin? Wieso wollen alle meine Freunde wissen, ob ich jetzt mit Carmen zusammen bin?

Ich teilte meine Gedanken gestern mit Carmen, als ich in ihrem Arm lag und wir den Film schauten, weil ich wirklich dachte, vor Verwirrung zu platzen. Ich sah sie stirnrunzelnd an und meinte: „Was ist eigentlich eine Beziehung?“

Sie war irritiert von dieser plötzlichen Frage. Und ich versuchte ihr zu erklären, was mir gerade durch den Kopf ging. Ich liebe sie. Das weiß sie. Ich genieße jede Sekunde mit ihr, liebe ihr Lachen, ihre Nähe fühlt sich schön an. Ich weiß, dass ich im Moment keinen anderen Menschen an meiner Seite will als sie – weil sich gerade alles vollkommen anfühlt. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass nichts „für immer“ ist. Diese „große, wahre Liebe“ gibt es ja so in dem Sinne nicht (ich bin immer noch davon überzeugt, dass WIR das sind). Ich LIEBE jeden Augenblick mit ihr, aber kein einziges Mal habe ich daran gedacht, das, was zwischen uns ist, zu betiteln, weil ich es einfach lebe und genieße. Ich meine, wieso verlangt jeder Mensch von mir einen Status? Carmen ist Carmen. Das hat sie gestern auch gesagt. Sie dachte wirklich lange über meine Frage nach und merkte auch, dass das eigentlich kaum zu beantworten ist.

Sie sagte auch, sie fände es total schräg, dass die Menschen eine Person in eine Schublade stecken. Und zwar eben genau mit dieser Statusfrage. Wenn sie jemand fragt, wer ich bin, dann sagt sie: „Jessica.“ Hey. Das bin ICH! Das lässt einen so großen, weiten Raum offen. Ich kann alles sein, ich bin alles. Aber sobald sie sagen würde: „Das ist Jessica, meine Freundin“… seht ihr, wie unglaublich machtvoll diese eine Aussage ist? Die schränkt vollkommen ein. Ich würde reduziert werden. Und Fakt ist doch, dass ich niemandem gehöre. Und sie auch nicht. Es gibt zwar ein „wir“, aber trotzdem sind wir jeder für uns frei.

Und als ich das sagte, spürte ich plötzlich, dass ihr irgendwas klar wurde. Sie meinte dann, sie denkt, sie versteht jetzt endlich, warum sie ihr Leben lang immer nur Fernbeziehungen hatte. Klar. Das war mir seltsamerweise von Anfang an klar. Ich musste gar nicht darüber nachdenken, für mich war das vollkommen offensichtlich, aber für sie scheinbar nicht, was mich überrascht.

Und ich meinte dann zu ihr: „Ich verstehe dich. Aber… weißt du, du kannst auch distanzlos eine Fernbeziehung führen.“ Damit meinte ich – sie IST frei. Auch wenn sie sich einbildet, sie wäre es nicht. Sie IST es. Das sind wir alle. Die Grenzen setzen wir uns selber. Und deshalb geht es uns dann schlecht, weil wir innerlich eigentlich WISSEN, dass wir freie Menschen sind, aber unser Kopf oder unser soziales Netzwerk, unser System, uns das Gefühl gibt, uns einschränken zu müssen – was ja, wie gesagt, bei diesem Status Thema schon beginnt.

Und dann spürte ich plötzlich nur noch die Räder in ihrem Kopf arbeiten. Sie war völlig in Gedanken und ich ließ ihr kurz ihre Ruhe, sagte nichts mehr. Ihre Gedanken arbeiteten aber so stark, dass ich es förmlich selber im Kopf spüren konnte. Also fragte ich doch, was los sei. Worüber sie nachdenkt und warum ihr Kopf gerade so unglaublich arbeitet.

Sie musste mehrmals ansetzen – sie lachte. Sie lacht, wenn sie verwirrt ist. WAH, wie ich dieses Lachen liebe! Sie schüttelte den Kopf, atmete mehrmals durch und meinte: „Ich weiß gerade nicht, was ich will. Das setzt mich unter Druck… ich habe das Gefühl…“

Ich ließ sie gar nicht ausreden, weil ich lachen musste, weil sie es sich gerade so dermaßen schwer macht. Mensch, Carmen ist viel zu verkopft. Ich sagte: „Was heißt das denn? Wenn du nicht weißt, was du willst, dann gibt es da gerade vermutlich einfach nichts. Du musst nichts wollen. Wenn du etwas willst, dann weißt du es!“

Sie hielt kurz inne, sah mir in die Augen und lachte: „Jaaa. Stimmt, klar! Natürlich ist das so!“ Sie lachte wieder, schüttelte den Kopf. Als hätte ich etwas ausgesprochen, was sie ja eigentlich weiß. Als hätte ich sie gerade von der Leitung geschubst, auf der sie gerade saß. Trotzdem, das weiß ich, war das Gefühl noch da, mit dem sie sich unter Druck setzt.

Ich ließ ihr wieder Zeit, um sich zu fangen. Und ich fühlte, dass sie ein schlechtes Gewissen mir gegenüber hat. Sie fragte mich ja auch, ob es sich besser anführen würde, wenn ich, wenn mich meine Freunde fragen, ob wir zusammen sind, dann einfach „Ja“ sagen könnte. Sie bat mich, ehrlich zu sein. Und wahrheitsgetreu muss ich sagen, ich hätte lieber „nein“ gesagt. Das stimmt nicht, es fühlt sich nicht besser an. Andererseits wusste ich, dass mein Gefühl „ja“ sagt. Ja, es würde sich besser anfühlen. Denn mit dem Wort „wir sind zusammen“ schränke ich ja nichts ein. Jedenfalls nicht so fest wie mit „Sie ist meine Freundin“.

Oh mann, auch ich bin vollkommen in diesem System integriert. Aber das soll ja auch so sein. Das ist gut so.

Und deshalb hatte sie ein schlechtes Gewissen. Weil sie einfach nicht sagen kann, dass wir zusammen sind. Sie sei sich in irgendwas nicht zu 100 % sicher, obwohl eigentlich alles – sagte sie – alles dafür spricht. Sie sagte, sie liebt meine Nähe, es fühle sich so schön an, mich zu berühren, mich zu küssen, mich anzusehen, mir beim Reden zuzuhören und mir beim Denken zu folgen. Aber es sei irgendwas da, was von ihr aus kommt, das sie einfach noch nicht loslösen lässt.

Ich sah sie wirklich lange an, weil ich spürte, wie sehr sie das mitnahm. Was mich echt wunderte, weil ich fühlte mich zu keinem einzigen Zeitpunkt schwer, wie wir dieses Thema hatten. Für mich ist das alles so einfach. Ich verstehe gar nicht, warum sie es sich so schwer macht. Ich bin so unkompliziert. Und das sagte ich ihr auch: „Ich glaube, du hast einfach ein Problem damit, weil ich so unkompliziert bin“. Ich sagte das natürlich ironisch und lachte, aber sie sah mich mit so einem lachenden Aha in den Augen an und meinte auch: „Ja. Das war gerade auch mein Gedanke, wirklich.“

Tja. Da lachte ich nur noch. Und dann sagte ich ihr, sie solle sich nicht schlecht fühlen deshalb. Ich laufe ihr nicht weg, ich bin ja da. Ich bin ja auch da, wenn ich 100 km entfernt bin. Vor zwei Tagen hatten wir ja auch schon darüber gesprochen, dass sie das Gefühl hat, irgendwie noch nicht vollkommen bei sich angekommen zu sein und dass sie deshalb nicht offen wäre, sich auf einen neuen Menschen einzulassen. Und in diesem Gespräch sagte sie, sie will mich aber auf keinen Fall aus ihrem Leben verlieren… Deshalb erinnerte ich sie gestern daran. Dass ich da sein werde, wann immer sie möchte.

In dem Moment spürte ich, wie ein Blitz, dass sie jetzt Raum braucht. Ich weiß nicht, wieso, aber ich habe es im Gefühl gehabt, dass sie gerade alleine sein muss. Das hat absolut nichts mit mir zu tun gehabt, aber irgendeine Energie war plötzlich in diesem Raum, die mir sagte, ich muss ihr dringend Luft lassen, sonst erschlagen sie ihre Gedanken. Also sagte ich: „Möchtest du, dass ich dir für heute Abend deinen Raum lasse?“… Und in dem Moment hatte ich das Gefühl, sie hält eine gefühlte Ewigkeit die Luft an, bevor sie fassungslos den Kopf schüttelte und lachte.

Sie sagte: „Nein… das hast du jetzt nicht wirklich gesagt?“
Ich lachte auch, weil ich wusste, dass sie genau diesen Gedanken in dem Moment hatte. Es fiel ihr so schwer, es auszusprechen – ach was, sie schaffte es gar nicht. Ich nahm ihr Gesicht in die Hände und sagte, sie soll ganz ruhig bleiben, es sei alles gut. Ich hätte ja gespürt, dass sie das braucht und dass das absolut kein Problem ist – war es wirklich nicht!!! Ich fühlte mich wirklich GUT!

Irgendjemand sagte mal, Zeit sei der größte Reichtum und das größte Geschenk, das man besitzen konnte. Und das habe ich. Ich habe alle Zeit der Welt. Ich meine – wofür sollte ich rennen? Ich bin vollkommen ruhig. Und das ist mein purer Ernst. Ich habe keinen Stress. Ich war auch gestern durchgehend absolut entspannt und verstand kaum, wieso sie sich so… durcheinander brachte. Sie war völlig sprachlos, als ich ihr das mit der Zeit sagte. Und sie sagte dauernd kopfschüttelnd: „Das ist unmöglich. Das ist nicht wahr! Wie machst du das? Kannst du meine Gedanken lesen?“ Sie war unbeschreiblich dankbar, dass ich ihr das abgenommen habe – das Angebot, dass sie jetzt ihre Zeit für sich braucht, meine ich.

Sie fuhr mich dann nach Hause. Das war ihre Bedingung. Im Auto lachten wir wieder viel, küssten uns, sahen uns lange in die Augen. Und kurz bevor ich ausstieg meinte ich noch zu ihr, sie solle sich alle Zeit der Welt nehmen. Sie soll sich einfach melden, wenn sie das Gefühl hat, sie kann mich wieder sehen. Egal ob morgen, übermorgen oder in einer Woche. Ich laufe nicht weg. Und wenn sie bereit ist, stehe ich unten auf der Straße und warte auf sie. Das sagte ich halblachend.

Und sie konnte wieder nur den Kopf schütteln. Sie legte ihre Wange auf meine…. sie seufzte oft sehr tief und sehr.. zittrig – oh Gott, wie sehr ich spürte, dass etwas in ihr arbeitet! Ich konnte kaum erwarten, ihr die Luft zu geben, die sie gerade brauchte! Und sie meinte noch: „Ich kann das nicht glauben. Du kannst nicht echt sein. Und du bist erst 19!“ – AH! Ich habe dieses Wort aus meinem Wortschatz gestrichen. Das sagte ich ihr vor zwei Tagen schon. Deshalb sagte ich nur stirnrunzelnd: „Was ist das?“

Sie lachte, weil sie meinen Witz sofort verstand.
„Ach! Irgendwas zu Essen.“
„Neee. Echt?“
„Ja, etwas Exotisches.“
„Gibt’s das auf Kreta? Dann musst du mir das unbedingt mal zeigen. Hört sich lecker an.“

Und wir lachten wieder. (Sie liebt Kreta!).

Nun… zum Abschied küssten wir uns wieder. Einer dieser unfassbar intensiven, tiefen küsse, die mich von oben bis unten durchziehen. Ich habe das Gefühl, das brachte sie wieder völlig aus der Bahn. Sie musste wieder zitternd ausatmen…und dann küsste ich ihr auf die Stirn und ging.

Sie fuhr, und als ich durch unseren Innenhof zur Wohnung meiner Eltern lief, musste ich in den Himmel schauen und … den Kopf schütteln und ich selber fragte die Sterne, was gerade los ist. Was das ist! Was ist denn das? Was passiert mit mir? Wie kann ich so….. beflügelt sein? Und das ist es, was ich meine. Carmen … löst immer wieder dieses komische Gefühl in mir aus, als würde ein kleiner Vogel in meinem inneren Erdboden sitzen und warten und warten und warten und plötzlich abheben und fliegen.

Es fühlt sich einfach alles richtig an, momentan. Ich habe das Gefühl, dass nichts im Leben falsch laufen kann. Und das ist einzigartig.

Und jetzt… genieße ich meine Tage (am Donnerstag bin ich mit meinem Rudel auf einer After Work Party – WUHU, darauf freue ich mich schon!!!)… und bin sehr, sehr gespannt, was mir Carmen die nächste Zeit erzählen wird……………..

Re-Blog [Was sich dreht, kommt immer an]

Heute muss ich etwas Rebloggen. Das liegt daran, dass mein Leben gerade Zusammenhänge erkennt, und weil ich den Menschen diese Zusammenhänge erklären, zeigen, ach, was auch immer möchte.

Heute geht es um Sevin. Die Frau, die ich Ende 2013 kennen lernte.


Es war im November. Das weiß ich noch genau. Wir unterhielten uns, schrieben und mich faszinierte ihre Denkweise. Sie schrieb Dinge, die ich fühlte, aber nicht greifen konnte. Mein Herz bejahte alles, was sie schrieb. Gab ihr bedingungslos recht. Aber mein Verstand blockte bei jeder kleinsten Versuchung, diese Informationen, diese Konversationen, in mein Innerstes gelangen zu lassen.

Ich schrieb ihr. Und wenn ich schreibe, ist das meistens so, dass nicht mein Verstand tippt, sondern…. ich weiß nicht, was das ist… aber manchmal lese ich es mir wieder durch und denke mir: „Habe ICH das geschrieben???.“ .. als würde mein Unterbewusstsein durch das Schreiben unbemerkt an die Oberfläche gelangen und sich so bemerkbar machen wollen. Als wäre es gefangen und würde nur dauernd schreien. Ich weiß, es klingt absurd, aber genauso fühlt sich das an…..

Und ja…. Sevin und ich waren uns einig: wir wollen uns unbedingt mal treffen. Das war nicht besonders einfach, da sie gute vier Stunden mit dem Zug (und da das zu teuer – 5,5 Stunden mit dem Bus) von mir entfernt wohnte. Aber das war mir egal. Mir war alles egal. Ich wollte sie persönlich kennen lernen. Uns war auch der Altersunterschied unwichtig. Meine Eltern sind zum Glück sehr tolerant (gewesen – schon immer). Was vermutlich daran liegt, dass ich das einzige, noch lebende Kind von 3 bin. (Ich bin 12 Jahre nach meinem letzten Geschwisterteil auf die Welt gekommen) – aber das ist alles eine andere und hier nicht wichtige Geschichte. Jedenfalls muss das wohl der Grund sein, dass meine Eltern mich so umgarnen und alles tun würden, damit ich glücklich bin. Und sie wissen genau, ich kann gut einschätzen, was mir gut tut und was nicht.

Also fuhr ich am 03.01.2014 bis zum 05.01.2014 (also ein Wochenende) zu Sevin. Und unsere Gesprächsthemen waren die, die mir mein Herz öffneten.
Es waren Themen, mit denen ich in meinem Leben noch nie mit jemandem habe reden können, obwohl ich sie so wahnsinnig interessant finde. Obwohl sie mich fesseln und obwohl ich das Gefühl habe, dass dieses Thema Teil von meinem Leben ist:

Die Liebe.

Sevin – ich lernte in ihr einen Menschen kennen, von dem ich dachte, dass die Liebe höchstpersönlich vor mir sitzt. Sie lehrte mir, dass Liebe nicht ist, weil, punktpunktpunkt Sondern Liebe IST, Ausrufezeichen. Liebe ist nichts, was einen Grund hat. Liebe ist einfach. Liebe passiert. Liebe entfacht keine Fragen. Liebe stellt kein Warum dar und auch kein „Warum nicht“. Liebe ist nichts, was von außen kommt. Liebe ist innen. Alles ist Ich.

Und … manchmal war ich so überwältigt von diesen Dialogen, die wir wechselten, von diesen Gedankentiefen, die wir austauschten, dass ich fast das atmen verlor, dass ich mir manchmal nicht sicher war: ist Sevin wirklich ein Mensch? (ich weiß, das klingt unglaublich abgedreht, aber so fühlte ich mich in dieser Phase auch – völlig abgedreht, abgelöst, schwerelos. Irgendwo in Gedanken schwebend, aber nicht in dem Jetzt.)

Aus dieser Zeit mit ihr lernte ich, dass man Liebe nicht geschenkt bekommt – oder, oder. Sondern Liebe passiert von einem selbst aus. Man kann nicht lieben, wenn man sich selbst nicht liebt – jedenfalls nicht ehrlich. Nicht vollkommen. Das ist schwer, das zu beschreiben, weil das Thema so unglaublich komplex ist und außerdem ein riesengroßer ‚Mindfuck‘. Jeder Mensch lebt anders, jeder Mensch denkt anders. Und ich dachte auch, Sevin sei die einzige, die so denkt, die so sieht, die so fühlt. Und dass sie mir nur ihre Sichtweise näher bringen will. Aber ich bejahte. Wie gesagt. Mein Herz bejahte. Und ich war schon immer ein Herzmensch. Mein Kopf spielt in so wenigen Dingen eine Rolle. Klar, zersetze ich viele, wirklich sehr viele Geschehnisse in meinem Kopf, versuche zu analysieren. Aber im Endeffekt war es immer mein Herz, das die Entscheidungen traf, und das völlig unabhängig von dem, was mein Verstand arbeitete.

Durch Sevin verstand ich, wurde mir klar, dass Liebe ersättlich ist. Komplett ersättlich. Wenn man vollkommen, wirklich ehrlich liebt, dann kann man geben, ohne nehmen zu müssen/wollen. Wenn man diesen Weg, diesen Ursprung der Liebe in einem selbst gefunden hat, wenn man aufhört alles, gottverdammt nochmal, wirklich jeden Mist, jede Kleinigkeit zu zersetzen, zu analysieren und einfach alles passieren lässt, ohne darüber nachzudenken… wenn man einfach mal darauf vertraut, dass alles, wirklich alles seinen Grund hat – bedingungslos, ausnahmslos – dann ist man vielleicht schon auf dem richtigen Weg.

Aber es ist so schwer. Es ist wirklich schwer. Denn dieser innere Ursprung wird von Geburt an beeinflusst. Man ist nicht, wie man ist. Man ist nicht mehr der Ursprung seines selbst. Wenn ein Baby auf die Erzeuger angewiesen ist, zu überleben, und schreit, weil es nicht anders mitteilen kann, und mitbekommt – denn Babys fühlen sowas! – dass die Mutter völlig gestresst, entnervt fragt, was nun schon wieder los sei, dann fängt diese Manipulation schon an. Und sie wird immer fortgesetzt. Uns wird das Sprechen beigebracht. Uns werden Wörter eingetrichtert, wie sie die anderen sagen, die wir in unser Wortschatz aufnehmen, der vom Ursprung her vielleicht ganz anders wäre. Wir übernehmen Gewohnheiten, weil sie uns vorgelebt werden. Von.Anfang.An. Und wir machen es einfach nach – weil wir es nicht anders kennen. Wir Menschen sind alle nur noch Kopien. Wir sind alle Imitationen eines anderen. Ein Höllenkreislauf, der nicht aufhört.

Wer, verflucht nochmal, hat zum Beispiel festgelegt, dass dicke Frauen keine Miniröcke tragen dürfen? Wer sagt, dass eine Frau, die 150 Kilo wiegt, nicht schön ist? Wer sagt das? Wer hat angegeben, was ’schön‘ ist? Das gibt es nicht. Es gibt kein ’schön‘ und kein ‚hässlich‘. Das sind alles ekelhafte Idealismen, die irgendein Mensch erfand und nach denen wir nun leben. Wer, wo, wann dieser Kreislauf begonnen hat …. Woher weiß ich das? Ich meine, prinzipiell weiß ich gar nichts! Aber mir reicht zu wissen, dass ich nichts weiß. Das alles was ich hier schreibe, sind ja auch nur meine Weltansichten, meine Beobachtungen, meine eigenen Wahrheiten! Ich will auch niemanden von irgendwas überzeugen oder oder oder. Das ist einfach alles, was ich denke, was ich fühle. Wovon ich überzeugt bin.

Menschen leben nur noch nach Gehorsam.
Wer sagt, dass das, was Politiker, der Staat, Päpste, wasauchimmer, sagen, richtig ist? Warum werden solchen Leuten ohne manchmal genauer darüber nachzudenken, geglaubt?
Hitler… Hitler war EIN Mann. Ein einziger Mann, der seine Meinung durchsetzte, der sein Glauben durchsetzte. Und Millionen haben sich seinem Denken angeschlossen, seinem Handeln, ohne auch nur das Geringste daran zu hinterfragen. Aber hier schließt sich wieder der Kreislauf: denn wer hat Hitler erschaffen?
Das waren wir: die Menschen. Denn von nichts kommt nichts.
Eine Spirale…

Jedenfalls … war Sevin der Auslöser für jene Gedankengänge. Natürlich schlummerten sie schon immer in mir, aber ausgelöst hat Sevin sie. Seitdem versuchte ich die Welt mit Liebe zu begegnen. Alles, was mir widerfährt, dankend anzunehmen, egal wie schmerzhaft das ist.

Sevin und ich verloren uns aber aus den Augen (auch lange Geschichte und keine Lust sie auszubreiten)…. ich hielt lange an diesem Glauben fest, versuchte diese Entdeckung festzuhalten und sie umzusetzen. Zu lieben, die eigene, vollkommene Liebe zu finden. Aber irgendwie verlor sich das….

Vor vier Wochen war ich in einem Club mit einem Mädel. Es war ein unglaublich lustiger Abend. Ich hatte unendlich viel Spaß. Ich fühlte mich einfach frei. Ein junger Mann bat um meine Hand und tanzte mit mir. Ich tanze, lachte, flog und fühlte mich schwerelos. Und an diesem Abend lernte ich eine Frau kennen. Bzw. war das eigentlich nur ein flüchtiger Wortwechsel. Wir tanzten uns immer wieder mal über den Weg und tauschten schließlich Nummern, obwohl wirklich nicht großartig eine Unterhaltung entstand aber wir fanden uns irgendwie sympathisch. *Deria gab mir also ihre Nummer und schlug vor, dass sie mich mal zum Abendessen oder so einlädt. Ich sagte, dass sich das fantastisch anhört (ohne irgendwelche Hintergedanken!). Aber wir hielten keinen Kontakt.
Bis gestern.
Ich bekam einen Anruf und als ich den Namen Deria auf meinem Display sah, war ich erst völlig verblüfft, gleichzeitig aber auch erfreut und hob ab.

Deria entschuldigte sich, dass sie sich so lange nicht gemeldet habe. Ich hatte ihr das zu keiner Sekunde übel genommen! Im Gegenteil, ich dachte mir schon, dass das seinen Grund haben wird. Sie sagte, die Einladung zum Essen würde immer noch stehen. Und sie redete so impulsiv, so enthusiastisch und fast euphorisch. Sie sagte, sie hätte einfach sowas wie eine Umbruchsphase in ihrem Leben. Dass das der Grund ist, warum sie momentan fast nichts macht, sich nicht bei Freunden meldet. Sie sagte irgendwas von: Sie habe etwas außergewöhnliches entdeckt, was sie fasziniert und was ihr einfach gut tut. Sie will dieses Gefühl genießen, wolle es verinnerlichen und deshalb einfach Zeit – ganz alleine für sich – verbringen. Schließlich kamen wir auf das Thema, was sie so beschäftigte. Und dieses Thema haute mich so aus den Socken, dass ich eigentlich so gut wie gar nicht dazu fähig war, einen vollständigen Satz zustande zu bringen. Es war exakt das Thema, was Sevin und ich vor einem Jahr aufgegriffen hatten. EXAKT dieses Thema.
Ich erzählte ihr davon, von Sevin – obwohl ich schon seit langer Zeit nicht mehr über Sevin nachdachte – und erzählte ihr, wie identisch ihre Gedankengänge sind. Nicht in der Wortwahl und im Empfinden oder Erleben. Aber vom Sinn her war es genau dasselbe.

Ich erzählte ihr, dass ich von dieser These abgelassen hätte, nachdem mir mein Hund genommen wurde. Ich sagte ihr: „Ich habe lange versucht diese Erfahrung zu verinnerlichen und umzusetzen. Habe mich gebremst, wenn ich anfing zu analysieren. Ich dachte, ich bin auf dem richtigen Weg. Aber als mir mein Hund genommen wurde, fragte ich mich, ob ich mir das nicht nur eingebildet hatte. Denn, wenn ich wirklich so weit gewesen wäre, wie ich es geglaubt hatte, warum warf es mich dann so immens aus der Bahn, dass mein Hund weg war? Warum tat mir das so unbeschreiblich weh? Weshalb hatte ich das Gefühl, an seelischem Schmerz zu ersticken?“

„Ich kann dir sagen, warum. Du hast es selbst gesagt, in dem Moment, in dem du sagtest „ich dachte…“ Du hast das Verfahren in Frage gestellt, hast nicht darauf vertraut, du hast das Schicksal, oder das, was eben passiert ist – whatever – herausgefordert. Du hast diese Energie herausgefordert, dich zu testen. Und in dem Fall war das der Verlust deines Hundes.“

Und mir wurde von einer Sekunde auf die andere schlagartig klar: sie hatte recht.
Deria sagte mir, dass sie an irgendwas glaubt. Sie wüsste nicht an was, aber irgendwas sei da. Nicht Gott oder das ganze eingetrichterte Tralala, sondern irgendeine Energie, Atmosphäre, wasauchimmer. Und genauso empfinde ich auch. Ich WEIß, dass da etwas ist, ohne es benennen zu können. Genau das sagte Sevin auch immer. Bzw… sie meinte, sie glaube an das, an was die Menschen glauben: an Gott. Nur dass sie diese „Gottheit“ nicht als das sieht, wie sie die Menschen sehen und dass diese Gottheit nicht „Gott“ ist, sondern ganz einfach die Liebe, die sich als Atmosphäre bemerkbar macht. Etwas, was jeder besitzt, aber niemand wirklich findet. So ähnlich sagte ich das Deria. Dass Sevin meinte, dass es eine Atmosphäre gibt…. und diese Atmosphäre – ganz einfach – die Liebe ist. Und Deria schrie fast auf: „JA GENAU!. Genau das meine ich!


 

Diesen Beitrag Das schrieb ich vor zwei Jahren.

Und heute kann ich mir eine Antwort auf viele Fragen geben, die ich damals noch hatte. Zum Einen auf den letzten Abschnitt. Wonach suchen wir? Was ist das, was wir fühlen, dass es das gibt, aber nie finden?

Das sind WIR! Das, was wir suchen, wonach wir uns sehnen, diese eine Liebe, also… diese „Liebe des Lebens“, das ist IN uns drinnen! Und DAS … muss man entdecken, muss man kennen lernen und finden und fühlen und festhalten. Man muss mit sich selbst an der Hand durch das Leben gehen. Und DAS ist auch die Energie, die Atmosphäre oder das Etwas, nach dem Deria und ich in unserem Gespräch gesucht haben.

Wir suchen ein Leben lang nach uns selbst und viele von uns finden dieses Unersättliche nicht…. weil sie es nicht erkennen.

Und ich WEIß, dass ich auf einem guten Weg bin, weil ich die Erkenntnis schon vor drei Jahren hatte, aber mir erst heute die felsenfeste Antwort darauf klargeworden ist. Ich muss diese Antwort und diese Erkenntnis nun nur noch leben. Und vielleicht kann ich das, was in mir ist… die Seele, die Energie, den Geist (keine Ahnung, was das ist), dann kann ich es nach meinem Tod gehen lassen. Vielleicht habe ich irgendeinen Geist geschenkt bekommen, der schon lange nach genau dieser Antwort sucht. Und vielleicht habe ich die Aufgabe, ihm das zu erfüllen, wofür er existiert… Ich denke.. nein, ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass das so ist… das sagt mir mein Gefühl.

Und ich denke, deshalb bin ich glücklich. Ich habe keine Angst vor dem Tod, keine Angst vor Schicksalsschlägen, keine Angst vor Schmerzen, keine Angst vor Verlusten, keine Angst vor Schlägen, körperlich oder mental, denn… und da bin ich mir zu 100 % sicher – alles, was passiert, hat seinen Grund. Und das Leben ist eine Spirale, ist ein Spiegel und… es gibt nichts „Falsches“. Alles, was passiert, wird so gewesen sein müssen.

Und ihr müsst jetzt alle denken: oh Gott, dieses Mädchen ist verrückt. Lebt gerade mal ein viertel Leben (wenn man davon ausgeht, ich werde 80) und redet schon so ’ne abgedrehte Scheiße. 😀

 

Das Reh-Mädchen

Das Reh-Mädchen

 

Seit einiger Zeit sehe ich in der Früh jeden Tag ein Mädchen im Bus. Der Bus ist meistens relativ voll. Sie hat Augen, wie ein scheues Reh, das überall Gefahr wittert. Die Lippen zu einem Spalt geöffnet, staunend durch die Gegend starrend. Das braunhaarige, kleine Mädchen ist eine Beobachterin.

Sie trägt diesen pink-blauen Scout Rucksack. Ein Anhänger aus Kupfer ist dran genäht. Ein Hufeisen. Neben dem Hufeisen ist ein Bild eines Wildpferdes. Der Rucksack sieht sehr alt aus. Das ist mir schon beim ersten Mal aufgefallen.

Die ersten paar Male beobachtete sie mich mit diesen scheuen, skeptischen Reh-Augen. Ich lächelte sie an. Sie lächelte zurück. Nicht schüchtern. Sondern offen, ehrlich, erfreut. Als hätte sie nur auf dieses Lächeln gewartet.

So passiert es die nächsten weiteren Male. Jeden Morgen.

Sie suchte mich mit ihren Blicken, um mein Lächeln zu bekommen. Sie bekommt es jeden Tag. Ich lächle sie gerne an, sie ist nämlich ein kleiner Stern. Und alle Kinder sind kleine Sterne – alle Sterne verdienen ein Lächeln.

Irgendwann stieg ich wieder in den Bus, mit dem ich nun viel lieber fuhr, weil ich mich freute, die Kleine wiederzusehen. Diesmal saß sie an einem Viererplatz. Ihr Scout-Rucksack besetzte einen Sitz, sie suchte wieder mein Lächeln, ich schenkte es ihr, sie forderte mich mit dem Blick auf, mich neben sie zu setzen.

Innerlich musste ich über diese zuckersüße Geste lächeln und setzte mich neben sie. Sie sah mich die ganze Zeit an, was ich aus den Augenwinkeln bemerkte.

So ging das nun jeden Morgen. Sie besetzte jeden Tag in der Früh einen Platz für mich, neben sich. Ich fing an ihr zu grüßen, das erhaschende Lächeln wurde zu einem freundschaftlichen Lächeln. Ich mag sie. Sie weckt das Gefühl einer großen Schwester in mir, die ich immer sein wollte, aber nie sein konnte.

Das letzte Mal, als sie an der Bushaltestelle zu den Schulen ausstieg, sah sie zu mir in das Fenster, als der Bus weiter fuhr, und lächelte mir hinterher. Ihre Reh-Augen offen und erweckt.

Heute setzte ich mich wieder neben sie. Wie seit kurzer Zeit jeden Morgen, grüßten wir uns wieder lächelnd, mit einem „Guten Morgen“. Sie schielte mich wieder von der Seite an. Immer wieder. Und ich schenkte ihr ihr jedes Mal ein Lächeln, ohne sie anzusehen, und sie lächelte verlegen zurück.

Heute sprach sie mich an. Ich war zutiefst überrascht.

„Ich bin *Iliana. Wer bist du?“

Ich sah sie an, lächelte. Ein Vogel in meinem Kopf verließ den Erdboden. Ein so unglaublich mutiges Reh-Kind. Ich hätte nicht damit gerechnet.

„Ich bin Jessica.“

Und wir kamen in ein kurzes Gespräch.

Iliana spricht nicht gut Deutsch. Ich habe erfahren, dass sie 8 Jahre jung ist. Sie kam vor 2 Monaten aus Syrien und geht seit kurzem hier zur Schule, in die 1. Klasse. Dort lernt sie unsere Sprache.

Sie versteht mich nur gebrochen. Aber sie versteht mich. Und ich bin erstaunt, wie gut sie nach dieser kurzen Zeit schon Deutsch spricht.

Aber jetzt erklärt sich mir auch der sehr alte Rucksack von Scout.

Ich hatte nach ihren Eltern gefragt. „Wohnst du hier bei deinen Eltern?“

Ich glaube, sie hat meine Frage nicht verstanden. Sie wartete mit ihrer Antwort. Sagte mit diesem permanent verlegen-offenen Lächeln dann aber nur kurz angebunden: „Zuhause.“

Dann wandte sie sich ab. Ich bohrte nicht weiter nach.

Mich interessiert sehr, was sie wohl erlebt hat. Wohnt sie noch bei ihren Eltern? Ist sie in einer Flüchtlingsunterkunft? Aber wieso fährt sie dann nach 2 Monaten schon alleine Bus? Was meinte sie mit „Zuhause“? Hier? Oder Syrien…?

Ich bin gespannt, was sie mir nächste Woche erzählen wird.

 

©Foto: st.gde-fon.com