Das Reh-Mädchen

Das Reh-Mädchen

 

Seit einiger Zeit sehe ich in der Früh jeden Tag ein Mädchen im Bus. Der Bus ist meistens relativ voll. Sie hat Augen, wie ein scheues Reh, das überall Gefahr wittert. Die Lippen zu einem Spalt geöffnet, staunend durch die Gegend starrend. Das braunhaarige, kleine Mädchen ist eine Beobachterin.

Sie trägt diesen pink-blauen Scout Rucksack. Ein Anhänger aus Kupfer ist dran genäht. Ein Hufeisen. Neben dem Hufeisen ist ein Bild eines Wildpferdes. Der Rucksack sieht sehr alt aus. Das ist mir schon beim ersten Mal aufgefallen.

Die ersten paar Male beobachtete sie mich mit diesen scheuen, skeptischen Reh-Augen. Ich lächelte sie an. Sie lächelte zurück. Nicht schüchtern. Sondern offen, ehrlich, erfreut. Als hätte sie nur auf dieses Lächeln gewartet.

So passiert es die nächsten weiteren Male. Jeden Morgen.

Sie suchte mich mit ihren Blicken, um mein Lächeln zu bekommen. Sie bekommt es jeden Tag. Ich lächle sie gerne an, sie ist nämlich ein kleiner Stern. Und alle Kinder sind kleine Sterne – alle Sterne verdienen ein Lächeln.

Irgendwann stieg ich wieder in den Bus, mit dem ich nun viel lieber fuhr, weil ich mich freute, die Kleine wiederzusehen. Diesmal saß sie an einem Viererplatz. Ihr Scout-Rucksack besetzte einen Sitz, sie suchte wieder mein Lächeln, ich schenkte es ihr, sie forderte mich mit dem Blick auf, mich neben sie zu setzen.

Innerlich musste ich über diese zuckersüße Geste lächeln und setzte mich neben sie. Sie sah mich die ganze Zeit an, was ich aus den Augenwinkeln bemerkte.

So ging das nun jeden Morgen. Sie besetzte jeden Tag in der Früh einen Platz für mich, neben sich. Ich fing an ihr zu grüßen, das erhaschende Lächeln wurde zu einem freundschaftlichen Lächeln. Ich mag sie. Sie weckt das Gefühl einer großen Schwester in mir, die ich immer sein wollte, aber nie sein konnte.

Das letzte Mal, als sie an der Bushaltestelle zu den Schulen ausstieg, sah sie zu mir in das Fenster, als der Bus weiter fuhr, und lächelte mir hinterher. Ihre Reh-Augen offen und erweckt.

Heute setzte ich mich wieder neben sie. Wie seit kurzer Zeit jeden Morgen, grüßten wir uns wieder lächelnd, mit einem „Guten Morgen“. Sie schielte mich wieder von der Seite an. Immer wieder. Und ich schenkte ihr ihr jedes Mal ein Lächeln, ohne sie anzusehen, und sie lächelte verlegen zurück.

Heute sprach sie mich an. Ich war zutiefst überrascht.

„Ich bin *Iliana. Wer bist du?“

Ich sah sie an, lächelte. Ein Vogel in meinem Kopf verließ den Erdboden. Ein so unglaublich mutiges Reh-Kind. Ich hätte nicht damit gerechnet.

„Ich bin Jessica.“

Und wir kamen in ein kurzes Gespräch.

Iliana spricht nicht gut Deutsch. Ich habe erfahren, dass sie 8 Jahre jung ist. Sie kam vor 2 Monaten aus Syrien und geht seit kurzem hier zur Schule, in die 1. Klasse. Dort lernt sie unsere Sprache.

Sie versteht mich nur gebrochen. Aber sie versteht mich. Und ich bin erstaunt, wie gut sie nach dieser kurzen Zeit schon Deutsch spricht.

Aber jetzt erklärt sich mir auch der sehr alte Rucksack von Scout.

Ich hatte nach ihren Eltern gefragt. „Wohnst du hier bei deinen Eltern?“

Ich glaube, sie hat meine Frage nicht verstanden. Sie wartete mit ihrer Antwort. Sagte mit diesem permanent verlegen-offenen Lächeln dann aber nur kurz angebunden: „Zuhause.“

Dann wandte sie sich ab. Ich bohrte nicht weiter nach.

Mich interessiert sehr, was sie wohl erlebt hat. Wohnt sie noch bei ihren Eltern? Ist sie in einer Flüchtlingsunterkunft? Aber wieso fährt sie dann nach 2 Monaten schon alleine Bus? Was meinte sie mit „Zuhause“? Hier? Oder Syrien…?

Ich bin gespannt, was sie mir nächste Woche erzählen wird.

 

©Foto: st.gde-fon.com
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