:2: [Ach… wenn ihr wüsstet…]

Einen Monat später war sie fort. In dem Reich, in dem Jule sie schon lange zuvor gesehen hatte. Zumindest mit einem Fuß. Oder mit einer Zehenspitze. All das war aber völlig bedeutungslos. Sie war dort. War schon oft dort gewesen und sie kannte es, dieses Geheimnis zwischen Raum und Zeit. Diesen Ort, in dem das Nichts ihr Alles war.

Jule stand auf ihrem Balkon und sah in den dunklen Himmel, in dem die Sterne ihr entgegen lachten.

»Ist es nicht absurd?«, fragte Jule leise die Sternennacht, »Jetzt ist meine Oma nur noch ein Körper, der dazu bereit liegt, verbrannt zu werden. Und ich frage mich, wer sie wirklich war.« Kopfschüttelnd wischte sie sich eine Träne von der Wange und starrte weiter in den Himmel, als würden ihr die Sterne auf irgendwas Antwort geben.

»Was redest du da?«

»Mama.« Jule drehte sich beinahe erschrocken um.

»Ich kann nicht schlafen.«

»Verständlich«, murmelte Jule. Es ist erst zwei Tage her, seit ihre Oma tot ist. Seit Jutta nun als Waise lebt. Komisch. Kann man eine 56-jährige Frau mit einem Ehemann und Tochter überhaupt noch waise nennen? Oh, dummer Gedanke, Jule. Dummer, dummer, dummer Gedanke!

Natürlich konnte man das. Man konnte nicht leugnen, was man war. Jutta war eine Waise, genauso wie ihr Ehemann Jannis. Und Jule war ein 19-jähriges Mädchen ohne Großeltern.

Aber ja doch. Doch. Es ist absurd. Es ist absurd, weil Oma nicht tot sein kann. Wie ist das möglich? Wie kann sie sich so lebendig anfühlen, wo ich doch vorgestern noch den kalten, toten Kopf ihres Körpers gestreichelt und geküsst habe? Sie ist fort. Sie ist gegangen und wird nie wieder kommen.

»Bist du denn nicht müde?«, fragte Jutta in die schneidende Stille.

»Doch«, log Jule, »Ich wollte eh gerade gehen.«

Sie konnte die Nähe ihrer Mutter gerade nicht ertragen. Prinzipiell hätte sie einfach ihren Koffer packen und wieder nach Hause fahren können – in ihre eigenen vier Wände. Doch irgendwas hielt sie zurück. Vielleicht war es das Pflichtgefühl. Dieses eine Tier in ihrem Kopf, dass ihr sagte, sie müsse jetzt für ihre Mutter da sein.

Als würde das etwas ändern.

Ach Mama… wenn du wüsstest…

Jule sah ihre Mutter noch kurz an, dann senkte sie den Kopf und ging an ihr vorbei in die warme Wohnung, die sich nicht verändert hatte. Genauso, wie sich alles andere auch nicht verändert hatte, obwohl ihre Oma tot war.


Jule, 20. Oktober

Komisch… ich habe mir das alles so anders vorgestellt. Von wegen! Ich habe mir gar nichts vorgestellt. Ich dachte, meine Welt geht unter, ist sie tot. Und sie ist tot. Tot. Tot. Tot. Lass dir das mal auf der Zunge zergehen, dieses Wort. Abgrundtief. Grausam. Furchteinflößend. Dunkel.

Unsinn. Ich weiß doch selbst nicht, wieso wir das immer damit verbinden. Warum kann der Tod auch nicht etwas Gutes sein? Wer sagt uns denn, was passiert, nach dem Tod? Ich glaube nicht, dass da nichts ist. Ich glaube nicht, dass einfach mit einem Fingerschnippen alles vorbei ist, als würde man eine Kerze ausblasen.

Da ist viel mehr. Und das spüre ich. Sonst hätte ich doch nicht dieses starke Gefühl, dass Oma noch lebt! Ich spüre sie. Ihren… Geist… ihre Seele… ihre… Energie?! Ach, weiß doch der Geier, was das ist, was in uns ist, was nicht aus Psyche, Verstand, Herz und Hirn besteht. Ich weiß nur, dass da noch etwas ist. Und dieses Etwas, das zieht weiter. Das stirbt nicht einfach so. Vielleicht gibt es ja so etwas wie ein Wartezimmer? So eine Art Platzhalter für wandernde Seelen? Keine Ahnung. Vielleicht leben die Seelen aber auch in ihrer eigenen Welt weiter, bis sie selbst entscheiden, weiter zu ziehen und ein neues Leben zu beginnen. Damit riskieren sie aber, dass sie ihr Altes vergessen. Ein lustiger Gedanke. Das alte Leben einfach so ausradieren durch ein neues Leben.

Und was geschieht mit all denen, die im Jenseits bleiben wollen? Vielleicht ist das Jenseits ja so verlockend schön, dass es gar nicht so viele wiedergeborene Seelen gibt. Kann das sein? Und… oh Himmel! Worüber mache ich mir überhaupt Gedanken? Ich sollte schlafen…

……..sollte ich wirklich..


In der nächsten Woche saß Jule im Bus, der sie zu ihrer Arbeit brachte. Es war eine schöne Strecke, die er hinter sich legte. Eine Strecke, die Jule schon seit zwei Jahren kannte und immer noch liebte wie am ersten Tag. Sie war nicht umsonst von der Stadt aufs Land gezogen.

Als sie an diesem Tag im Bus saß, schien die Sonne. Der feuchte Laub auf dem Asphalt fing ihren Blick auf, als sie aus dem Fenster schaute. Und als eines der goldenen Blätter in die Luft wirbelte und flog, dachte sie an ihre Oma und lächelte. In der selben Sekunde hätte sie laut los lachen können. Was geschah denn bloß mit ihr? Jeder Mensch der von ihrem Schicksalsschlag wüsste, würde sie in eine Zwangsjacke stecken, so besonnen und zufrieden, wie sie gerade dasaß und vor sich hin lächelte. Ja, sie hatte sich auch schon Gedanken darüber gemacht, ob sie jetzt völlig verrückt geworden war, aber das war sie nicht. Sie fühlte sich gut, sie war geradezu glücklich, wie eh und je, als wäre sie nicht etwa vor einer Woche neben der Leiche ihrer geliebten Großmutter gestanden. Sie war gut drauf, sie war beherzt. Aber musste das denn falsch sein? War es verboten, sich gut zu fühlen, selbst wenn ein geliebter Mensch verstorben war? Wenn sich das Gefühl, dass sie gerade hatte, stimmig anfühlte… warum sollte sie sich dann bemühen, zu trauern? Würde sie überhaupt jemals trauern? Würde der Schmerz irgendwann wie eine große Welle der Erkenntnis über sie einbrechen und ihr jede Luft zum Atmen rauben?

Nein, Jule hatte nicht das Gefühl, dass das passieren würde. Vielmehr, als hätte sie den Tod schon längst verdaut. An dem Tag, an dem sie es erfahren hatte, riss der Erdboden unter ihr entzwei. Der Schlag, den sie spürte, als sie aufprallte, war hart, schmerzhaft und brennend. Die Tränen flossen unaufhaltsam über ihr Gesicht und der Atem drang ihr wie das erstickte Schreien eines sterbenden Kindes aus der Kehle. Der Schmerz war nicht greifbar, nicht erklärbar, nicht heilbar, nicht existent. Es war wie ein unsichtbarer Ballon mit allen möglichen Foltermitteln im Inneren, die man sich vorstellen konnte. Und dieser unsichtbare Ballon jagte von einem Winkel in den anderen ihres Körpers. Das zerbersten einer Seele. Konnte man das so nennen?

Ja, sie hatte gelitten und sie hatte getrauert. Ganz genau 28 Stunden und ein paar Minuten lang. Und dann war alles fort. Wie vom Wind davon getragen.

Nein. Es war also nicht verwerflich, dass sie sich gerade gut fühlte. Im Gegenteil. Sie hatte es sich verdient und ihre Oma hätte es nicht anders gewollt. Außerdem hatte sie selbst einmal gesagt: »Wenn ich sterbe und ich sehe euch auf meiner Beerdigung heulen, dann sitze ich auf meinem Grab und lache euch aus!«

Ach Omi… wenn du wüsstest…

Die Beerdigung eine Woche darauf war schwarz, wie alle anderen Beerdigungen auch. Jule hatte sich auf eine Tränentortur gefasst gemacht. Hatte sich darauf eingestellt, den klaffenden Schmerz in ihrer Magengrube zu spüren, wenn sie in der Kirche vor der Urne ihrer Großmutter stand. Vor der alten Frau, die selbst in den dunkelsten Tagen ihre Hand gehalten und sie gestreichelt und gedrückt hatte. Und Jule hatte ihren weißen Kopf gekrault, diesen kleinen, hängenden, alten Kopf. Vermutlich war ihre Seele einfach zu groß und zu mächtig, für den alternden Körper. Ja, dachte Jule, wie sie so vor der Urne ihrer Großmutter stand und sie selig anlächelte, vielleicht war es gar kein Sterben, das wir alle kennen. Vielleicht muss die Seele irgendwann einfach raus aus dem Körper, der dahingeht, der verdirbt, der veraltet, der keinen Bestand mehr hat, weil Zellen nun einmal altern. Die Seele ist ewig jung, die Seele IST ewig. Die Seele kann nicht mit den Zellen altern, deshalb muss sie einen Körper verlassen.

»Und deshalb fühlst du dich noch so lebendig an«, murmelte Jule leise ihren Satz zu Ende.

»Hm?«, machte ihre weinende Tante neben ihr fragend.
Jule hob den Kopf, hatte nicht bemerkt, dass sie laut gedacht hatte, und nahm die Hand ihrer Tante. Das, was ihr gerade so drückend auf dem Herzen lag, war nicht die Tatsache, dass die nichtsbedeutende Asche des Körpers ihrer Oma vor ihr auf einem schwarzen Tisch, bedeckt mit Blumenkränzen, lag. Das, was ihr so leid tat, das war die Schwärze, die triefende Trauer, der Schmerz, den all die anderen Menschen um sie herum ausstrahlten. Und was ihr noch mehr weh tat war, dass alle diese Menschen, die um sie herum standen ihre Familie waren. Am meisten litt sie unter den Tränen von Elise. Elise war eine entfernte Verwandte von ihr. Eine sehr alte Frau, etwas jünger als ihre Großmutter vielleicht war.

Dass ihr Elise‘ Schmerz so dornig im Herz stach, war aus dem Grund, dass diese alte Frau eigentlich der Inbegriff von Sonne und Güte war. Von Herz und Liebe und Leben. Es gab kein Gesicht auf dieser Welt, das so viel zeichnete, wie Elise ihres. Jule wollte ihr so gerne erklären, was sie verstanden hatte, um ihr den Verlust ihrer Schwägerin leichter zu machen. Aber das hätte keinen Sinn. So klug und ruhig Elise auch war, sie würde Jules Todes-Theorie nicht verstehen. Sie würde Jule nur belächeln, ihre Hand tätscheln, sie umarmen und küssen und hätte Mitleid mit Jule, weil sie denken würde, das wäre ihre Art, die Trauer zu verdrängen.

Ach Elise… wenn du wüsstest…

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