Es ist, wie es ist.

So schön, wie die Geschichte zwischen mir und Carmen begonnen hat, so traurig wird sie auch enden. Das weiß ich jetzt schon, weil ich jetzt schon weiß, was sie will. Ich weiß es, weil ich weiß, was sie glücklich macht. Und es macht mich bedingungslos glücklich, wenn sie glücklich ist. Aber mein Ego lässt mich traurig sein – sehr, sehr traurig…. Weil …. Ich sie dafür gehen lassen muss.

Carmen will zurück nach Kreta. Sie möchte hier ihre Kräuterschule erst anfangen und beenden, also wird das sicher nicht vor einem ganzen Jahr passieren, aber nichtsdestotrotz, denn Zeit spielt keine Rolle, wenn du weißt, dass frühestens in einem Jahr alles vorbei sein könnte.

Nun, zumindest so vorbei, wie es im Moment ist. So, wie es schön und erfüllend ist.

Als ich in München war, haben Carmen und ich uns ja fast jeden Tag gesehen und haben fast jede Nacht beieinander geschlafen. Carmen ist vor vier Jahren von Kreta wieder zurück nach Deutschland gekommen und ihr müsst euch Carmen vorstellen wie den Osterhasen von dem Disneyfilm „Die Hüter des Lichts“. Sie klopft einmal mit dem Fuß auf den Boden, es bildet sich ein Loch unter ihr, sie springt hinein und kommt irgendwo am anderen Ende der Welt wieder heraus. Damit meine ich, sie macht, was sie wirklich will. Sie hört auf ihr Gefühl. Und wenn sie merkt, sie braucht gerade einen kleinen Urlaub in Hamburg oder Thailand, dann bucht sie heute die Tickets und ist frühestens morgen weg.

Sie hat mir schon viel von ihren ehemaligen Beziehungen erzählt und dass genau dieser Punkt immer das „Problem“ war. Die Frauen hatten keine Sicherheit bei ihr. Sie lebten ständig in der Angst, sie von heute auf morgen zu verlieren.

Und dann fragte sie mich irgendwann mal: „Was würdest du denn sagen? Oder denken?“

Ich dachte nach. Tja. Was ich sagte, war die pure Wahrheit: „Tja… dann ist das halt so. Ich werde dich nicht festhalten. Du bist ein freier Mensch und alles, was ich will ist, dass du dich gut fühlst. Wenn Kreta dein Leben ist, dann sollst du wohl dahin. Ich könnte auch niemals weg von hier und ich würde eingehen, wenn jemand etwas anderes von mir verlangen würde.“

„Jaaa“, meinte sie dann nur, „Aber würdest du dann noch…“

„Klar würde ich trotzdem bleiben! Keine Entfernung kann Menschen voneinander trennen. Fast meine ganze Familie lebt 1200 Kilometer von mir entfernt, und trotzdem sind sie immer da, wie die Sterne am Himmel. Und ich liebe sie alle sehr und fühle sie, weil wir verbunden sind, weil die Liebe viel, viel stärker ist, als irgendeine dumme Distanz.“

Sie holte Luft, sagte lange nichts, sah mich nur aus großen Augen an und … ich weiß nicht, sie schien irgendwie… sprachlos zu sein? Was ich nicht verstand, denn ist das nicht offensichtlich? Sie müsste es doch wissen. Sie hat auch so viele Menschen in Griechenland, die sie liebt – wirklich SEHR liebt. Und sie weiß doch, dass sie trotzdem da sind. Menschen und die Liebe die man zu ihnen entwickelt – sofern sie wirklich echt und bedingungslos ist – sind wie Sterne. Wirklich, wie Sterne! Sie sind immer da. Egal, ob man sie sieht oder nicht.

Sterne machen mich so atemlos glücklich. An manchen Nächten, an denen man sie ganz besonders sieht, habe ich das Gefühl, dass mein Herz mir vor Freude aus dem Mund springt. Dann bleibe ich stehen oder lege mich auf den kalten Asphalt (das habe ich mit Carmen auch schon einmal gemacht). Manchmal muss ich lachen oder weinen, so schön finde ich das. Es … ja, es entzückt mich richtig! Und dann bin ich so… brrr… ich kann es nicht erklären. Aber versteht ihr? Ich kann die Sterne nicht immer sehen, ich kann sie schon gar nie anfassen oder umarmen oder verschlingen (!!!!), sie gehören mir nicht, sie sind nicht in meiner Nähe und trotzdem besteht meine Liebe zu ihnen und meine Faszination und das Glück, das ihre Schönheit und Magie in mir auslösen (na ja, eigentlich ist ihre Existenz physisch mit allen Mitteln erklärbar, aber trotzdem sind sie für mich magisch!).

Und in dem Moment, in dem ich all das zu ihr sagte, meinte ich das alles auch wirklich genau so. Ich empfand keine Täuschung oder irgendein Schauspiel, um ihr Honig um den Mund zu schmieren und ihr das zu sagen, was sie hören will. Es war wirklich das, was ich empfand.

Vielleicht war ich sogar erleichtert. Ja, nach meiner letzten Beziehung wollte ich keine mehr. Nein. Ich hatte das Gefühl, ich würde aus einem Käfig befreit werden. Als hätte man mir wirklich Ketten um die Flügel gelegt und sie endlich gelöst. Und trotzdem fühle ich den Druck der Fesseln noch an mir, wie ein Brandmal. Und vielleicht hatte ich Angst, dass ich genau dasselbe Gefühl wieder habe, wenn ich eine Beziehung eingehe.

Ich hätte ja nicht einmal im Traum daran gedacht, jemanden wie Carmen kennen zu lernen. Ich habe mich zwei Jahre lang gefragt, was diese eine Liebe überhaupt ist, die man braucht, um eine Partnerschaft zu führen (und jetzt weiß ich nicht einmal mehr wozu diese Beziehungssache überhaupt gut ist?!)… und ich dachte, wenn mir aber doch jemals eine Frau über den Weg läuft die mich SO umhaut, dass ich sagen würde, ich lasse alles für sie stehen und liegen…

Tja… das ist wohl Carmen, und diese Frau tauchte früher auf als mir lieb war. Und trotzdem macht mich der Gedanke an eine „feste Beziehung“ irgendwie befangen….

Nun… jetzt ist aber wieder einige Zeit seitdem vergangen, aber eben nur die Zeit. Der Rest zwischen mir und Carmen ist immer noch genauso. Ach was! Im Gegenteil! Es wird sogar noch intensiver, noch leichter, noch freier, noch liebender. Zumindest von meiner Seite. Ich liebe sie jeden Tag ein Stückchen mehr.

Nun… und letzte Woche war sie von Mittwoch bis Freitag bei mir…. Obwohl ich arbeiten musste, aber sie wollte bei mir sein. Und an irgendeinem dieser Tage, da küssten wir uns wieder so lange und intensiv und… plötzlich dachte ich, dass ein Feuer in mir ausbricht, weil in meinem Kopf schrie plötzlich irgendein glückliches Hormon: „OH.Mein.Gott, JA! JA! JA! ICH LIEBE SIE! ICH LIEBE SIE SO SEHR!“ Und im selben Moment wurde mir wieder klar, dass sie nicht lange bleibt, dass ich sie loslassen muss. Und während ihre weichen Lippen auf meinen war, summte irgendein warmes, beruhigendes Stimmchen in mir: „Du musst sie loslassen, loslassen, loslassen.“ Und DAS tat in dem Augenblick so weh. Diese knallharte Realität, dass es einfach aus mir herausbrach. Dass sie weg sein wird, dass ich sie irgendwann nicht mehr berühren kann, dass ich ihr nicht mehr durch die braunen Haare streicheln kann, ihre Wange an meine Wange legen kann, meine Lippen auf ihre Lippen; dass ich ihr nicht mehr in diese Sommeraugen schauen und dabei spüren werden kann, wie mein Herz immer größer und stärker und lauter und schwammiger wird. Die Realität, dass ich ihr Lachen oder ihr unfassbar süßes, leises Aufstoßen, wenn sie zu viel Wasser getrunken hat, irgendwann nie wieder sehen kann, holte mich so schnell ein, dass die Wehmut und Sehnsucht wie eine Welle über mich hereinbrach.

Und während wir uns küssten liefen mir die Tränen aus den Augen, wie als hätte man einen Wasserhahn aufgedreht und ich konnte es nicht zurück halten. Mein Herz donnerte so sehr, dass ich zitterte und auch sie spürte es und fragte, was los sei.

Das erste Mal, seit ich sie kenne, dass ich nicht ehrlich sein konnte. Ich sagte ihr nicht, dass mich der Gedanke, dass sie bald weg sein könnte, schmerzte wie Feuer, das durch meinen Körper jagte. Ich konnte ihr das nicht sagen. Ich wollte nicht, weil ich sie nicht beeinflussen will. Ich will nicht, dass sie weiß, wie schwer es mir wohl doch fällt. Wie sehr mir der Gedanke doch weh tut. Ich will nicht, dass sie es weiß, weil ich will, dass sie glücklich ist, wenn sie dahin fliegt, wo sie Zuhause ist.

Und deshalb sagte ich nur, mich hätte das Gefühl der Liebe überwältigt. Was ja auch stimmt. Ich habe dieses Gefühl noch nie so intensiv gehabt. Es war also eine Halbwahrheit. Denn den Rest verschwieg ich. Behielt es bis heute für mich. Und behalte ich wohl auch für immer für mich.

 

 

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