Karma

Ich bin die Woche krank geschrieben. Das tut SO gut (darf man das überhaupt sagen? – dazu ein andermal mehr) Na ja. Für den Direktor arbeite ich von Zuhause aus trotzdem noch weiter; also die Übersetzungen. Das könnte ich gewissenstechnisch schon gar nicht verantworten.

Heute habe ich mich am Vormittag in die Bäckerei beim Netto gesetzt. Ich kenne die Leute da ja eh schon, weil ich oft dort bin. Diesmal eben länger.

Heute setzte sich ein Mann zu mir an den Tisch. Der sprach ein bisschen datterig, aber ich dachte mir nichts weiter dabei. Ich habe ja seit 5 Jahren mit besonderen Menschen zu tun. Er sah sehr sympathisch aus, seine Augen hatten ein… melancholisches Strahlen… komisch – existiert sowas überhaupt? Na ja, anders könnte ich es zumindest nicht erklären.

Irgendwann fragte ich:

„Haben Sie heute auch frei?“

„Na, ich muss später noch zur Therapie.“

„Oh. Okay. Zu was für einer Therapie denn?“

„Ach, zum W. … der da hinten… du weisch scho. Da um’s Eck… sag scho… In S. West.“

„Aaah, ja. Okay“, ich hatte das Gefühl es wäre ihm jetzt doch nicht geheuer, mir davon erzählt zu haben, also sagte ich:

„Ich gehe auch in Therapie.“

Er sah mich kurz unverwandt an, dann nickte er und meinte:

„Ja ja, da bin ich jeden Tag.“

„Oh, wow! Jeden Tag? Ist das nicht anstrengend?“

„Na na. Anstrengend ist das nicht.“

„Also ich stelle mir das anstrengend vor.“

„Naaaa… davor war ich ja beim Logopäden. Das mach ich auch noch….“

„Oh!“

„Ja. Ich war ja beim Militär, weisch (=weißt du)“

„Wow, cool!“ Ich war wirklich begeistert! Keine Ahnung, warum mich sowas immer so aufgeregt macht.

„Ja ja. Da war ich sehr lange. Und da hatte ich dann meinen Unfall.“

„Oh. Was denn für einen Unfall?“

„Mhm… ich hatte einen Schlaganfall…“

„Oh nein!“

So etwas trifft mich immer mitten ins Herz. Keine Ahnung, warum. Ich hoffte, er sieht die Tränen in meinen Augen nicht. Die konnte ich gerade noch so zurück halten (wie bei der alten, psych. schwer kranken Frau im Bus, die mir von dem Tod ihres Sohnes erzählt hat). Deshalb machte er also so viel Therapie. Ich schätze ihm vom Alter her auf um die 40.

„Und wie lange ist das jetzt her?“, fragte ich.

„8 Jahre. Da habe ich alles wieder lernen müssen.“

„Deshalb also so viel Therapie….“

„Ja ja… ich habe ja alles wieder lernen müssen, weisch. Das Reden, das Laufen… Lesen kann ich noch net. Weißt, ich habe Wörter in meinem Kopf. Ich kenne sie, aber ich kann sie nicht aussprechen. Das ist das Problem.“

Das ist das Problem. Oh mein Gott, wie ich ihn verstand! Obwohl ich noch nie einen Schlaganfall hatte, wusste ich ganz genau, was er meint. Oh man, so ähnlich geht es mir mit den Bildern und Gefühlen in mir, für die ich zwar Wörlter habe und die ich auch kenne, aber aus irgendeinem Grund nicht aussprechen kann, weil es sich anfühlt wie eine Sprache, die ich noch nie gelernt habe… sehr komisch. Aber, Himmel, ja! Wie gut ich das verstand, was er sagte! „Ich habe Wörter in meinem Kopf, ich kenne sie, aber ich kann sie nicht aussprechen. Das ist das Problem.“ 

„Wow. Und Sie haben trotzdem schon so viel erreicht. 8 Jahre sind noch gar nicht so lange her.“

Er schüttelte zustimmend den Kopf.

Vor 8 JAhren bin ich auch noch durch meine eigene Hölle gegangen.

„Tja… ja… so ist das.“

Mir fiel auf, dass er viel lachte und viele kleine Witz emachte. Irgendwann sagte ich zu ihm:

„Aber Sie haben nie Ihre Fröhlichkeit verloren. Das finde ich so toll.“

Und er, mit einem amüsierten Achselzucken:

„Klar.“

Neben uns klingelte vom Backofen der „Wecker“, dass die Ciabattas (schreibt man das so? keine Ahnung, keine Lust zu googeln) fertig sind. Die junge Bäckerin (Mutter von mindestens 2 Grundschulkindern, Kroatin), war gerade mit einigen Kunden beschäftigt, also stand der Mann auf und öffnete für sie den großen Ofen. Sie bedankte sich mit einem ehrlichen Lächeln und ich strahlte über das ganze Gesicht. Auch diese Geste traf mich mitten ins Herz. Das war wie ein knalliger Lichteinfall in mein Innerstes… das schönste Gefühl seit den letzten zwei Wochen. Das ist nämlich schon wieder etwas, was in München niemals passiert wäre. Kein „Kunde“, der gerade beim Kaffee trinken am Stehtisch auf einem Barhocker sitzt, würde einfach so aus Nächstenliebe aufstehen, und der Bäclerin Vorarbeit leisten.

Irgendwann kam Antonio, mein italienischer, alter Nachbar, mit seinem Rollator. Der ist mir bisher nur ein paar Mal über den Weg gelaufen und dem habe ich nur ein paar Mal grüßen können.
Heute habe ich ihn kennen gelernt. Er ist so ein richtiger, waschechter, typischer Italiener, spricht nur gebrochen Deutsch, mit viel Akzent. Er lacht viel, macht viele Späße und ist auf eine sehr charmante Art und Weise frech.

Die Bäckerin nennt er „Schatzi“ – sie kennen sich schon länger – Er wollte ständig eine mit ihr Rauchen gehen, aber kaum, dass sie mal mit ihm vor die Tür ging, kam schon ein Kunde und sie gleich wieder hinterher.

Irgendwann lachten der Mann an meinem Tisch und ich und ich meinte zu ihr: „Soll wohl nicht sein…“
Sie lachte auf meinen Kommentar und zuckte unbekümmert die Schultern. Es schien sie nicht aus der Ruhe zu bringen.

Ich war schon in der Überlegung ihr anzubieten, solange mal die Kasse für sie zu schmeißen – so schwer kann das ja nicht sein. Aber da kam dann schon Antonio von draußen und meinte kopfschüttelnd: „Ständig läuft sie vor mir weg“

Irgendwann kam eine Frau herein und Antonio rief:

„Hey, Schatzi!“

„Bei dir heißen aber viele Frauen Schatzi, Antonio. Pass auf, dass deine Frau das nicht mitkriegt“, meinte die Bäckerin lachend.

„Ach, für mich gibt es nur Eine“, entgegnete er und machte einen Kussmund in ihre Richtung.

Der Therapie-Mann und ich lachten.

Kurz nachdem Antonio ging, ging ich auch, um Zuhause die Wäsche abzuhängen und Geschirr zu spülen, dann ging ich wieder zur Bäckerei und da war dann wieder ein Mann da, der wohl öfters dort ist, denn die Bäckerin (diesmal eine ältere, die früher in einem Hotel gearbeitet hat und Sonntags deshalb nicht mehr arbeiten will – ihr Sohn hat eine Scheidung hinter sich und weil seine Ex-Frau die schöne Maine-Coon-Katze nicht mehr wollte, mussten sie das Tier zu ihrem Schwäger bringen, der in der Nähe eines Waldes ein renoviertes Bauernhaus hat) – äh ja… genau, weil die Bäckerin sich so gefreut hat, dass er gekommen ist und ihn beim Vornamen nannte und gleich wusste, dass er einen Cappuccino will. Dann redeten sie viel neben mir, während ich mein Buch las. Irgendwann, kurz, bevor er gehen musste, ging er noch zu den aufeinander gestapelten Körben, die neben dem Wägelchen für die Kunden mit Milch, Zucker und Deckel für Pappbecher standen. In dem obersten Plastikkorb lagen noch ein paar Kuchen. Diesen Korb stellte er eins weiter runter und einen leeren Korb drauf.

Darauf meinte die Bäckerin: „Oh, B., danke dir! Das war es, was ich noch machen wollte, aber ich habe es komplett vergessen.“

Wieder strahlte ich über das ganze Gesicht und war so glücklich……. ich liebe Schongau und ihre Menschen.

Tja. Und dann kam das Karma höchstpersönlich – ich könnte mich jetzt noch totlachen.

Wenige Minuten später dackelte eine aufgetakelte Blondine herein, die Bäckerin war für ein paar Sekunden (!!!) um die Ecke verschwunden, um sich die Hände zu waschen. Die Blondine wartete keine Sekunde und haute einmal auf diese Rezeptions-Glocke (ihr wisst schon, was ich meine), also klingelte die Bäckerin quasi herbei.

Ich war fast sprachlos.

Als die Blondine ging, sah ich ihr hinterher und sah, wie sie doch tatsächlich in ein Münchner Auto stieg. Nennt mich vorurteilig… aber DAS war ja wohl mehr als akkurat.

Ein krasseres Beispiel hätte ich an diesem Tag nicht bieten können, weshalb ich München so wenig leiden kann (die Menschen dort haben einfach keine Zeit, sind nur auf sich fixiert und dann schauen sie dich auch noch an wie ein Alien, wenn du auf der Straße „guten Morgen“ oder so sagst) und S. so liebe.

 

Ach ja, Bays Kaninchen ziehen diese Woche Freitag zu mir auf den Balkon – darauf freue ich mich, weil ich Lina sooo liebe. Es gibt dann sicher Fotos! Also auf jeden Fall haben wir einen Hasenstall für die Nacht bestellt (am Tag dürfen sie frei rumhoppeln)… und den wollten wir aufbauen… (siehe Fotos und findet den Fehler..)

Erst war ich so stolz auf mein handwerkliches Geschick, bis mir das Dilemma aufgefallen ist… Tipp: Achtet auf den Boden und die Wand… Also, um es einfach zu erklären… in diesen Löchern an der „Wand“ ist KEIN Glas Foot in mouth… eigentlich wäre das der Boden gewesen (da kommt ja dann so eine Art Schublade drüber)… na ja… wie man sieht war ich dann so verzweifelt, dass ich keine Lust mehr hatte weiter zu bauen… Wir verschieben das auf Donnerstag oder so…Foot in mouth

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