Carola

Da schrieb ich dir vor einiger Zeit einen Text, der dich nie erreichen wird. Da war ich mir sicher. Darin, dass du nicht weißt, dass es dieses Buch hier gibt. Das, und meine Gedanken, die ich mit aller Welt teile, weil mich nichts scheut.

Beitrag 2

Ich dachte an diesem Tag ganz fest an dich. Am Morgen im Bus. Und fühlte eine Art Sehnsucht oder zumindest ein starkes Vermissen. Ich dachte an deine blauen Augen, deine kinnlangen (kurzen) Haare, die bei jedem Kichern oder Lachen mitschwangen.

Und vor allem dachte ich an die Szene, die mir nicht aus dem Kopf geht. Dieses Bild, als ich unten im Unterricht saß und durch die Glasfront sehen konnte, wie du der Lehrerin in den Armen zusammengebrochen ist.

Wenige Tage bevor wir uns für immer aus den Augen verloren.

Wie lange ist das nun her? Sechs Jahre? Ich war 14. Wie alt du warst, das weiß ich nicht mehr. Zumindest nicht viel älter und nicht viel jünger.

Vor ein paar Wochen, da stand ich unten am alten, nostalgischen Bahnhof, wartete auf den Bus zur Arbeit, flirtete mit einem kleinen Augensternchen mit großen Rehäuglein im Kinderwagen und knüpfte Fern-Kontakte mit dessen Mutter, die mich seither jeden Morgen mit einem besonders hübschen Lächeln und einem lippengeformten „guten Morgen“ grüßt, da zwischen uns nicht nur ein, sondern zwei Bäume stehen, und mich ihre Worte nicht erreichen würden. Sie weiß ja sowieso, dass ich sie verstehe.

Und dann tauchte aus der langen Straße, die zur Bushaltestelle am Bahnhof führt, ein Mädchen auf. Quatsch, eine junge Frau. Mit langen, sehr langen, blonden Haaren und blauen Augen. Ein Mädchen, bei dessen Gesicht mir das Herz in die Hose rutschte und ich sogar die Liebäugelei mit dem zuckersüßen Baby im Kinderwagen vergaß.

Es waren keine Gedanken, die durch meinen Kopf rasten wie Züge auf einer Langstrecke, sondern Bilder, Erinnerungen und laute geklonte Köpfe meines selbst, die fassungslos den Kopf schüttelten und murmelten: „Nein, nein, nein, nein, nein, das kann nicht sein“

Dieses Mädchen sah mich an, lächelte, nickte. Dieses Nicken! Es ist, als würde man aus einer kleinen, versteckten, vergrabenen Truhe kleine Papierfetzen mit Erinnerungen ziehen.

Ich war mir sicher. Spätestens beim fünften Mal, wie ich dieses Mädchen sah, war ich mir sicher: Das bist du. Das musst du sein. Das kannst nur du sein.

Dieses Gesicht hätte ich überall wiedererkannt. Überall.

Ich habe mir jedes Mal vorgenommen, dich anzusprechen, da du mich jedes Mal anlächeltest und nicktest, als Begrüßung. Und immer wenn du das tatst, sah ich dich nicht als Carola-Jetzt vor mir, sondern als Carola-Damals. Und mein Herz schmolz und schmelzt jedes Mal vor Freude und Fassungslosigkeit.

Kein einziges Mal habe ich dich angesprochen, bis jetzt.

Ich wusste bis heute ja nicht einmal wirklich, dass du es bist, auch wenn mein Gefühl intuitiv auf 100 % Sicherheit war, schüttelte mein Verstand jedes Mal den Kopf und sagte: „Das ist zu absurd.“

Bis heute, denn Dank Gesichtsbuch bekam ich wieder Freundesempfehlungen; Carola. Du. Dein Name, dein Gesicht.

Ich bildete mir mittlerweile ein, dass ein Fluch auf mir liegt, da ich jedes Mal, kaum dass ich meine Gedanken über den Tod aussprach oder schrieb, diese Personen dann auch tatsächlich starben, in kürzester Zeit. Ich beschimpfte mich für diesen Aberglauben, aber wir Menschen sind das halt – abergläubisch. Wir suchen für alles eine Erklärung, und wenn es rational nicht funktioniert, dann eben irrational, was ja auch nicht verwerflich ist.

Andere Menschen glauben an Gott als Mann im Himmel.

Aber sollte ich Menschen aus der Vergangenheit auch wieder in die Gegenwart rufen können, dann nehme ich all meine Beschimpfungen zurück. Man sagt doch, dass alles sein Gegenpol hat. In meinem Fall ist es klar wie Kloßbrühe. Oder Wasser. Wasser gefällt mir besser, denn Kloßbrühe kenne ich nicht.

In meinem Fall ist es klar wie Wasser. Das Ende und der Anfang. Ich schrieb, dass ich das Gefühl habe, dass mein Oma stirbt – Schwups, ging sie fort! Ich schrieb, dass ich das Gefühl habe, dass meine Katze stirbt, in der für mich meine Tante neun Jahre lang weiter gelebt hatte – Schwups, ging sie fort!

Vor drei Wochen beschlich mich das Gefühl, Luisa aus Ungarn, von der ich schon oft schrieb, würde es nicht mehr lange aushalten… Vor zwei Wochen ließ ich den Gedanken von meinem Tagebuch verschlucken….. drei Mal darfst du raten – Schwups, … ja.

Letztes Wochenende war ihre Beerdigung, auf der meine Mama und mein Papa waren.

Am 30. September schrieb ich diesen Text an dich, den du nie lesen wirst. Und am 2. Februar, 92 Tage später, an  einem Donnerstag, ich weiß es noch ganz genau, kam dieses Mädchen aus der Langstraße auf die Bushaltestelle am Bahnhof zugelaufen. Du.

Halte mich für geisteskrank, aber an Zufall glaube ich nicht mehr.

Vielleicht sollte ich mal meine Gedankengänge und Intuitionen steigern? Vielleicht schreibe ich demnächst, dass ich das Gefühl habe, dass meine Tante plötzlich gesund bei uns Zuhause vor der Tür steht und uns erzählt, ihr Tod damals, vor neun Jahren, sei nur eine Vortäuschung gewesen, weil sie nicht wollte, dass wir sehen, wie sie unter all der Chemo und dem Krebs leidet, aber dass sie nun endlich die Krankheit besiegt hat und vermutlich noch viele Jahre mit uns verbringen kann.

Wer weiß, vielleicht klingelt sie ja tatsächlich nächsten Monat dann an unserer Tür, am 12.04.2017, neun Jahre nach ihrem Tod…

Lass mich. Zumindest ist die Vorstellung schön….

 

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