[Sie] Damals, Januar 2011

Ich war 14. Anfang 14, da ich ja gegen Ende Dezember Geburtstag habe.

Ich habe gesagt, dass ich daraus eine eigene Kategorie machen werden muss (???; wow, gut gedeutscht…). Die Geschichte fing sehr früh an. Eigentlich sogar noch viel früher. Januar 2010 wäre vielleicht ein optimaler Anfang. Oder sogar 2007 oder 2008, je nachdem, wann ich  vergewaltigt wurde, woran ich mich ja nicht mehr erinnern kann – und wenn man davon ausgeht, dass wirklich dieses Kellererlebnis mein Wendepunkt im Leben war.

Ich weiß es nicht, denn ich weiß nicht genau, wer oder wie ich davor war. Ich erinnere mich nur noch an die schwarze Zeit danach, in der ich trotz allem noch lachte und spielte.

Bis zu jenem Jahr 2010, in dem ich fiel und aufknallte und aufstand und wieder fiel – und tiefer fiel. Tiefer, als ich überhaupt ahnte, dass man fallen kann. Und wieder aufknallte. Härter, als ich dachte, dass es geht. Was ist härter und schmerzhafter als Beton? Mir fällt nichts ein, aber damals gab es diesen Untergrund, die Hölle, die härter und schmerzhafter war als alles, was ich kenne. Und ich weiß nicht, wie oft es mir in das Gesicht schlug.

Ich weiß nicht, wie oft ich von Zuhause weglief.

Und alles fing mit meinem „Alice-Traum“ an. Mit dem Monster, das mich aus dem Stadtpark heraus verfolgte. Mit der Kreuzung an der Triangel, an der ich auf einer Eisschicht ausrutschte. Mit dem grünen Höllengesicht, das über mir schwebte und kurz davor war, mir in die Kehle zu beißen. Mit der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung und anschließender Kapitulation, als ich erkannte, dass es keinen Sinn hatte zu kämpfen. Dass mich dieses Monster jetzt bei lebendigem Leibe auffressen würde. Mit der Vampirin, deren Namen ich noch keuchte „Alice….“…. die dann plötzlich doch noch über dem Monster auftauchte, auf seine Schulter sprang und ihm den Kopf abriss, als wäre es eine Blume, die man pflückt. Und ich gerettet war.

Ja, genau dort fing alles an. Bei diesem Traum. An dieser Kreuzung an der Triangel.

Und es war mein Vater, Dank dem ich dorthin zurückkehrte – in Wirklichkeit. Denn diese Triangel gab es wirklich. Nicht bloß in meinem Traum. Und ich weiß nicht, wieso ich von ihr träumte. Diese Straße hatte keine Bedeutung für mich. Ich kannte sie bloß, weil dort eine Pizzeria und der Tierarzt ist. Trotzdem war es dieser kleine bedeutungslose Fleck, an dem mir mein Leben gerettet wurde, nachdem ich schon längst zu kämpfen aufgegeben hatte.

Diesen Traum hatte ich gegen Ende des Jahres 2010. Denn ich weiß noch, wie ich im Oktober von meinem eigenen Vater aus der Wohnung geschmissen wurde. Mit 13 Jahren um 22 Uhr nachts. Und ich weiß noch, wie meine Mutter kam, bei der ich Hilfe erhoffte, die aber bloß genervt die Augen verdrehte und den Kopf schüttelte und die nichts dagegen unternahm, als mein Vater mir wieder die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Und das bloß, weil ich zu ihm gesagt hatte: „Ich hasse dich.“

Ich war rastlos und verwirrt. Ich irrte durch die Gegend. Lief durch den Stadtpark, bis zu meiner Schule, versuchte an einer abgelegenen Bushaltestelle zu schlafen, bis mir vor Kälte die Zähne klapperten.

Irgendwann um 1 Uhr nachts suchte und fand mich meine Mutter und nahm mich wieder mit nach Hause.

Seit diesem Tag lief ich immer von Zuhause weg, wenn mich der namenlose Schmerz einholte. Und an irgendeinem Abend, ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, als ich draußen an unserer Hauswand stand, weinte, und in den Sternenhimmel blickte, da erinnerte ich mich wieder an meinen Alice-Traum … und machte mich auf den Weg zu der Triangel.

Ich weiß nicht, was ich mir erhofft hatte. Alice gab es in Wirklichkeit nicht, genauso wenig, wie es Monster gibt, die mich aus dem Stadtpark jagen und mich lebendig auffressen wollen. Aber es gab die Triangel. Und es gab diese Kreuzung, zu der es mich an diesem Abend hinzog. Ich hatte das Gefühl, das wäre mein einziger geschützter Ort. Diese Kreuzung… diese… Triangel…

Ich rannte. Ich ging nicht, ich rannte, als stünde mein Leben auf dem Spiel. Die Tränen flogen rechts und links aus meinen Augenwinkeln, so schnell lief ich und keuchte ich.

Dann kam ich an, kauerte mich in der Kreuzung in den Schatten eines Baumes und weinte. Immer noch. Ich weiß noch, wie ich hoffte, dass die Nacht mir den Schmerz etwas lindern kann, der in mir tobte. Ich dachte, die Nacht und die Sterne seien das Einzige, das das, was in mir ist, irgendwie sehen kann.

Ich war ein Kind und fühlte mich schon so alt.

Ich weiß noch, wie ich mich damals wunderte, dass eine Frau besorgt auf mich zukam und darauf bestand, mich wieder nach Hause zu begleiten. Sie hieß Carmen. Das ist kein Pseudonym. Sie hieß wirklich Carmen. Sie war 23. Nur drei Jahre älter als wie ich jetzt bin. Sie kam mir damals so erwachsen vor und ich fühle mich heute noch wie ein Kind. Manchmal.

Trotzdem war ich seitdem fast jede Nacht dort. Wochenlang. Es war ein Ritual für meine Seele. Sie war verbunden mit der Nacht und mein Schmerz mit den Sternen.

Im Dezember ließ das alles etwas nach. Ich lief nicht mehr jede Nacht von Zuhause weg. Vielleicht nur noch jede Woche einmal. Dafür aber war ich mit Lychee jeden Tag an der Triangel spazieren.

Und im Januar, als nur der Schnee lag und ich mit Lychee dort meine Runde drehte, lief ich ihr über den Weg. Sie hatte auch einen kleinen Hund dabei. Ebenso ein Welpe wie mein Lychee es damals noch war.

Ich weiß noch, wie der erste Gedanke, den ich hatte war: Das ist vermutlich die schönste Frau, die ich je in meinem Leben gesehen habe!

Wir ließen die zwei Hunde nur kurz beschnüffeln, lächelten uns freundlich an und setzten dann beide unseren Weg fort.

Als sie an mir vorbei ging, drehte ich mich noch einmal nach ihr um und dachte mir: „Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.“

Aber dass es die Chance gibt, sich auch zwei Mal kennen zu lernen, das wusste ich damals noch nicht.

 

Bild von: http://www.fotos.sc („Flockentanz“)
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