Wiedersehens-Lächeln vom Reh-Kind

Als ich vor zwei Wochen auf dem Weg von der Arbeit nach Hause im Bus saß, döste ich wieder vor mich hin. Ich liebe diese 15 Minuten Busfahrt, in denen ich einfach nur dasitzen und entspannen und meinen eigenen Gedanken nachgehen kann. Alleine zu sein, mich nicht auf irgendeine zwischenmenschliche Kommunikation konzentrieren, sondern einfach nur FÜR MICH sein zu dürfen. In diesen 15 Minuten ziehe ich mir auch ein kleines Mäuerchen um mich herum.

Oft wollen mich Leute im Bus ansprechen – das ist so typisch für hier. Die Leute steigen in einen Bus ein, kennen dich nicht, setzen sich in deine Nähe und fangen an mit dir zu plaudern.

Bis vor einigen Wochen habe ich nichts lieber getan als das – mit den Menschen im Bus gequatscht, ihnen zugehört oder auch bloß beobachtet.

Aber seit ich kaum noch Zeit für mich (und gefühlt auch kaum noch Zeit zum Atmen) habe, will ich einfach nur meine Ruhe, was nichts gegen die Menschen persönlich ist, sondern einfach um mich vor irgendeiner Eskalation zu schützen.

Denn so fühlte ich mich in den letzten Wochen ziemlich oft: Am Rande einer Eskalation. Ich hatte kaum noch Zeit mit irgendwelchen Menschen zu reden, wenn ich sie zufällig in der Stadt getroffen habe – „Es ist so schön, dich zu sehen, aber ich habe leider wirklich keine Zeit, ich muss dringend dies und jenes“, sagte ich dann mit nem leisen Stich im Herzen, weil ich die Menschen hier doch so gern habe und mich so unheimlich gerne mit ihnen unterhalte. Aber mein Stressfaktor war so hoch, dass ich nicht einmal für ein fünfminütiges Pläuschchen Zeit hatte. Mein Alltag bestand aus Arbeit, Terminen, Haushalt, Kochen, Geld, Lernen, (Scheißprüfungsängsten), Schlafen, Arbeit, Terminen… ach, und die ganzen Fahrten eben. Das ist vielleicht der einzige Nachteil an dieser Stadt. Hier fahren die Busse nicht besonders regelmäßig – an Wochenenden gar nicht. Allerdings muss ich da gleich wieder dagegen sprechen, dass man hier von überall aus innerhalb von einer (höchstens zwei) Stunde(n) überall hinkommt.

Ich hatte wirklich für nichts mehr Zeit. Keine Besuche bei meiner Familie, kein Treffen mit meinem Rudel (wow, ich fühle mich so auf Entzug!), kaum Zeit zum Schreiben (diese Beiträge schrieb/schreibe ich meistens in meinen kleinen Pausen in der Arbeit) – na ja, eigentlich hatte ich wirklich für nichts Zeit. Gar nichts.

Ich war in den letzten Wochen mehrmals am Rande meiner Kräfte. Es fehlte nur noch, dass ich an einigen Tagen nur noch am Boden kroch vor Erschöpfung. Zu viele Erwartungen. Zu viel: „Du bist ein kluges Mädchen, du bist so fleißig, so verantwortungsvoll, so präzise und zuverlässig etc. pp.“

Und ich dachte mir jedes Mal: Herrje, WO seht ihr das alle in mir? Die Menschen um mich herum schafften mir ein Maß (das sie aber wohl schon lange in mir sahen), von dem ich selbst nicht einmal glauben kann, dass er existiert… Und trotzdem versuchte ich es für alle Recht zu machen. Pünktlich hier und dort zu sein, das und jenes bis dahin korrekt und fehlerfrei fertig zu haben, mit 100 % bei diesem und jenen Gespräch dabei zu sein, ich versuchte eine gute Freundin, eine gute Angestellte, eine gute Kollegin und eine gute Tochter zu sein… und ich hatte trotz allen meinen Bemühungen und trotz jedem Dankeschön und Lob und Tralala das Gefühl überall jeden maßlos zu enttäuschen und vor allem in jeder Hinsicht zu scheitern.

Aber wie kann das sein, frage ich mich ständig. Wie kann es sein, dass diese ganzen Menschen um mich herum DAS in mir sehen? Bin ich wirklich so ein extremes Lügengebilde? Bin ich ’ne Geschichte oder eine Zeichentrickfigur, die seit jeher ein und denselben Charakter hat – so einen, den man sich einprägt und unwiderruflich scheint? Wie die böse Hexe in Schneewittchen oder Klopfer aus Bambi. Scheine ich für die Menschen wirklich so ein Optimum zu sein? Ein Alleskönner? Ein kluges Köpfchen? Oh Gott, wenn die bloß alle wüssten, was für ein Maßstab sie mir setzen.

Ich kann mir nicht erklären, warum sie das alle so sehen. In der Schule habe ich die letzten Male nur 4er und 6er geschrieben – Himmel, und das in ENGLISCH, wo ich doch sonst immer auf einer Eins stand! In Rewe habe ich die glatte 6 rausgeschlagen, das ist aber nichts Neues für mich. In dem Fach schwankte ich schon immer zwischen 5 und 6. So viel zum „klugen Köpfchen“. In allen anderen Fächer bin ich auf einem glatten Dreier. Nichts Besonderes. Da gibt es in meiner Klasse weitaus Bessere als mich.

Mal abgesehen von der Schule habe ich sowieso das Gefühl die verstreuteste Person der Weltgeschichte zu sein. Ich habe eine Orientierung wie ein Goldfisch und ein Gedächtnis wie ein Sieb. Nur so unnötige Daten, wie 1924, als Hitler sein Redeverbot durch die bayerische Regierung erteilt bekam und staatenlos war, oder 1927, als das wieder aufgehoben wurde. Zum Beispiel. Vielerlei solcher unnötigen Daten hängen in meinem Kopf. Aber was lebenspraktische, wichtige Informationen angeht, sowas vergesse ich in dem Moment, in dem ich an sie gedacht habe. Würde ich mir meine Termine (die momentan eh überquillen) nicht ins Handy eintragen oder mir für den Tag eine To-Do Liste schreiben, wäre das reinste Chaos los.

Oh man, und dann denke ich mir: Sowas wie ich arbeitet als Kauffrau für BüroMANAGEMENT. Das ich nicht lache! Aber ist das nicht Paradox? Es wählen doch viele Menschen irgendwie den Beruf, der charakterlich meistens am wenigsten zu einem passt. Vielleicht ist das ja eine Art Charakterförderung? Ein Ausgleich zu meinem chaotischen Alltag? Keine Ahnung, Mensch. Ich habe eigentlich von nichts eine Ahnung und es stresst mich manchmal tierisch, dass die Menschen um mich herum das All in One Paket sehen……. Ich meine, klar, ich sollte vielleicht dankbar und geschmeichelt sein, aber das bin ich nicht… Ganz und gar nicht.

Nun, und dann waren diese 15 oder 20 Minuten im Bus einfach sowas wie Urlaub für mich. Ich liebe es. Ich liebe momentan nichts mehr als alleine Bus oder Zug zu fahren.

Und als wir plötzlich um die Ecke in die Straße der Pizzeria einbogen, da sah ich sie: Das Reh-Mädchen.

Ich weiß, wie ich meine Augen aufschlug, als wäre ich gerade aus einem Traum erwacht und wie mein Herz einen kleinen Freudenhüpfer machte. Sie sah mich genau im selben Moment, wie ich sie. Ilona war mit einem anderen braunhaarigen Mädchen unterwegs. Sie lachte. Sie sah nicht mehr so scheu und verunsichert und verängstigt aus, wie ich sie in Erinnerungen hatte, und diese Erkenntnis machte mich in dem Moment so glücklich, dass ich alle meine Sorgen und den Stress vergaß.

Sie lächelte mich strahlend an, als sie mich im Fenster sah. Als der Bus um die Ecke bog, sah sie noch einmal zurück, ohne dass ihre Freundin das merkte, und winkte mir. Ich winkte zurück.

 

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