Ein Cappuccino – 7,5 Menschen

Nummer 1:

Er kennt die Bäckerin A. Mein ehemaliger Berufsschulen Klassenkamerad, der ehemalige gute Freund des Sohnes der Bäckerin A., er will auf die BOS. Gescheiter Kerl.

Nummer 2,5:

Ich sehe sie durch das Fenster. Ich kenne sie (Nr. 2). Sie und ihren Sohn (2,5 – denn er ist ja ein Kurzer). Sie stehen am Laden „Photographie Nicoletti“. Sie schauen sich Urlaubskarten an. Dem Sohn gefällt eine Karte. Ihre Söhne sehen aus wie ihr Vater. Er arbeitet bei uns im Rechtsreferat. Er ist Anwalt. Sie kauft ihm die Karte.

Nummer 3,5:

Sie arbeitet in der IT. Sie ist eine unauffällige Frau mit vielen Schatten, die man ihr ansieht aber keiner kennt, weil sie ein ruhiges, scheinbar gutes Leben führt. Ich glaube ihr das scheinbar gute Leben. Das glaubt mir auch jeder.

Nummer 4,5:

Die Frau in der rosa Bluse. Sie saß vorne auf der Bühne, während wir unsere Abschlussprüfung schrieben. Sie hat eine strenge aber vernünftige und angenehme Ausstrahlung. Ich sehe sie seitdem jeden Tag. Ich kenne sie nicht. Und irgendwie doch.

Nummer 5,5:

„Ciao, Antonio!“
„Ciao Bella!“
„Come stai?“
„Bene, bene. Bene, bene!“
„Piacere, Antonio!!!“

Er ist mein Nachbar. Ich sehe ihn jedes Mal beim Bäcker. Er ist mein Nachbar, aber ich kenne ihn nicht als mein Nachbar. Er hat einen Rollator und ist ein alter Herr mit starkem italienischen Akzent. Er passt gut zu diesem Ort mit den roten Pflastersteinen. Er sitzt draußen und ich drinnen. Ich klopfe ihm durch die Scheibe durch, mein Gesicht erscheint als Lächeln in seinem Blickfeld. Sein Gesicht erstrahlt. Er schenkt mir einen Fliege-Kuss. Ich schenke ihm einen zurück. Er kommt herein und betitelt mich mit einer offenen Handbewegung als Katastrophe. Für ihn ist alles eine Katastrophe. Seine Ehefrau die Schlimmste. In meinen Augen aber seine Zigaretten.

Nummer 6,5:

Sie ist die Gärtnerin in unserer Einrichtung. Sie erinnert mich an Totoro. Ich kenne sie nicht, aber ich mag sie, weil ich Totoro mag.

Nummer 7,5:

Er wurde überfallen. Der Taxifahrer mit der spitzen Nase und dem Akzent. Der mich an meinen ehemaligen schwulen besten und heute nurnoch-Freund erinnert. Einmal in 6 Jahren. Sein Auge musste genäht werden. Es ist grausam. Er kommt aus England und ich habe unwissentlich mit seiner Stieftochter zusammen gearbeitet. „Klein ist die Welt“ sagt er. „Klein ist die Welt“, sage ich.

Ich mag sie.

Die kleine Welt

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