Begegnungen und Notärzte, die Spaß haben

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Okay, am Wochenende habe ich echt eine extreme Achterbahn hinter mir.

Ich habe hier glaube ich noch nicht erwähnt, dass ich seit Längerem schon krasse Schlafstörungen habe, die sich mittlerweile sogar auf meine physische Gesundheit auswirken. Ich kann nicht mehr durchschlafen, werde immer wieder wach und kann schlimmsten Falls gar nicht mehr wieder einschlafen. Seit einigen Tagen ist mir dadurch auch immer kotzübel. Zumindest bilde ich mir ein, dass es von den Schlafstörungen kommt. Anders kann ich es mir nicht erklären.

Nun, so kam es dazu, dass ich am Samstag ziemlich verantwortungslos gehandelt habe und aus Verzweiflung 2 Tabletten (20 mg) von Bays Schalftabletten genommen haben (Zolpidem), die sogar tödlich enden können – hups.

Der „Vor“(nach)teil bei mir war, dass diese 20 mg bloß wie eine heftige Droge auf mich gewirkt haben. Ich weiß noch, wie ich anfing „weich“ im Kopf zu werden. Da bekam ich dann Bammel und habe wohl in der Nacht bei sämtlichen Krankenhäusern und Bereitschaftsnummern und Kliniken und sonstige Nummern, die ich von Ärzten kenne, angerufen. Das weiß ich allerdings auch nur noch, weil ich gestern mein Telefonprotokoll gesehen habe.

Ich erinnere mich auch noch, wie Bay irgendwann kam und erst schockiert und entsetzt war, wir dann aber gemeinsam wegen jedem Schmarrn gelacht haben – oder ich zumindest. Und sie lachte mit. Irgendwann, das weiß ich auch noch, klingelte es plötzlich. Es muss so gegen 2 Uhr nachts gewesen sein. Ich torkelte zum Türöffner. Ich torkelte wirklich – so richtig. Als hätte ich 10 Maß Bier getrunken!!! Ich konnte einfach nicht mehr gerade gehen, aber ich war super gut gelaunt. Wie betrunken eben.

Ich öffnete die Tür… puh, ich weiß noch, wie ich die Treppen nach unten sah und zwei Notärzte sah. Eine Frau und einen Mann. Beides sehr sympathische Gesichter… wenige Minuten später klingelte es wieder.. die Polizei. Anscheinen hat wohl jemand von den Krankenhäusern oder Kliniken gedacht, ich hätte einen Suizidversuch vorgehabt. Ich weiß nur noch, wie ich zu dem einen Polizisten hin bin, sein Stern betrachtet habe, ihm dann auf die Schulter klopfte und mit einem sorglosen Lächeln meinte: „Keine Angst, mir geht es gut.“ Er lachte daraufhin nur und meinte zu den Notärzten, ob sie gehen dürften oder ob sie mich „wo anders“ (Psychiatrie wegen dem geglaubten Suizidversuch) hinbringen sollen. Die Ärzte meinten, sie kümmern sich um mich.

Tja..ab da ist wirklich alles nur noch verschwommen…. Ich weiß nur aus wenigen Bruchstücken und aus Bays Erzählungen, dass die Ärzte und Notärzte wohl die lustigste Nacht ihres Lebens hinter sich hätten. Sie hat mir Dinge erzählt, an die kann ich mich überhaupt nicht erinnern – zum Beispiel, wie ich, als wir schon im KH waren, Bay davon überzeugen wollte ein Taxi zu rufen um wieder nach Hause zu fahren. Oder wie ich mir einfach alle Kabel vom Körper genommen habe, weil ich nicht schlafen konnte… ooooder wie ich sie darum gebeten habe zu mir auf die Liege zu kommen, weil mir so kalt war, dann deckte ich uns mit der Unterlage zu. Diesem Papier… (ich hatte kein eigenes Zimmer, weil alles voll war. Ich musste in einem Sprechstundenzimmer auf so einer Liege schlafen)… ich hätte auch kurz auf dem Boden geschlafen. Außerdem hätte die Ärztin gefragt, ob ich sonst noch irgendwelche Krankheiten hätte und ich hätte ge“schrien“: „Ja, Magersucht. Aber das sieht man mir nicht an.“

Außerdem wäre ich total traurig gewesen, als die Notärzte wieder wegfahren mussten. An die Spanne zwischen 7 Uhr und 12 Uhr erinnere ich mich null. Kompletter Filmriss. Bay hat mir erzählt, wie die Ärztin ein Taxi gerufen hat, der Taxifahrer reingekommen ist und ich plötzlich vor ihm weggelaufen wäre (ich war zu der Zeit noch völlig „unter Drogen“)… ich soll wohl nur auf die Toilette gerannt sein. Bay hätte mich geholt und der Taxifahrer soll total genervt gewesen sein. Um noch eins mit drauf zu setzen, hätte ich auch noch gerufen, als ich in das Taxi gestiegen bin: „Oh schau mal, das ist ja Taxi Papa E***“….

Zuhause wäre ich schnell eingeschlafen… nachdem ich Carmen noch geschrieben habe, dass ich im Krankenhaus war.

Um 14 Uhr war ich dann ca. wach. Ich hatte Kopfschmerzen, mir war übel, schwindelig – also wie bei einem typischen Kater. Und dann hatte ich auch noch 10 Nachrichten und 5 verpasste Anrufe von Carmen. Sie war außer sich vor Wut und Sorge. So wütend habe ich sie noch nie erlebt. Okay, gut. Sie hat jedes Recht dazu. Spaß bei Seite, denn im Ernstfall hätte ich wirklich tot sein können (ich weiß ja nicht, wie viel noch gefehlt hätte).

Kurzerhand entschloss ich (ja, selbst in meinem beschissenen Zustand), nach München zu fahren, um sie zu sehen.

Anfangs war sie wütend, aber nach einer Stunde, in der wir geredet (und einen Biber gesehen!!!!!!!!!!!) haben, war alles wieder gut.

Die Zugfahrt war eher das aufschlussreichste Erlebnis vom gestrigen Tag.

Auf dem Viererplatz neben mir saß eine braunhaarige Frau, die ihren riesigen Koffer zwischen die Zweisitzer hinter den Viererplatz gestellt hat. Er rollte dauernd hin und her. Irgendwann stand ich auf, zog meinen Schal aus und meinte zu ihr, so hätte ich damals auch meinen Koffer befestigt. Sie war sehr sympathisch (und attraktiv, aber das ist Nebensache)… Ich habe also ihren Koffer mit meinem Schal an der Stange befestigt, bis ich (und sie auch) in Weilheim umsteigen musste.

Sie musste nach Garmisch und ich fragte sie aus Interesse, wo sie denn war, dass sie so einen riesigen Koffer dabei hatte. Sie meinte, sie wäre in Stuttgart auf der Low-Food Messe gewesen. Ich fragte, ob sie das privat oder beruflich gemacht hätte und sie meinte, sie wäre beruflich dagewesen. Sie hätte ein Hotel in Garmisch. Ich fragte welches und sie nannte es mir.

Ich weiß nicht, wie wir darauf kamen, aber sie meinte dann nebenbei lachend: „Wir bilden auch aus…“ Ich verstand den Wink, lachte dankbar und sagte dann aber, dass ich gerade eine Ausbildung im 3. LJ zur Kauffrau für Büromanagement mache. Darauf meinte sie nur mit einem Lächeln und Schulterzucken „Wir bieten auch Umschulungen an. Menschen mit so einem Lachen sind immer gern gesehen.“ Ich war irgendwie total verlegen, versprach ihr auf jeden Fall, sie in dem Hotel zu besuchen und mir ihr Angebot durch den Kopf gehen zu lassen. Dann musste ich aussteigen.

Apropos. Es findet im Moment nicht nur IN mir eine Veränderung statt. Ich hatte das erste Mal in meinem Leben das Bedürfnis mich auch optisch ein bisschen zu verändern und habe mir spontan mal ein paar Strähnchen in die Haare gesetzt. Ach ja… und momentan ist ein kleiner Hase bei uns zu Besuch. Der von Melly. Weil sie sich nicht mehr um ihn kümmern können. Und bis er vermittelt wird, darf er bei uns und unseren Mädels bleiben. Ich will den kleinen Schatz aber eigentlich gar nicht mehr hergeben 😀

 

 

 

Von unseren eigenen Hasis gibt es auch noch ein paar. Also offiziell haben wir ja vier. Ich glaube, ich habe noch gar nicht erzählt, dass ich Mogli und Malheur (meine zwei Schätze) endlich von München zu mir nach S. holen konnte. Oh Gott, ich bin so glücklich, dass sie hier sind. Ich liebe Mogli ja so sehr. Sie bedeutet alles für mich!

Bay hat Coco und Lina (ihre Zwei) ja noch von Zuhause und eine Freundin von Bay ist seit Anfang April im Urlaub bis Mitte Mai und ihre zwei Kaninchen sind seitdem auch bei uns zur Pflege (Babs und Jola).

 

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Carola

Da schrieb ich dir vor einiger Zeit einen Text, der dich nie erreichen wird. Da war ich mir sicher. Darin, dass du nicht weißt, dass es dieses Buch hier gibt. Das, und meine Gedanken, die ich mit aller Welt teile, weil mich nichts scheut.

Beitrag 2

Ich dachte an diesem Tag ganz fest an dich. Am Morgen im Bus. Und fühlte eine Art Sehnsucht oder zumindest ein starkes Vermissen. Ich dachte an deine blauen Augen, deine kinnlangen (kurzen) Haare, die bei jedem Kichern oder Lachen mitschwangen.

Und vor allem dachte ich an die Szene, die mir nicht aus dem Kopf geht. Dieses Bild, als ich unten im Unterricht saß und durch die Glasfront sehen konnte, wie du der Lehrerin in den Armen zusammengebrochen ist.

Wenige Tage bevor wir uns für immer aus den Augen verloren.

Wie lange ist das nun her? Sechs Jahre? Ich war 14. Wie alt du warst, das weiß ich nicht mehr. Zumindest nicht viel älter und nicht viel jünger.

Vor ein paar Wochen, da stand ich unten am alten, nostalgischen Bahnhof, wartete auf den Bus zur Arbeit, flirtete mit einem kleinen Augensternchen mit großen Rehäuglein im Kinderwagen und knüpfte Fern-Kontakte mit dessen Mutter, die mich seither jeden Morgen mit einem besonders hübschen Lächeln und einem lippengeformten „guten Morgen“ grüßt, da zwischen uns nicht nur ein, sondern zwei Bäume stehen, und mich ihre Worte nicht erreichen würden. Sie weiß ja sowieso, dass ich sie verstehe.

Und dann tauchte aus der langen Straße, die zur Bushaltestelle am Bahnhof führt, ein Mädchen auf. Quatsch, eine junge Frau. Mit langen, sehr langen, blonden Haaren und blauen Augen. Ein Mädchen, bei dessen Gesicht mir das Herz in die Hose rutschte und ich sogar die Liebäugelei mit dem zuckersüßen Baby im Kinderwagen vergaß.

Es waren keine Gedanken, die durch meinen Kopf rasten wie Züge auf einer Langstrecke, sondern Bilder, Erinnerungen und laute geklonte Köpfe meines selbst, die fassungslos den Kopf schüttelten und murmelten: „Nein, nein, nein, nein, nein, das kann nicht sein“

Dieses Mädchen sah mich an, lächelte, nickte. Dieses Nicken! Es ist, als würde man aus einer kleinen, versteckten, vergrabenen Truhe kleine Papierfetzen mit Erinnerungen ziehen.

Ich war mir sicher. Spätestens beim fünften Mal, wie ich dieses Mädchen sah, war ich mir sicher: Das bist du. Das musst du sein. Das kannst nur du sein.

Dieses Gesicht hätte ich überall wiedererkannt. Überall.

Ich habe mir jedes Mal vorgenommen, dich anzusprechen, da du mich jedes Mal anlächeltest und nicktest, als Begrüßung. Und immer wenn du das tatst, sah ich dich nicht als Carola-Jetzt vor mir, sondern als Carola-Damals. Und mein Herz schmolz und schmelzt jedes Mal vor Freude und Fassungslosigkeit.

Kein einziges Mal habe ich dich angesprochen, bis jetzt.

Ich wusste bis heute ja nicht einmal wirklich, dass du es bist, auch wenn mein Gefühl intuitiv auf 100 % Sicherheit war, schüttelte mein Verstand jedes Mal den Kopf und sagte: „Das ist zu absurd.“

Bis heute, denn Dank Gesichtsbuch bekam ich wieder Freundesempfehlungen; Carola. Du. Dein Name, dein Gesicht.

Ich bildete mir mittlerweile ein, dass ein Fluch auf mir liegt, da ich jedes Mal, kaum dass ich meine Gedanken über den Tod aussprach oder schrieb, diese Personen dann auch tatsächlich starben, in kürzester Zeit. Ich beschimpfte mich für diesen Aberglauben, aber wir Menschen sind das halt – abergläubisch. Wir suchen für alles eine Erklärung, und wenn es rational nicht funktioniert, dann eben irrational, was ja auch nicht verwerflich ist.

Andere Menschen glauben an Gott als Mann im Himmel.

Aber sollte ich Menschen aus der Vergangenheit auch wieder in die Gegenwart rufen können, dann nehme ich all meine Beschimpfungen zurück. Man sagt doch, dass alles sein Gegenpol hat. In meinem Fall ist es klar wie Kloßbrühe. Oder Wasser. Wasser gefällt mir besser, denn Kloßbrühe kenne ich nicht.

In meinem Fall ist es klar wie Wasser. Das Ende und der Anfang. Ich schrieb, dass ich das Gefühl habe, dass mein Oma stirbt – Schwups, ging sie fort! Ich schrieb, dass ich das Gefühl habe, dass meine Katze stirbt, in der für mich meine Tante neun Jahre lang weiter gelebt hatte – Schwups, ging sie fort!

Vor drei Wochen beschlich mich das Gefühl, Luisa aus Ungarn, von der ich schon oft schrieb, würde es nicht mehr lange aushalten… Vor zwei Wochen ließ ich den Gedanken von meinem Tagebuch verschlucken….. drei Mal darfst du raten – Schwups, … ja.

Letztes Wochenende war ihre Beerdigung, auf der meine Mama und mein Papa waren.

Am 30. September schrieb ich diesen Text an dich, den du nie lesen wirst. Und am 2. Februar, 92 Tage später, an  einem Donnerstag, ich weiß es noch ganz genau, kam dieses Mädchen aus der Langstraße auf die Bushaltestelle am Bahnhof zugelaufen. Du.

Halte mich für geisteskrank, aber an Zufall glaube ich nicht mehr.

Vielleicht sollte ich mal meine Gedankengänge und Intuitionen steigern? Vielleicht schreibe ich demnächst, dass ich das Gefühl habe, dass meine Tante plötzlich gesund bei uns Zuhause vor der Tür steht und uns erzählt, ihr Tod damals, vor neun Jahren, sei nur eine Vortäuschung gewesen, weil sie nicht wollte, dass wir sehen, wie sie unter all der Chemo und dem Krebs leidet, aber dass sie nun endlich die Krankheit besiegt hat und vermutlich noch viele Jahre mit uns verbringen kann.

Wer weiß, vielleicht klingelt sie ja tatsächlich nächsten Monat dann an unserer Tür, am 12.04.2017, neun Jahre nach ihrem Tod…

Lass mich. Zumindest ist die Vorstellung schön….

 

Die rothaarige Bäckerin und ihre Bus-Tochter

ich war ja die letzten Tage vormittags immer in der Bäckerei. Mittlerweile kenne ich sie alle. Und ich liebe sie alle. *Anette hat mir einen Burger zum Probieren geschenkt. Das nehmen sie neu in ihr Sortiment auf – schmeckt hammer!

Nun ja, aber eigentlich geht es gerade um die rothaarige Bäckerin. Ich war an diesem Vormittag (Donnerstag) alleine in der Bäckerei und habe viel mit ihr gequatscht. Sie erzählte oft von ihren Kindern und irgendwann fragte ich, wie alt sie sind. Der Kleine 7, die Älteste 17. Und dazwischen noch ein Junge und ein Mädchen, die mich nicht interessieren, weil mir ganz plötzlich ein Gesicht in den Kopf schoss und ich mir dachte: NEIN, das kann nicht sein!

„Kann das sein, dass Ihre Tochter in die Berufsschule hier geht?“

Sie sah mich überrascht an: „Jaaa.“

„Oh wow“, sagte ich.

Seit diesen Ausbildungsjahr sah ich fast jeden Morgen im Bus ein rot-braunhaariges Mädchen, das irgendwie ein Gesicht hat, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sie gefällt mir. Aber nicht auf die Art und Weise, dass sie mir als „Lesbe gefällt“ …. sondern sie gefällt, mir weil sie irgendwas Verletzliches, Zartes an sich hat. Sie ist nicht besonders schön, aber sie ist ganz hübsch. Sie hat einfach dieses Etwas, bei dem ich mir oft dachte, ich würde sie evtl gerne näher kennen lernen.

Tja.

Im Laufe des Vormittags erfuhr ich, dass *Sarah hier niemanden kennt, weil alle ihre Freunde sehr weit weg wohnen und sie meistens nur Zuhause ist und nichts unternehmen will. Sie fragte mich, ob ich sie nicht einmal ansprechen möchte.

Ich sagte ihr am Donnerstag schon, natürlich, sehr, sehr gerne! Ich habe ja eh schon oft mit dem Gedanken gespielt.

Nun… heute war ich wieder in der Bäckerei… und habe da auf Bay gewartet…. da war die rothaarige Bäckerin wieder da und wir plauderten wieder.

„Wie geht es denn Sarah?“
„Ach, es passt schon… ihr geht es momentan nicht so gut.“

„Oh…“

„Ja… sie war letztens wieder bei der Schulsozialarbeiterin… sie wird ja in ihrer Klasse so gemobbt… sie will schon gar nicht mehr in die Schule und kommt immer weinend nach Hause…..“

In mir stieg so ein Hass an!!! ich musste mich an meine Schulzeit von der 6. – 8. Klasse denken, in der mir die Oberschüler einen Zirkel durch die Hand gestochen und dabei zwei Knochen gebrochen haben…. ich weiß zu gut, was Kinder/Jugendliche kaputt machen können…..

„Scheiße“, sagte ich also nur und rührte mit wütendem Gesicht in meinem Cappuccino herum.

„Also… ich kann Ihnen ja meine Nummer da lassen und Sarah kann sich gerne bei mir melden. Ich bin momentan am Wochenende eh immer da.“

Ich ließ ihr meine Nummer da. Dann kam Bay.

Wir sind heute bis Peiting rüber gefahren, weil wir uns weitere zwei Kaninchen geholt haben. Jetzt haben wir insgesamt vier. Die zwei Neuen heißen Jola und Babs. Bays Kaninchen heißen Coco und Lina. Die Vergesellschaftung hat traumhaft geklappt! Noch habe ich nicht so viele Bilder, aber die folgen.

Momentan hopsen sie in meiner ganzen Wohnung herum, bis wir draußen alles wind- und wetterfest gemacht haben. Und vor allem Raubtiersicher (hier gibt es unfassbar viele Raubvögel!)… Aber sie fühlen sich sehr wohl. Zumindest werfen sie sich schon ordentlich in ihre Lieblingsecken und welzen sich herum.

Heute Abend hat mir dann eine Nummer bei Whatsapp geschrieben.

Es war Sarah.

Wir haben nächste Woche Freitag ein Date in der Mittagspause in der Berufsschule. Ich bin schon gespannt

Karma

Ich bin die Woche krank geschrieben. Das tut SO gut (darf man das überhaupt sagen? – dazu ein andermal mehr) Na ja. Für den Direktor arbeite ich von Zuhause aus trotzdem noch weiter; also die Übersetzungen. Das könnte ich gewissenstechnisch schon gar nicht verantworten.

Heute habe ich mich am Vormittag in die Bäckerei beim Netto gesetzt. Ich kenne die Leute da ja eh schon, weil ich oft dort bin. Diesmal eben länger.

Heute setzte sich ein Mann zu mir an den Tisch. Der sprach ein bisschen datterig, aber ich dachte mir nichts weiter dabei. Ich habe ja seit 5 Jahren mit besonderen Menschen zu tun. Er sah sehr sympathisch aus, seine Augen hatten ein… melancholisches Strahlen… komisch – existiert sowas überhaupt? Na ja, anders könnte ich es zumindest nicht erklären.

Irgendwann fragte ich:

„Haben Sie heute auch frei?“

„Na, ich muss später noch zur Therapie.“

„Oh. Okay. Zu was für einer Therapie denn?“

„Ach, zum W. … der da hinten… du weisch scho. Da um’s Eck… sag scho… In S. West.“

„Aaah, ja. Okay“, ich hatte das Gefühl es wäre ihm jetzt doch nicht geheuer, mir davon erzählt zu haben, also sagte ich:

„Ich gehe auch in Therapie.“

Er sah mich kurz unverwandt an, dann nickte er und meinte:

„Ja ja, da bin ich jeden Tag.“

„Oh, wow! Jeden Tag? Ist das nicht anstrengend?“

„Na na. Anstrengend ist das nicht.“

„Also ich stelle mir das anstrengend vor.“

„Naaaa… davor war ich ja beim Logopäden. Das mach ich auch noch….“

„Oh!“

„Ja. Ich war ja beim Militär, weisch (=weißt du)“

„Wow, cool!“ Ich war wirklich begeistert! Keine Ahnung, warum mich sowas immer so aufgeregt macht.

„Ja ja. Da war ich sehr lange. Und da hatte ich dann meinen Unfall.“

„Oh. Was denn für einen Unfall?“

„Mhm… ich hatte einen Schlaganfall…“

„Oh nein!“

So etwas trifft mich immer mitten ins Herz. Keine Ahnung, warum. Ich hoffte, er sieht die Tränen in meinen Augen nicht. Die konnte ich gerade noch so zurück halten (wie bei der alten, psych. schwer kranken Frau im Bus, die mir von dem Tod ihres Sohnes erzählt hat). Deshalb machte er also so viel Therapie. Ich schätze ihm vom Alter her auf um die 40.

„Und wie lange ist das jetzt her?“, fragte ich.

„8 Jahre. Da habe ich alles wieder lernen müssen.“

„Deshalb also so viel Therapie….“

„Ja ja… ich habe ja alles wieder lernen müssen, weisch. Das Reden, das Laufen… Lesen kann ich noch net. Weißt, ich habe Wörter in meinem Kopf. Ich kenne sie, aber ich kann sie nicht aussprechen. Das ist das Problem.“

Das ist das Problem. Oh mein Gott, wie ich ihn verstand! Obwohl ich noch nie einen Schlaganfall hatte, wusste ich ganz genau, was er meint. Oh man, so ähnlich geht es mir mit den Bildern und Gefühlen in mir, für die ich zwar Wörlter habe und die ich auch kenne, aber aus irgendeinem Grund nicht aussprechen kann, weil es sich anfühlt wie eine Sprache, die ich noch nie gelernt habe… sehr komisch. Aber, Himmel, ja! Wie gut ich das verstand, was er sagte! „Ich habe Wörter in meinem Kopf, ich kenne sie, aber ich kann sie nicht aussprechen. Das ist das Problem.“ 

„Wow. Und Sie haben trotzdem schon so viel erreicht. 8 Jahre sind noch gar nicht so lange her.“

Er schüttelte zustimmend den Kopf.

Vor 8 JAhren bin ich auch noch durch meine eigene Hölle gegangen.

„Tja… ja… so ist das.“

Mir fiel auf, dass er viel lachte und viele kleine Witz emachte. Irgendwann sagte ich zu ihm:

„Aber Sie haben nie Ihre Fröhlichkeit verloren. Das finde ich so toll.“

Und er, mit einem amüsierten Achselzucken:

„Klar.“

Neben uns klingelte vom Backofen der „Wecker“, dass die Ciabattas (schreibt man das so? keine Ahnung, keine Lust zu googeln) fertig sind. Die junge Bäckerin (Mutter von mindestens 2 Grundschulkindern, Kroatin), war gerade mit einigen Kunden beschäftigt, also stand der Mann auf und öffnete für sie den großen Ofen. Sie bedankte sich mit einem ehrlichen Lächeln und ich strahlte über das ganze Gesicht. Auch diese Geste traf mich mitten ins Herz. Das war wie ein knalliger Lichteinfall in mein Innerstes… das schönste Gefühl seit den letzten zwei Wochen. Das ist nämlich schon wieder etwas, was in München niemals passiert wäre. Kein „Kunde“, der gerade beim Kaffee trinken am Stehtisch auf einem Barhocker sitzt, würde einfach so aus Nächstenliebe aufstehen, und der Bäclerin Vorarbeit leisten.

Irgendwann kam Antonio, mein italienischer, alter Nachbar, mit seinem Rollator. Der ist mir bisher nur ein paar Mal über den Weg gelaufen und dem habe ich nur ein paar Mal grüßen können.
Heute habe ich ihn kennen gelernt. Er ist so ein richtiger, waschechter, typischer Italiener, spricht nur gebrochen Deutsch, mit viel Akzent. Er lacht viel, macht viele Späße und ist auf eine sehr charmante Art und Weise frech.

Die Bäckerin nennt er „Schatzi“ – sie kennen sich schon länger – Er wollte ständig eine mit ihr Rauchen gehen, aber kaum, dass sie mal mit ihm vor die Tür ging, kam schon ein Kunde und sie gleich wieder hinterher.

Irgendwann lachten der Mann an meinem Tisch und ich und ich meinte zu ihr: „Soll wohl nicht sein…“
Sie lachte auf meinen Kommentar und zuckte unbekümmert die Schultern. Es schien sie nicht aus der Ruhe zu bringen.

Ich war schon in der Überlegung ihr anzubieten, solange mal die Kasse für sie zu schmeißen – so schwer kann das ja nicht sein. Aber da kam dann schon Antonio von draußen und meinte kopfschüttelnd: „Ständig läuft sie vor mir weg“

Irgendwann kam eine Frau herein und Antonio rief:

„Hey, Schatzi!“

„Bei dir heißen aber viele Frauen Schatzi, Antonio. Pass auf, dass deine Frau das nicht mitkriegt“, meinte die Bäckerin lachend.

„Ach, für mich gibt es nur Eine“, entgegnete er und machte einen Kussmund in ihre Richtung.

Der Therapie-Mann und ich lachten.

Kurz nachdem Antonio ging, ging ich auch, um Zuhause die Wäsche abzuhängen und Geschirr zu spülen, dann ging ich wieder zur Bäckerei und da war dann wieder ein Mann da, der wohl öfters dort ist, denn die Bäckerin (diesmal eine ältere, die früher in einem Hotel gearbeitet hat und Sonntags deshalb nicht mehr arbeiten will – ihr Sohn hat eine Scheidung hinter sich und weil seine Ex-Frau die schöne Maine-Coon-Katze nicht mehr wollte, mussten sie das Tier zu ihrem Schwäger bringen, der in der Nähe eines Waldes ein renoviertes Bauernhaus hat) – äh ja… genau, weil die Bäckerin sich so gefreut hat, dass er gekommen ist und ihn beim Vornamen nannte und gleich wusste, dass er einen Cappuccino will. Dann redeten sie viel neben mir, während ich mein Buch las. Irgendwann, kurz, bevor er gehen musste, ging er noch zu den aufeinander gestapelten Körben, die neben dem Wägelchen für die Kunden mit Milch, Zucker und Deckel für Pappbecher standen. In dem obersten Plastikkorb lagen noch ein paar Kuchen. Diesen Korb stellte er eins weiter runter und einen leeren Korb drauf.

Darauf meinte die Bäckerin: „Oh, B., danke dir! Das war es, was ich noch machen wollte, aber ich habe es komplett vergessen.“

Wieder strahlte ich über das ganze Gesicht und war so glücklich……. ich liebe Schongau und ihre Menschen.

Tja. Und dann kam das Karma höchstpersönlich – ich könnte mich jetzt noch totlachen.

Wenige Minuten später dackelte eine aufgetakelte Blondine herein, die Bäckerin war für ein paar Sekunden (!!!) um die Ecke verschwunden, um sich die Hände zu waschen. Die Blondine wartete keine Sekunde und haute einmal auf diese Rezeptions-Glocke (ihr wisst schon, was ich meine), also klingelte die Bäckerin quasi herbei.

Ich war fast sprachlos.

Als die Blondine ging, sah ich ihr hinterher und sah, wie sie doch tatsächlich in ein Münchner Auto stieg. Nennt mich vorurteilig… aber DAS war ja wohl mehr als akkurat.

Ein krasseres Beispiel hätte ich an diesem Tag nicht bieten können, weshalb ich München so wenig leiden kann (die Menschen dort haben einfach keine Zeit, sind nur auf sich fixiert und dann schauen sie dich auch noch an wie ein Alien, wenn du auf der Straße „guten Morgen“ oder so sagst) und S. so liebe.

 

Ach ja, Bays Kaninchen ziehen diese Woche Freitag zu mir auf den Balkon – darauf freue ich mich, weil ich Lina sooo liebe. Es gibt dann sicher Fotos! Also auf jeden Fall haben wir einen Hasenstall für die Nacht bestellt (am Tag dürfen sie frei rumhoppeln)… und den wollten wir aufbauen… (siehe Fotos und findet den Fehler..)

Erst war ich so stolz auf mein handwerkliches Geschick, bis mir das Dilemma aufgefallen ist… Tipp: Achtet auf den Boden und die Wand… Also, um es einfach zu erklären… in diesen Löchern an der „Wand“ ist KEIN Glas Foot in mouth… eigentlich wäre das der Boden gewesen (da kommt ja dann so eine Art Schublade drüber)… na ja… wie man sieht war ich dann so verzweifelt, dass ich keine Lust mehr hatte weiter zu bauen… Wir verschieben das auf Donnerstag oder so…Foot in mouth

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Bäumchen-Briefe

Bay und ich hatten Anfang der Woche eine Idee – ja, gemeinsam fallen uns seltsame Dinge ein, die aber irgendwie echt aufregend sind.

Wir dachten, wir schreiben einfach mal einen total belanglosen Brief, in dem wir über das schreiben, was uns gerade in den Kopf kommt. Über Tiefes, über Leichtes, über Floskeln, über Alltägliches.

Wer diese Briefe bekommt – keine Ahnung. Wir gehen einfach im Ort spazieren (S* ist ja klein) und schmeißen sie wahllos in die Briefkästen.

Das ist uns auch nicht wichtig. Wichtig war uns bloß, den Menschen eine kleine Freude zu bereiten oder sie zu überraschen, sie aus ihrem Alltag zu wecken.

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Vorgestern haben wir ja wieder bei ein paar fremden Leuten angerufen – es war wieder eine Mehrzahl dabei, die aufgelegt hat, weil sie mit Fremden nicht sprechen wollen. Eine war allerdings dabei, die wirklich relativ jung (vielleicht so um die 30?), etwas verstört, aber am Ende dann doch begeistert war. Sie sagte sogar, ich könne gerne ihre Nummer einspeichern und immer wieder mal anrufen, wenn mir gerade danach ist. (Das hat eine andere das letzte Mal auch schon angeboten).

Finde ich cool, dass es noch solche Menschen gibt. 🙂

Das verschollene Reh-Mädchen

Vor einiger Zeit schrieb ich in meinem Blog über ein Mädchen.

Seit ein paar Wochen ist sie verschwunden… sie war einmal nicht im Bus, das zweite Mal auch nicht… ich halte bis heute noch Ausschau nach ihr und hoffe jeden Tag, sie taucht doch plötzlich wieder auf. Ich habe dieses Reh-Kind sehr in mein Herz geschlossen. Sie wirkte sehr allein und verunsichert und blühte auf wie eine Tulpe, wenn ich mit ihr sprach – jeden Tag ein Stückchen mehr.

Es ist seltsam, in einen Bus zu steigen, immer wieder die selben Leute zu sehen… es hat fast schon etwas familiäres. Es fällt sofort auf, wenn jemand fehlt. Und das Reh-Mädchen fehlt mir sehr.

Ich hoffe nur, dass es ihr gut geht, da, wo sie jetzt ist.

Ich denke jeden Tag an sie, wenn ich in den Bus steige.

Ihr Lächeln hat mir an diesem Tag besonders gut getan

Am Montag, wo es mir so beschissen ging, weil ich so frustriert war – da habe ich ja dann auch noch den scheiß Anschluss-Bus verpasst und durfte dann eine halbe Stunde in der Arschkälte warten. Egal. Ich war in der Bücherei (Idiotin) und habe mir ein Buch gekauft (Vollidiotin), obwohl ich noch 14 ungelesene Bücher in meinem Schrank stehen haben (unübertreffliche Supervollidiotin!).

Aber ich liebe das Buch. Es heißt: Monsieur Blake und der Zauber der Liebe.

Egal, darum gehts ja gar nicht. Naja, vielleicht ein bisschen um den Zauber der Liebe. Oder den Zauber der Menschen.

Menschen sind großartig.

An dem Montag im Bus stieg mir eine etwas bekannte Frau ein. Sie war schon ein paar Mal im Bus. Vielleicht so um die Ende Dreißig oder Anfang Vierzig.

Nun, sie sah mich, lächelte mich offen an- sehr offen, anders offen – und setzte sich.

Als ich ausstieg, stand ich wieder vor ihr und wir lächelten uns so breit an, dass wir beide fast lachen mussten und mit einem Lächeln auf den Lippen an der selben Haltestelle den Bus verließen.

Ihr Lächeln tat mir an diesem Tag besonders gut, weil ich ja wegen dem Reiten so frustriert war.

Gestern habe ich übrigens Frau Fauré bei uns im Gebäude bei einer Schulung getroffen und bin ihr ganz „aufgelöst“ (theatralisch) um den Hals gefallen und habe sie verzweifelt gefragt, wann sie wieder da ist und ihr erzählt, was am Montag so scheiße war. Sie hat ihm den Vogel gezeigt und meinte, sie rettet mich: Das nächste Mal ist sie wieder da und wir reiten wie WIR reiten. Punkt. Dann haben wir gelacht und ich war erleichtert.

Gestern Abend kamen Bay und ich auf eine ausgefallene Idee: Was würden die Menschen tun, wenn sie einen Anruf von jemandem bekommen, den sie nicht kennen, der aber reden möchte? Einfach so.

Wir probierten es aus. Wir riefen bei irgendwelchen Nummern in der Umgebung an (also mit der Vorwahl und einer erfundenen Nummer) und ich sagte, wenn sich jemand meldete, dass es vielleicht komisch sei, weil sie mich nicht kennt, aber ich gerade gerne einfach mit jemandem plaudern würde.

4 von 5 Leuten haben entweder aufgelegt oder gemeint, sie haben keine Zeit und eine war sogar dabei, die meinte ganz barsch, sie rede nicht einfach mit irgendwelchen Leuten am Telefon. Ich kann’s ja irgendwie verstehen, ein bisschen dubios finden sie es vermutlich.

Da war aber eine dabei, die haben Bay und ich nach dem Telefonat ordentlich „gefeiert“. Sie muss eine ältere Frau gewesen sein. Von der Stimme schätzte ich sie auf um die Mitte Vierzig, aber da sie erzählte, dass sie einen Sohn hat, der deutlich älter sei als ich, dürfte sie auch schon so um die 50 oder 55 sein. Wir plauderten wirklich lange, lachten viel und am Ende gab ich ihr sogar meine E-Mail Adresse, weil sie mir ein Rezept einer vegetarischen Spaghetti Bolognese zuschicken wollte. Und der nächste Hammer ist: Sie wohnt quasi um die Ecke!

Sie war total begeistert und als ich meinte, ich finde es so toll, dass sie sich wirklich Zeit nimmt zum Plaudern, obwohl sie mich nicht kennt, da lachte sie und meinte: „Na klar! Das ist doch mal etwas Anderes und eine nette Idee.“

Ich bin ja gespannt, ob ich wirklich eine E-Mail von ihr bekomme – und selbst wenn nicht, wäre das nicht schlimm. Es ging mir rein ums Prinzip. Ein kleines Projekt der Engstirnigkeit. Unter 5 Leuten war Eine dabei, mit der ich tatsächlich 48 Minuten lang geplaudert habe.

Es war so cool, dass ich fast in der Versuchung bin, das noch einmal zu machen. (Obwohl ich ja eigentlich meine Zeit lieber für die Prüfungen investieren sollte… ich bin ja so unvernünftig!)