Ein Phantom zu lieben…

Dich zu lieben war eine Qual, eine Versuchung, eine Angst und eine Hoffnung in einer Welt, die es nicht gibt und es nie geben wir.

Dich zu lieben, schnitt mir Wunden in das Herz, begoss sie mit Gift, mit brennendem Schmerz.

Dich zu lieben war eine Welt in pechschwarz, nicht rosarot, keine Brille sondern Blindheit und Taubheit und, o Grauen, wie unangenehme Gänsehaut, im Schein der Täuschung und des Unwissens.

Dich zu lieben war Entzückung, war bezaubernd und berauschend, wie meine eig’nen Schmetterlinge auf masochistischem Wege Löcher in die Magengrube flatterten, meinem Herzen das Klopfen befahlen und es gleichzeitig in Fesseln legten, um es nicht entkommen zu lassen.

Dich zu lieben war mehr Traum als Realität. War mehr Stimme, war mehr Name, mehr Vermutung und viel mehr Worte, als Nähe, Haut und Wärme und der Duft, den die Luftpost auf sicherem Wege in die meine Hände fliegen ließ.

Es war mehr Schicksal, als Glück und mehr dunkel als hell.

Dich zu lieben, ohne dich je zu spüren, zu riechen, zu küssen, dich zu lieben, ohne Augen, ohne Haar, ohne Lippen, ohne Wahr… viel mehr Falsch und mehr Phantom, als echt und lebendig.

Eher eine sterbende, sickernde Hoffnung und Sehnsucht, die quälend ihren Weg in ein dunkles verebbendes Loch gräbt und stirbt.
Ganz allein
Für immer liebend.

„Wie kann man jemanden so sehr lieben, den man nie gesehen hat?“ (14.07.2011)

Als ich das Phantom besuchen wollte – THE END

Es machte mir nichts aus, dass mich die Polizei suchte. Im Gegenteil, es berauschte mich irgendwie. Ja, tatsächlich, wirklich, man könnte sagen, ich fühlte mich wie in einem Action-Film.

Ich sagte meiner Mutter, ich würde noch meinen Kaffee fertig trinken und noch ein bisschen warten, vielleicht meldet sich Lejla ja doch noch. Oh, wie ich die Gedanken meiner Mutter hören konnte: Mein armes Kind. Wie kann man nur so an einem Wunsch, an einer unerfüllbaren Hoffnung festhalten. Lejla wird sich nicht melden.

Aus dem „bisschen warten“ wurden drei Stunden, in denen ich noch ein bisschen, langsam traurig und enttäuscht werdend, in den Straßen N*‘s herumlief und mich umsah. Ich hatte mir schnell ein eigenes Bild von N* gemacht. Es gefiel mir hier. Die Leute waren alle super freundlich, sympathisch und aufgeschlossen, ganz anders als in München! Wenn man aneinander an den Straßen vorbeilief, wurde einem zugelächelt, es wurde sich entschuldigt, wenn man ausversehen aneinander stieß und wenn man ein Mädchen mit einem Koffer ziellos auf den Straßen herumlaufen sah, wurde diese von mindestens acht Leuten aufgehalten und gefragt, ob sie Hilfe benötige.

Ich mag N*.  Bestimmt hat es auch seine Schattenseiten. Aber definitiv nicht so präsent und auffällig und greifbar wie in München.

Meine Hoffnung geriet ins Schwanken. Nach endlosem, ziellosem Herumlaufen bog ich wieder in eine Straße ein, in der es ruhiger wurde, setzte mich an den Straßenrand, stellte den Koffer neben mir ab und begann furchtbar sentimental zu werden. Ich dachte darüber nach, was ich hier die letzte Nacht erlebt hatte, entschuldigte mich in Gedanken bei Martin dafür, dass ich einfach abgehauen war, bedankte mich still bei all den Menschen, die mir bisher weitergeholfen hatten, lächelte über die zwei Polizeibeamten und fragte mich, warum, verdammtnochmal, es in München nicht so friedlich sein konnte?

Als ich kleiner war – noch kleiner – also ungefähr Anfang dreizehn, lief ich so oft von Zuhause weg, wenn ich das Gefühl hatte, meine Trauer würde mich gleich ersticken. Das war nachts  gegen 22 Uhr, 23 Uhr, manchmal sogar bis zwei Uhr.

Es liefen mehr Menschen an mir vorbei, als ich es an Händen und Füßen (nicht mal wenn ich 10 davon hätte) abzählen konnte. Hat mich auch nur ein einziges Mal jemand beachtet? Sie sind alle an mir vorbeigelaufen, als sei ich ein kaputtes Zeitungspapier, wie Müll, das halt einfach da ist, aber halt nicht … nun ja. Wichtig, interessant, merkwürdig.

Es gab tatsächlich eine Situation, als ich neben einem Baum hockte und weinte, als eine junge Frau auf mich zukam, fragte ob alles in Ordnung sei und trotz aller meiner Bemühungen, sie anzulügen darauf bestand, mich nach Hause zu begleiten und dabei „zuzusehen“ und „Solange nicht weg zu gehen“, bis ich in der Haustür verschwunden war. Ein einziges Mal.

Ein Mensch von zigtausend.

In N* machten sie sich um ein 16-jähriges Mädchen sorgen, welches tagsüber mit einem Koffer und einem zufriedenen Gesichtsausdruck spazieren ging.

Irgendwann, als meine Haare von der Sonne schon glühend heiß waren (obwohl die Sonne an sich gar nicht so viel Wärme spendete), nahm ich mein Handy, verabschiedete mich im Herzen von Lejla und wählte die Nummer der Polizei.

Sie waren, während ich unterwegs war, unzählige Male an mir vorbeigefahren, aber ich wurde nie angehalten und ich fragte mich, ob sie wirklich nach mir suchten.

„Hallo?“
„Wer ist denn da?“
„Jessi. Ich… bin heute in der Früh aus der Jugendnotaufnahme abgehauen…“ Im Hintergrund hörte ich ein Rauschen und dann dumpf eine Frauenstimme sagen: „Wir haben sie.“
„Wo bist du denn?“
Ich suchte nach einem Straßenschild und nannte ihnen die Straße. Sie sagten, sie würden sofort da sein.

Als sie ankamen, saß ich immer noch am Straßenrand. Erst als sie hielten, stand ich auf und ging unsicher auf sie zu. Sie kamen zu mir (ein total klassischer „Polizistengang“ – wisst ihr, was ich meine?) sahen mich prüfend an, ob alles okay sei und schienen festzustellen, dass ich relativ am Ende meiner Kräfte sei.
„Komm. Gib mir Deinen Koffer.“
Ich reichte dem sympathischen Mann meinen Koffer, er warf ihn in den Wagen und die Frau öffnete mir die Autotür.
„Pass auf“, sagte sie, und hielt ihre Hand auf meinen Kopf, wie in diesen Krimi-Filmen, wenn Leute verhaftet wurden. Der Unterschied war nur, dass ich freiwillig einstieg und meine Hände nicht in Handschellen lagen.

Sie fuhren mich zum Bahnhof, geleiteten mich zu den richtigen Gleisen, kauften mir sogar ein Fahrticket(!) und warteten mit mir auf den Zug, bis ich bekräftigte, dass ich einsteigen würde und nach Hause fahren würde, sie müssten sich keine Sorgen machen.

Sie lächelten mich an, die Frau eher verzwickt, dann drückte sie mir die Schulter, schüttelte den Kopf und meinte: „Wie kommt man nur auf so eine wahnwitzige Idee?“
Meine Antwort war nur ein zaghaftes Lächeln,  bevor sie sich verabschiedeten und gingen und ich irgendwann in den Zug stieg.

Als ich im Zug saß, fiel mir erst auf, wie sanft sie mit mir umgegangen waren, beinahe übervorsichtig. Sah ich echt so mitgenommen aus? Mir ging es eigentlich ganz gut, ich war nur erschöpft, und etwas enttäuscht.
Und eins war ich ganz sicher:
Stolz.
Darauf, diese Erfahrung gesammelt zu haben, in N* gewesen zu sein, auch wenn ich Lejla nicht getroffen hatte.
Stolz auf meinen Mut und auf meine Willensstärke.
Denn Erfahrungen sind das Wertvollste, was das Leben einem schenken kann..

Als ich das Phantom besuchen wollte – Teil 4

Ich hatte natürlich keinen blassen Schimmer, wo ich war, aber es sah nett aus. Fast, als wäre ich in einer Provinz.

Ich ging einige Schritte weiter, bog mehrere Straßen ab. Es war ruhig hier, hübsche Wohnungen bauten sich neben mir auf und ich fragte mich mit jeder Straße die ich neu entdeckte: „Komme ich Lejla näher? Bin ich vielleicht sogar schon an ihrem Haus vorbei oder stehe ich direkt davor?“

Ich wusste, dass die S*Stadt wenige Minuten Fußmarsch von ihr entfernt ist, davon hatte sie mir mal erzählt. Ich dachte kurzzeitig, ich würde der S*Stadt immer näher kommen und irgendwann hielt ich einen, mir freundlich erscheinenden, Mann an „Entschuldigen Sie! Wissen Sie, wie ich zur S*Stadt komme?“
„Oh“, rief dieser aus, „Das ist ja noch ein ganzes Stück weg.“
„Wie weit denn?“
„Willst Du mit dem Bus fahren oder zu Fuß? Der Bus wäre nämlich dort vorne.“ Ich schaute in die Richtung, in die er deutete und erblickte einige Bushaltestellen.
„Zu Fuß?“
Er starrte mich an.
„Ungefähr eine Stunde?“ Er klang unsicher.
„Okay“, stellte ich fest, „Dann wohl doch mit dem Bus.“
„Ja, das würde ich dir auch empfehlen. Geh einfach gerade aus. Ein paar Meter weiter findest Du auch eine Straßenbahn.“
„Danke“, sagte ich, und verabschiedete mich.

Um ehrlich zu sein erinnere ich mich gar nicht mehr, ob ich tatsächlich mit der Tram oder dem Bus gefahren bin, obwohl ich mir einbilden könnte, dass ich dort in einer Tram saß. Naja, ist ja auch egal.

Als ich an einer Ampel stand – ich war inzwischen so weit gelaufen, dass ich irgendwo in einem sehr belebten Ortsteil herumlief – sah ich drei Polizeiwägen an mir vorbeifahren und dachte, was schon wieder passiert war. Ob jemand etwas gestohlen hatte?

Ich überquerte die Ampel, lief die lange, lange Straße weiter. Noch ein Polizeiauto. Irgendwann kam ich wieder an einem ruhigen Eckchen an. Ich sah ein hübsches Café und setzte mich rein. Die Wände waren aus Glas, so dass ich einen Blick nach draußen hatte. Es war ungefähr neun Uhr, wenn ich mich recht erinnere, als ich mich an einen Tisch setzte, ein Croissant kaufte und mir einen Latte Macchiato bestellte. Ich aß genüßlich, sah aus dem Fenster – schon wieder die ganze Zeit irgendeine Polizei vorbeifahren – und dachte nach. Immer wieder fiel mein Blick auf das Handy, in der Hoffnung, Lejla würde schreiben.

Klar, ich hätte einfach nach Hause fahren können (wenn ich gewusst hätte, wo der Bahnhof ist), aber ich WOLLTE nicht. Ich hoffte weiterhin, dass Lejla die Mail noch lesen würde und ich wenigstens noch den Rest meines Tages so hübsch wie möglich mit ihr gestalten könnte. Ich malte mir aus, wie sie mich doch noch hier im Café abholt, oder ich sie zufällig auf der Straße sehe. Wie ich ihr um den Hals falle, ihr Parfüm (J’adore Dior Eau de Parfum) einatme und sie nicht mehr loslassen will. Wie mein Herz flattert, ich ihre Haut endlich WIRKLICH spüren kann, ihr in die Augen sehe und sie küsse – ja, wie ich sie endlich, ENDLICH küsse. Himmel, was habe ich mir doch zu der Zeit nur alles von ihr gewünscht. Wie sehr habe ich diese Frau begehrt, wie unwahrscheinlich groß war meine Sehnsucht zu ihr.

Irritierenderweise ist meine Sehnsucht nun wieder da (nicht auf sexueller Ebene)  – jetzt, wo sie weg ist. Sie hat sich zwar mit einem Bild gemeldet, wie ich ja in einem Beitrag zuvor schon einmal geschrieben habe, aber seitdem kam wieder nichts.

Doch! Sie schrieb noch: Du hast einen anderen Nick. Du hast mich angelogen……….schade………….Wie so oft, eigentlich.

Ich verstand nicht, was sie meint, bzw., womit ich sie angelogen hätte. Ich hatte ihr irgendwann mal gesagt, ich würde nicht mehr in den Mainchat gehen (das war ich ja auch bestimmt seit einem Jahr nicht mehr, bis vor einem Monat), aber registriert war ich da trotzdem noch. Und vor einem Monat, als ich mich nach einem Jahr also wieder einmal eingeloggt habe, hatte ich meinen Nick geändert.

Ich rechtfertigte mich, ärgerte mich gleichzeitig darüber, warum ich so schnell nachgab und dass ich mich nicht rechtfertigen müsse und warum sie mir überhaupt zu sagen hatte, ob ich noch in den Chat soll, oder nicht………… trotzdem entschuldigte ich mich – ohne wirklich zu wissen, wofür.

Ich tat es, weil ich will, dass sie zurückkommt. Ich würde alles tun, dass sie zurückkommt. Vor kurzem las ich in meinem alten Tagebuch mal, wie ich 2012 schrieb: Lieber verliere ich alles, und sie bleibt, als alles zu haben und sie zu verlieren.

Nun, egal. Zurück zum Thema.

Irgendwann kam ein türkischer, älterer Mann herein und setzte sich mit einem Kaffee an einen Nachbarstisch. Er beäugte mich kurz, sah freundlich aus und fing ein Gespräch mit mir an.

Er war nett, erzählte mir irgendwas von seiner Enkelin und dann fragte er, was ich hier mache, als er meinen Koffer sah. Wie gesagt, ich bin wie ein offenes Buch, erzählte ihm ganz ehrlich meine Geschichte und er meinte dazu: „Ach, wärst du doch zu mir gekommen! Ich habe hier drei Hotels! Ich hätte dich bestimmt übernachten lassen!!!“ Er lachte und schrieb mir die Internetseite zu seinen Hotels auf (für ein „Nächstesmal“) ich lachte, bedankte mich und steckte den Zettel weg. Irgendwann kamen zwei türkische Frauen (die eine sah furchtbar arrogant aus – war sie auch) und die andere unterhielt sich ebenfalls mit mir.

Bis meine Mutter anrief.

Ich entschuldigte mich und ging ran.
„NA ENDLICH!“ Ich musste mir sofort das Handy vom Ohr weghalten, so sehr brüllte sie ins Telefon.
„Was MACHST du denn?“
„Frühstücken“, sagte ich trocken und ernst.
„Bist du eigentlich verrückt? Wo bist du?“
„In Nürnberg?“
„Ach! Wo?“
„In einem Café.“
„Du hast ja wohl den Arsch offen! Die Polizei sucht in GANZ Nürnberg nach dir! Was denkst du dir eigentlich dabei, einfach aus der Notaufnahme abzuhauen!“ „Oh“, machte ich, und verstand jetzt endlich, warum die Polizeiwägen schon die ganze Zeit, wie aufgescheuchte Hühner, hin und her fuhren.

Als ich das Phantom besuchen wollte – Teil 3

Ich betrat dieses riesige Gebäude, das mich ein wenig an eine Schule erinnerte. Es gab einen Vorraum und dort führten mehrere Treppen einige Etagen nach oben. Ich folgte diesem Martin, der sich als Betreuer vorstellte. Er brachte mich zu einer sogenannten „Station“. Es war einfach nur ein langer Gang mit mehreren Zimmern.

Ich verhielt mich leise, bekam das Wohnzimmer zur Verfügung gestellt. Es war wirklich totenstill hier. Das Wohnzimmer roch seltsam. Nicht, dass es gestunken hätte, aber eben seltsam. Es stand ein Fernseher darin, eine grüne Couch, ein Sessel, ein Sitzkissen, sogar ein Couchtisch. Alles in allem war es ganz gemütlich.

Ich steckte mein Handy an das Ladekabel, setzte mich auf die Couch und fuhr mir über das Gesicht. Himmel, war ich erschöpft! Und ausgelaugt. Ich bekam eine Tagesdecke über die Couch, damit ich nicht auf ihr schlafen musste, und er holte mir ein Kissen und eine Decke. Dann ging ich noch mit Martin mit in sein Büro.

Wir redeten, er nahm Daten von mir auf und dann fragte er, ob ich etwas trinken wolle. Ich sagte nein. Dann fragte er mich über meine Hobbys aus. Mir kam es so vor, als wollte er Vertrauen zu mir aufbauen oder mir wenigstens versichern, dass ich mich hier wohl fühlen konnte, und ich fragte mir: wozu? Ich würde doch eh nur einer Nacht hierbleiben.

Ich mochte Martin. Er war irgendwie lustig. Hatte ein bisschen was von Ralf Schmitz! Sowohl im Optischen, als auch seine Sprache / sein Dialekt. Genauso konnte er seinen guten Sinn für Humor beweisen.

Irgendwann um halb vier ging ich ins Zimmer, zog meine Jacke aus und legte mich in meinen Klamotten zum Schlafen.

Um fünf Uhr weckten mich ein paar Vögel. Ich hatte unruhig geschlafen und war hellwach, als ich die Augen aufschlug. Normalerweise brauche ich mindestens eine Stunde, um richtig wach zu werden. Die Sonne schien durch das Fenster. Ich gähnte, streckte mich und stand auf. Mein Blick fiel auf das Handy. Ich kniete mich auf den Boden und schaltete es an.

46 Anrufe in Abwesenheit von meiner Mutter. 8 Anrufe in Abwesenheit von meinem Vater. 4 SMS von meiner Mutter.

Ich rief sie nicht an. Es war noch zu früh und ich wollte die anderen nicht wecken. Also packte ich leise meinen Koffer wieder zusammen (aus dem ich vorm Schlafengehen noch meine Haarbürste geholt hatte) und zog mir Jacke und Schuhe an. Verpackte mein Ladekabel und steckte mein Handy in die Hosentasche und kippte das Fenster. In dem Moment hörte ich nackte Füße auf dem Linoleum und ein hübsches Gesicht eines Mädchens zur Tür herein schauen. Sie sah verwirrt aus, legte die glatte Stirn in Falten. Ihre schwarzen, hüftlangen Haare waren ungekämmt und sie trug noch ihr Pyjama.
„Hi“; sagte ich.
„Hast du hier geschlafen?“
Ich sah mich um und betrachtete kurz die zusammengelegte Bettwäsche „Sieht so aus.“ Hinter ihr kam noch ein Mädchen. Sie sah so RICHTIG aus wie eine dieser Hyänen. Ihr wisst schon. Diese Jugendlichen, die total die Mitläufer sind – Lederjacken, geschminkt wie Pamela Anderson, toupierte Haare (gut, sie waren in dem Fall nicht toupiert, aber ich konnte mir gut vorstellen, dass sie sonst so aussah!). Und ihre Sprache. Oh-Gott! Ich hätte ihr am liebsten eines dieser fetten Duden in das Gesicht geschleudert. Außerdem dieses: „Isch schwöre du kriegst die Krätze alda. Da hat Mischa drauf geschlafen. Booooohhh isch schwöööör!“ Dann lachte sie. Ich dachte, ich muss ihr vor die Füße kotzen. Dieser Intelligenz-Absturz, mit den blonden Haaren, da vor mir versuchte mich tatsächlich irgendwie zu ‚dissen‘ oder einzuschüchtern. Ich hob nur eine Augenbraue und fragte mit meinem Gesichtsausdruck: „Ernsthaft?“

Irgendwann kamen noch ein paar Mädchen und sie setzten sich zu mir. Nach anfänglichen Schwierigkeiten lockerte sich die Lage dann doch etwas. (Die Ghetto-bitch war Gott sei Dank in der Küche zum Frühstücken), erfuhr ich nach und nach die Geschichten der Mädchen. Eine 14-jährige Schwarze erzählte mir, dass ihre Eltern im Krieg gestorben seien. Die 13-Jährige mit den schwarzen Haaren wurde von ihrem Vater verprügelt und ihre Mutter blieb lieber bei ihm, als bei ihr. Das andere Mädchen hatte zwei Selbstmordversuche hinter sich und wurde vor zwei Tagen vorübergehend hierher gebracht, weil in der Klinik noch kein Platz war. Irgendwann, es wurde sechs Uhr, stand ich auf, packte meinen Koffer und ging.

Die Mädels sahen mir hinterher: „Was machst du?“, fragte die Eine, während ich die Treppen hinunterstieg.
„Gehst du?“, fragte eine Andere.
Ich drehte mich nicht einmal um, sagte nur „Ja“ und schleppte meinen Koffer die Steintreppe hinunter. Ich hörte noch von oben rufen: „Hey. Das dürfen wir nicht!“, doch da war ich schon aus der Glastür getreten und stand wieder im Freien in der Sonne.

Wenn ich gewusst hätte, was ich damit lostreten würde, wäre ich wohl besser geblieben.

Als ich das Phantom besuchen wollte – Teil 2

Gott sei Dank befanden sich gleich beim Ausgang (naja, einige Straßen weiter) mehrere Hotels und in meinem Geldbeutel 100 € in Bar. Ich dachte (und hoffte), das müsste reichen. Also ging ich, mit meiner beigen Herbstjacke und meinem Koffer in das erste Hotel und wurde von Kopf bis Fuß begutachtet.
Sie nahmen mich nicht, ich sei zu jung.
Ich betrat das zweite Hotel.
Sie nahmen mich auch nicht, denn ich war minderjährig und in dem Fall hätte es auch nichts gebracht, wenn meine Eltern telefonisch bestätigt hätten, dass sie es erlauben.
Das dritte Hotel fragte nicht nach meinem Alter und sagte: „Klar.“
„Kann man denn hier auch bar bezahlen?“, fragte ich.
„Ja. Allerdings kostet es Bar 200. Wenn Sie mit Karte bezahlen 100.“
Ich bekam einen Kloß im Hals, dankte und verließ das Hotel.

Da stand ich also, einige Schritte weiter weg, an einer Kreuzung, die Augen mit Tränen gefüllt, denn nun wurde mir die Situation äußerst ungeheuerlich.
Sollte ich jetzt in dieser Eiseskälte in einer fremden Stadt auf der Straße schlafen?
Ich kannte mich nicht aus. Wo war ein sicheres Viertel?
Gab es auch Orte, an denen Drogenabhängige und gefährliche Menschen unterwegs waren?

Um die Ecke hörte ich eine Stöckel-Parade und ich drehte mich um. Fünf Frauen zwischen 40 und 50, die sehr schick und „teuer“ aussahen kamen gerade an mir vorbei. Ich packte alle meine letzten Kräfte und ging auf sie zu.
„Entschuldigung…“ Meine Stimme war komplett brüchig und mit dem ersten Wort liefen mir die Tränen über das Gesicht. Ich war wirklich verzweifelt.
Sofort trat große Sorge in das Gesicht der freundlich aussehenden Damen, die eine legte mir eine Hand auf die Schulter „Oh Gott! Ist dir etwas passiert? Kann man dir helfen?“
Ich nickte und sammelte meine Kräfte, dachte mir eine Kurzversion meiner spitzen Spontanidee, nach N* zu fahren aus, und erklärte, dass ich nicht wusste, wo ich hin sollte, da mich kein Hotel nehmen kann.
„Herrje!“
„Ach du lieber Gott!“
„Wir können die Kleine doch nicht hier stehen lassen!“
„Nehmen wir sie doch für eine Nacht mit in das Hotel“, schlug eine blonde Frau vor, die sich hilflos umsah.
Kurzes, unsicheres Gemurmel.
„Aber das können wir doch nicht machen. Ist das dann nicht sowas wie Kindesentführung?“
Ich schwieg, sammelte mich, um nicht weiterhin wie ein Trottel vor ihnen zu heulen.
„Weißt du was?“, ergriff dann eine Brünette das Wort, die mir bisher am beruhigendsten vorkam, „Wir rufen die Polizei an, die können dir weiterhelfen. Ist das okay?“
Ich nickte.

Eine Frau zog ihr Handy aus der Handtasche und rief bei der Polizei an, erklärte ihr ruhig, dass sie hier ein „junges Mädchen“ gefunden hätten, das völlig orientierungslos an der Straße stand und nicht nach Hause kommt.

Die Polizei kam nach zwanzig Minuten, die freundlichen Frauen hatten mit mir gewartet, wollten meine Geschichte genauer wissen, ich log allerdings, da mir die Version mit Lejla dann doch irgendwie peinlich war.

Ein junger Polizist stieg aus, er bedankte sich bei den Frauen, ebenso wie ich (und dann noch von jeder einzelnen gedrückt werden musste..) und half mir, meinen Koffer in den Kofferraum zu hieven.

Nach einigen Minuten fand ich mich im Polizeirevier wider.
Mir wurde interessiert hinterhergesehen. Ich glaube, die Polizei war ganz „froh“ darüber, mal etwas „Außergewöhnlich(er)es“ in einer Nacht zu erleben.

Wir gingen durch mehrere Türen, von denen einige aussahen wie in den Filmen in einem Hochsicherheitstrakt. In dem Zimmer, in dem ich dann war, um ‚verhört‘ zu werden, roch es nach Kaffee und Männerparfüm (oder Deo). Also es stank nicht.
Ich erzählte ihnen von meiner Idee, sie reagierten amüsiert und nach und nach lockerte sich die Stimmung. Ich mochte die zwei Beamten. Sie waren humor- und verständnisvoll. Ich bekam einen Tee, den ich kaum anrührte und ein Taschentuch von einer relativ jungen Kollegin.

Um halb drei wurde in der Kinder- und Jugendnotaufnahme angerufen.
Es hieß, ein Platz auf der Couch wäre noch frei.

Auf gings zu meinem zweiten Aufenthalt, wo ich gleich den nächsten Skandal auslösen würde.

Als ich das Phantom besuchen wollte – Teil 1

Ich war Sechzehn. Das war am 19. Oktober 2013 und das war vielleicht eines meiner abenteuerlichsten und naivsten Erlebnisse bisher.

Ich wusste, dass Lejla in N* wohnt, sie hat es mir ja schon einmal gesagt. Allerdings kannte ich weder ihren Nachnamen, noch ihre Adresse oder sonst irgendwas (nicht einmal ihre Telefonnummer hatte ich, denn sie rief ja immerhin ständig unterdrückt an).

Das war die Zeit, in der unsere Wohngruppe aufgeteilt werden musste, da es nur noch zwei Betreuer gab (drei krank, einer gekündigt) und sie es alleine nicht mehr schafften. Es wurden keine Vertreter gefunden, also wurden wir Jugendlichen in verschiedene Gruppen aufgeteilt (eine andere Geschichte).

Larissa und ich (ach, was hat mich das Leben geliebt…….) – ausgerechnet Larissa!! – waren in einer Wohngruppe in Peiting zusammen untergebracht. Larissa wohnt eine viertel Stunde von N* entfernt, und Alfons, mein Lieblingsbetreuer, der von unserer WG während der Zeit mit in die WG in Peiting kam, hatte an dem Abend Dienst, an dem Larissa und ich nach Hause wollten (Wochenend-Heimfahrten, die das Jugendamt zahlt).

Ich wog an diesem Tag 57 kg (d.h. ich habe seit meiner Ankunft in der WG 5 kg abgenommen – in 6 Monaten. Ist doch okay, oder?) und ich war total zufrieden und superstolz auf mich. Das weiß ich deshalb noch so genau, weil das der Tag war, an dem ich mit meiner Glaswaage im Arm glücklich nach unten rennen wollte, um sie zurück zu bringen (ich musste meine Waage immer im Büro abgeben! Ich durfte sie zwar holen, wann ich wollte, aber… keine Ahnung, was das den Betreuern brachte.) und wie ich da eben die Treppen hoch euphorisch herunterstolperte, rutschte mir die Waage aus den Armen und zersprang in tausend Stücke. Alfons streckte seinen Kopf aus dem Büro und sah mich erst fragend (sein Blick: „Was hast du jetzt schon wieder angestellt“ – aber amüsiert!) und dann belustigt an „Da hat dir das Schicksal wohl nen Streich gespielt“, lachte er und wackelte zufrieden, mit seinem Teddybär-Grinsen im Gesicht, mit dem Kopf. Er war höchsterfreut und ich stand total perplex vor den Milliarden Glasscherben und dem unbeschädigten Gestell der Waage.
Hach, was war ich dann schlecht drauf!

Am Abend allerdings, als Larissa und ich bei ihm im Büro standen um unser Fahrkartengeld abzuholen, kam mir urplötzlich eine Idee und ich fragte Alfons „Du? Denkst du, mir würde das Jugendamt auch eine Fahrt nach N* zahlen?“ Larissa und Alfons sahen mich beide aus kritischen Augen an.

„Warum willst du nach N*?“, fragte Alfons. Allerdings war das eine rhetorische Frage, denn durch diese seltsame Betonung auf das „Warum“ war mir klar, dass er die Antwort selber schon wusste.
Ich grinste selbstsicher.
Er lachte und schüttelte den Kopf, gab ein seltsames Geräusch von sich.
„Du willst nicht wirklich Lejla besuchen?“
„Doch! Und dann kann ich gleich mit Larissa mitfahren.“

Zu der Zeit konnte ich Larissa noch ganz gut leiden. Die Abneigung entstand ein paar Tage darauf.

Er stutzt, dachte nach.
„Deine Eltern wissen Bescheid?“
Ich zögerte.
„Jessi…“
„Nein. Aber ich rufe sie an. Kann ich das Telefon haben?“ Sie würden es mir sowieso erlauben.
Ich rief also meine Eltern an, versicherte ihnen, Lejla würde Bescheid wissen, weil ich ihr eine E-Mail schreibe und sie mich abholen würde und sollte sie doch nicht kommen, würde ich sofort nach Hause fahren.
Ich schrieb Lejla also eine E-Mail, als feststand, dass ich fahren durfte. Meine Eltern hätten mich eh nicht davon abbringen können. Wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann zog ich es konsequent durch. Meine Mutter sagte noch am Telefon „Ach Jessi! Wenn ich jetzt Nein sage, machst du doch trotzdem, was du willst, oder?“
„Ja“, sagte ich, ohne zu zögern.
Sie fluchte und nach mehreren Versprechen, die ich abgeben musste (und ich von Anfang an wusste, dass ich sie eh nicht einhalten würde – ich sag ja, ich war komplett ein Arschloch-Kind), erlaubte sie es mir.

Ich kam in N* an, stieg aus dem Zug, sah mich um und setzte mich relativ am Ende vom Gleis auf den Boden an eine Säule. Ich saß in der Sonne, es war trotzdem relativ frisch. Und dann wartete ich. Ich sah rechts von mir ein paar Reihenhäuser in hellblau und creme-gelb oder so. Sie waren interessant aneinandergereiht.
Ich starrte immer wieder auf mein Handy, in der Hoffnung, Lejla würde auf meine E-Mail antworten.
Ich wartete eine Stunde, es war 18 Uhr.
Ich wartete zwei Stunden. Es wurde 19 Uhr.
Ich wartete drei Stunden. Es wurde 22 Uhr.

Es war schon stockfinster und ich saß immer noch unbewegt an derselben Stelle, wo ich mich um 17 Uhr hingesetzt hatte, um auf Lejla zu warten. Mein Handyakku gab seinen Geist auf. Es hatte nur noch 3 Prozent, als ich, weil es mir zu kalt wurde, von den Gleisen herunter kam und diesen riesigen Bahnhof betrat…. Also, da drinnen war es nicht VIEL wärmer als draußen, aber immerhin.

Um 23 Uhr ging ich wieder hoch, fest entschlossen, dass ich diesmal nach Hause fahren würde.
Ich wartete bis 23:10 Uhr.
23:20 Uhr …
23:30 Uhr………………..
Ich wurde unruhig, ging wieder nach unten und hielt einfach einen fremden Menschen auf (ich weiß nicht einmal mehr, ob das ein Mann oder eine Frau war) um sie zu fragen, wann der nächste Zug nach München fahren würde.
Sie/Er sah mich irritiert an, sah auf die Uhr, dann wieder in mein Gesicht „Ich schätze mal, erst wieder morgen früh.“
Mir muss die Farbe aus dem Gesicht gewichen sein, denn er/sie fragte, ob alles okay ist und mir helfen kann.
Ich aber rang mir ein Lächeln ab und sagte, nein, alles sei in Ordnung.
Er/sie ging, ich zog mein Handy, wollte meine Mutter anrufen und sagen, dass ich nicht weiß, was ich tun soll, weil der letzte Zug gefahren war ….

Und dann ging mein Handy aus.

Da stand ich also. Mitten in einem völlig fremden Bahnhof in einer mir komplett fremden Stadt, in der ich keine Menschenseele kannte.

Mitternacht
Minderjährig
Hilflos
Obdachlos

Ein Lebenszeichen von Lejla…… 07. Aug. 2015

Oh. Mein. Gott!
Ich konnte es beim besten Willen nicht glauben! Wirklich nicht!
Ich habe ja erzählt, wie sehr mir Leyla fehlt. Wie sehr mir ihre Stimme fehlt, ihr Lachen, ihr Seufzen! Wie sehr mir ihre stützenden Worte fehlen…. Es gibt so häufig Tage, an denen ich an sie denke, an denen ich hoffe, das Telefon würde klingeln, und ihre Stimme wäre an der anderen Leitung.

Seit ungefähr einer Woche bin ich wieder im Mainchat unterwegs. Es ist entspannt. Viel entspannter als vor vier Jahren. N*E* ist auch noch in dem Chat. Ein User, mit dem ich damals oft über Leyla geredet habe … wir schreiben nicht viel, manchmal auch nur sehr Belangloses, aber er ist so gemütlich. Ein vierzigjähriger Bibliothekar in einer Grundschule. Sowohl kognitiv, als auch intellektuell ist er superfit und selbst diese total banalen Gespräche machen mit ihm Spaß. Es gibt keine Zeideutigkeiten. Er ist komplett straight. Sowas mag ich an Menschen. Klar, Zweideutigkeit oder Wortspielchen machen schon auch Spaß, aber nur mit den richtigen (und wenigen) Leuten.

Lejla treffe ich in diesem Chat schon seit Langem nicht mehr an. Immerhin ist sie meistens erst zwischen 22:00 Uhr und 00:00 Uhr online, wo ich schon längst in einer Traumwelt versunken bin.

Ich war mir nicht mehr sicher, ob sie meine E-Mails noch erhält, weshalb ich, wenn ich ihr hin und wieder mal schrieb, es viel eher als… Tagebuchschreiben empfand…. Selbst wenn ich mir nicht sicher war, ob sie meine Mails las, erleichterte es mich ein wenig…

Vor drei Tagen war ich also wieder im Main und dachte mir: „Hm, wenn ich mir nicht sicher bin, ob sie ihre E-Mail’s noch checkt (sie hat ja eine Fake-E-Mail-Adresse, für Leute, die sie nicht privat kennt), dann kann ich ihr doch einfach über den Main eine Mail schreiben.“
Ich war mir irgendwie sicher, dass sie diese dann bestimmt erhält und liest. (Wenn man eine Mail im Mainchat bekommt, wird das beim Login angezeigt).

Einen Tag darauf ging ich wieder online. Ich schrieb ihr:

Hallo Leyla,

ich weiß nicht, wie ich dich anders erreichen kann. Ich weiß ja nicht, ob deine E-Mail Adresse noch stimmt… ich weiß nicht, ob du meine Mails erhältst oder nicht.
Unfassbar, wie nervös ich bin, dir zu schreiben. Hab das Gefühl, mir flattert das Herz gleich aus dem Mund.
Puh…. es ist komisch, dir zu schreiben – also so, dass ich weiß, dass du es auch wirklich erhältst. Seltsamerweise fiel es mir 1000x einfacher, als ich mir NICHT sicher war, ob du es jemals wirklich liest… komisch. Wie ein Tagebuch.

Ich wohne seit dem 21.05. alleine. Ich bin aus der Wohngruppe ausgezogen. Es wurde mir zu eng, zu bedrückend, zu …. gefangen.

Ich bin erwachsen (ich weiß, in manchen Fällen noch nicht so ganz), aber doch, größten Teils bin ich erwachsen. Meine Lebenseinstellung hat sich von 0 auf 100 geändert. Ich schließe gerade mit so vielen Sachen ab (unter anderem mit dir – mal so, mal so).
Ich werde noch von einem Betreuer begleitet (mit dem Essen funktionierts ja noch nicht so blühend) Die Wohnung, in der ich bin, wird vom Jugendamt gezahlt. Ich kriege Nebenkosten, Verpflegsgeld und Taschengeld. Es ist alles gut. Es ist alles schön. Irgendwie….

Eine Beziehung ist anstrengender als ich gedacht hatte… Monogamie ist wohl nicht ganz so mein Ding… bzw. … eigentlich schon. Ach, weiß Gott…. Es ist halt anders. Ich sehe meine Freunde kaum noch (das habe ich ja so schon sehr selten, als die ganze Scheiße mit den Klinikaufenthalten losging usw.), aber jetzt sehe ich sie wirklich fast GAR nicht mehr.
Finn ist derjenige, den ich noch hier und da mal treffe (er ist ja schwul und daher auch in der Szene unterwegs) – mit seinem Freund, R*; sie sind ein zuckersüßes Paar, aber Finn ist ein überaus dreister Lügner (hätte ich nie von ihm gedacht!!), trotzdem ist er mein Bester.

*Sam ist und bleibt stockhetero. Es ist unglaublich, dass sie so eine extreme Tussi ist – ist sie wirklich – eine Bilderbuch-Tussi, aber sie ist meine Freundin. KOmisch… wirklich komisch… dass ICH mich mit solchen Menschen verstehe… aber ich kenne sie nunmal acht Jahre….

Cleo sehe ich so gut wie gar nicht mehr 😦 Sie fehlt mir. Aber mir fehlt so gut wie alles aus der alten Zeit.
Ich habe letztens sehr, sehr alte Videos gesehen, von den „Kleinen“… uns… hachja…
Komisch, wie schwer mir wird, wenn ich dieses Video sehe…. Es war alles so leicht… und dann, ganz lächerlich, steht da: „Forever & always“… nichts hält für immer.
Die „Kleinen“ sind nämlich mittlerweile 11 und 12 und ganz und gar nicht mehr so süß und klein, wie vor vier Jahren.

 Bei meinen Eltern bin ich auch nur noch zu Besuch. Jeden Sonntag (sofern möglich) zum Essen.
Erst letzten Sonntag lag ich in meinem Zimmer auf dem weißen Teppich, und dachte vor Sehnsucht zu zerplatzen. Wie seltsam sich das anfühlt… irgendwie… rastlos.
Ich betrete unsere Wohnung, rieche diese vertrauten Düfte, die mich Siebzehn jahrelang begleitet hatten, höre das leise Plaudern des Fernsehers im Wohnzimmer, betrete MEIN Zimmer, rieche die frische Tagesdecke auf meinem Bett, sehe die hübsche Pflanze, wie sie gewachsen ist und sich um mein Zimmer schlängelt. Mogli (meine „Kaninchen“dame) ist unglaublich groß geworden. Ich glaube, mir wurde ein richtiger Hase untergejubelt. Sie ist mittlerweile so groß wie meine Katzen. Und wunderschön!

 Ich……. mir fehlt die alte Zeit.

DU fehlst mir… irgendwas an dir war immer mein Zuhause.

Weißt du, was unheimlich ist?
Ich habe nicht bemerkt, wann du gegangen bist. Da ich ja weiß, dass du manchmal einen Monat gebraucht hast, bis du antwortest, dachte ich mir nichts dabei… erst nach drei Monaten fing ich an, mir Gedanken zu machen. Und jetzt, nach einem halben Jahr erst, wird mir klar, dass du wirklich weg bist.

Manchmal ist es unerträglich.
Manchmal denke ich nicht einmal an dich.
Manchmal allerdings kommen mir aus dem heiteren Nichts Erinnerungen und ich muss weinen. Ich weiß nicht, mit was ich die Tränen verbinden soll… ist keine direkte Trauer… du fehlst mir einfach. Es ist fast so, als hätte ich mit meinem Anderswerden alles zurück gelassen.
Ich glaube, ich bin in so einer komischen Umbruch-Phase…
Das erste Mal in meinem Leben fühle ich mich WIRKLICH wie eine Erwachsene.
Die Arbeit, der Freizeitstress (putzen, kochen, einkaufen, Freunde unter einen Hut bekommen, Familie nicht vernachlässigen)…

Seit diesen hohen Temperaturen bin ich nicht mehr in der Szene unterwegs – keine Partys, kein Alkohol. Ich weiß nicht, es reizt mich einfach nicht mehr. War wohl ein kurzer Erfahrungs-Rausch….
Alkohol trinke ich auch deshalb nicht, weil ich wieder abnehmen möchte.
Nicht, dass ich dick wäre. Bin ich nicht, weiß ich. Aber ich möchte endlich mein Zielgewicht erreichen…. Da beiß ich mich jetzt durch. Nur noch 3 Kilo und ein paar Zerquetschte.
Koras Schwester V* ist Fitnesstrainierin und ihr Bruder M* Ernährungsberater… ich habe also gute (und gesunde!) Unterstützung, um dauerhaft abzunehmen.

Nun…. sonst geht es mir gut. Wirklich…

Kora hat hier in der Nähe von mir eine Wohnung gefunden. Sie ist schön, aber immer noch nichts, wo man (oder zumindest ICH) sich zuhause FÜHLEN kann. Seit ich von meinem Elternhaus weg bin, fühle ich mich wirklich nirgendwo Zuhause… eben rastlos, wie gesagt.

Nun… in zwei Wochen fahren wir nach Ungarn, Kora fährt mit….
Das heißt…… ich sehe Lychee. Und ich habe Angst. Ich habe wirklich furchtbare Angst.
Gleichzeitig freue ich mich, ihn wieder zu sehen. Er wird uns wiedererkennen. Das weiß ich. Ich bin mir sicher!
Aber der Abschied wird mir wieder die Seele in 1000 Stücke reißen. Ich werde fallen. Ich werde so tief fallen. Ich habe schreckliche Angst.
Aber ich stehe wieder auf. Wie schon 100.000 x… und es wird immer besser.

Nun, da ich bald gehen muss, werde ich hier Schluss machen.

Ich weiß nicht, warum ich dir schreibe…. keine Ahnung… es tut irgendwie gut, auch, wenn ich nicht weiß, ob du es liest … oder ob es dir vielleicht scheißegal ist, weil du enttäuscht bist oder wütend… keine, keine Ahnung. Ich hoffe nur, dir geht es gut..
Ich höre heute noch deine Stimme, dein Lachen, dein Seufzen… ich werde sie nicht vergessen.
Sie gibt mir Halt… irgendwie… Ein kleines Bisschen Geborgenheit..
Eine Erinnerung – wie komisch, nicht wahr?………..

Ach übrigens:
Elisabeth, die Betreurin, die ich so mochte, hat vor ca nem halben Jahr bei uns aufgehört. Sie ist jetzt lesbisch, hat ne Freundin und wir sind gute Freunde (verdrehte Welt)

Ich war mir wirklich nicht sicher, ob sie die Mail liest, aber als ich mich anmeldete, sah, dass sie gestern Nacht wieder online war und die Nachricht erhalten haben muss und keine Antwort sah…. puh…. ja, ich war todesbetrübt.
Allerdings kam mir dann ein Gedanke. Ich weiß nicht warum, aber ich dachte mir, vielleicht, jetzt, wo ich ihr im Chat geschrieben hatte, würde sie sich vielleicht an ihre E-Mail erinnern und dort online gewesen sein….. also folgte ich meinen Gedanken und schaute bei meinen E-Mails… und dort……. tatsächlich… ich dachte beinahe, meine Kopfdecke explodiert und mein Herz fliegt oben hinaus und hüpft wie ein Gummiballd durch den ganzen Raum.
Dort war tatsächlich, TATSÄCHLICH! eine Nachricht von ihr.
Ich öffnete sie und fand……………… ein Bild.
Wahrhaftig. Nichts weiter, als ein einziges Foto von ihr. Sie zwinkerte in die Kamera und machte einen Kussmund. In ihren Augen lag ein leises, vertrautes Lächeln
Ich musste mich so sehr beherrschen, nicht vor Freude aufzuschreien! Sie sah so gut aus, so glücklich! Und wunderschön, wie eh und je. Meine Lejla…………..

Ich hoffe so inständig, es war nicht das Letzte, was ich von ihr bekommen habe…..
Ich weiß, ich sollte meine Ansprüche nicht so hoch stellen, aber ….. ich habe das Gefühl, ohne sie nicht richtig leben zu können. Sie ist so furchtbar tief in meinen Gedanken, in meiner Seele verankert…………………….dass es beinahe schon unheimlich ist….

Ich hatte und habe immer noch das Gefühl, dass Lejla meine Seelenverwandte ist…….. Herrje, das klingt vielleicht kitschig…………..