Tag 8

Tag 8, Donnerstag, 11. August 2016

Heute war der Tag ungeheuer belanglos. Es war ein regnerischer Tag und da unser Wohnzimmer ja im Garten ist, saßen wir in der Küche und froren. Es war nicht wirklich kalt, aber ich Genie habe nicht mit regnerischen Tagen in Ungarn gerechnet und deshalb nur einen einzigen Pulli mitgenommen, der mich nur ziemlich lieblos wärmte. Meine Mutter und ich machten abwechselnd den Ofen warm und öffneten ihn, um in der kleinen Küche ein wenig einzuheizen. Heizungen oder einen Kamin gibt es hier nicht. Den Vormittag verbrachte ich mit Lesen und mittlerweile habe ich bald das Buch fertig. 650 Seiten in 4 Tagen – eine sehr interessante Geschichte. Dennoch viel weniger interessant wie die Geschichten all der Menschen um mich herum. Am Abend machte mein Vater wieder ein wenig Feuer, weil es recht kühl war und wir nicht drinnen hocken wollten. Er erzählte uns am Feuer dann etwas über seine Väter und eine Sache, die ihm bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Um 20 Uhr lud Béla Kora und mich zum Abendessen ein. Wir gingen rüber und aßen bei ihnen zu Abend. Er fand gar keine Ruhe, uns Essen zuzuschieben und immer mehr anzubieten. Ich platzte so schon aus allen Nähten.

Danach packte Rita einige kleine Fotoalben aus und gab sie mir. Hochzeitsfotos von ihr und Béla. Ich wollte von ihnen wissen, wie sie sich kennengelernt hatten. Mit 16 Jahren auf dem Collage. Mit 20 Jahren heirateten sie. Ich schwelgte in Erinnerungen. Sah die Fotos weiter durch. Unser alter Garten, „alte“ Menschen, bekannte Gesichter… meine Tante. So viele Menschen, die mittlerweile tot sind. Immer wieder frage ich mich: Wie geht das Leben weiter? Und um wie viel Grad ändert sich das Leben der Angehörigen? Verdüstert sich die Stimmung in diesem Dorf zunehmend, oder kommt es mir nur so vor? Als Kind war das hier mein Paradies. Es war die Vollkommenheit, die ich mir Woche um Woche, Tag für Tag ausmalte, auf die ich hin fieberte, die ich kaum erwarten konnte, wiederzusehen. Jedes Jahr ein paar neue Wochen in diesem Dorf zu verbringen, in dem für mich… mehr Erinnerungen hängen als in Deutschland, obwohl ich den Großteil meines Lebens dort verbracht habe. Hier waren für mich die Menschen symbolische, kleine, feurige Herzen, die mich anlächelten, umarmten, erwarteten, jedes Jahr. Jedes Jahr waren hier Kata, Thomas, Evi und Jan Menschen, die auf verstrickte Wege selbst mit mir noch blutsverwandt waren und sind und mit denen mich mehr verband, als einfach nur die Familie. Dieses Dorf hier war für mich immer ein Zufluchtsort. Ich erinnere mich bis heute an mein Fernweh, wenn wir wieder abreisten. Es gab keine Abreise, bei der ich nicht Tag für Tag und Nacht für Nacht Tränen vergoss. Es wollte nicht aufhören, dieser Schmerz, von etwas getrennt zu werden, was man so sehr liebt. Und ich liebte dieses Dorf. Ich liebte es und liebe es heute noch, aber heute betrachte ich es mit anderen Augen. Ich denke, wir leben unser Leben lang in einer Illusion, was jedoch nichts Verwerfliches ist. Vielleicht können wir nicht anders, vielleicht ist es das, was uns stark macht, was uns Hoffnung gibt, was uns Freude macht. Meine Illusion war die Perfektion dieses Dorfes, die Vollkommenheit. Dass die Sterne näher schienen, dass der Mond heller und tröstender auf mich herabblickte, dass die Wiesen satter, die Häuser ruhiger, die Menschen herzlicher waren, dass sie keine dunkle Seite haben, dass sie keine Schatten in ihren Seelen tragen, dass hier jeder glücklich war, jeder jeden als Freund oder als Familie begrüßte, dass jeder willkommen war, dass ich nur hier geborgen und glücklich und leicht sein konnte. Illusion. Eine so schauspielerische, weiche, kindliche, schöne Illusion, die mir noch heute gefällt und an der ich auch versuche, mich an einigen dieser Sachen noch festzuhalten. Fakt ist aber, dass hier die Sterne nicht näher sind und auch der Mond nicht tröstender auf mich herabblickt, dass die Wiesen nicht satter, die Häuser nicht ruhiger sind, dass ich nur hier geborgen und glücklich und leicht sein kann. Dafür bin ich mittlerweile, ohne alt zu sein, zu alt aber, um diese Illusion festzuhalten, egal, wie tröstend sie immer gewesen sein mochte. Ich blicke klarer in die Gegenwart, reflektiere gnadenloser die Vergangenheit und stelle weniger Erwartungen an die Zukunft.  Ich lebe in den Tag hinein, ohne die Augen zu verschließen und die Ohren zuzuhalten. Ich sehe die Wahrheit dieses Dorfes. Dass nämlich hier fast mehr Schatten in den Seelen der Menschen hängen, als in Deutschland. Es ist eine andere Art von Schatten, aber durchaus ein Schatten, der mir mitteilt, dass auch hier nichts vollkommen und perfekt ist. Es ist lediglich eine andere Kultur, eine andere Weltanschauung, ein anderes, völlig anderes Leben. Die Menschen leben hier leichter und ich fühle mich hier leichter. Ein Teil der Illusion, den ich nicht aufgeben muss. Ich weiß und ich fühle, dass mich hier viel Liebe umgibt, aber ich denke auch, dass viel von dieser Liebe auch von mir aus kommt. Es sind hier viele Menschen gestorben, zu viele, um irgendeine Farce aufrecht zu erhalten, um die die einzelnen Familien, Freundesgrüppchen und Bekanntschaften oft und lange zu kämpfen versuchten. Die Traurigkeit und Resignation, die Tatsache, dass sich hier sehr viel verändert hat, hängt als bleierne Leere irgendwo in der stillen Luft, die zwischen den Menschen und den Straßen und den Häusern schwebt. Egal wie unausgesprochen diese Traurigkeit, Resignation, Veränderung und die Verluste auch sein mögen, die Leere ist spürbar. Es ist stiller geworden. Wenn nicht sogar, vergleichsweise, sehr ruhig. Und die Menschen versuchen dieses Vakuum mit leidlosen Alltäglichkeiten zu füllen, mit fast lächerlichen Kleinigkeiten.

Ich habe Ungarn anders in Erinnerungen. Das ist mir schon vor zwei Jahren aufgefallen. Ich habe es als die dunklen Abende mit 20 Köpfen in unserem Garten am Feuer in Erinnerung. Mit Musik im Hintergrund, der Glut, die wie hüpfende Sterne aus dem Feuer am Boden in die Luft springen und sich als grauweiße Asche wieder senken. Ich habe es als die ausgelassene, feierliche Stimmung in Erinnerung, in der noch jeder mit jedem über alles lachen und scherzen konnte. Ich habe es in Erinnerung als die siedend warmen Tage, an denen wir Kinder am reißenden Fluss am Ufer mit den Steinen spielten, uns ärgerten und in die Gräben mit den Brenneseln schubste oder Wettsprünge über sie machten, an das Versteckspiel im Garten, in dem uns jeder einzelne Winkel bekannt war. Als wir am frühen, warmen Abend auf der Straße unter den gelben Straßenlichtern zu dritt auf dem Skateboard saßen und uns vorwärts rollten, bis wir aus dem Gleichgewicht kamen und seitwärts kippten. Ich erinnere mich an das Lachen, an die Tänze im Garten, an die gemeinsamen Besuche bei anderen Familien und an die traumreichen, heimeligen Nächte im Wohnwagen, in denen ich nachts von dem lauten Zirpen der Grillen eingeschlafen war, und morgens von dem aufregenden Krähen des Hahnes aufgeweckt wurde. An jene Momente, in denen ich Tag für Tag die Augen aufschlug, mich in dem weichen Bett im Wohnwagen wiederfand und mich das warme Glücksgefühl überfiel, das mich vom Haaransatz bis in die Fußspitzen wachkitzelte und mich fröhlich in den Tag schubste.
Und ich werde es immer so in Erinnerungen haben. Egal wie oft ich mit der Erkenntnis die Wochen hier verbringe, dass sich alles verändert hat und auch mit dieser Erkenntnis wieder abreise: Ich werde mich immer wieder, jahrelang – und das prophezeie ich mir erbarmungslos – mit dieser Erinnerung der Illusion auf den nächsten Urlaub in Ungarn freuen.

Mit diesen Worten habe ich entschieden, dass es eigentlich zu meinem Urlaub nichts mehr zu sagen gibt. Ich werde den 9. Tag damit verbringen, mich von den Menschen und dem Dorf und dem Gefühl hier zu verabschieden, zu packen und vielleicht noch die wenigen stillen Momente zu genießen, die von den alltäglichen Kleinigkeiten gefüllte Leere. Und hier sind wir wieder angelangt: Ein von Illusion gefülltes Vakuum…

Tag 7

Tag 7, Mittwoch, 10. August 2016

Meine Oma ist wie ein Kind. Wirklich. Meine Mutter und mein Vater sind heute Vormittag in die Stadt gefahren. Währenddessen wollte meine Oma anfangen, die Sauerkirschen zu entkernen, mit denen sie heute Marmelade machen wollten. Nachdem ich meinen Kaffee neben ihr auf der Veranda getrunken und meinen Frühstücksjoghurt gegessen habe, bat sie mich, ihr in die Küche zu helfen. Sie braucht Hilfe, weil da eine ziemlich hohe und breite Schwelle ist und sie hat nicht die Kraft, ihren Rollator selber drüber zu heben. Also half ich ihr in die Küche, die heute ziemlich unordentlich war… Das Bild ist aus der Perspektive von der Bank, wo meine Oma saß. Die braune Tür rechts führt zur Veranda. Damals war unsere Küche… nun ja, „damals“ (da war ich noch nicht mal geplant) damals war die Küche ein Kuhstall…

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Meine Mutter hatte die Kirschen schon in einer überdimensional großen Schüssel (ARGH, ich verfluche, dass mein Handy-Akku leer war!!! Keine Fotos…) hergerichtet. Die Kirschen hat meine Tante, als sie vor 5 Wochen hier im Urlaub war, für uns von unserem kleinen Kirschbaum gepflückt und im Gefrierfach für uns verstaut. Ich fragte meine Oma, ob sie sich an den Tisch setzen wolle und dann meinte sie: „Nein. Ich will jetzt abspülen.“
„Einen Schmarrn wirst du! Du setzt dich hin und ich richte die Kirschen her, damit wir sie entkernen können.“
„Nein. Ich muss abspülen.“
„Oma“, sagte ich tadelnd, „Du setzt dich jetzt hin!“
Sie stöhnte genervt, machte eine wegwischende Handbewegung, als sei ich eine lästige Fliege, die sie loshaben will. Ich musste schmunzeln, das sah sie aber nicht. Schließlich setzte sie sich doch wider Willen auf die Bank an den Tisch. Ich half ihr, den Tisch frei zu räumen, dann meinte sie, sie bräuchte „so einen großen Topf“
„Einen großen Topf?“
„Hmh“, sie nickte und sah sich hilflos um, „Irgendwo muss ein großer Topf sein.“ Sie machte Anstalten, aufzustehen und ich hielt sie an der Schulter zurück. Sie übernimmt sich wirklich oft! Im Urlaub hier ist sie schon 3 Mal umgefallen (deswegen auf den Fotos auch dieser große schwarze Fleck auf ihrer Stirn und am Arm). Zuhause in Deutschland passiert ihr das auch unzählige Male und ich will nicht, dass das passiert, wenn ich dann auch noch alleine mit ihr bin. Also sagte ich ihr, dass ich ihn schon suche und öffnete die Schranktür, wo die Töpfe sind.
„Hier?“, fragte ich.
„Nein…“ Sie seufzte unzufrieden und schüttelte immer wieder den Kopf, „Ach… nein, nein, nein… egal. Egal. Judith sucht es dann, wenn sie wiederkommt.“
„Ach Oma! Ich kann es doch auch suchen.“
„Nein, egal. Egal. Ich will wieder raus. Dann mach ich das später mit Judith.“
Ufz. Es hilft nichts, gegen ihren Willen zu reden, also half ich ihr wieder nach draußen. Das ist so typisch für sie. Neuerdings lässt sie sich von mir und anderen nicht helfen. Immer muss meine Mutter kommen und alles machen. Wie bei kleinen Kindern eben „Nein, Mama macht das dann…“

Gegen 13 Uhr kamen meine Eltern dann aus der Stadt. Ich half ihnen, den Wagen auszuräumen und erklärte meiner Mutter resigniert, wieso die Kirschen noch nicht fertig waren… Sie verdrehte bloß die Augen und meinte, sie verlege das auf später, sie müsse sich jetzt erst ausruhen. Ha-ha. Das war ja wohl der Witz des Jahrhunderts. Ich glaube, meine Mutter weiß nicht einmal, wie man Ruhe schreibt. Sie ist nur am herumrennen. Sie findet IMMER irgendeine Arbeit, auch wenn es keine gibt und ich habe sogar das Gefühl, dass sie sich hier seltener auf ihre verdammten 4 Buchstaben setzt und mal durchschnauft, als zu Hause in Deutschland…

In der Zwischenzeit kamen Kora und ich auf die Idee, weil uns wirklich langweilig wurde und ziemlich gutes Wetter war, dass wir ja noch einmal an den See könnten. Wir packten zwei Handtücher, Balou, setzten uns ins Auto und düsten ins nächste Dorf an den See. Balou hatte mal wieder einen Heidenspaß. Im Wasser habe ich dann eine Hummel gefunden und dachte erst, sie sei tot… bis ich sah, dass sie noch ihre kleinen Füßchen bewegte. Ich angelte sie aus dem Wasser und legte sie auf einen Stein in die Sonne. Gott sei Dank konnte sie sich noch bewegen. Ich hoffe, sie konnte sich noch irgendwie erholen.  Leider ist das Bild irgendwie schlecht geworden, weil die Hummel nicht scharfgestellt wurde… aber na ja.

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Kora hat die Augen verdreht. Sie findet oft, ich übertreibe es mit meiner Tierliebe… das höre ich leider von mehreren Leuten. Meinen Vater habe ich mal halb in den Wahnsinn getrieben, weil ich, als ich noch zu Hause gewohnt habe, eine Spinne im Waschbecken gefunden habe und wie am Spieß schrie. Ich ekele mich vor Spinnen und Ameisen!!! Brrr!!! Mein Vater meinte, er entsorge sie und kam mit dem Staubsauger!!!! Ich schrie ihn an, dass er nicht alle Tassen im Schrank hätte, weil er ihr das doch nicht antun könne. Dann schlug er vor, er spült sie einfach weg. Ich kriege bei so etwas die Krise! Ich hab ja sogar ein schlechtes Gewissen, wenn ich ne Mücke erschlage, verdammt!!! Ich weiß noch, als ich in mein erstes Apartment zog… es war im Erdgeschoss und eine Ameisenkolonie hatte es in die Wohnung geschafft. Die eine Ecke der Wand war PECHschwarz und ich realisierte erst gar nicht, was das war! Bis ich das Krabbeln bemerkte und dachte, ich falle in Ohnmacht! In Panik habe ich nach einem Desinfektionsspray, und als das leer war, nach einem Deo gegriffen und alle tausende Ameisen totgesprüht. Als der Schock verebbt war, kniete ich heulend vor der Wand mit den toten Ameisen und hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen.

Nachdem ich die Hummel also, so gut es ging eben, gerettet hatte, sprang ich wieder ins Wasser und warf Balou einen kleinen Stecken. Er sprang euphorisch hinterher, aber irgendwie schwamm er immer weiter ins Wasser herein… dann verschluckte er sich… Halb in Panik riefen wir nach ihm, feuerten ihn an, wieder zu uns ans Ufer zu kommen, aber er sank immer tiefer ins Wasser. Das Problem ist, dass der Boden total unberechenbar ist. Ca. drei Meter vom Ufer entfernt kann ich stehen – einen Schritt weiter und ich trete in Leere. Da hat es mich das letzte Mal richtig unter das Wasser gerissen, weil ich nicht damit gerechnet habe. Balou wiegt nun einmal leider knapp 33 Kilo, weshalb wir ihn beide nicht, ohne dass wir selber Boden unter den Füßen haben, richtig heben könnten. Trotzdem schwamm ich ihm dann entgegen, als ich merkte, dass ihm immer mehr die Luft ausging und er kaum noch den Kopf über Wasser halten konnte. Ich versuchte ihn an der Brust ein wenig zu heben, aber dabei ging ich selber unter. Gott sei Dank schaffte er es dann doch noch so weit, dass ich auch Boden unter den Füßen hatte und ihm den letzten Rest helfen konnte. Er hustete furchtbar… zwei Sekunden später sprang er schon wieder übermutig ins Wasser und alles war wieder Friede-Freude-Eierkuchen. So glücklich habe ihn, glaube ich, noch nie gesehen!

Tag 6

Tag 6, Dienstag, 09.06.2016

Heute sind Kora und ich wieder in die Stadt gefahren. Ich habe mir ein paar Oberteile gekauft. Nur drei von zehn, die ich anprobiert habe. Am Freitag fahren wir aber noch einmal und ich denke, dann kaufe ich noch andere zwei, die mir ganz gut gefallen haben und ich im Nachhinein bereut habe, nicht gekauft zu haben. Dann haben wir noch Kokosöl in einem Eimer (1 Liter) für umgerechnet 4,80 € gekauft. Für Koras Schwester, ihre Mutter und für uns. Ich koche nicht mit Fett, schon gar nicht mit Öl etc… aber weil Kora manchmal darauf besteht, dass ich „normal“ esse (vor allem, wenn ich wieder daheim bin), haben wir eben Kokosfett gekauft. Eine Messerspitze zum Anbraten von Gemüse oder so … ist schon okay.

Auf dem Heimweg haben wir noch ein Softeis gekauft. Kora eine große Portion Punsch und ich eine „kleine“ Portion (die ist immer noch größer als die große Portion in Deutschland…) Schoko-Vanille. Ich liebe Punsch-Eis, aber als Softeis ist mir das dann doch zu süß und zu viel. Eine so große Portion kostet 300 Forint… das sind weniger als 1 Euro. Vielleicht 99 Cent.

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Am Nachmittag waren wir dann mit Balou an einem kleinen See. Menschenleer, superwarmes, sauberes Wasser! Es war göttlich! Ich war so lange nicht mehr schwimmen. Das liegt daran, dass ich Schwimmbäder nicht mag und Menschenmassen nicht leiden kann – also kommt auch kein Badesee in Frage. Immer überfüllt. Das war heute für mich wie Luxus pur! Ein wenig erschrocken habe ich mich, weil es ziemlich plötzlich, sehr tief wurde. Ungefähr zwei Meter konnte ich bis ins Wasser laufen, dann verschwand plötzlich der feine Sand unter meinen Füßen. Bela hat dann gesagt, dass das Wasser zur Mitte hin 22 bis 23 Meter tief ist. Ich habe eigentlich kein Problem damit, weil ich gut schwimmen kann. Es waren SO viele Fische im Wasser! Es hat ja förmlich nach ihnen gerochen! Zwei Mal bin ich vom Boot ins Wasser gesprungen, danach mussten wir leider langsam aus dem Wasser, weil wir noch zum Abendessen bei Annika eingeladen waren.

Nach dem Essen fragte ich Laci, also den Großvater von Evi (die Tochter von Annika, das Mädchen in meinem Alter), ob ich mal in sein Haus rüber schauen darf. In dem Haus bin ich quasi „großgeworden“. Das Haus, in dem Annikas Famile jetzt wohnt,haben sie erst seit ca. 5 Jahren. Davor haben sie alle im Haus des Großvaters, zwei Gärten weiter, gewohnt. Da hängen so viele Erinnerungen dran!!! Ich weiß noch genau, als wäre es gestern, wie ich mit meinen knirpsigen vier Jahren noch in diesem kleinen Wohnzimmer mit Kata, Jan und Thomas und Evi gespielt habe. Kata und Jan (der Bruder von Evi) haben immer mich und Thomas damit geärgert, dass wir ineinander verliebt wären. Kata und Jan sind jetzt 22 Jahre alt, also 3 Jahre älter als Thomas und ich. Wir haben dann immer angewidert die Zunge rausgestreckt, das ginge ja gar nicht, weil wir Cousine und Cousin sind. Hm… ich muss immer schmunzeln, wenn ich daran denke. Eigentlich sind wir fünf so weit voneinander entfernt, dass jeder jeden locker heiraten könnte. Also Jan und Evi natürlich nicht und Thomas und Kata auch nicht, weil sie auch Geschwister sind, aber so kreuz und quer. Eigentlich war nämlich die MUTTER von Annika die COUSINE von meiner Mutter. Das heißt, dass Annika die Großcousine von meiner Mutter ist, und ich mit Evi und Jan…….. sehr, sehr, sehr weit entfernt blutsverwandt bin. Genauso ist das bei Kata und Thomas (Ungarisch eigentlich Tamás). Die OMA der beiden ist die Cousine meiner Mutter… und die Mutter von ihnen die Großcousine. Nun, wie auch immer. Wir haben wahnsinnig viel Blödsinn im Kopf gehabt, als Kinder. Heute sehe ich Kata eigentlich gar nicht mehr und ehrlich gesagt ist sie mir auch äußerst unsympathisch und unfreundlich. Sie ist dieses Jahr noch nicht einmal vorbeigekommen, um uns Hallo zu sagen, dabei wohnen sie um die Ecke. Das ist ja noch übertrieben. Sie wohnen in derselben Straße vier Häuser weiter. Selbst Irene, also ihre Oma, schafft es jeden Tag vorbeizukommen. Als wir bei ihnen waren, war sie nicht da, und selbst wenn… sie hätte mich herzlich wenig interessiert. Ich mag sie nicht… Keine Ahnung, zwischen uns stimmt einfach die Chemie nicht mehr. Sie ist so eine richtige, selbstgefällige, arrogante Zicke. Das hört sich ordentlich böse an, aber jeder würde sie so einschätzen, der sie sehen würde und das Traurige an der Sache ist, dass sie nicht nur so aussieht, sondern auch so IST……..

Wie auch immer… ich bin sehr wehmütig geworden, als ich das Haus angesehen habe, das eigentlich nur noch leer steht.

Und dann gingen wir hinter in den Garten. Auf den ersten Blick war er nicht zu sehen, weil er versteckt im hohen Gras lag, doch dann sah ich es wedeln – den kleinen, stummeligen Schwanz. BÄRCHEN! Es war Bärchen!!! Himmel, diesen Hund habe ich vor sechs Jahren das letzte Mal gesehen, als er als Welpe bei ihnen aufgetaucht ist. Irgendjemand hat ihn damals einfach vor ihrem Zaun abgesetzt und sie haben ihn aufgenommen. Sie hatten noch einen zweiten Hund, Strolchi… der wurde ein Jahr später von Straßenkötern zerfetzt… einfach umgebracht! Seitdem lebt Bärchen alleine. Der Hund heißt wirklich so (Mackó). Ich habe Mackó so geliebt!!! Aber ein Jahr später war ja dann das neue Haus fertig und das Haus von dem Opa (also da, wo sie vorher ALLE gewohnt haben), wurde nicht mehr benutzt. Als ich Mackó da sah, dachte ich, mir zersplittert das Herz…. Er war angekettet… das Halsband VIEL zu eng um seinen Hals… gerade so, dass ich EINEN Finger dazwischen quetschen konnte!!! Scheiße…. Er tat/tut mir so dermaßen leid!!! Ich bin zu ihm hin, und sofort hat er aufgehört mit dem Schwanz zu wedeln. Er stand ganz angespannt da, sah mir nicht in die Augen und es sah so aus, als würde er jeden Moment knurren oder angreifen. Ich fragte Laci, also den Opa, ob er bissig sei und er meinte, nein, auf keinen Fall! Ich glaubte ihm, ging weiter auf Mackó zu und streichelte ihn. Ich hatte keine Angst vor ihm, immerhin kannte ich ihn als Welpen und er genoss es! Nun ja, erst war er völlig verunsichert und wusste gar nicht, was ich da mit ihm mache… Klar, Laci wird ihn bestimmt kein einziges Mal angefasst haben, zum Streicheln, Kraulen etc. Im Endeffekt habe ich erfahren, dass der arme Kerl da nur sein Dasein fristet… Morgens bekommt er Futter und das war‘s. Sonst liegt er dort seit Jahren angekettet mit einem viel zu engen Halsband im Garten…. Ich dachte echt, ich muss ihn sofort losmachen und mitnehmen, aber ich habe ja die kleine Stimme der Vernunft bei mir: Kora. Sie war selbst völlig fertig mit den Nerven, als sie den Kleinen so sah… Er war die Nähe zu Menschen so wenig gewöhnt, dass er vor Aufregung richtig gezittert hat, obwohl er es wahnsinnig genoss. Wenn ich aufstand, weil mir vom Bücken der Rücken anfing wehzutun, sprang er unsicher an mir hoch, so dass er auf seinen zwei Hinterbeinen stand, und sah mich aus bettelnden Augen an. Sobald ich ihn weiter streichelte, ließ er wieder von mir ab und war zufrieden. Ich versuchte natürlich Kora irgendwie zu überreden, ihn doch mitzunehmen, er hat doch hier kein Leben, das ist Tierquälerei!!! Und sie war immer wieder kurz davor, nachzugeben, aber das geht nicht, und das weiß ich selber. Ich entwickle mich sonst noch zu einem Tiermessi. Letztes Jahr die vier Babykatzen, die wir retten mussten und einfach nicht zurücklassen konnten… Mit Balou und den drei Ratten und 2 Kaninchen, die ich zuvor schon hatte, sind es jetzt 10 Tiere! Ein weiterer Hund wäre im Moment einfach viel zu naiv und unverantwortlich.

Im Moment deshalb, weil Kora und ich ein Haus mit einem riesengroßen Garten im Auge haben, das im Moment noch renoviert wird. Es steht abseits von dem Dorf ihrer Eltern, direkt angrenzend ist der Wald. Dieses Grundstück ist so groß, dass man locker einen Offenstall für Pferde ausbauen könnte plus einem kleinen Reitplatz… so dass trotzdem noch genug Platz für rund 50 Menschen wäre. Also wirklich RIESIG! Da wäre dann ein zweiter Hund wirklich kein Problem. Der Ort, wo ihre Eltern wohnen, ist so dermaßen billig, dass wir darauf hoffen, dass auch das renovierte Haus nicht gar zu viel kosten wird. Außerdem brauch ich schon viel Glück dafür, weil ich nicht weiß, ob mir in dem Alter schon ein Kredit genehmigt wird. Und wir müssen auch noch genauer darüber nachdenken. Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, dass wir uns je trennen würden, obwohl ich schon lange nicht mehr die rosarote Brille trage. Ich versuche trotz allem sehr realistisch zu bleiben. Was ist, wenn wir uns wirklich irgendwann trennen und der Kredit noch nicht abbezahlt ist? Was ziemlich sicher der Fall sein würde, weil ein so riesiges Haus zahlt man nicht einfach mal so im Handumdrehen ab. Und wer weiß, was in zehn/zwanzig Jahren sein wird? Wer zahlt es dann weiter? Keiner von uns beiden wird in dem Haus bleiben und die Kosten alleine tragen können. Das wäre ein Problem. Monatlich liegt für uns die Grenze bei 1500 – 1600€. Je nachdem, wie mein Einkommen dann sein wird, vielleicht auch etwas mehr. Immerhin teilen wir die Kosten ja dann durch zwei und das würde vielleicht noch hinhauen.

Über das Haus selbst mache ich mir kaum Gedanken. Dieses Haus ist nämlich GENAU das, was meinen Vorstellungen entspricht. Regelrecht ein Traum. Ziemlich abseits von einem Dorf, direkt angrenzend der Wald. Mir hätte eigentlich ein kleiner Garten gereicht – das finde ich sogar viel gemütlicher und idyllischer, aber mit so einem großen Garten kann man ja auch viel anstellen. Es ist ja komplett eingemauert. Das Haus ist ja auch uralt (gerade deshalb gefällt es mir so! Kein hochmodernes Etwas! BÄH). Aber man könnte ja evtl. die Mauer abreißen und dann WIRKLICH einen Offenstall bauen und dann nur ein kleines Stück vom Grundstück am Haus wieder als „Garten“ nutzen mit einem hübschen weißen oder mahagonifarbenen Zaun. Ohja, das wäre traumhaft. Okay, über diese Kosten müsste man sich dann halt Gedanken machen. Tomaten könnten wir pflanzen und vielleicht Hühner halten, um keine Eier mehr kaufen zu müssen (ich schlachte keine Tiere und würde es auch sonst niemandem erlauben). Eine Kuh wäre auch toll und ich kann auch melken, aber ich, mit meiner ES, trinke keine frische Kuhmilch mit 100 % Fett (obwohl die wirklich unvergleichlich schmeckt!). Wenn uns mit dem Rest des Grundstückes nichts einfällt, könnten wir evtl. noch ein Stück als Koppel für die Pferde nutzen. Dass ich mir in den nächsten mindesten fünf Jahren (also auf keinen Fall früher), ein Pferd zulegen möchte, steht zu 100 % fest. Und wenn das mit dem eigenen, kleinen Offenstall wirklich klappen sollte, wäre das noch großartiger! Der Nachteil ist bloß, dass ich dann ein zweites Pferd bräuchte, weil man sie nicht alleine halten darf und obwohl ich schon ziemlich lange mit Pferden zu tun habe und mich auch zu behaupten traue, mich gut mit der Haltung und dem Umgang auszukennen, weiß ich nicht, ob ich mir zwei Pferde zutraue. Also dachten wir uns, weil Kora Pferde eigentlich auch mag, aber ein wenig Angst vor den „Großen“ hat, dass wir einfach ein Pony dazu holen. Dann kann sie sich mit kümmern, was sie sich bei einem „großen Pferd“ jetzt zum Beispiel nicht trauen würde. Nun, wie auch immer, ich schweife total ab. (Edit: Okay, natürlich weiß ich, das hier ein sehr großer Leichtsinn und viel zu viel Träumerei drin steckt. Dass wir dieses Haus wirklich irgendwie kriegen, liegt bei vielleicht 0,000348 % oder so, aber träumen darf man ja)

Als wir gehen mussten, streichelte ich Mackó noch sehr lange und litt wirklich mit ihm mit. Dann gab ich ihm noch einen Kuss und ging mit schwerem Herzen. Ich sagte: „Ich wünschte, wir könnten dich mitnehmen…“ Und Kora erwiderte darauf nur leise: „Und ich wünsche mir für dich, dass du bald einfach einschläfst und nicht mehr aufwachst…“

Tag 5

Tag 5, 08. August 2016

Am Abend haben wir gegrillt. „Speckbraten“ heißt das bei uns wörtlich übersetzt. Früher war es anders. Da saß die ganze Familie ums Feuer herum, mit der Zeit ist das abgeklungen. Jahr um Jahr kamen immer weniger Leute, mal hatten die einen keine Zeit, dann die anderen… Das hat mich ein wenig traurig gemacht, als mir das aufgefallen war, mittlerweile finde ich es nicht mehr ganz so schlimm. Es verändert sich eben viel, wenn viele Leute sterben. Der Hof ist weniger gefüllt. Die Mädels, die damals, als ich klein war, immer dabei waren, sind nach Budapest gezogen und haben bereits selber kleine Familien gegründet. Sie haben beide sehr hübsche Mädchen mit meerblauen Augen zu Welt gebracht. Die eine Kleine ist mittlerweile 2 oder 3 und hat unschlagbar süße Grübchen! Der Vater von denen (die haben ja direkt gegenüber von uns gewohnt) hatte vor drei, vier Jahren irgendeinen kleinen Streit mit Bela, Rita und Sarah (bzw. eher mit deren Eltern). Und weil sie mit uns verwandt sind, kommt er nun aus Trotz auch einfach nicht mehr zu uns rüber – das findet mein Vater richtig scheiße. Gott sei Dank ist die Frau von ihm nicht ganz so engstirnig wir der Typ. Auch ihre Töchter nicht, die ich letztes Jahr hier mal wiedergesehen habe. Mit ihnen, Marienne und Adrienne habe ich mich damals immer hinten in den unbeleuchteten Garten gelegt und Sternschnuppen geschaut. Ich denke, heute sind sie so um die dreißig Jahre alt, vielleicht etwas jünger, aber um ehrlich zu sein wusste ich nie genau wie alt sie sind. Sie haben eigentlich auch einen kleinen Bruder, aber was mit dem ist, weiß ich nicht. Ich denke, der ist auch nach Budapest rausgefahren, um zu arbeiten.

Nun, so saßen wir also gestern im Garten, bereiteten das Grillen vor. Mein Vater schnitt die Zwiebeln, Bela bereitete den Speck vor, meine Mutter, Rita und Sarah haben Tomaten, Gurken und Paprika in der Küche geschnitten und Kora und ich waren noch einmal mit Balou um die Ecke spazieren, um ihn gescheit auszupowern. Das könnten wir zwar im Garten auch, aber wegen den ganzen Speck-Vorbereitungen und dem Feuer, war das ein wenig ungünstig.

 

Das Speckbraten funktioniert so, dass man große Speckstücke über das Feuer hält, bis es tropft. Dann drückt man das tropfende Fett auf ein Brot und dieses Brot isst man mit beliebigem Gemüse. Ich habe den Tag über eigentlich fast nichts gegessen, um wenigstens zwei Brote essen zu können. Das hört sich echt ekelhaft an, aber es schmeckt einfach überragend! Natürlich habe ich mich dafür gehasst, aber so ist nun einmal mein Kreislauf und ich denke, ich werde niemals ein normales Verhalten zum Essen aufbauen können. Später habe ich der Kleinen, also Sarah, dann noch gezeigt, wie man Marshmallows grillt. Sie war hin und weg von dem Zeug und notgedrungen musste ihr ihr zuliebe auch zwei essen, weil sie die EXTRA für mich gemacht hat! Boah, mir war nach dem ersten schon schlecht. Zu pappig süß. Kora würde hingegen für diese Marshmallows sterben.

Als dann langsam, gegen 22:30 Uhr, die Leute verschwanden, machte ich mir noch zum Ausklingen einen Schwarztee – wenigstens dadurch fühlte ich mich etwas besser (nachdem ich eine halbe Stunde im Bad stand und ne Heulattacke hatte, weil ich mich wieder so ekelig fand, dass ich nicht in den Spiegel schauen konnte). Nun, irgendwann saß ich dann vor Kora auf der Bank, die vor dem Feuer stand, auf einer kleinen Decke. Balou lag neben mir und schlief schon tief und fest. Mein Vater saß auch noch vor dem Feuer, meine Mutter stand hinter ihm an den Rücken gelehnt und wir hingen alle irgendwie unseren eigenen Gedanken nach. Irgendwann, wie ich meine Eltern so betrachtete, fragte ich gerade heraus, komplett die friedliche Stille zerstörend: „Hat man in eurem Alter als Ehepaar überhaupt noch Sex?“

Im ersten Moment waren meine Eltern völlig fassungslos und ihnen entgleisten alle Gesichtszüge, dann musste meine Mutter lauthals lachen, auch mein Vater lachte. Meine Mutter schüttelte den Kopf und sagte „Nein“ und ich sagte voller, ernster Erleichterung: „Gott sei Dank“, was wieder zu Gelächter führte und mein Vater meinte: „Apropos… heute habe ich im Fernsehen gehört, dass jetzt hier in der Umgebung der… sag schon… na…“, er schnippte mit einem Finger. Das tut er immer, wenn ihm ein Wort auf Deutsch nicht einfällt, „Sag schon… die Rehe…. Die springen gerade über Fahrbahnen, weil sie gerade… wie heißt das? Hochzeitstag?“

Nun brachen wir alle in noch lauteres Gelächter aus, als uns einleuchtete, dass er die Paarungszeit meinte… nun… irgendwann wurden mir die Ausschweife der Sexthemen zu wild und ich sagte, wir müssten schlafen gehen. Im Wohnwagen haben Kora und ich dann noch „Honig im Kopf“ fertig angesehen. Danach schlief ich ziemlich schnell ein… ich war überraschend müde, für eine Nachteule.

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Tag 4 || Teil 2 von 2

Sonntag, 07. August 2016

Den Traum hatte ich bis Mittag schon fast verdrängt und hätte ich ihn am Vormittag nicht aufgeschrieben, hätte ich ihn längst vergessen. Ich war erstaunlich früh wach – 8 Uhr ist für meine Verhältnisse an freien Tagen echt ein Wunder. Den Vormittag verbrachte ich damit, mein Buch weiterzulesen. Irgendwann schrieb ich dann meinen verrückten Traum auf. Mittags erntete meine Mutter wieder Gemüse im Garten. Karotten, Kohlrabi, Petersilie. Ich habe den Topf mit dem gepflückten Gemüse in die Küche getragen und dabei ist mir eine Minikarotte runtergefallen. Das Ding war lächerlich, aber irgendwie süß. Das Gemüse hat sie für die Suppe gebraucht, die sie gekocht hat, aber irgendwie hat mir das Gartengemüse nicht so gut geschmeckt wie das aus dem Supermarkt in Deutschland, dabei hatte ich genau das Gegenteil erwartet. Ich meinte betrübt zu Kora: „Ich glaube, das mit unserem Gemüsebeet wird wohl nichts.“ Allerdings denke ich trotzdem, dass mir Paprika und Tomaten aus dem eigenen Garten gut schmecken würden.

Gegen Abend hin wollte meine Oma unbedingt das Grab sehen, das für sie fertiggemacht wurde – ja, verdammt morbid! Nun ja, die Friedhöfe hier sind ja eh ganz anders als in Deutschland. Der Mann meiner Oma, also mein Opa, starb mit 50 Jahren. Da war meine Mutter selbst erst 14, deshalb hatte ich nie einen Opa. Der leibliche Vater von meinem Vater war depressiv; er sprang in Budapest von einem Hochhaus, weit, weit vor meiner Geburt. Der Stiefvater von meinem Vater war ein Arschloch. Er erhängte sich im Kuhstall. Ich habe mich ein Leben lang nach einem Opa gesehnt und bis heute frage ich mich, wie mein Opa mütterlicherseits wohl gewesen wäre. Die Mutter von meinem Vater starb vor zwei Jahren. Ich habe sie das letzte Mal gesehen, als ich selber noch in Windeln steckte – und einmal auf der Trauerzeremonie meiner Tante, 2008 (sie wurde ja eingeäschert). Ihre Urne steht hier in Ungarn im Dorf in unserem Haus. Meine Oma äußerte den Wunsch, dass sie mit ihr dann begraben werden möchte. Ich weiß nicht, warum, und der Gedanke erscheint mir nur allzu egoistisch, aber als sie das sagte, versetzte es mir einen heftigen Stich im Herzen. So habe ich das Gefühl, sie noch einmal gehen lassen zu müssen. Es ist eben doch etwas Anderes, zumal ich sowieso total gegen Beerdigungen bin. Nicht, dass ich es jemandem ausreden würde – niemals. Aber ich selbst finde diese Art einfach ziemlich unschön und unfriedlich. Wir alle wissen, dass meine Oma nicht mehr lange bei uns bleibt – das weiß meine Oma selbst. Es wäre feige und unehrlich, es nicht auszusprechen und nicht offen damit umzugehen. Meine Oma ist eine starke Frau. Sie hat nie wirklich Schwäche gezeigt. Ich meine, wenn ich mit ihr alleine bin, klagt sie schon ziemlich oft und sagt weinerlich: „Ach, Jessi… ach… ach… wenn das endlich alles bloß vorbei wäre…“ Aber ZEIGEN tut sie ihre Schwäche nicht. Ich denke, in ihr schlummert viel mehr Melancholie, großer Kummer, Schmerz, als man im ersten Moment meinen möge. Oft sitzt sie hier nur auf der Veranda und schaut vor sich hin, schwelgt in irgendwelchen Erinnerungen…

Heute war ich kurz im Haus, nahm das Bild von meiner Tante und setzte mich auf die kleine Couch. Ich weiß nicht, warum, aber ich bin einige Minuten vorher ohne tieferen Grund unglaublich sentimental geworden, also zog ich mich in dieses Haus zurück. Ich sah meiner Tante lange in die Augen. Besser gesagt, diesem leblosen Bild… Ich versuchte mich zu erinnern, wie ihre Augen lebendig aussahen. Aber dauernd, immer wieder, tauchte vor meinem inneren Auge nur ihr Gesicht im Krankenhaus auf. Im Endstadium. Wie besessen zwang ich mich, mich an sie als lebenslustige Person zu erinnern, und einige Erinnerungen kommen mir selbst heute noch, aber sie sind nicht so „echt“ wie die aus dem Krankenhaus. Ich will mich wieder an ihre Stimme erinnern und schon wieder bin ich verärgert, dass die Videokassette im Arsch ist, auf der ich mit ihr im Wohnzimmer mit einem Korken spiele, als ich vier oder fünf war. Ich hoffe, der Film ist noch irgendwie zu retten, damit ich wenigstens eine DVD daraus machen lassen kann…… Verdammt… Ich bekam so ein heftiges Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen, sie zu drücken, sie… zu umarmen. Ganz fest. Ich hätte sie am liebsten mit Leib und Seele aus diesem Scheißfoto gezogen und an mich gedrückt und plötzlich musste ich ganz heftig weinen. Ich drückte das Bild an mich, das machte mein Weinen aber nicht gerade besser. Im Gegenteil. Dieses Bild zu umarmen war sagenhaft trostlos und ließ mich mir dumm vorkommen. Dann hörte ich von draußen, dass meine Mutter auf dem Weg ins Haus war. Ich sprang vom Sessel auf, stellte das Bild wieder an die Urne und wischte mir hastig die Tränen aus dem Gesicht. Wie ironisch, dass meine Träne auf dem Bild an ihrer Wange herunterlief. So habe ich sie auch das letzte Mal gesehen. Als wir nämlich das Krankenhaus verließen, lief eine einzige dicke Träne ihre linke Wange herunter, nachdem wir uns alle mit einem Kuss und einem leisen „ich liebe dich“ von ihr verabschiedet hatten. Im Nachhinein denke ich, dass sie ganz genau wusste, dass wir uns nicht wiedersehen würden. Es ist mittlerweile 8 Jahre her und immer noch leide ich wie ein Hund, wenn ich daran… an sie… denke. Es tut weh und obwohl ich das ganze Jahr über diesen Schmerz gut verdrängen, vergessen, stopfen kann, es scheint nie zu vergehen, denn wenn ich dann jedes Jahr in Ungarn wieder vor ihrer Urne stehe, kommt der Schmerz genauso heftig zurück, als wäre ich in die Zeit zurückversetzt, als die Zeremonie für sie stattfand.

Als uns die Nachricht erreichte, das weiß ich noch genau… Ich muss es im Gefühl gehabt haben, denn das Telefon klingelte. Uns rufen viele Menschen an, das interessierte mich nie, aber an diesem Tag öffnete ich meine Zimmertür einen Spalt breit und lauschte meiner Mutter beim Telefonieren. Ich konnte es an ihrer Stimme hören. Und an dem ungläubigen Ton meines Vaters. Irgendjemand hatte ihr mitgeteilt, dass Elisabeth gestorben war. Oh fuck. Dieser Schock. Ich weiß nicht, ich kann nicht genau erklären, wie ich mich gefühlt habe. Als hätte man mir mein Herz im Bruchteil einer Sekunde in tausende Stücke zerrissen und als könnte ich von dem Schock nicht atmen. Ich weiß noch, wie ich irgendeinen erstickten Laut von mir gegeben habe und als ich meine Mutter zu mir rüberkommen hörte, knallte ich die Tür zu und stemmte mich dagegen. Ich wollte jetzt nicht, dass sie zu mir kam. Ich wollte sie nicht weinen sehen, das hätte es für mich noch unerträglicher gemacht und schon gar nicht wollte ich getröstet werden. Sie schaffte es irgendwie, die Tür aufzudrücken und ich versteckte mich hinter der Tür, wie ein kleines Kind. Dabei war ich das mit 11 Jahren, bei Gott, nicht mehr. Ich weiß, wie ich sie anschrie, dass sie mich alleine lassen sollte und mir die Ohren zugehalten und die Augen zugekniffen habe und mir die Tränen erbarmungslos über das Gesicht liefen und ich das Gefühl hatte, an ihnen zu ersticken… nein, zu ertrinken. Ich habe tagelang gelitten und war in einem seltsamen Zustand, den ich heute nicht mehr erklären könnte.
Nun, so viel dazu.

Jedenfalls waren wir dann heute am Grab meines Opas, das ein Bekannter von uns für wenig Geld erneuert hat, so, dass meine Oma dann auch dort begraben werden kann – mit der Urne meiner Tante. Ich kann erstaunlich sachlich darüber reden und schreiben, aber ich weiß genau, dass wenn der Tag gekommen ist… werde ich zerbrechen. Ich habe panische Angst davor. So sehr, dass ich fast das Ende der Welt damit verbinde. Ich frage mich immer wieder, wie ein Mensch den Tod eines geliebten Menschen verkraften kann… Ich, als Arschloch, das ich bin, denke einfach immer an das Leid anderer Menschen, die viel schlimmere Dinge erleben – was ist mit Eltern, die ihre Kinder verlieren? Eigentlich will ich gar nicht auf Beerdigungen. Ich hasse Beerdigungen. Abgrundtief. Und am liebsten würde ich mich einfach drücken. Am liebsten würde ich einfach nicht erscheinen, aber ich habe Angst, es im Nachhinein zu bereuen. Zehn Jahre später, dreißig Jahre später…………
Meine Oma setzte sich auf ein fremdes Grab, das so alt war, dass es schon eingefallen war. Sie konnte nicht stehen. Es hat sie ja schon alle Anstrengung gekostet, die 5 Meter bis zu ihrem… (Scheiße, wie sich das anhört!) Grab zu gehen.

Nachdem wir wieder zurück in unserem Garten waren (der Friedhof ist ja quasi um die Ecke – 2 Minuten mit dem Fahrrad, aber wir fuhren wegen meiner Oma mit dem Auto), spazierten wir mit Balou noch vor zur Eisdiele und nahmen für meine Mutter und meine Oma auch zwei Kugeln Punsch-Eis mit. Nein, nicht dieser Weihnachtspunsch… leider kann ich den Geschmack nicht beschreiben und das ärgert mich ungemein, dass ich bisher keinen vergleichbaren Geschmack in Deutschland gefunden habe. Kora ist hin und weg von Punsch. Auch ich liebe Punsch! Auch sonst scheint sich kein einziger von meinen deutschen Freunden und Bekannten etwas unter dem Geschmack „Punsch“ vorstellen zu können……. Balou war natürlich fleißig dabei uns wegen des Eises anzuschmachten. Er ließ es ja kaum aus den Augen. Kora ist momentan ein bisschen verärgert, weil er von meinen Eltern, und auch sonst jedem hier im Dorf, irgendwas zu Naschen kriegt und schon ein wenig zugelegt hat. Für einen Labbi ist er noch schlank, aber WIR sehen, dass er ein paar Fettpölsterchen hat. Trotzdem habe ich ihm meine Restwaffel gegeben… Etwas später, als das Eis verdaut war, liehen wir uns von Bela ein zweites Rad, damit Kora und ich am Damm fahren konnten. Wir waren eine Stunde unterwegs, an drei Dörfern sind wir vorbeigefahren…

Nun ja… aber um nicht nur über Tod und Trübsinn zu schreiben… ich habe heute mit Balou einige Tricks geübt – wenn wir schon Mal genug Zeit dafür haben. Dreh dich und „Peng“ (dabei wirft er sich dann auf den Rücken und streckt die Beinchen in die Höhe). Eigentlich soll er sich bei „Peng“ totstellen, aber dieses auf dem Rücken Herumgezappele ist auch süß! Ach ja! Als wir vom Friedhof zurück kamen, hat er sich irre gefreut. Er mag es nicht so gerne, alleine unter Männern zu sein…. Mein Vater war also kein sonderlicher Trost für ihn, während wir Frauen weg waren…

 

Tag 4 || Teil 1 von 2

 

Ich kenne diese Art von Vogel nicht, der da in allen Ecken landete, sitzen blieb und mich anstarrte. Ein großer Vogel, sicher so groß, wie ein Pfau. Er hatte ein sattes, blaues Gefieder, das vor allem am Schwanz sehr lang und eitel aussah. Am unteren Bereich des Schwanzes und an der Brust waren die Federn zitronengelb. Der Vogel sah einfach unglaublich schön aus! Wie ein Paradiesvogel eben. Ich saß mit der Betreuerin Diana und einigen geistig Kranken (30 Jahre aufwärts) in einem kleinen Hinterhof. Wir witzelten miteinander, Diana lachte köstlich über einige trockene Bemerkungen von mir und ich dachte, endlich ihre Art von Humor herausgefunden zu haben (was nach 4 Jahren ja mal Zeit wurde). Während sie anfing die Bewohner nach drinnen zu bringen und den Hof ein wenig aufzuräumen, nahm ich mein Handy, um von diesen Vögeln ein Bild zu machen. Ich musste dafür um eine Ecke gehen, auf dem Weg dorthin fiel mir der feuchte Boden auf. Über Nacht hatte es geregnet und einige saftig grüne, große Blätter, wie die, von unserem Walnussbaum, klebten am Boden. Auf einem von diesen am Boden klebenden Blättern erkannte ich zwei Arten von Raupen. Eine sehr lange, dünne, schwarz, braun orange, mit ganz wenig Härchen an den orangen Stellen. Sie bewegte sich graziös, geschmeidig auf das Blatt zu, war mit dem halben Körper schon drauf. Ich machte ein Foto von ihr und entdeckte dann nur wenige Zentimeter daneben noch eine Raupe. Eine etwas kürzere, grüne, korpulentere, bei der man die süßen Stummelbeinchen ganz deutlich sehen konnte. Sie bewegte sich mit trägen Wellenbewegungen auf das Blatt zu. Ich könnte schwören, ich konnte bei jeder nächsten Bewegung, die fließend in die andere überging, ein erschöpftes Ächzen wahrnehmen – aber vermutlich bildete ich mir das nur ein. Ganz sicher sogar.

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Kurz lächelte ich über die zwei grundverschiedenen Raupen, die um ein und dasselbe Blatt kämpften, obwohl es mehr als genug von ihnen am Boden gab, dann ging ich um die Ecke, um den Vogel zu fotografieren, der vor einigen Minuten noch dasaß, doch als ich um die Ecke bog, war er weg. Stattdessen lagen auf genau dem Fleck, wo der Vogel gesessen war, ein Haufen Federn. An mehreren solchen Flecken, ich glaube, ca. drei, war so ein Haufen blauer Federn. Ich war ein wenig betrübt, dass der Vogel weg war, aber es stimmte mich nicht vollkommen traurig, also ging ich zu den Federn, nahm sie in die Hand und betrachtete sie. Sie waren unglaublich weich!!! Erfreut stellte ich fest, dass auch vereinzelt gelbe Federn unter den Blauen lagen. Mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen nahm ich die blauen und gelben Federn in die Hand und machte ein Foto. Ich wollte diese Erinnerungsstücke mitnehmen, da erkannte ich aber einen Haufen Eier von Läusen an ihnen kleben. Angewidert legte ich sie wieder aus der Hand und ging zurück in das Gebäude.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte und wehmütig in meinem Handy nach den Feder-Fotos und den Raupen-Fotos suchte, stellte ich fest, dass sich das alles nur in der Nacht in meinem Traum abgespielt hatte. Diana war damals in der Klinikzeit meine Bezugsbetreuerin, mit der ich mich viel mehr wie mit einer großen Schwester verstand. Sie war die einzige, die ich in diesem gut durchdachten, herzlosen System gut leiden konnte. Manchmal zankten wir miteinander bis ins Unermessliche. Ich nannte sie blöde Kuh, schlug meine Zimmertür zu (zu meiner Verteidigung: Ich war vierzehn und mitten in der Pubertät) und sie seufzte genervt und verdrehte die Augen und ignorierte mich eine ganze Zeit lang. Bis ich schließlich ergeben ins Stationszimmer kam, meistens wenn sie Nachtbereitschaft hatte, weil anders waren die Betreuer selten aufzufinden, und mich ganz klein mit Hut bei ihr entschuldigte. Dann lächelte sie nur sanft und sagte mir, ich dürfe noch ein Weilchen bei ihr im Büro hocken bleiben. Das durfte keiner, weil ab 22 Uhr eigentlich jeder auf seinem Zimmer sein (und im besten Fall schlafen) sollte. Meistens sprudelten aus mir dann die reuevollen Entschuldigungen noch heraus, bis sie mir aufmunternd den Arm rieb und mir noch Milch mit Honig machte. Oft lief sie tagsüber auch einfach beiläufig an mir vorbei und gab mir flüchtig, wie nebenbei, ein Küßchen auf die Stirn oder den Kopf, nur, um ungefähr zwei Stunden später wieder mit mir zu zicken. Bei meinem zweiten Aufenthalt war das alles anders. Ich war in dem halben Jahr geistig unglaublich „gealtert“. Ich hatte ne völlig andere Auffassungsgabe als andere in meinem Alter, weil ich Dinge einfach anders interpretierte und analysierte. Irgendwie kam es mir oft so vor, dass die anderen in meinem Alter mich nicht verstanden und sie das Leben viel zu leicht nahmen. Heute denke ich, dass das gut so ist. Kinder sollten das Leben leicht nehmen und ich denke auch, dass die anderen mich genauso komisch und langweilig fanden, wie ich sie. Das war auch der Grund, weshalb ich mich immer häufiger mit Erwachsen unterhielt. Diesmal zankten Diana (wir mussten sie Frau A. nennen, wie alle anderen Betreuer auch), und ich uns kaum noch, jedenfalls nicht mehr so pubertär, dafür gab es aber auch nicht mehr so viele schwesterliche Zärtlichkeiten. Ich denke, auch sie merkte diese komische Wandlung in mir und konnte mich nicht mehr als die „kleine Schwester“ sehen, die ich vor einem halben Jahr in ihren Augen noch war. Vielmehr entwickelte sich nun eine leichte Freundschaft zwischen uns, in der sie mir in meiner Ausgangssperre auch mal ausnahmsweise erlaubte mit ihr rauszugehen, wenn sie eine Zigarette rauchte, etc.

Traurig, dass die Federn nicht mehr in meinem Foto-Speicher waren, legte ich mein Handy weg und fiel erneut in einen tiefen Schlaf. Der Traum ging absurder weiter, als er angefangen hatte und nahm erschreckende Wendungen.

Ich hatte es eilig, es regnete. Starker Nieselregen. Die Art von Regen, die mich am meisten nervt. Stolpernd trat ich aus dem Gebäude. So ging der Traum weiter. Ich sah mich um, war binnen weniger Sekunden ziemlich nass. Ein dünner Film aus Wasser lag auf meinem Gesicht. Ich wischte es mir aus den Augen, da kam eine Frau gerade an den Haupteingang, mit einem Regenschirm über dem Kopf. Es war *Sarah (eine ehemalige Betreuerin von mir, aus der Wohngruppenzeit). Sie sah mich stirnrunzelnd an, als versuche sie mich zu erkennen, dann rief sie erfreut: „Ach, Jessi! Das ist ja ein Zufall! Wo musst du hin?“

Im Traum wusste ich, wo ich hinwollte, aber ich erinnere mich leider nicht mehr. Ich nannte ihr den Ort und dass die Busse nicht mehr fuhren und sie meinte: „Da muss ich sowieso lang. Möchtest du mit mir mitkommen?“
Ich nickte und eilte zu ihr unter den Schirm. Sie fing einen Smalltalk mit mir an, als wir die kleine Altstadt betraten. Es war eine andere, als die, in der ich wirklich lebe, eine, die ich in Wirklichkeit nicht kenne, aber meine Fantasie hat da einen recht schicken Ort zusammengewürfelt. Wir näherten uns einem kleinen Café und Sarah meinte: „Oh! Ich hätte jetzt Lust auf einen Cappuccino. Gehen wir in den Glöckner?“
Ich zuckte die Schultern und nickte schließlich. Warum nicht? Vor dem Café wollte ich gerade sagen, dass das allerdings nicht der Glöckner sei, sondern…
„S’Zuckerl“, las sie, als sie es selbst merkte, „Hm… das ist aber nicht der Glöckner. Wie auch immer, dann eben S’Zuckerl.“
War mir nur Recht. Den Glöckner mag ich sowieso nicht so gerne, wohingegen ich S’Zuckerl klasse finde!
Als wir wieder aus dem Café kamen, war Sarah plötzlich nicht mehr Sarah sondern Frau Lieb. Frau Lieb war meine behandelnde Ärztin in der Klinik. Sarah sieht Frau Lieb ähnlich und Frau Lieb sieht Sarah Sophie Koch (eine Schauspielerin) sehr ähnlich. Vermutlich daher diese plötzliche Gestaltenwandlung. Sie hatte immer noch genau dieselben Sachen an und denselben Schirm in der Hand, den sie jetzt wieder wegsteckte, da es nicht mehr regnete. Es war dunkel geworden und wir bewegten uns auf einen kleinen Brunnen außerhalb der Mauer der Altstadt zu. Der Boden leuchtete gold-orange von den Straßenlichtern. Die Pfützen auf dem Boden spiegelten das Licht wider. Dort am Brunnen blieben wir kurz stehen uns schauten auf die unbelebte Straße, ziemlich weit unter uns.
„Was machen Sie eigentlich hier?“, fragte ich, während sie sich an die kleine Statue am Rand lehnte und ich mich im Schneidersitz auf den Rand setzte.
„Ich bin nur für ein paar Tage hier.“ In ihren Augen lag ein unbedeutendes Lächeln.
„Aha. Ich wohne seit einigen Jahren hier. Es ist also mein neues Zuhause.“
„Gefällt es dir hier?“
„Oh ja!“
„Das ist schön.“
Ich sah sie kurz halblächelnd an, erwiderte aber nichts und beobachtete dann weiter die wenigen Autos auf den glitzernden Straßen.
„Sie sind jetzt 36, nicht?“
Mit einem tonlosen Lachen meinte sie: „Schlimm genug, dass das schon über mich in Erfahrung gebracht wurde.“ Es sollte als Witz gemeint sein, aber in jedem kleinen Spaß steckt immer auch ein Funken Wahrheit.
Schließlich fragte sie: „Und was ist mit deinem Markus?“ (der Kriminalpolizist, von dem ich hier im Blog eine Zeit lang erzählt habe)
„Ähm… nichts Neues“, antwortete ich verwundert. Ich weiß, dass Markus‘ Freundin… oder mittlerweile Ex-Freundin, keine Ahnung, inzwischen eine eigene Wohnung gefunden hat und demnächst ausziehen wird. Wirklich viel in Kontakt hatten wir in letzter Zeit nicht, aber ich habe im Gefühl, dass es ihm nicht besonders gut geht und mir liegt viel daran, ihn mal wieder zu sehen.
„Hmh“, machte sie, um ihre Lippen spielte allerdings ein säuselndes Lächeln, das mir durchaus zu verstehen gab, dass sie mir nicht wirklich glaubte. Ich erwiderte darauf nichts, bis sie mich schließlich bis dahin begleitete, wo ich hinmusste.
Dort empfing mich eine weinende Freundin mit blonden Haaren und himmelblauen Augen. Ich hielt sie im Arm, bis wir beide einschliefen.

Am nächsten Morgen (in meinem Traum, natürlich!) lag die Freundin, Hanna, nicht mehr neben mir. Ich hörte sie etwas weiter abseits schniefen und hörte, wie sie jemandem erzählte, was passiert war. *Dennis hätte sich an ihr vergriffen. Mir wurde schlecht bei dem Namen und ich trat verschlafen um die Ecke. Der Ort, wo wir waren, war ein ganz seltsamer. Es war einfach nur eine riesige Betonplatte. Sicher mehrere hundert Quadratmeter. Einige Platten waren weiter hoch versetzt, so dass man eine kleine Treppe mit zwei bis drei Stufen steigen musste. Wände waren lediglich ein paar Milchgläser, wobei am RAND der Betonplatten keine Wände waren. Um uns herum war der Himmel. Diese Betonplatten schwebten also irgendwo über den Wolken. Irre, aber im Traum war es selbstverständlich, als würde ich dort immer sein.
Als ich um die Ecke kam, lief Hanna wieder auf mich zu und umarmte mich. Dann erzählte sie mir, was Dennis mit ihr getan hatte. (Es war dasselbe, was er mir angetan hatte. Dennis war ein ehemaliger Jugendlicher aus einer Wohngruppe, 5 Jahre älter. Vor ca. 2 Jahren, nein, drei zog er mich in den Keller, steckte mir die Zunge in den Hals und weiteres. Ich muss es, denke ich, nicht weiter ausführen. Jeder kann sich denken, was passiert wäre, hätte in dem Moment nicht meine Mutter angerufen und ein Betreuer nach mir geschrien. So konnte ich mich in dem kurzen Moment, in dem Dennis verwirrt war, von ihm reißen und nach oben stolpern. Einige Tage später schaffte ich es, mich einem Betreuer anzuvertrauen. Daraus wurde dann voll der Aufwand! Sie setzten sich mit Dennis‘ Betreuern auseinander, die setzten sich mit Dennis auseinander und natürlich stritt er alles ab, so dass ich am Ende als Lügnerin dastand und mir keiner mehr glaubte. Einige Male versuchte ich mich durchzusetzen, bis ich keinen Bock mehr hatte, in Wut und Hass dachte: „Ach, glaubt doch, was ihr wollt“. Irgendwann schrie ich die Betreuer, als es wieder um das Thema ging, an und brüllte unter Tränen: „Wisst ihr was? JA, ich habe es mir ausgedacht, bloß um eure Aufmerksamkeit zu bekommen, weil ich es ja so nötig habe!“ Und rannte weg).

Jetzt hatte er auch Hanna angetan, was er mir angetan hatte und ich machte mir schreckliche Vorwürfe. Wäre ich bloß stark geblieben und hätte weiter und weiter um mein Recht und meine Wahrheit gekämpft und versucht die Betreuer zu überzeugen, dass ER log und nicht ich. Denn wie bei mir behauptete er jetzt bei Hanna auch, er wäre in sie verliebt gewesen und hätte gedacht, sie wolle es auch. Hätte, hätte, Fahrradkette. Gleichzeitig überkam mich große Wut, weil ich nicht verstand, warum ihr jeder glaubte. Warum tröstete man sie und schenkte ihren Worten ohne auch nur das kleinste Misstrauen Glauben? Mehrere Tage lang kümmerten sich alle um Hanna, legten sie in Watte und fassten sie mit Samthandschuhen an. Sie tat mir auch leid, keine Frage, aber immer mehr wuchs mir die Frage, warum man mir keinen Glauben schenken wollte? Warum… und während mir mehr und mehr Warums den Traum zerstörten, wachte ich auf.

 

Tag 3

(Gestern habe ich vergessen, den dritten Tag hochzuladen…, also heute der 3. und 4. Tag in Ungarn)

Heute war ein bockwarmer Tag. Wirklich warm. Aber eigentlich ist es das hier immer und um ehrlich zu sein, habe ich heute gar nicht so viel Spektakuläres zu berichten. Ich habe den halben Tag damit verbracht, zu lesen. Vorher, also in der Früh, sind Kora und ich in die nächste Stadt gefahren. Fehérgyarmat. Eine halbe Stunde ca. entfernt. Auf dem Weg in diese kleine, urige Stadt haben wir uns verfahren. Kora hat sich noch nie verfahren, wenn sie in die Stadt gefahren ist, aber irgendwie sind wir diesmal irgendwo zu früh oder zu spät abgebogen. Vorher muss man ja durch hunderttausend Dörfer (gefühlt). In einem Dorf wollten wir dann umdrehen. Dort kam uns ein Auto entgegen und wir erkannten, dass sie auch aus Deutschland kamen. Lustigerweise blinkten sie uns auf die Seite. Wir hielten an, ließen unsere Fenster runter und da saßen ein junger Mann und eine junge Frau. Beide Deutsche. Wie witzig. Am Arsch der Welt trifft man auf Deutsche! Also hier hätte ich mit sowas wirklich nie gerechnet. Aber da sieht man mal wieder, wie klein die Welt eigentlich ist.
Die zwei haben sich verfahren und waren sich nicht mehr sicher, ob sie auf dem richtigen Weg nach Tiszabecs waren. Tiszabecs liegt direkt hinter Tiszakóród, also unserem Dorf. Wir sagten ihnen, dass sie einfach der Straße folgen müssten und ab der nächsten Abbiegung ist es ausgeschildert. Die zwei fragten uns, ob wir uns auch verfahren hätten und ich erklärte ihnen, dass wir in die Stadt wollten. Sie konnten uns nicht weiterhelfen, aber das war nicht weiter schlimm. Wir fuhren denselben Weg zurück, den wir gekommen waren und den sie auch fahren mussten. Irgendwann war auch Fehérgyarmat ausgeschildert und wir folgten einfach der Wegbeschreibung.
In der Stadt mussten wir für meine Mama einige Zutaten für Spaghetti Bolognese besorgen und Bier für meinen Vater. Außerdem drückte meine Mutter mir eine leere Zigarettenschachtel in die Hand und bat mich, zwei solche zu kaufen. Meine Mutter und mein Vater waren ja beide jahrelang extreme Kettenraucher. Vor zwei Jahren hörte mein Vater von diesen E-Zigaretten und seitdem gab es keine einzige „richtige“ Zigarette mehr in unserem (ihrem) Haus. Vor ca. einem halben Jahr war ich dann mal über Nacht bei meinen Eltern, warum auch immer, und meine Mutter war kurz draußen, Müll rausbringen. Als sie wiederkam, roch ich an ihr den Rauch und fragte sie direkt, ob sie geraucht hätte. Da gestand sie mir, dass sie seit einigen Wochen jeden Abend eine Zigarette raucht, aber mein Vater und meine Oma wissen nichts davon. Also habe ich ihr heute heimlich zwei Schachteln besorgt. Solange es wirklich nur ein bis zwei Zigaretten am Abend sind, ist mir das recht. Auch sonst verteufele ich Menschen nicht, die rauchen. Jedem das Seine. Ich zerstöre mich mit meiner Essstörung, mein Vater mit seinem Alkohol und andere mit Zigaretten. Solange alle glücklich sind….

Nachdem ich dann wieder 4 Kapitel in meinem Buch gelesen habe (Charlotte Link, Die Rosenzüchterin), bin ich zu meiner Mutter hinter ins Gemüsebeet. Sie war gerade dabei Zwiebeln aus der Erde zu „hebeln“. Ich habe noch nie im Garten gearbeitet, wir haben ja in Deutschland nie einen gehabt (meine Eltern wohnen im 4. Stock) und Kora und ich wohnen auch in einer Wohnung. Ich fragte sie, ob ich ihr mal helfen kann. Mich reizt die Vorstellung an einen eigenen Garten mit eigenem Gemüseanbau schon ein wenig und der Gedanke ist nicht so ganz abwegig, bei dem, was Kora und ich so im Blick haben. Nun, sie erklärte mir, was ich machen muss und ich half ihr schließlich eine ganze Reihe Zwiebeln zu ernten (sagt man das so?).

Danach habe ich mich faul im Bikini in den hinteren Teil vom Garten gelegt und mich ein wenig gesonnt, während ich weitergelesen habe. Irgendwann wurde es so heiß, dass ich einfach wieder in den Schatten unter unseren riesigen Walnussbaum flüchten musste. Nach einigen Stunden taten mir die Augen vom Lesen weh, also legte ich das Buch weg und schnitt uns eine Wassermelone auf. Balou darf immer den letzten Rest naschen. Er genießt es richtig, der kleine Pummelbär. Oh, Balou hat in der Woche ordentlich zugelegt!!!

Katalin und Irene waren natürlich wieder den halben Tag bei uns im Garten gesessen und haben sich mit meiner Oma unterhalten. Sie hat uns dann beim Wassermelone Essen zugesehen. Kora sagte irgendwann zu mir: „Wie deine Oma dich immer ansieht.“
„Hm???“ Ich sah zu meiner Oma, sie schaute uns mit einem verträumten Lächeln beim Naschen zu. Der Saft der Wassermelone lief mir an Kinn und Ellenbogen herunter. Ich fühlte mich fast wie ein kleines Kind, aber es war mir egal. Hier im Dorf fallen sowieso fiele Hemmungen von mir ab. In Deutschland laufe ich nie in Kleidern herum (ich habe zu große Komplexe wegen meinem Körper).
„Man sieht richtig, wie sie dich liebt“, sagte Kora dann und ich musterte meine Omi einige Sekunden lang, bis sie es bemerkte und mich mit einem Finger zu sich lockte. Ich kam zu ihr und sie sagte: „Súgok neked valamit“, was so viel heißt, wie „Ich flüstere dir etwas zu“. Ich lachte leise, bückte mich zu ihr herunter und sie flüsterte mir ins Ohr: „Mach doch ein Foto von uns.“ Ich lächelte über ihr kleines geheimes Nichtgeheimnis, ging in die Küche, wo ich mein Handy abgelegt hatte und machte ein Foto von den drei alten Damen, die ich liebe.

Am frühen Abend war ich dann noch am Damm joggen, hielt es aber, bei Gott, nicht lange aus. Die Luft war einfach viel zu heiß und der Beton machte es nicht gerade besser. Mir lief die Soße nur so vom Körper und nach einer halben Stunde bekam ich kaum noch Luft. Also gab ich auf und lief wieder zurück. Gegen 19 Uhr wurde es dann stürmisch und ganz schön kalt. Die Sonne verschwand und eigentlich erwarteten wir Regen, aber der bleibt bis jetzt aus. Wir sitzen alle in Jacken (mein Vater in 2 Jacken und 3 Decken, dieses Mädchen) im Garten. Es ist mittlerweile kohlrabenschwarz, als wäre es Mitternacht – das liegt am Wetter. Normal wäre es jetzt noch viel heller (21 Uhr).